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Plädoyer für belletristischeres Schreiben in der
Wissenschaft und Hypothesen, warum das so schwer ist.Ich schreibe, also bin ich. Das
ist die neuzeitliche Identitätsformel von Wissenschaft.
Sie ebnet einen Zugang zu bestimmten allergetischen
Verschnupfungen von Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern, die durch Lektoren, Journalisten oder
auch Kollegen übertragen werden können. Denn
Wissenschaft definiert und reproduziert sich über Texte.
Wer Wissenschaftler ist, kann per definitionem schreiben.
Und zwar nicht irgendwie, sondern eben wissenschaftlich.
Wissenschaftliches Schreiben ist durch bestimmte
Standards qualifiziert. Ein Standard ist die
Anschlußfähigkeit an das jeweilige fachspezifische,
disziplinär-disziplinierende Wissenschaftssystem. Das
bedeutet oft genug Ausschluß der nichtfachlichen
Öffentlichkeit.
Wer die wissenschaftlichen Standards verletzt, wird
imaginär ex cathedra von jenem Bannstrahl der
Vernichtung getroffen, den man fürchten muß: Das ist
nicht wissenschaftlich! Das ist methodisch nicht sauber!
Gerade der zwanghafte Wissenschaftler, positiv
konnotiert, der solide, tüchtige Wissenschaftler, leidet
am meisten unter dieser mittelalterlichen Obsession,
gebannt werden zu können. In dem Leiden ist man nicht
allein. Die Einsamkeit wird geteilt mit den
Auszubildenden, denn sie studieren, um sich
wissenschaftlich dekorieren zu können; mit denen, die
von draußen kommen; die neue Ideen haben; mit vielen
Frauen, denn Wissenschaft ist androzentrisch und von
Männern mehrheitlich definiert. Alle Selbsttherapeutika
- Auftürmen von Fußnoten als Abwehrverhalten,
wohlwollende Zitation der größten Gegner als
Unterwerfungsgestus, Integration sämtlicher
Publikationen des Doktorvaters in die eigene Dissertation
als Adorante-Haltung etc. - helfen nicht viel. Die nackte
Angst bleibt. Es braucht eine lutherische Wendung und
Bekehrung, sozusagen eine individuelle Reformation, eine
Reichstagserkenntnis (nicht von Nürnberg, sondern von
Worms): Hier stehe ich und schreib' nicht anders.
Vielleicht hilft die Abwandlung der aufklärerischen
Haltung "sapere aude" in "scribere
aude". Frei übersetzt: Traue Deinem eigenen
Schreiben! oder vielleicht so: Wage es, das Schreiben als
Dienst an der Öffentlichkeit zu sehen!
Da Wissenschaft zwar nur ein Beruf, aber letztlich einer
der hochangesehensten in unserer Gesellschaft ist, umgibt
sie die quasireligiöse Aura der Berufung.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schreiben nicht
"in den Schornstein", sonst wären sie ja
Rauchfangkehrer geworden. Wissenschaft schreibt für die
Mitwelt (scientific community) und verschreibt sich der
Nachwelt. Schreiben hat generativen Charakter. Man zeugt
und gebiert ein Produkt, das einen idealiter selbst
überleben soll. Vielleicht mit eschatologischer
Perspektive. Ganz in der Tradition altjüdischer
Weisheit. Schon Hiob klagte über sein Elend und die
Härte seiner Freunde (Hiob 19, 23-24): "Ach, daß
meine Reden geschrieben würden, ach, daß sie in ein
Buch gestellt würden, mit einem eisernen Griffel auf
Blei und zu ewigem Gedächtnis in einen Fels
gehauen."
Kein Buch wird jemals
fertig
Diese Latenz des Ewigen
führt zur Ambivalenz im Umgang mit Geschriebenem.
