Andreas Heller
Ich schreibe, also bin ich!
 

Plädoyer für belletristischeres Schreiben in der Wissenschaft und Hypothesen, warum das so schwer ist.

Ich schreibe, also bin ich. Das ist die neuzeitliche Identitätsformel von Wissenschaft. Sie ebnet einen Zugang zu bestimmten allergetischen Verschnupfungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die durch Lektoren, Journalisten oder auch Kollegen übertragen werden können. Denn Wissenschaft definiert und reproduziert sich über Texte. Wer Wissenschaftler ist, kann per definitionem schreiben. Und zwar nicht irgendwie, sondern eben wissenschaftlich. Wissenschaftliches Schreiben ist durch bestimmte Standards qualifiziert. Ein Standard ist die Anschlußfähigkeit an das jeweilige fachspezifische, disziplinär-disziplinierende Wissenschaftssystem. Das bedeutet oft genug Ausschluß der nichtfachlichen Öffentlichkeit.
Wer die wissenschaftlichen Standards verletzt, wird imaginär ex cathedra von jenem Bannstrahl der Vernichtung getroffen, den man fürchten muß: Das ist nicht wissenschaftlich! Das ist methodisch nicht sauber! Gerade der zwanghafte Wissenschaftler, positiv konnotiert, der solide, tüchtige Wissenschaftler, leidet am meisten unter dieser mittelalterlichen Obsession, gebannt werden zu können. In dem Leiden ist man nicht allein. Die Einsamkeit wird geteilt mit den Auszubildenden, denn sie studieren, um sich wissenschaftlich dekorieren zu können; mit denen, die von draußen kommen; die neue Ideen haben; mit vielen Frauen, denn Wissenschaft ist androzentrisch und von Männern mehrheitlich definiert. Alle Selbsttherapeutika - Auftürmen von Fußnoten als Abwehrverhalten, wohlwollende Zitation der größten Gegner als Unterwerfungsgestus, Integration sämtlicher Publikationen des Doktorvaters in die eigene Dissertation als Adorante-Haltung etc. - helfen nicht viel. Die nackte Angst bleibt. Es braucht eine lutherische Wendung und Bekehrung, sozusagen eine individuelle Reformation, eine Reichstagserkenntnis (nicht von Nürnberg, sondern von Worms): Hier stehe ich und schreib' nicht anders. Vielleicht hilft die Abwandlung der aufklärerischen Haltung "sapere aude" in "scribere aude". Frei übersetzt: Traue Deinem eigenen Schreiben! oder vielleicht so: Wage es, das Schreiben als Dienst an der Öffentlichkeit zu sehen!
Da Wissenschaft zwar nur ein Beruf, aber letztlich einer der hochangesehensten in unserer Gesellschaft ist, umgibt sie die quasireligiöse Aura der Berufung. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schreiben nicht "in den Schornstein", sonst wären sie ja Rauchfangkehrer geworden. Wissenschaft schreibt für die Mitwelt (scientific community) und verschreibt sich der Nachwelt. Schreiben hat generativen Charakter. Man zeugt und gebiert ein Produkt, das einen idealiter selbst überleben soll. Vielleicht mit eschatologischer Perspektive. Ganz in der Tradition altjüdischer Weisheit. Schon Hiob klagte über sein Elend und die Härte seiner Freunde (Hiob 19, 23-24): "Ach, daß meine Reden geschrieben würden, ach, daß sie in ein Buch gestellt würden, mit einem eisernen Griffel auf Blei und zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen."

Kein Buch wird jemals fertig

Diese Latenz des Ewigen führt zur Ambivalenz im Umgang mit Geschriebenem. Faktisch ist es immer unfertig und unreif, kontingent eben. Man könnte mit mehr Zeit, mehr Muße, unter anderen Umständen natürlich viel besser sein, das heißt viel besser schreiben. Die Abwertung des Geschriebenen, des eigenen und damit natürlich auch das der anderen (vor allem in der Gattung der Rezension) wird zur Daseinsform oder zum Understatement. Hinter die Einsicht von Sir Karl führt nichts zurück: "Kein Buch wird jemals fertig; während wir daran arbeiten, lernen wir immer gerade genug, um seine Unzulänglichkeit zu sehen, wenn wir es der Öffentlichkeit übergeben" (Karl R. Popper im Vorwort zu: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde).
Ein weiteres Problem ist das Schreiben als Vorgang. Weil man Schreiben selbstverständlich kann, sozusagen beherrscht, braucht man es nicht zu thematisieren. Worüber man nicht schreiben kann, darüber soll man schweigen. Posthum erst kann man erfahren, daß der Kollege NN. gedanklich jahrelang an seinem "opus magnum et arduum" (Aurelius Augustinus) gearbeitet hat. Er hat daran gedacht, aber nicht geschrieben. Es ist wie alle großen Werke unvollendet geblieben. Es ist ihm versagt geblieben... Nicht: er hat versagt. Die Schicksalhaftigkeit des Nicht-Schreiben-Könnens gewinnt magisch-religiöse Qualität.
Das Gegenbild des "lmmerschreibenden" verkörpert beispielsweise Niklas Luhmann. Auf die Frage, was er denn tue, wenn er einmal mit einem Text nicht weiterkomme, eine Schreibhemmung habe, antwortete er: Dann schreibe ich einfach etwas anderes.
Mit dem Schreiben ist es also letztlich wiederum ganz leicht. Womit jenen Phraseologen recht gegeben werden kann, die es schon wußten. Es geht immer nur um "der, die, das Eine". Zahlreiche volkstümliche, erotisch-skatologische Wendungen belegen, was man immer schon geahnt hat: Schreibhemmungen sind sexuelle Hemmungen. Schreibstörungen lassen sich nur psychoanalytisch bearbeiten. Wer nicht schreiben kann, leidet möglicherweise unter den Spätfolgen frühkindlicher Analität (Waren die Eltern anfeuernd und begeistert genug, als man sich windellos auf dem Thron der Sauberkeitserziehung wand?). Auch andere männerbezogene Konstrukte wissenschaftlicher Wirklichkeit bieten sich an: Wer viel schreibt, hat "geistigen Durchfall" oder Dauerejakulationen, will seine Potenz demonstrieren. Oder: Die Dauerpublizisten wollen nur exhibitionistisch gesehen werden. Wer unverständlich schreibt, quält sich und andere, die Reinkultur des Sadomaso also. Die Einsicht ist lapidar und kann sexistisch mißverstanden werden.

