![]() |
Konrad Krainer, Klaus Scala Design von Weiterbildung als kritisches Element |
Manchmal
kommt man in Versuchung, sie wirklich zu beneiden – die schnellen
PlanerInnen von Seminaren und Lehrgängen: Der TeilnehmerInnenkreis
und das Team stehen fest, das Thema und die einzelnen Inhalte sind
vorweg definiert, die Ziele sind allen hinlänglich bekannt, Zeit,
Ort, Verpflegung und Unterbringung sind bewährt. Es geht eigentlich
“nur” noch darum, die “passenden” Methoden für das Seminar
oder den Lehrgang “einzusetzen”. Eine
solche Sichtweise legt die Annahme nahe, das Design von Weiterbildung
wäre die letzte “Unbekannte”, die man nach der Klärung der Frage
der Ziele, Inhalte, Personen und Rahmenbedingungen aus ebendiesen
lediglich ableiten müsste. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass hinter
dieser Idee des “Einsetzens” eine latente Unterschätzung der
Bedeutung von Designs und der Notwendigkeit permanenter
Methodenreflexion steckt. Designüberlegungen gehören keineswegs zu
den “nachgeordneten” Entscheidungen bei der Gestaltung von
Weiterbildung, sondern sie bilden den Bezugspunkt für die anderen
Elemente. In der Wahl der Methoden steckt das Gelingen des Ganzen,
geht es doch darum, Ziele, Inhalte, Themen, Personen, Kontext und
Rahmenbedingungen aufeinander zu beziehen und abzustimmen. Jede
Auseinandersetzung mit der Frage des “Wie?” – nenne man es die
Wahl der Methoden, die didaktische Herangehensweise, die Gestaltung
der Seminararchitektur, die Planung des Designs etc. – erzeugt eine
eigene Lern-“Wirklichkeit”. Das Design beeinflusst ganz wesentlich
die Möglichkeiten der Lernenden, sich – aufbauend auf ihrem
inhaltlichen und sozialen Erfahrungshintergrund – mit der Thematik
eigenständig auseinander zu setzen und für sie relevantes Wissen
selbst zu erarbeiten. Je vielfältiger das Lernsetting gestaltet und
je mehr Eigenverantwortung für das Lernen vorgesehen ist, desto
besser gelingt es, das mitunter sehr heterogene Vorwissen und
Interesse der Lernenden zu aktivieren und sie dort “abzuholen”, wo
sie sich befinden. Gemeinsames Weiterdenken wird angeregt, Ziele und
Inhalte werden in modifizierter Form zu “eigenen Zielen und
Inhalten” der Lernenden. Dazu braucht es einen angemessenen Raum zur
gemeinsamen Reflexion aller Beteiligten über Lernprozess und Design,
um sich so den Lerninteressen flexibel anpassen sowie Partizipation
und Mitverantwortung für die Steuerung des Geschehens schaffen zu können. Settings
und Designs geben auch Auskunft über Relevanz und Wirkung von
Weiterbildungsaktivitäten für den beruflichen Alltag. Der Transfer
von Lernerfahrungen auf Seminaren in den Kontext der
Heimorganisation ist ein häufig unterschätztes Problem von
Weiterbildung. Oft behilft man sich mit dem Vertrauen, die
TeilnehmerInnen würden das Gelernte schon irgendwie umsetzen. Die
Erfahrungen rechtfertigen jedoch dieses Vertrauen meist nicht. Nur
zu oft holt der Alltagstrott die heimgekehrten TeilnehmerInnen
ein; mitgebrachte Impulse verlaufen sich im Sand. Der Transfer ist
daher selbst eine entscheidende Dimension für das Planen und die
Designgestaltung einer anspruchsvollen Weiterbildung. Die
folgenden Abschnitte setzen sich vor diesem Hintergrund mit der
Designgestaltung von Weiterbildung in exemplarischer Form anhand
zweier unterschiedlicher Weiterbildungsprojekte des iff auseinander:
Das erste Beispiel stammt aus einer kontinuierlichen Fortbildung für
eine Mathematiklehrergruppe einer Schule, das zweite aus einem
Seminarmodul des Universitätslehrgangs “Politische Bildung”. Der
gemeinsame Fokus liegt auf der Beachtung des Transfers. Dafür werden
zwei unterschiedliche “Lösungsmodelle” vorgestellt: Im ersten
Fall wird die Weiterbildung in den beruflichen Kontext hinein
