Orhan Kipcak
Konkurrenz der Attraktionen
 



Interview. Der Multimedia-Künstler Orhan Kipcak über die Auswirkungen von Internet und Electronic publishing auf die Kunstproduktion, über Netzliteratur, den “Pictural turn” und Qualität im Net. Im Gespräch mit Clemens Ragl.


iff texte Redaktion: Welche Konsequenzen haben die neuen Medien für das Publizieren von Literatur?

Orhan Kipcak: Zunächst kann man sagen, dass es sich um eine Technologie handelt, die zugänglich und im Grunde billig ist. Man hat mit dieser Technologie die Möglichkeit, für relativ wenig Geld zu publizieren. Im Prinzip kann man mit ein paar hundert Schilling im Jahr einen Roman ins Netz stellen. Das eröffnet große Chancen für extreme Nischenpublikationen, und diese Chancen werden auch genutzt. In Weimar gibt es beispielsweise einen Wissenschaftsverlag, der ausschließlich auf elektronischen Datenträgern wissenschaftliche Texte publiziert, die sonst keinen Markt hätten. Mit den ökonomischen Effekten der elektronischen Publikationstechnologien müssen die Verlage in irgendeiner Form umgehen lernen. Wahrscheinlich wird es Übergangsformen zwischen elektronischem und analogem Publizieren geben – in Verbindung mit Printing on Demand. Auch belletristische Autoren, die sonst keine Veröffentlichungsmöglichkeiten haben, können in diesem Medium ein Publikum finden, wobei das Medium auch eine eigene Schwerkraft entwickelt und eine eigene Ästhetik hervorbringt. Man sieht das auch bei den DIE ZEIT-Literaturpreisen, wo bei den ersten Projekten das Medium ganz schlicht und ausschließlich zum Publizieren von Texten verwendet wurde, während bei den letzten Projekten bereits versucht wurde, die Eigendynamik des Mediums selbst einzusetzen, etwa in der Art, dass sich piktorale Elemente im Text immer mehr emanzipieren. Durch die neuen Medien bildet sich eine eigene Ästhetik, bei der der Monitor, das Icon, das Logo eine spezifische Rolle spielen. Es entsteht dadurch ein eigener literarischer Stil, der sehr fragmentarisch ist und mit starken visuellen Reizen arbeitet.

Zunächst noch eine Frage zu den Verlagen: Diese dürften im Grunde wenig Interesse an Electronic publishing im Netz haben, weil es sie der ökonomischen Basis beraubt.

Für die etablierten Verlage ist die Entwicklung eher eine Bedrohung: Es gibt Probleme mit den Copyrights, es gibt keine verbindlichen Watermark-Strate­gien. Zwar gibt es jede Menge technologischer Backbones, aber keine ökonomische Struktur, die einen Rückfluss von Kapitalien an die Verlage und auch an die Autoren ermöglicht. Verlage partizipieren zwar am Internet, aber eher, um den Feind im Auge zu behalten. Auf der anderen Seite sind die neuen Medien, ist das Internet auch eine Modernitätsikone. Ein Verlag muss im Internet sein, damit er diesen Modernitätsbonus erntet.

Wie kann sich der Künstler, der Autor vor der Verletzung des Urheberrechts schützen?

Was die ökonomische Verwertung von Urheberrechten betrifft: Es gibt kein digitales Copyright, das verbindlich funktioniert. Manchmal sind Copyright-Halter erfolgreich mit einer Strategie, die restriktiv Verwertungsrechte handhabt: Ich kenne einen Fotografen, der relativ viel Geld für den Einsatz seiner Fotos in Webpublikationen verlangt und bekommt (allerdings handelt es sich bei der Webpublikation um die Spin-Off-Publikation einer Printpublikation). Aber das sind eher Ausnahmen. Ein Großteil der Inhalte des World Wide Web entsteht nach dem Copy-Paste-Prinzip, ohne dass die Autoren gefragt werden.
Was den Schutz von geistigem Eigentum auf einer, sagen wir, ideellen Ebene be­trifft: Beim Buch hat sich eine Kultur des Zitats entwickelt. Autoren, die Überlegungen und Einfälle anderer verwenden, müssen ihre Quellen offen legen. Eine wissenschaftliche Arbeit ist u.a. dadurch charakterisiert, dass sie mit Literaturhinweisen und Quellenangaben abschließt. Im Netz ist das nicht üblich. Hier herrscht ein viel nachlässigerer, unverbindlicherer Umgang. D.h., das Buch wird durch seinen seriösen Umgang mit Urheberschaft und geistigem Eigentum als Medium sicher noch auf Jahre eine bedeutende Stellung einnehmen.

Durch “Printing on Demand” scheint sich eine ganz neue Entwicklung abzuzeichnen. Sobald der Käufer ein Buch kaufen möchte, wird die Druckmaschine extra für dieses eine Exemplar angeworfen. Hat Printing on Demand das Aussterben der traditionellen Buchhandlung zur Folge?

