Peter Heintel
Medien wollen Autoritäten, Gründer, "die Ersten"
 



Medienpräsenz von Wissenschaftlern. Zwei Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit: Sowohl in der Tageszeitung "Der Standard" als auch im Nachrichtenmagazin "profil" wird der Philosoph Peter Heintel als "Gründer des Vereins zur Verzögerung der Zeit" vorgestellt und interviewt. Dabei macht die Vereinstätigkeit einen vergleichsweise geringen Teil seiner Arbeit aus. Für die iff texte Redaktion Grund genug, der Frage nachzugehen, über welche Kompetenz WissenschaftlerInnen neben der eigentlichen inhaltlichen verfügen müssen, wollen sie ihre Botschaften einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln. Und welche Kompromisse – Verkürzung, Oberflächlichkeit etc. – möglicherweise einzugehen sind, wenn es darum geht, wissenschaftliche Inhalte mittels populärwissenschaftlicher Publikationen und Massenmedien zu transportieren.

Sehr geehrter Herr Ragl! Unlängst erhielt ich von Ihnen einen Brief, in dem Sie einige Fragen stellten, für die Sie sich Antworten von mir wünschten. Sie betreffen das Thema "Vermittlung von Wissenschaft", "Wissenschaftssprache" etc. Da ich Ihren Brief recht anregend empfunden habe, gestatten Sie mir, dass ich Ihnen ebenso, brieflich, antworte.

Wenn ich recht sehe, interessieren Sie sich in diesem weiten Feld insbesondere für zwei Themenkreise: Erstens wollen Sie wissen, was Wissenschaftler außer ihrer Inhaltskompetenz noch zusätzlich "brauchen", um ihre Anliegen für den Journalismus und die Medien attraktiv zu machen (welchen "Köder", wie Sie schreiben, wirft man aus, um die Massenmedien für sich "einzufangen"); welchen Gefahren setzt man sich dabei aus, welche Kompromisse muss man eingehen, was bleibt auf der Strecke?
Zweitens wollen Sie wissen, wie ich jene Kollegen sehe, die regelmäßig in den Massenmedien präsent sind und zu allen möglichen (und unmöglichen) Anlässen befragt werden.

In Ihrem Brief spielen Sie auf meine Erfahrung mit Medien an, vor allem im Zusammenhang mit unserem "Verein zur Verzögerung der Zeit". Tatsächlich habe ich hier eine unerwartete Medienpräsenz erhalten, die ein weites Spektrum erfasst, von der "Neuen Kronen Zeitung" über "Die Zeit" bis hin zu Fernseh-Talkshows und wissenschaftlichen Magazinen in Rundfunk und Fernsehen. Und es vergeht auch jetzt noch kaum eine Woche, in der ich nicht mehrere Medienanfragen bekomme. Wo immer ich auch hinkomme – wenn man von mir gehört hat, dann im Zusammenhang mit dem Verein und dem Thema Zeit. Es ist mir manchmal etwas schmerzlich, zu bemerken, dass meine sonstigen wissenschaftlichen Leistungen demgegenüber nur marginal bekannt sind, wo ich doch glaube, auf anderen Gebieten Wesentlicheres für Wissenschaft und deren Anwendung getan zu haben. Das zum Thema "Inhaltskompetenz".

Natürlich habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen, woher das alles kommt. Freilich, das Thema ist aktuell, Zeitdruck, Stress und Millenniumsphantasien lassen nur wenige entkommen, und der Leidensdruck steigt sowohl bei denen, die (zu viel) Arbeit haben, wie auch bei denen, die keine haben und damit über einen Überfluss an (wertloser) Zeit verfügen. Das Thema haben aber bereits viele aufgegriffen, und seit etwa 15 Jahren "boomt" die Literatur – wieso ist dann gerade unser Verein und damit sein Obmann so bekannt geworden?

Mir sind drei Vermutungen durch den Kopf gegangen, die dafür mit Ursache sein können: Erstens der Name des Vereins; er formuliert ein Paradoxon, einen Widerspruch, eine offensichtlich gewünschte, immer wieder herbeigesehnte Unmöglichkeit. Es könnte sein, dass er auch an Widerstandskräfte appelliert, die vorhanden, aber nicht gebündelt sind. Dieses Gemisch aus Wunsch und Widerspruch, glaube ich, macht neugierig. Vielleicht wären dort und da auch wissenschaftliche "Botschaften" in solcher Form auf den Weg zu schicken.

Der Name gibt aber auch noch ein Zweites her. Er hat etwas "Humorig-Schrulliges" an sich und eröffnet den Verdacht, "Spinner" unter seiner Titelanwaltschaft zu versammeln. Wenn nun zugleich bekannt ist, dass unter diesen Spinnern Wissenschaftler, Hochschullehrer zu finden sind, gar Manager und bekannte Künstler, so wird die Sache umso anziehender. Ansonsten vernünftige Menschen – jetzt auf Abwegen? In Zeiten, in denen die Wissenschaft in unerschütterlicher Rationalität und Argumentationskraft auftritt, hat diese "Abweichung" vielleicht einen gewissen Charme, öffnet eine kleine "Lücke", in die man eintreten kann, einen Zwischenraum, in dem man sich willkommen geheißen fühlt. Der Humor, der Unernst, ist nicht gerade Sache der Wissenschaft, und man schätzt ihn offensichtlich gerade dort, wo er in einem ernsten Thema unerwartet entgegenkommt.