Le texte c’est moi

Der Olymp der Wissenschaft, die Professur, genießt gesellschaftlich hohes Ansehen. Das Korrelat zu dieser Reputation ist Ernsthaftigkeit und Sachlichkeit. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler meinen es ernst und nehmen sich sehr ernst. Deshalb sind sie in paramilitärischer Disziplinierung dem strengen Gedanken, dem harten Diskurs, den schlagenden Argumenten, der schneidenden Klarheit der Gedanken verpflichtet. Viele lachen wenig. Sie haben mit Vorurteilen zu leben. Sie könnten sich nicht ausdrücken, zumindest nicht allgemeinverständlich, seien dünkelhaft, eben akademisch. Ihnen wird nachgesagt theoretisch talentiert, aber praktisch unbegabt zu sein. Hier ist es wieder, das diskriminierende Bild des Akademikers mit dem verbundenen Daumen und dem Hammer in der anderen Hand. Sie meiden den Kontakt mit der Öffentlichkeit, erst recht mit denen, die Wissen öffentlich vermitteln und wirksam werden lassen wollen, dem "krausen Vulgär-Journalismus". Wie kommt "mann" als Wissenschaftler dazu, seine Texte korrigieren zu lassen? Das geht ja an die Substanz, das käme ja einer Therapie gleich. Denn: le texte c'est moi. Diese hohe, in die Selbstüberforderung mündende Identitätsformel darf nicht absolutistisch mißverstanden werden. Sie entsteht aus jenem existenziellen Leiden der Wissenschaft, dem "Nicht-anderskönnen", dem Sartreschen "verdammt sein zum Schreiben". Schon Pilatus ging in die Geschichte ein mit dem Ausspruch: "Quod scripsi, scripsi" (Joh. 19,22), also: ce qui est écrit, est écrit. Nur noch bei großen zeitgenössischen Schriftstellern ist dieser schicksalhafte Radikalexistenzialismus des Schreibens zu beobachten. "Ich wollte nie etwas anderes tun als schreiben." ... "Ich habe mein Schreiben entwickelt als Antwort auf Unerträgliches und habe die Erfahrung gemacht, daß der Ausdruck des Unerträglichen das Unerträgliche ein wenig erträglicher macht (Martin Walser).
Unerträglich ist oft, was wissenschaftlich geschrieben wird. Nicht nur die Menge, sondern die Unerträglichkeit des Unverständlichen ist auffällig, eine clowneske Don Quijoterie. Noch sind wir in Österreich nicht soweit, eine Gesellschaft für Public Understanding of Science (PUS) zu gründen. In Großbritannien boomt diese Idee. John Durant hat eine PUS-Professur (!). In der Allgemeinverständlichkeit von Wissenschaft sieht er eine Art demokratisches Grundrecht der Öffentlichkeit. Sein Ziel ist das "Ende der Expertenherrschaft". Laien sollen über die Vergabe von Fördergeldern mitbestimmen. Schon jetzt verweigern manche medizinische Stiftungen, wie etwa der Wellcome Trust, Fördergelder, weil ein Antrag nur in Fachchinesisch geschrieben ist und eine Darstellung für Laienleser fehlt. (C. Schwägerl: Das Land der offenen Elfenbeintürme. In: DIE ZEIT 23/30.5.1997). In Österreich ist es noch umgekehrt: Interdisziplinäre Forschungsanträge werden zurückgewiesen, weil die Gutachter nur disziplinär lesen können. Verständlich zu schreiben ist Ausdruck von Unwissenschaftlichkeit, usw. Damit eröffnet sich ein zweites Kapitel, das unbedingt mit dem Schreiben geöffnet werden muß: Das Lesen oder die Rezeption. Auch hier kann man sich vorbereiten, denn bei allen das Autostereotyp infragestellenden Beobachtungen und Ergebnissen ist mit jeder nur möglichen Form der Abwehr zu rechnen, also mit Verleugnung, mit Bagatellisierung, mit Rationalisierung oder, wenn alle Maßnahmen versagen mit Diffamierung. In wissenschaftlicher Rezensionsgeschichte gibt es dafür Kaskaden von Etiketten "verzerrend", "einseitig", "verleumdend", "übertrieben", "längst überholt", "nestbeschmutzend", eine blanke Projektion eigener Schwierigkeiten" (Abwehr ad personam).
Bereits 1710 formulierte G. Berkeley in seinem Buch "A Treatise concerning the Principles of Human Knowledge" eine Einsicht, die heute konstruktivistisch eingeholt wird: "Die Dinge sind, wie wir sie verstehen." Nichts Neues unter der Sonne.


   

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