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"Ein bedarfsgerecht qualifiziertes
Arbeitskräftepotential wirkt der steigenden
Arbeitslosigkeit entgegen." Es gibt kaum eine These,
die bei Vertretern unterschiedlicher Weltanschauungen und
politischer Couleurs auf so einhellige Zustimmung stößt
wie diese. Erich Ribolits bezweifelt sie.Aus- und Weiterbildung der
Erwerbsbevölkerung gelten als wesentlicher Beitrag für
Produktivität, Wirtschaftswachstum und
Konkurrenzfähigkeit im globalen Verdrängungswettkampf
und damit als wichtige Grundlage für das Entstehen neuer
Arbeitsplätze. Gudrun Biffl, Arbeitsmarktexpertin des
Wirtschaftsforschungsinstituts in Wien, bringt diesen
Interessenskonsens auf den Punkt: "Bildung und
Ausbildung sind Investitionen in das Humankapital. Sie
erhöhen die Arbeitsmarktchancen der Individuen und
erweitern die Produktionsmöglichkeiten der Betriebe. Der
Bildungsfaktor ist eine wichtige Komponente für die
Entwicklung der Produktivität und der internationalen
Wettbewerbsfähigkeit. ... Soweit herrscht allgemeine
Übereinstimmung über die Rolle der Bildung und damit
der Qualifikation der Arbeitskräfte im
Erwerbsprozeß."
Bildung wäre demnach eine Strategie, mit der sich das
politisch-ökonomische System und sein
Interessenswiderspruch von Kapital und Arbeit austricksen
läßt. Diese Hoffnung wurde bereits einmal in den
sechziger und siebziger Jahren kolportiert: Mit einem
egalitär ausgerichteten Schulsystem und durch die
Verringerung der materiell vermittelten
Bildungsbenachteiligungen wollte man damals kulturelle
und finanzielle Barrieren beseitigen und
Chancengleichheit in Hinblick auf das Erreichen
gesellschaftlicher Positionen herstellen. "Eine
Illusion" warnten frühe Kritiker. Und sie behielten
recht. Eine Reihe empirischer Studien belegt heute
ausreichend, daß die Hoffnungen der sechziger Jahre
verfehlt waren: Die öffentlichen Ausgaben pro Schüler
sind seit damals zwar exorbitant gestiegen und materiell
bedingte Bildungsbarrieren wurden unbestreitbar
reduziert. Doch die Einflüsse des ökonomischen und
kulturellen Milieus auf die Bildungsungleichheit wurden
damit letztlich nur marginal beeinflußt. Vertreter
dieser bildungspolitischen Schimären müssen heute
irritiert feststellen, daß die Bildungsexpansion die
herkunftsbezogene Ungleichheit nicht nur nicht beseitigt,
sondern ihre Fortdauer sogar noch begünstigt hat. Das
Versprechen "Aufstieg durch Bildung" wirkt als
ideologische Barriere dem Aufbrechen sozialer Konflikte
entgegen; tatsächlich stellen sich die erhofften
sozialen Aufstiege allerdings meist bloß -wie es Peter
Alheit ausdrückt - als "fiktive Mobilität im
sozialen Raum" heraus.
Heute ist es der berufliche Aus- und
Weiterbildungssektor, der als probates Mittel dient, um
sich an der Anerkennung eines systemimmanenten
Interessenswiderspruchs von Kapital und Arbeit
vorbeizumogeln. Mit dem Hinweis auf eine angeblich immer
höhere Bedeutung des Qualifikationspotentials der
Erwerbstätigen für das wirtschaftliche Geschehen werden
die staatlichen Aufwendungen für Aus- und Weiterbildung
zu jenem Bereich hochstilisiert, in dem sich die
spezifischen Interessen der Lohnabhängigen mit den
nationalen Wirtschaftsinteressen decken. Die Statistik
belegt ja tatsächlich eindeutig, daß unqualifizierte
und nicht-arbeitsmarktgerecht ausgebildete Personen
wesentlich häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen sind
als solche mit gut "vermarktbarer" Ausbildung.