Man sagt das. Es ist aber auch eine Frage der Kosten. Momentan sind das sehr große Maschinen, die quasi bis zum zellophanierten Einband ein Taschenbuch produzieren – und das in exzellenter Qualität. Das wird sich bei kleinen Auflagen auszahlen, bei großen sicher nicht. Der Buchhandel wird meiner Meinung nach weniger von Phänomenen wie Printing on Demand bedroht werden als vom Internet-Versandhandel. Dieser ist unkomplizierter, schneller und in der Regel sogar billiger als der herkömmliche Buchhandel.

Noch weiter geht das elektronische Buch, bei dem die Schrift online geladen wird. Die jüngste Innovation, die vermutlich erst in zwei bis drei Jahren marktfähig sein wird, ist das so genannte elektronische Papier. Es sieht aus wie Papier, fühlt sich auch so an. Man kann aber in eine einzige Seite ganze Bücher einspeisen, die Texte und Abbildungen gestochen scharf – wie gedruckt – wiedergeben. Naht die Abschaffung des gedruckten Wortes? Mit dem elektronischen Buch ist das ja schon der Fall.

Hier stellt sich die Frage: Welche Information korrespondiert mit welchem Medium? Wann ist ein E-Book brauchbar? Bei Tausend-Seiten-MSWord-Manuals oder bei Gesetzestexten – also bei umfangreichen Informationen, die schnell altern, die eher als Nachschlageinstrumente fungieren – ist Drucken Verschwendung. Gesetzestexte werden in den USA seit zehn Jahren auf CD-ROM vertrieben, da wird nichts mehr gedruckt. Bei belletristischer Literatur auf E-Book da­gegen habe ich Zweifel: Man liest vom Monitor anders als vom Papier. Das hap­tische Moment, das eine Papierseite bietet, ist für mich und meine Generation und vielleicht für eine Generation nach mir sehr wichtig – das ist sicher kulturell konditioniert. Ich bemerke da aber einen gewissen Umbruch: Es gibt immer mehr Leute, denen es nichts ausmacht, vom Monitor oder vom TFT-Screen zu lesen – es ist oft erstaunlich, wie schnell sich Innovationen etablieren.
In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, nachzudenken, welchen Einfluss neue Medien auf die Ästhetik, die Grammatik, das ganze semiotische Gefüge nehmen, in dem Informationen transportiert werden. Die so genannten neuen Medien haben wie jedes Medium etwas, das ich als ästhetische Schwerkraft bezeichnen möchte: spezifische, technologisch und kulturell bedingte Eigengesetzlichkeiten. In diesem Zusammenhang ist auch die Diskussion um den so genannten Pictural turn zu sehen. Das ist ein Schlagwort, das aber seine Berechtigung hat. Es bedeutet, dass Information im Zeitalter elektronischer Medien nicht mehr argumentativ-sprachlich, sondern vornehmlich visuell agiert. Die etablierte WWW-Ästhetik, bei der sich, ähnlich wie bei der Flyer-Ästhetik, Schrift in Grafik und Artwork auflöst, scheint diese Überlegung zu bestätigen.

Heißt das, die Literatur geht immer mehr in Richtung bildende Kunst?

Ja, zumindest jenes Phänomen, das man als Netzliteratur bezeichnet. Das hat aber auch damit zu tun, dass es im Internet eine Konkurrenz der Attraktionen gibt. Im Netz ist sehr vieles sehr eng nebeneinander, das um Aufmerksamkeit kämpft. Das führt zu einer Art Wettrüsten zwischen immer stärkeren visuellen Attraktoren.

Kommen wir zu den AutorInnen. Es heißt, das Internet sei eine weltumspannende Schublade. Alles, was nicht publiziert werden kann, würde in die Schreibtischschublade gelegt werden und wird seit neuestem eben ins Netz gestellt – mit der ganzen Qualitätsproblematik, die damit verbunden ist.

Es gibt natürlich auch Qualität im Netz. Es gibt Online-Zeitschriften, etwa “Telepolis” oder “Zum Thema”, die einen sehr guten Ruf haben. Diese Zeitschriften haben eine ganz konventionelle und solide Redaktion im Hintergrund, die für Qualität bürgt. Freilich gibt es tonnenweise Junk.

Der auf Qualität achtende Lektor fällt im Netz aber weitgehend weg.

Der Lektor ist auch im normalen Verlagswesen eine sterbende Gattung. Es wird ja beklagt, dass es wenig gute Lektoren gibt, dass die Verlage zu sehr am Lektorieren sparen. Lektorieren von Texten ist aber etwas, das durch das Internet erleichtert und intensiviert werden kann. Wir haben zum Beispiel in den letzten drei Jahren für die Schule für Dichtung in Wien Internetklassen eingerichtet, in denen junge Autoren und erfahrene Schriftsteller gemeinsam an literarischen Texten gearbeitet haben.

Bei der Schule für Dichtung passierte die Kommunikation ausschließlich über das Netz?

