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Thomas N. Burg Electronic Publishing - Inhalt, Wissen, Dienstleistung |
"This
telephone has too many shortcomings to be
seriously considered as a means of communication. The
device is inherently of no value to us" (Western
Union internal memo, 1876). Verschmelzung der Medien-, Computer- und Telekom-Sektoren Noch vor einigen Jahren agierte jeder dieser Wirtschaftsbereiche nach eigenen organisatorischen, ökonomischen und ressourcenbezogenen Regeln. Die Medienindustrie definierte sich über die Art ihrer Trägermedien wie Papier, Rundfunk, Film und Fernsehen; die Computerindustrie über digitale Informationsträger und schließlich die Telekom-Industrie via Übertragungs- und Vermittlungstechnik. Durch die fortschreitende Digitalisierung definieren sich die Sektoren nicht mehr bloß über ihr Trägermaterial. Auf Basis digitaler Technologie und Trägermedien wie etwa Netzwerke ist nicht mehr zu unterscheiden, ob der Produzent von Inhalten ("Content-Provider") aus der Film-, Fernseh- oder gar der Printlandschaft kommt. Die Differenzierung wird noch unklarer, wenn die Computerindustrie nicht mehr nur Software und Hardware herstellt, sondern ebenfalls Inhalte produziert; oder wenn Verlage Internet-Zugang anbieten und auf diese Weise in die Domäne der Telekom-Betreiber bzw. der Computerindustrie eindringen. Durch diesen gemeinsamen Standard der Digitalisierung werden ehemals angestammte Plätze in der Wertschöpfungskette getauscht, verlassen oder integriert. Es ist nicht mehr prognostizierbar, welche Plätze die Informationstechnologie, die Telekom- und die Content-Industrie in der Wertschöpfungskette einnehmen werden. Jeder tritt überall auf. Ein weiterer Faktor ist
die Netztechnologie, durch deren Einsatz in Produktion
und Vertrieb der Begriff Konvergenz in seinen Dimensionen
erkennbar wird. Allen voran stellen das Internet und im
besonderen das World Wide Web (WWW) die Plattform für
das dar, was auf uns durch Konvergenz als
Content-Industrie zukommen wird. "Content"
bezeichnet ein ökonomisches Konzept. Der Erfolg der
neuen digitalen Ökonomie kann nicht von Hardware,
Software oder Telekom-Diensten garantiert werden, sondern
durch die Schaffung von technologieadäquaten und
abnehmerorientierten Inhalten und Dienstleistungen. Unter
Inhalt versteht man die Integration von Information,
Dienstleistung und Funktionalitäten wie Kommunikation
und Handel. Content ist das Schlagwort, das Konvergenz
konkreter beschreibt. Geschichte und Zukunft von Electronic Publishing Ich habe mich im vorhergehenden bedeutungsverengend mit dem Netzwerk (Internet) als Trägerplattform von Online Publishing als einer Form von EP beschäftigt. EP hat allerdings eine wesentlich umfassendere Konnotation und Geschichte. Vor mehr als zehn Jahren zog der Computer in die Druckvorstufe ein EP wurde zu einem Synonym für DTP (Desktop Publishing), die Herstellung von Printmedien auf elektronischem Weg. Im eigentlichen Kernbereich umfaßt Electronic Publishing CD-ROM-Publishing, Database Publishing und Online Publishing das Publizieren über Netze. Die Inhalte werden digital produziert, vertrieben und rezipiert. Nach wie vor werden digitale Inhalte über ein Netzwerk verteilt und dann auf Papier ausgedruckt; hier simuliert ein neues Medium lediglich den Distributionsprozeß seines Vorläufers; Audio- bzw. Videoanwendungen können hingegen nicht gedruckt werden, und die Hypertext-Struktur des Internet läßt sich ebenso nicht linear umbrechen. Letztlich wird EP auch
als Bezeichnung für die Produktion und den Vertrieb von
digitalem Fernsehen dienen. Hier repräsentiert sich noch
ein anderer Aspekt der Konvergenz: Die Ausgabe- bzw.