Also - so die gängige Argumentation - gelte es die
Qualifikationen der Arbeitslosen durch öffentlich
finanzierte Maßnahmen zu adaptieren, um ihre Jobchancen
zu erhöhen. Der Einwand, daß selbst wenn auf diese Art
arbeitslose Personen tatsächlich wieder Arbeit finden
können, sie dadurch nur weniger "brauchbare"
Arbeitskräfte vom Arbeitsmarkt verdrängen, sich an der
Arbeitslosigkeit insgesamt also gar nichts ändert, wird
dann in der Regel mit dem Argument vom "attraktiven
Investitionsstandort" pariert. Danach rentieren sich
die öffentlichen Investitionen in Aus- und Weiterbildung
letztlich für alle: Kapital wird ins Land gelockt, die
Wirtschaft wächst, es entstehen neue Arbeitsplätze.
Kulminationspunkt dieser vordergründigen Logik ist die
Phrase vom lebenslangen" oder
"lebensbegleitenden" Lernen. Diese freundliche
Parole stellt sich bei näherem Hinsehen jedoch als
bloßer Appell zu einer immer schneller zu vollziehenden
Anpassungsleistung heraus. Übertüncht wird lediglich
der unerbittliche Zwang zur lebenslänglichen
(Nach-)Qualifizierung unter Androhung des sonstigen
Untergangs im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf.
Bildungspolitik soll die "Bildung von Kapital"
ermöglichen, bezeichnet wird sie aber nobel als
Beschäftigungspolitik.
Die liberal-konservative britische Wirtschaftszeitung
Economist' publizierte jüngst die Ergebnisse einer
Reihe von breit angelegten Studien, die in Europa,
Australien und den USA durchgeführt wurden. Darin wurde
untersucht, wieweit es tatsächlich funktioniert,
Arbeitslosen durch Umschulung und Nachqualifizierung neue
Arbeitsplatzchancen zu eröffnen. Das Resümee ist
ernüchternd: In fast allen Fällen belegen die Studien,
daß die Um- und Nachschulungsmaßnahmen weder in
Hinblick auf die Arbeitsplatzchancen noch beim Einkommen
ihrer Klientel die erwünschten positiven Auswirkungen
gebracht haben. Zwar verhelfen die
Weiterbildungsprogramme den Absolventen oft zu
Kurzzeitjobs, aus denen sie aber allzu häufig wieder
sehr bald in die Arbeitslosigkeit zurückfallen. Die
Programme verringern somit zwar die Zahl der
Langzeitarbeitslosen, echte Auswirkungen auf die
Verringerung der Gesamtarbeitslosigkeit haben sie jedoch
nicht.
Eine österreichische Untersuchung, die bereits 1989
durchgeführt wurde, kommt zu ähnlichen Ergebnissen:
"Von den sozialpolitischen Zielsetzungen" her
betrachtet verweisen die Ergebnisse auf die
"Erfolglosigkeit des Instruments" der
Weiterbildungsmaßnahmen.
Die Autoren der internationalen Untersuchung verweisen
zudem sehr deutlich auf die Schwächen des "Dualen
Systems" der Ausbildung von Facharbeitern, das
hierzulande gerne als Ursache für die (noch) relativ
geringen Arbeitslosenraten hochgelobt wird. Sobald die
Ausbildungszeit vorbei ist, verabschieden sich viele
Unternehmer schnell von den ehemals kostengünstigen
Lehrlingen, die nun zu teuren Facharbeitern geworden
sind. So verwundert es nicht, daß ein großer Anteil der
Arbeitslosen Absolventen des Dualen Systems sind, in
Österreich etwa 42% (bei jüngeren Arbeitslosen ist die
Rate der Personen mit Lehrabschluß sogar deutlich
höher). Die Attraktivität des Dualen Ausbildungssystems
liegt für die Wirtschaft also offenbar nicht in der
Qualifikationsvermittlung, sondern in der Tatsache, daß
es während der Ausbildungszeit der Jugendlichen billige
Arbeitskraft zur Verfügung stellt.