Schließlich scheint es, drittens, interessant zu sein, dass es nicht nur Meinungen und Theorien gibt, sondern sogar einen "Verein". Die Wissenschaft tritt aus ihrem System heraus; macht sich vielleicht auf diese Weise zugänglich, gibt sich eine andere Öffentlichkeitsform; gewährt eine andere Teilhabe. Das ist etwas anderes, als man bisher von Wissenschaft gewöhnt ist. Naturwissenschaft, auch Medizin in diesem Teil, erklärt sich meist durch Anwendung und Ergebnis. Die Medien bringen ihre Frohbotschaft gelungener Erfolge. Man kann förmlich auf sie hinzeigen. Was "das Publikum" hier nicht interessieren kann, sind Genese, Herleitungen, Fachsprache, Formelkram. Es würde diese ohnehin nicht verstehen. Mit Naturwissenschaft und Technik tun sich hier Medien vergleichsweise leichter, insbesondere dann, wenn sie Wissenschaftler zur Hand haben, die ihre Ergebnisse auch gut und einfach darstellen können.

Etwas anders liegt die Sache bei den Kultur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, also allen, die mit dem Menschen und seinen sozialen und politischen Veranstaltungen zu tun haben. Sie können kaum so ohne weiteres auf Erfolge hinzeigen. Im Gegenteil: Oft und oft versuchen sie sauertöpfisch-moralisierend der Wirklichkeit vorzuwerfen, dass sie sich anders verhält, als sie es raten, oder sich überhaupt nicht beraten lässt. Als diese Wissenschaften noch in gesellschaftlichen Rechtfertigungszusammenhängen (Ideologien, Weltanschauungen) oder in einem standesidentifizierenden Bildungskanon verankert waren, hatten sie es mit ihren Botschaften erheblich leichter. Irgendwo waren es überzeugende, auszeichnende Geschichten, die ihre Basis in gesellschaftlichen Kräften hatten und sich in ihnen wieder fanden, sich Sprache und Orientierung gaben. Diese "institutionelle" Rolle der Wissenschaften scheint vorbei zu sein. Zwar bemüht sie sich redlich, findet aber immer weniger Adressaten, nur mehr die eigenen Fachkollegen. Also pendelt sie zwischen zwei Extremen: Das eine versucht sich in neuen Wertsetzungen, Sinnstiftungen und in Überzeugungsarbeit, das andere spekuliert mit "Umwegrentabilität" (etwa die Auswirkungen von Landesausstellungen auf den Fremdenverkehr). Beide versuchen Sicherheit und einen Wert zu bieten, der sich auf wissenschaftliche Begründung zu berufen versucht. Für mich ist aber immer schon die Frage gewesen, ob die Wissenschaften vom Menschen tatsächlich so arbeitsteilig vorgehen können, nicht bloß in innerdisziplinärer Spezialisierung (diese hat ja einen gewissen komplexitätserweiternden Sinn), sondern in prinzipieller Trennung von Wissenschaftlern und Laien. Versuchen Medien hier nicht immer wieder eine grundsätzlich vergebliche Übersetzungsarbeit, indem sie durch Arrangement und Form das Vorurteil stützen, es gäbe Menschen (Spezialisten), die anderen Menschen "ihren Begriff" geben, also ihnen sagen, "wer sie sind"? Was ist dann demokratisches "Selbstbewusstsein"? Welcher "großen Erzählung" bedarf eine demokratische Öffentlichkeit und, vor allem, wie kommt sie selbst in ihr vor?
Ein Verein ist gutes demokratisches Erbe. Vielleicht signalisiert er eine andere Form von Solidarität als eine das Publikum immer wieder mit wissenschaftlicher Argumentation überzeugen wollende Wissenschaft? Allerdings sind diesem Anliegen wiederum mediale "Grundgesetze" im Weg.

Und so kann ich Ihre Frage um eine weitere Facette erweitern. Was braucht man als Wissenschaftler über Inhaltskompetenz hinaus? Ganz klar – man muss Obmann des Vereins sein, Präsident einer Gesellschaft, eines Forschungsfonds etc. Medien wollen Autoritäten, Gründer, "die Ersten". Diese sollen dann dem Publikum vorgestellt werden, mit der "zweiten Garnitur" gibt man sich nicht zufrieden. Nun hat zwar das Publikum auch das Recht, jene zu sehen und zu hören, es werden aber die alten Autoritätsvorurteile weiter befördert und befestigt. Man will doch nur jenen "Glauben" schenken, die es zu etwas gebracht haben. Diese sind es auch, die dann zu allen möglichen Auskünften herangezogen werden, auch zu solchen, die sie gar nichts angehen. So war man auch auf kirchlicher Seite immer wieder froh, einen Nobelpreisträger der Physik zu finden, der sich zur Existenz Gottes positiv äußerte. Wir hängen hier anscheinend an einem alten Muster: Wer oder was in einem Bereich Erfolg hat, müsste ihn in gewisser Weise überall lukrieren.