Endgeräte verschmelzen zunehmend. Allen voran der PC,
das Radio, das Telefon; der Fernseher, der mit einem
Zusatzgerät als Internetbrowser fungiert; das
Mobiltelefon, das Bild und Text via Internetzugang
ausgeben kann. Nicolas Negroponte, Gründer und Chef des MIT-Media-Labs in Cambridge bei Boston und viel herumgereichter Prophet der digitalen Ökonomie, formulierte in seinem Print-Bestseller "Being Digital" den Übergang von der physikalischen Wirtschaft zur immateriellen, bitbasierten digitalen. Der Wert von CDs, Software, Zeitschriftenartikeln, Nachrichtendiensten, Flugtickets oder Versicherungspolizzen beruht schließlich nicht auf ihrer physikalischen Form. Die elektronischen Vertriebs-, Produktions- und Nutzungswege werden Antriebsmotor der neuen digitalen Wirtschaftsordnung sein. Die zweite wesentliche kommerzielle Nutzung ist der Verkauf von realen Produkten. Ich möchte betonen, daß der Begriff "Publizieren" ein wesentlich umfassenderer geworden ist. Ich spreche hier eine wesentlich technologisch begründete Begriffserweiterung an. Dabei darf allerdings die exponentielle Entwicklungsdynamik der neuen Medien nicht außer acht gelassen werden. Vor wenigen Jahren verstand man unter Online-Kommunikation noch den Bildschirmtext der österreichischen Post (Btx). Das erfolgreichste Modell war wohl das französische Pendant zum Btx, "Minitel", das auf Basis von verschenkter Hardware weite Verbreitung fand. Daten wurden online d.h. während einer Telekommunikationsverbindung zwischen zwei Rechnern übertragen. Allenfalls dachte man noch an die wenigen kommerziellen Online-Dienste wie Compuserve, AmericaOnline, Prodigy und A-Online als Nachfolger des Btx-Dienstes, die allesamt mittels proprietärer Zugangssoftware und Benutzeroberfläche ("Browser") Inhalte und Dienstleistungen gegen Gebühren verkauften. In den Anfängen hatten nur wenige einen Gateway zum Internet. Letzteres hat dann durch die Entwicklung des World Wide Web ein unerhörtes Potential entfaltet und sich zum Standard für Online Publishing entwickelt. Grundlage war die Erfindung einer graphischen Benutzeroberfläche, die auf HTML basierte Dokumente unter Einbindung multimedialer Datenformate einfach konsumierbar machte. Mittels eines WWW-Browsers und der Dokumentenbeschreibungssprache HTML nahm der Hypertext erstmals auf netzwerktechnischer Basis Form an. Die Möglichkeit, Dokumente und Inhalte Text, Ton, Foto, Animation, Video direkt und unmittelbar über den Rechner und somit über lokale Grenzen hinweg zu verbinden, erwies sich als unwiderstehliche Vision unserer Zivilisation. Das WWW konnte binnen weniger Jahre eine kritische Masse entwickeln, die alle anderen Dienste des Internet FTP, Telnet, E-Mail, Gopher, Usenet und die Online-Dienste in den Schatten stellte. Eine neue Ökonomie Eine elementare Tatsache
beschleunigte diese Entwicklung: die Auflösung der
Unterschiede zwischen Autor und Leser. Nicht nur, daß
das Lesen und Betrachten das Navigieren
schlechthin zu einer kreativen,
bedeutungsschaffenden Tätigkeit avancierte. Der Verlust
der Gatekeeper-Funktion der Verlage tat ein übriges. Wer
Inhalte zur Verfügung hat, kann mit vergleichsweise
geringem Aufwand nunmehr selbst zum Verleger werden. Der
Content-Provider hält nicht mehr per se die
Machtposition; was in der Welt des WWW an Bedeutung
gewinnt, ist die Akzeptanz beim Kunden. Nicht die
Produktion von Inhalten steht im Vordergrund, sondern die
Fähigkeit, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
"Catching the eyeballs" ist die Devise. Eine
Aufmerksamkeits-Ökonomie verdrängt eine Ökonomie, in
der Mehrwert noch durch Seltenheit und Exklusivität
geschöpft werden konnte. Bei der Fülle an Informationen
und Inhalten geht es darum, für den jeweiligen Nutzer
Relevantes zu lokalisieren, zu filtern und zu
kommunizieren. In diesem Zusammenhang stellt sich eine dem Online Publishing quasi historisch inhärente Frage. Ist doch das Internet seinem Entstehungszusammenhang zufolge ein Kommunikationsinstrument der Wissenschaft und Forschung. Heißt das aber, daß die Scientific community tatsächlich zu den early adopters dieser neuartigen Kulturtechnologie zählt? Oder entwickelt sich parallel zu E-Commerce und quasi trivialer ökonomisch inspirierter Nutzung elektronischen Publizierens ein zäher, noch umständlicher Umgang und Einsatz elektronischer Publikationsstrategien? Wo berühren sich diese beiden unterschiedlichen Welten von Inhalte-, Informations- und letztlich Wissenstransfer? Veränderungen in der Scientific community "The functions
[of printed text] are: communication and diffusion,
legitimation and authority, archiving and memory"
(Jean-Claude Guedon, University of Montreal 1994). Allerorts klagen
Bibliothekare und die für die Budgets von Bibliotheken
Verantwortlichen über die prekäre Situation angesichts
immer teurer werdender Zeitschriften-Abos und
Monographien und einer zunehmend problematisch werdenden
Platzsituation in den Tiefspeichern. Die Association of
Research Libraries (ARL) und die Association of American
Universities berichten, daß zwischen 1986 und 1996 die
Kosten für Monographien um 62, die Kosten für
wissenschaftliche Zeitschriften jedoch um 148 Prozent
stiegen. Die Ubiquität des Mediums erweitert sich dabei um die bedrohliche Arbitrarität des Publizierens. Jeder kann vergleichsweise einfach und kostengünstig zum Herausgeber und Verleger, also zum Content-Provider werden. Die vorherrschende Praxis der Wissenschaftssoziologie setzt hingegen Gatekeeper ein, die von Kritikern als ständische Disziplinierungsinstrumente qualifiziert den Publikationsprozeß ermöglichen und damit die Karriereplanung leiten. D.h., daß proklamierter wissenschaftlicher und individueller Fortschritt immer schon über Mediatoren mit professionalistischen Interessen gesteuert wird. Der von einer Peer-group kontrollierte Zugang zum zentralen wissenschaftlichen Profilierungsfeld ist das Kontrollinstrument der Wahl. Noch weitreichendere
Folgen hat das funktionale Potential des Hypertextes und
des Internet. Die Charakteristik des Nicht-Linearen und
Kollaborativen des potentiellen Verschwindens des einen
Autors und Urhebers macht Angst. Traditionelle
Wissenschaftlichkeit beruht auf dem romantischen genialen
Schöpferprinzip.
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