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Orhan Kipcak Konkurrenz der Attraktionen |
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Orhan
Kipcak: Zunächst kann man sagen, dass es sich um eine Technologie
handelt, die zugänglich und im Grunde billig ist. Man hat mit dieser
Technologie die Möglichkeit, für relativ wenig Geld zu publizieren. Im
Prinzip kann man mit ein paar hundert Schilling im Jahr einen Roman ins
Netz stellen. Das eröffnet große Chancen für extreme
Nischenpublikationen, und diese Chancen werden auch genutzt. In Weimar
gibt es beispielsweise einen Wissenschaftsverlag, der ausschließlich
auf elektronischen Datenträgern wissenschaftliche Texte publiziert, die
sonst keinen Markt hätten. Mit den ökonomischen Effekten der
elektronischen Publikationstechnologien müssen die Verlage in
irgendeiner Form umgehen lernen. Wahrscheinlich wird es Übergangsformen
zwischen elektronischem und analogem Publizieren geben – in Verbindung
mit Printing on Demand. Auch belletristische Autoren, die sonst keine
Veröffentlichungsmöglichkeiten haben, können in diesem Medium ein
Publikum finden, wobei das Medium auch eine eigene Schwerkraft
entwickelt und eine eigene Ästhetik hervorbringt. Man sieht das auch
bei den DIE ZEIT-Literaturpreisen, wo bei den ersten Projekten das
Medium ganz schlicht und ausschließlich zum Publizieren von Texten
verwendet wurde, während bei den letzten Projekten bereits versucht
wurde, die Eigendynamik des Mediums selbst einzusetzen, etwa in der Art,
dass sich piktorale Elemente im Text immer mehr emanzipieren. Durch die
neuen Medien bildet sich eine eigene Ästhetik, bei der der Monitor, das
Icon, das Logo eine spezifische Rolle spielen. Es entsteht dadurch ein
eigener literarischer Stil, der sehr fragmentarisch ist und mit starken
visuellen Reizen arbeitet. Zunächst
noch eine Frage zu den Verlagen: Diese dürften im Grunde wenig
Interesse an Electronic publishing im Netz haben, weil es sie der ökonomischen
Basis beraubt. Für
die etablierten Verlage ist die Entwicklung eher eine Bedrohung: Es gibt
Probleme mit den Copyrights, es gibt keine verbindlichen
Watermark-Strategien. Zwar gibt es jede Menge technologischer
Backbones, aber keine ökonomische Struktur, die einen Rückfluss von
Kapitalien an die Verlage und auch an die Autoren ermöglicht. Verlage
partizipieren zwar am Internet, aber eher, um den Feind im Auge zu
behalten. Auf der anderen Seite sind die neuen Medien, ist das Internet
auch eine Modernitätsikone. Ein Verlag muss im Internet sein, damit er
diesen Modernitätsbonus erntet. Wie
kann sich der Künstler, der Autor vor der Verletzung des Urheberrechts
schützen? Was
die ökonomische Verwertung von Urheberrechten betrifft: Es gibt kein
digitales Copyright, das verbindlich funktioniert. Manchmal sind
Copyright-Halter erfolgreich mit einer Strategie, die restriktiv
Verwertungsrechte handhabt: Ich kenne einen Fotografen, der relativ viel
Geld für den Einsatz seiner Fotos in Webpublikationen verlangt und
bekommt (allerdings handelt es sich bei der Webpublikation um die
Spin-Off-Publikation einer Printpublikation). Aber das sind eher
Ausnahmen. Ein Großteil der Inhalte des World Wide Web entsteht nach
dem Copy-Paste-Prinzip, ohne dass die Autoren gefragt werden. Durch
“Printing on Demand” scheint sich eine ganz neue Entwicklung
abzuzeichnen. Sobald der Käufer ein Buch kaufen möchte, wird die
Druckmaschine extra für dieses eine Exemplar angeworfen. Hat Printing
on Demand das Aussterben der traditionellen Buchhandlung zur Folge? Man
sagt das. Es ist aber auch eine Frage der Kosten. Momentan sind das sehr
große Maschinen, die quasi bis zum zellophanierten Einband ein
Taschenbuch produzieren – und das in exzellenter Qualität. Das wird
sich bei kleinen Auflagen auszahlen, bei großen sicher nicht. Der
Buchhandel wird meiner Meinung nach weniger von Phänomenen wie Printing
on Demand bedroht werden als vom Internet-Versandhandel. Dieser ist
unkomplizierter, schneller und in der Regel sogar billiger als der herkömmliche
Buchhandel. Noch
weiter geht das elektronische Buch, bei dem die Schrift online geladen
wird. Die jüngste Innovation, die vermutlich erst in zwei bis drei
Jahren marktfähig sein wird, ist das so genannte elektronische Papier.