Faktisch ist es immer unfertig und unreif, kontingent
eben. Man könnte mit mehr Zeit, mehr Muße, unter
anderen Umständen natürlich viel besser sein, das
heißt viel besser schreiben. Die Abwertung des
Geschriebenen, des eigenen und damit natürlich auch das
der anderen (vor allem in der Gattung der Rezension) wird
zur Daseinsform oder zum Understatement. Hinter die
Einsicht von Sir Karl führt nichts zurück: "Kein
Buch wird jemals fertig; während wir daran arbeiten,
lernen wir immer gerade genug, um seine Unzulänglichkeit
zu sehen, wenn wir es der Öffentlichkeit
übergeben" (Karl R. Popper im Vorwort zu: Die
offene Gesellschaft und ihre Feinde).
Ein weiteres Problem ist das Schreiben als Vorgang. Weil
man Schreiben selbstverständlich kann, sozusagen
beherrscht, braucht man es nicht zu thematisieren.
Worüber man nicht schreiben kann, darüber soll man
schweigen. Posthum erst kann man erfahren, daß der
Kollege NN. gedanklich jahrelang an seinem "opus
magnum et arduum" (Aurelius Augustinus) gearbeitet
hat. Er hat daran gedacht, aber nicht geschrieben. Es ist
wie alle großen Werke unvollendet geblieben. Es ist ihm
versagt geblieben... Nicht: er hat versagt. Die
Schicksalhaftigkeit des Nicht-Schreiben-Könnens gewinnt
magisch-religiöse Qualität.
Das Gegenbild des "lmmerschreibenden"
verkörpert beispielsweise Niklas Luhmann. Auf die Frage,
was er denn tue, wenn er einmal mit einem Text nicht
weiterkomme, eine Schreibhemmung habe, antwortete er:
Dann schreibe ich einfach etwas anderes.
Mit dem Schreiben ist es also letztlich wiederum ganz
leicht. Womit jenen Phraseologen recht gegeben werden
kann, die es schon wußten. Es geht immer nur um
"der, die, das Eine". Zahlreiche
volkstümliche, erotisch-skatologische Wendungen belegen,
was man immer schon geahnt hat: Schreibhemmungen sind
sexuelle Hemmungen. Schreibstörungen lassen sich nur
psychoanalytisch bearbeiten. Wer nicht schreiben kann,
leidet möglicherweise unter den Spätfolgen
frühkindlicher Analität (Waren die Eltern anfeuernd und
begeistert genug, als man sich windellos auf dem Thron
der Sauberkeitserziehung wand?). Auch andere
männerbezogene Konstrukte wissenschaftlicher
Wirklichkeit bieten sich an: Wer viel schreibt, hat
"geistigen Durchfall" oder Dauerejakulationen,
will seine Potenz demonstrieren. Oder: Die
Dauerpublizisten wollen nur exhibitionistisch gesehen
werden. Wer unverständlich schreibt, quält sich und
andere, die Reinkultur des Sadomaso also. Die Einsicht
ist lapidar und kann sexistisch mißverstanden werden.
Le texte cest
moi
Der Olymp der
Wissenschaft, die Professur, genießt gesellschaftlich
hohes Ansehen. Das Korrelat zu dieser Reputation ist
Ernsthaftigkeit und Sachlichkeit. Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler meinen es ernst und nehmen sich sehr
ernst. Deshalb sind sie in paramilitärischer
Disziplinierung dem strengen Gedanken, dem harten
Diskurs, den schlagenden Argumenten, der schneidenden
Klarheit der Gedanken verpflichtet. Viele lachen wenig.