Ja, es wäre aber besser gewesen, konventionelles Gespräch und Internetklasse zu kombinieren. Ich habe auch bei meinen Lehraufträgen in Graz und in Wien die Erfahrung gemacht, dass gerade bei künstlerischen Themen der unmittelbare, persönliche Kontakt unverzichtbar ist. Was ich damit sagen will, ist, dass im Umgang mit neuen Medien durchaus ein wenig Skepsis angebracht ist. Besonders Künstler sind in ihrem Verhältnis zum Internet ein wenig blau­äugig. Hier wird auch gerne übersehen, dass diese ausschließliche Fokussierung auf das Internet, wie sie seit drei, vier Jahren passiert, zu einer echten Verarmung der Medienkunst geführt hat: Vor fünf Jahren war das Web noch nicht das einzig legitime Medium, in dem sich elektronische Kunst präsentiert hat. Da gab es lokale Computer-Applikationen, Apparaturen, Robotik etc. Das ist alles verdrängt zu Gunsten der Überdrüber-Metapher Internet. Vermutlich wird Internet aber bald ins Triviale und Selbstverständliche absinken, wie z.B. das Telefonieren. Es wird dann wieder andere Möglichkeitshorizonte geben.

Vielleicht noch eine Frage zur Literatur: Durch das Publizieren im Net entstehen neue Stilformen, etwa, wenn ein Roman von mehreren AutorInnen verfasst wird, oder das Tagebuch, das aktuell und nicht mit jahrzehntelanger Verspätung publiziert wird.

Spezifisch für das Medium ist eher dieser E-Mail-Stil, das Saloppe, Flapsige.

Manche warnen, die Sprache sei in Gefahr ...

Es ist einfach ein anderer Stil, irgendwo zwischen Schreiben und Sprechen. Dazu kommen noch Formen der Interaktion, wie Newsgruppen, die man als kollektives Schreiben interpretieren kann. Es gibt Texte im Buchhandel, die in Newsgruppen und Foren kollektiv entstanden sind. Die Gefahr bei solchen Netz-Publikationen ist, dass sie den Leuten, die sie machen, mehr Spaß bereiten als denen, die sie lesen sollen. Gerade bei kollektiven Literaturprojekten ist das oft der Fall. Ich verstehe, dass bei vielen dieser Projekte die gemeinsame Sache, die große gemeinsame Anstrengung ein sehr reizvoller Aspekt ist: So eine Newsgroup ist ja ein spannender sozialer Aggregatzustand, eine große Umarmung. Ich würde aber trotzdem vieles, was sich als Netzkunst versteht, nicht als Kunst bezeichnen. Ich persönlich habe da eine rigidere Haltung: Bei Kunst, bei Literatur ist eine gewisse Disziplinierung, ein Auswählen, Einbinden, Ausschließen, eine Redaktion wichtig.

Wie ist die Situation im Musikbereich? Verdrängen auch hier die Möglichkeiten des elektronischen Publizierens die Produzenten und traditionellen Tonträger, wie etwa die CD?

Die Produktion von Musik ist durch die digitalen Instrumente total auf den Kopf gestellt worden. Das hat damit zu tun, dass die Technologie enorm billig geworden ist. Im Prinzip ist es möglich, mit einem Equipment von einigen zehntausend Schilling Musik in professioneller technischer Qualität herzustellen. Wenn wir uns die verschiedenen aktuellen elektronischen Musikszenen vergegenwärtigen, sehen wir auch, welche ästhetischen und stilistischen Konsequenzen die digitalen Produktionsmethoden nach sich gezogen haben.
Der nächste Schritt betrifft nun die Vertriebskanäle. Hier wird sich durch MP3 – ein Verfahren zur Komprimierung von Sounddaten – einiges verändern. Musik kann jetzt in guter Qualität über Internet verteilt werden. Die Spielregeln der Musikdistribution werden dadurch zwangsläufig neu definiert. Der Umstand, dass das Internet kein rechtsverbindlicher Raum ist, wird alle Beteiligten vor große Probleme stellen. Hier gilt Ähnliches, was ich vorhin schon im Zusammenhang mit Copyright und Literatur gesagt habe. Unmittelbar sehe ich keinen Umbruch: MP3 komprimiert zwar, verursacht aber dennoch hohen Datenverkehr. Weil die Online-Kosten so hoch sind, ist es derzeit noch billiger, eine CD im Geschäft zu kaufen. Wie heißt es so treffend: Man überschätzt immer die kurzfristigen und unterschätzt die langfristigen Konsequenzen neuer Technologien.

Welchen Einfluss haben die neuen Medien auf die Produktion von Film und Video?

Hier ist es ähnlich wie beim Ton. Durch neue Technologien wie DV und Firewire ist es möglich, mit einer Investition von knapp 100.000 Schilling ein Videostudio einzurichten, das Videotapes in broadcasttauglicher Qualität verarbeitet. D.h., Video wird gerade ähnlich demokratisiert wie vor zehn Jahren Ton. Allerdings sind Videos noch zu datenintensiv, als dass sie in passabler Qualität im Netz distribuiert werden könnten.

Danke für das Gespräch.

   

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