Es sieht aus wie Papier, fühlt sich auch so an. Man kann aber in eine
einzige Seite ganze Bücher einspeisen, die Texte und Abbildungen
gestochen scharf – wie gedruckt – wiedergeben. Naht die Abschaffung
des gedruckten Wortes? Mit dem elektronischen Buch ist das ja schon der
Fall. Hier
stellt sich die Frage: Welche Information korrespondiert mit welchem
Medium? Wann ist ein E-Book brauchbar? Bei Tausend-Seiten-MSWord-Manuals
oder bei Gesetzestexten – also bei umfangreichen Informationen, die
schnell altern, die eher als Nachschlageinstrumente fungieren – ist
Drucken Verschwendung. Gesetzestexte werden in den USA seit zehn Jahren
auf CD-ROM vertrieben, da wird nichts mehr gedruckt. Bei
belletristischer Literatur auf E-Book dagegen habe ich Zweifel: Man
liest vom Monitor anders als vom Papier. Das haptische Moment, das
eine Papierseite bietet, ist für mich und meine Generation und
vielleicht für eine Generation nach mir sehr wichtig – das ist sicher
kulturell konditioniert. Ich bemerke da aber einen gewissen Umbruch: Es
gibt immer mehr Leute, denen es nichts ausmacht, vom Monitor oder vom
TFT-Screen zu lesen – es ist oft erstaunlich, wie schnell sich
Innovationen etablieren. Heißt
das, die Literatur geht immer mehr in Richtung bildende Kunst? Ja,
zumindest jenes Phänomen, das man als Netzliteratur bezeichnet. Das hat
aber auch damit zu tun, dass es im Internet eine Konkurrenz der
Attraktionen gibt. Im Netz ist sehr vieles sehr eng nebeneinander, das
um Aufmerksamkeit kämpft. Das führt zu einer Art Wettrüsten zwischen
immer stärkeren visuellen Attraktoren. Kommen
wir zu den AutorInnen. Es heißt, das Internet sei eine weltumspannende
Schublade. Alles, was nicht publiziert werden kann, würde in die
Schreibtischschublade gelegt werden und wird seit neuestem eben ins Netz
gestellt – mit der ganzen Qualitätsproblematik, die damit verbunden
ist. Es
gibt natürlich auch Qualität im Netz. Es gibt Online-Zeitschriften,
etwa “Telepolis” oder “Zum Thema”, die einen sehr guten Ruf
haben. Diese Zeitschriften haben eine ganz konventionelle und solide
Redaktion im Hintergrund, die für Qualität bürgt. Freilich gibt es
tonnenweise Junk. Der
auf Qualität achtende Lektor fällt im Netz aber weitgehend weg. Der
Lektor ist auch im normalen Verlagswesen eine sterbende Gattung. Es wird
ja beklagt, dass es wenig gute Lektoren gibt, dass die Verlage zu sehr
am Lektorieren sparen. Lektorieren von Texten ist aber etwas, das durch
das Internet erleichtert und intensiviert werden kann. Wir haben zum
Beispiel in den letzten drei Jahren für die Schule für Dichtung in
Wien Internetklassen eingerichtet, in denen junge Autoren und erfahrene
Schriftsteller gemeinsam an literarischen Texten gearbeitet haben. Bei
der Schule für Dichtung passierte die Kommunikation ausschließlich über
das Netz? Ja,
es wäre aber besser gewesen, konventionelles Gespräch und
Internetklasse zu kombinieren. Ich habe auch bei meinen Lehraufträgen
in Graz und in Wien die Erfahrung gemacht, dass gerade bei künstlerischen
Themen der unmittelbare, persönliche Kontakt unverzichtbar ist. Was ich
damit sagen will, ist, dass im Umgang mit neuen Medien durchaus ein
wenig Skepsis angebracht ist. Besonders Künstler sind in ihrem Verhältnis
zum Internet ein wenig blauäugig. Hier wird auch gerne übersehen,
dass diese ausschließliche Fokussierung auf das Internet, wie sie seit
drei, vier Jahren passiert, zu einer echten Verarmung der Medienkunst
geführt hat: Vor fünf Jahren war das Web noch nicht das einzig
legitime Medium, in dem sich elektronische Kunst präsentiert hat. Da
gab es lokale Computer-Applikationen, Apparaturen, Robotik etc. Das ist
alles verdrängt zu Gunsten der Überdrüber-Metapher Internet.