Dennoch – mit Kompromissen, Verkürzungen, Oberflächlichkeiten usw. habe ich eigentlich keine so schlechten Erfahrungen gemacht. Vielleicht lag es an dem Interesse der Medienvertreter selbst, die keinen "Verriss" zuließen; die sich bemühten, wohl auch aus eigener Leiderfahrung, ins Thema einzusteigen, ihm auf ihre Art gerecht zu werden. Es ist ja überhaupt die Frage, wie sich ein so umfangreiches und bewegendes Thema ohne Oberflächlichkeit nennen lässt. Für mich ist die Frage daher nicht die nach Kürze, Kompromiss und Formelhaftigkeit, sondern nach der Qualität von "Öffnung": Wie gelingt es, neugierig zu machen, Assoziationen, Erfahrungen des Lesers, Sehers, Hörers auf einen selbstständigen Weg zu bringen?

In meiner bekannt ausschweifenden Art bin ich jetzt zu sehr auf ihre erste Frage eingegangen. Es bleibt daher für die zweite wenig Platz, verzeihen Sie.
Vielleicht kann hier eine kurze Typologie weiterhelfen. Welche Kollegen sind in den Medien präsent? In ersterer Linie natürlich die Greifbaren, mit denen man gute Erfahrungen gemacht hat; die zur Verfügung stehen, wenn man sie braucht, die eine gute Feder führen oder gut frei sprechen können. Auch die Medien haben ihre eigenen inneren Gesetze und müssen sich manche Mühen ersparen. Dann die genannten Obmänner und Präsidenten. Dazu kommen natürlich Preisträger aller Art, Erfinder, sofern sie auskunftsfähig sind, und schließlich Wissenschaftler in Experten- und Gutachterrolle, sofern auch öffentliche und politisch wichtige Entscheidungen anstehen.

In letzter Zeit scheint mir auch ein neuer Typ Wissenschaftler Medienpräsenz zu gewinnen: Ich nenne ihn den Dauerkommentator und bin mir über seine Rolle noch nicht ganz im Klaren. Seine Funktion dürfte aber irgendwo im Bereich "Beruhigung" liegen.
Es geschieht dauernd so viel in unserer Welt – es wird alles immer "komplizierter", wie unser kürzlich 70 Jahre alt gewordener Altbundeskanzler sagte –, wir brauchen jemanden, der ständig einsortiert, uns zu verstehen gibt, dass alles seinen guten Grund hat, erklärt werden kann, keineswegs überraschend und unerwartet kommt. Diese wissenschaftlichen Kommentatoren finden sich nicht nur als Interpreten politisch-gesellschaftlicher Großwetterlagen, sondern auch als Begleiter von Alltag, Kulturereignissen etc. Auffallend ist für mich immer wieder, mit welcher Behändigkeit und mit welcher Sofortreaktion alles aufgegriffen wird. Kaum erscheint ein neuer Roman, ist er schon wissenschaftlich verarbeitet, hat man schon seine Interpretation zur Verfügung. Kaum generiert sich in der Gesellschaft irgendein Trend, eine Mode, ein Modewort, schon ist er wieder da, der wissenschaftliche Begleiter, und ordnet zu und ordnet ein.
Ich weiß es nicht – handelt es sich hier um ein großartiges Entlastungsritual, um letzte Sicherheitsangebote, dann ist der Text ziemlich egal, der uns geboten wird, man braucht ihn dann auch nicht näher beim Wort zu nehmen. Oder ist es ein neuer Weg, den sich die Wissenschaft zu suchen hat, der nicht mehr im Überzeugen-Wollen, sondern im Anbieten und Begleiten besteht. Dann aber müsste man wieder genauer hinhören.

Lieber Herr Ragl, mit diesem eigenen Unsicherheitseingeständnis schließe ich meinen Brief an Sie. Er hat mir Vergnügen gemacht, und ich erinnere dabei, dass man sich vor Jahrhunderten auch in der Wissenschaft oft primär dieses Mediums bediente. Mit herzlichen Grüßen,
Peter Heintel

P.S.: Einen medienwirksamen Wissenschaftler habe ich noch vergessen. Ähnlich wie in der Politik lässt er sich als "Populist" bezeichnen. Er versteht es sehr gut, an Stimmungen, Sehnsüchte, Wünsche, alte "Muster", Ressentiments etc. anzuschließen; ihnen Sprache und Ausdruck zu verleihen. Als Wissenschaftler wäre er dann aber dazu verpflichtet, Stellung zu nehmen, aus nüchterner Distanz zu betrachten und zu argumentieren. Dieser Teil wird aber gern überhört, er ist entfremdend und langweilig; Medien sind naturgemäß auch nicht immer an ihm interessiert. Darüber aber vielleicht ein andermal.


   

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