Sie haben mit Vorurteilen zu leben. Sie könnten sich
nicht ausdrücken, zumindest nicht
allgemeinverständlich, seien dünkelhaft, eben
akademisch. Ihnen wird nachgesagt theoretisch talentiert,
aber praktisch unbegabt zu sein. Hier ist es wieder, das
diskriminierende Bild des Akademikers mit dem verbundenen
Daumen und dem Hammer in der anderen Hand. Sie meiden den
Kontakt mit der Öffentlichkeit, erst recht mit denen,
die Wissen öffentlich vermitteln und wirksam werden
lassen wollen, dem "krausen
Vulgär-Journalismus". Wie kommt "mann"
als Wissenschaftler dazu, seine Texte korrigieren zu
lassen? Das geht ja an die Substanz, das käme ja einer
Therapie gleich. Denn: le texte c'est moi. Diese hohe, in
die Selbstüberforderung mündende Identitätsformel darf
nicht absolutistisch mißverstanden werden. Sie entsteht
aus jenem existenziellen Leiden der Wissenschaft, dem
"Nicht-anderskönnen", dem Sartreschen
"verdammt sein zum Schreiben". Schon Pilatus
ging in die Geschichte ein mit dem Ausspruch: "Quod
scripsi, scripsi" (Joh. 19,22), also: ce qui est
écrit, est écrit. Nur noch bei großen
zeitgenössischen Schriftstellern ist dieser
schicksalhafte Radikalexistenzialismus des Schreibens zu
beobachten. "Ich wollte nie etwas anderes tun als
schreiben." ... "Ich habe mein Schreiben
entwickelt als Antwort auf Unerträgliches und habe die
Erfahrung gemacht, daß der Ausdruck des Unerträglichen
das Unerträgliche ein wenig erträglicher macht (Martin
Walser).
Unerträglich ist oft, was wissenschaftlich geschrieben
wird. Nicht nur die Menge, sondern die Unerträglichkeit
des Unverständlichen ist auffällig, eine clowneske Don
Quijoterie. Noch sind wir in Österreich nicht soweit,
eine Gesellschaft für Public Understanding of Science
(PUS) zu gründen. In Großbritannien boomt diese Idee.
John Durant hat eine PUS-Professur (!). In der
Allgemeinverständlichkeit von Wissenschaft sieht er eine
Art demokratisches Grundrecht der Öffentlichkeit. Sein
Ziel ist das "Ende der Expertenherrschaft".
Laien sollen über die Vergabe von Fördergeldern
mitbestimmen. Schon jetzt verweigern manche medizinische
Stiftungen, wie etwa der Wellcome Trust, Fördergelder,
weil ein Antrag nur in Fachchinesisch geschrieben ist und
eine Darstellung für Laienleser fehlt. (C. Schwägerl:
Das Land der offenen Elfenbeintürme. In: DIE ZEIT
23/30.5.1997). In Österreich ist es noch umgekehrt:
Interdisziplinäre Forschungsanträge werden
zurückgewiesen, weil die Gutachter nur disziplinär
lesen können. Verständlich zu schreiben ist Ausdruck
von Unwissenschaftlichkeit, usw. Damit eröffnet sich ein
zweites Kapitel, das unbedingt mit dem Schreiben
geöffnet werden muß: Das Lesen oder die Rezeption. Auch
hier kann man sich vorbereiten, denn bei allen das
Autostereotyp infragestellenden Beobachtungen und
Ergebnissen ist mit jeder nur möglichen Form der Abwehr
zu rechnen, also mit Verleugnung, mit Bagatellisierung,
mit Rationalisierung oder, wenn alle Maßnahmen versagen
mit Diffamierung. In wissenschaftlicher
Rezensionsgeschichte gibt es dafür Kaskaden von
Etiketten "verzerrend", "einseitig",
"verleumdend", "übertrieben",
"längst überholt",
"nestbeschmutzend", eine blanke Projektion
eigener Schwierigkeiten" (Abwehr ad personam).
Bereits 1710 formulierte G. Berkeley in seinem Buch
"A Treatise concerning the Principles of Human
Knowledge" eine Einsicht, die heute
konstruktivistisch eingeholt wird: "Die Dinge sind,
wie wir sie verstehen." Nichts Neues unter der
Sonne.
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