Vermutlich wird Internet aber bald ins Triviale und Selbstverständliche
absinken, wie z.B. das Telefonieren. Es wird dann wieder andere Möglichkeitshorizonte
geben. Vielleicht
noch eine Frage zur Literatur: Durch das Publizieren im Net entstehen
neue Stilformen, etwa, wenn ein Roman von mehreren AutorInnen verfasst
wird, oder das Tagebuch, das aktuell und nicht mit jahrzehntelanger
Verspätung publiziert wird. Spezifisch
für das Medium ist eher dieser E-Mail-Stil, das Saloppe, Flapsige. Manche
warnen, die Sprache sei in Gefahr ... Es
ist einfach ein anderer Stil, irgendwo zwischen Schreiben und Sprechen.
Dazu kommen noch Formen der Interaktion, wie Newsgruppen, die man als
kollektives Schreiben interpretieren kann. Es gibt Texte im Buchhandel,
die in Newsgruppen und Foren kollektiv entstanden sind. Die Gefahr bei
solchen Netz-Publikationen ist, dass sie den Leuten, die sie machen,
mehr Spaß bereiten als denen, die sie lesen sollen. Gerade bei
kollektiven Literaturprojekten ist das oft der Fall. Ich verstehe, dass
bei vielen dieser Projekte die gemeinsame Sache, die große gemeinsame
Anstrengung ein sehr reizvoller Aspekt ist: So eine Newsgroup ist ja ein
spannender sozialer Aggregatzustand, eine große Umarmung. Ich würde
aber trotzdem vieles, was sich als Netzkunst versteht, nicht als Kunst
bezeichnen. Ich persönlich habe da eine rigidere Haltung: Bei Kunst,
bei Literatur ist eine gewisse Disziplinierung, ein Auswählen,
Einbinden, Ausschließen, eine Redaktion wichtig. Wie
ist die Situation im Musikbereich? Verdrängen auch hier die Möglichkeiten
des elektronischen Publizierens die Produzenten und traditionellen Tonträger,
wie etwa die CD? Die
Produktion von Musik ist durch die digitalen Instrumente total auf den
Kopf gestellt worden. Das hat damit zu tun, dass die Technologie enorm
billig geworden ist. Im Prinzip ist es möglich, mit einem Equipment von
einigen zehntausend Schilling Musik in professioneller technischer
Qualität herzustellen. Wenn wir uns die verschiedenen aktuellen
elektronischen Musikszenen vergegenwärtigen, sehen wir auch, welche ästhetischen
und stilistischen Konsequenzen die digitalen Produktionsmethoden nach
sich gezogen haben. Welchen
Einfluss haben die neuen Medien auf die Produktion von Film und Video? Hier
ist es ähnlich wie beim Ton. Durch neue Technologien wie DV und
Firewire ist es möglich, mit einer Investition von knapp 100.000
Schilling ein Videostudio einzurichten, das Videotapes in
broadcasttauglicher Qualität verarbeitet. D.h., Video wird gerade ähnlich
demokratisiert wie vor zehn Jahren Ton. Allerdings sind Videos noch zu
datenintensiv, als dass sie in passabler Qualität im Netz distribuiert
werden könnten. Danke
für das Gespräch. |
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