Henry M. Levin von der Stanford Universität in den USA
relativiert auch den Qualifizierungsbedarf aufgrund des
zunehmenden Einsatzes von Mikroelektronik. So sei es zwar
richtig, daß immer mehr Arbeitnehmer in ihrem Beruf mit
informationsverarbeitenden Geräten zu tun haben,
allerdings müssen die Geräte zumeist bloß im Sinne
eines einfachen Anwendungsschemas benützt werden, wofür
nur eine kurze Einschulung erforderlich ist. Berufsfelder
ändern sich durch Informationstechnologien, von einer
technologiebedingten dramatischen Aufwertung der damit
verbundenen Qualifikationen kann allerdings nicht
gesprochen werden. Nach Levin läge ein tatsächliches
Potential für steigende Qualifikationsanforderungen in
arbeitsorganisatorischen Veränderungen in Richtung einer
Entscheidungsverlagerung zum einzelnen Arbeitnehmer und
zu Arbeitsteams. Von solchen Veränderungen sind
allerdings nur ganz wenige Arbeitnehmer betroffen. Der
wesentlich dominantere Trend geht dahin, verstärkt mit
"leicht disponiblen Arbeitskräften" zu
operieren. Und gegenüber dieser rasch wachsenden Gruppe
von Arbeitskräften fühlen sich die Unternehmer zu
keinerlei Qualifizierungsangeboten verpflichtet.
Die Behauptung, durch öffentlich finanzierte Aus- und
Weiterbildungsmaßnahmen ließe sich die kapitalistische
Logik trickreich ausnützen und im Gleichklang mit der
Befriedigung von Kapitalinteressen auch Arbeitslosigkeit
verhindern, steht insgesamt also auf sehr wackligen
Beinen. Zumindest der immer wieder beschworene direkte
Zusammenhang zwischen nationalen Bildungsausgaben und den
Wachstumsparametern der Wirtschaft muß grundsätzlich
bezweifelt werden. Arbeitslosigkeit kann durch
Qualifikationsoffensiven oder Programme des
lebensbegleitenden Lernens nicht erfolgreich bekämpft
werden. Die Beseitigung von Arbeitslosigkeit ist Teil des
Kampfes um die Durchsetzung der "lnteressen der
Arbeit" gegen die "lnteressen des
Kapitals" und kann sinnvoll nur auf politischer
Ebene in Angriff genommen werden.
Sollen also die öffentlichen Aufwendungen für Aus- und
Weiterbildung reduziert und privatisiert werden? Soll
jeder die laufend notwendige Adaptierung seiner
Qualifikationen selbst finanzieren?
Es ist ja tatsächlich zu befürchten, daß die über die
Pflichtschule hinausgehende öffentliche Finanzierung von
Bildung in den nächsten Jahren zunehmend unter massiven
Legitimationszwang geraten wird. Doch gerade heute
brauchen wir "Bildung für alle" und zwar
unabhängig vom ökonomischen Nutzen: Keine Bildung im
Sinne einer "Investition in Humankapital", die
ihre Legitimation aus dem Marktwert der vermittelten
Qualifikationen schöpft, sondern Bildung als Grundlage
politischen Handelns. Denn - wie es Hartmut von Hentig
formuliert -"die Antwort auf unsere (auch im Problem
zunehmender Arbeitslosigkeit kulminierende)
Orientierungslosigkeit ist Bildung ...". Allerdings
eine Bildung, die politisch mündig macht und nicht eine,
die zur Investition pervertiert ist und so nur affirmativ
wirkt. Indem Bildung zur bloßen Vermittlungsagentur von
Qualifikationen und Verhaltensweisen degradiert wird, die
in Arbeitsprozessen verwertbar erscheinen, wird sie zum
Element der allgemeinen Entpolitisierung. Soll Bildung
jedoch nicht gänzlich zum Instrument der
Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse verkommen, muß
sie darauf ausgerichtet sein, Menschen zu befähigen, die
Struktur betrieblicher und gesellschaftlicher Rollen zu
durchschauen und im Sinne ihrer Interessen zu verändern.
Bildung ist die Bedingung, um politisches Handeln zu
ermöglichen. Sonst ist sie keine Bildung, sondern bloß
Zurichtung.
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