gestellt, und so können aktuelle Probleme der Zusammenarbeit vor Ort
bearbeitet werden. Die Differenz von Lernkontext und Umsetzungskontext
wird “aufgehoben”. Dabei muss man jedoch – wie das erste
Beispiel zeigt – auch auf die Herausforderung eingehen, dass
mitgebrachte Kooperationsprobleme der TeilnehmerInnen unversehens und
unumgehbar mitten im Seminargeschehen auftauchen. Das zweite Beispiel
stammt aus einem “klassischen” Seminarsetting: Die TeilnehmerInnen
kommen aus unterschiedlichen Schulen und haben im Berufsalltag nichts
miteinander zu tun. Es wird gezeigt, welche Möglichkeiten in einem
solchen Setting bestehen, den Transfer in den Schulalltag zu unterstützen. Beispiel
1: Eine
Lehrerin eines österreichischen Gymnasiums hatte Mitte der 80er-Jahre
den iff-Hochschullehrgang “Pädagogik und Fachdidaktik für
LehrerInnen” (PFL) für das Fach Mathematik besucht. Zehn Jahre später,
inzwischen Administratorin ihrer Schule geworden, bahnte sie eine
Kooperation mit dem iff an, um eine Unterstützung für die
Weiterentwicklung an ihrer Schule zu erhalten. Im Rahmen der
Zusammenarbeit wurde u.a. ein zweieinhalbtägiges Seminar für die
MathematiklehrerInnengruppe dieser Schule durchgeführt, dem – wie
in den PFL-Lehrgängen – eine “Lehrer als Forscher”-Philosophie
zu Grunde gelegt wurde. In der Folge wurden zwei weitere eineinhalbtägige
Seminare vereinbart, die beide wiederum an der Schule durchgeführt
wurden. Im dritten Seminar sollte es schwerpunktmäßig um alternative
Formen der Leistungsbeurteilung gehen. Aber es kam ganz anders als
geplant. Ein
Lehrer hatte die Mathematikklasse einer Kollegin bzw. ihrer
Praktikantin übernommen und war überzeugt, diese Klasse sei
leistungsmäßig die schwächste, die er je gehabt hatte. Solche
Situationen sind kein Einzelfall und gehören zu den unangenehmsten
Dingen im Lehrberuf. Häufig werden solche Konflikte, die zumeist auf
unterschiedlichen Wertvorstellungen von Unterricht und Erziehung
beruhen, indirekt ausgetragen, laufen über viele informelle und wenig
transparente Kanäle bis hin zu den Lernenden, den Eltern und der
Schulbehörde und haben einen hemmenden Einfluss auf die
professionelle Kommunikation und das soziale Klima einer Schule. Noch
gibt es wenige Schulen, in denen Kommunikationsstrukturen aufgebaut
sind, um solche – eigentlich natürliche – Wert- und
Interessenkonflikte in einem geschützten Rahmen professionell zu
besprechen und daraus zu lernen. Nach
dem Analysegespräch wurde die weitere Bearbeitung des Konflikts in
der Gruppe besprochen. Es zeigte sich, dass den SchülerInnen eine
zentrale Rolle zukommt und es wichtig wäre, ihre Sichtweise des
Problems zu erfahren. Daher wurde vereinbart, dass alle nicht
unmittelbar in den Konflikt verwickelten Gruppenmitglieder Interviews
mit SchülerInnen dieser Klasse durchführen und die Ergebnisse schließlich
der gesamten Gruppe präsentieren sollten. (Es sei angemerkt, dass es
für das Design dieser Einheit entscheidend war, dass die
Weiterbildung an der Schule selbst stattfand und damit die SchülerInnen
als Ressource einbezogen werden konnten.) Während die eine Betreuerin
der Gruppe die Interviewaktivitäten unterstützte, führte der andere
Betreuer ein erweitertes Gespräch mit den beiden Hauptbetroffenen.
Die Analyse und Präsentation der Daten brachte neue Sichtweisen zu
Tage; u.a. wurde auch deutlich, dass den SchülerInnen das Problem
sehr bewusst war und von ihrer Seite auch Anstrengungen unternommen
wurden, der Herausforderung konstruktiv zu begegnen. Für die Präsentation
stellte eine Interviewgruppe auf einem Plakat eindrucksvoll
schematisch dar, wie die Bemühungen der Lehrperson und der Klasse –
auf Grund zu wenig ausgeprägter direkter Kommunikation über das
Thema – trotz bester Intention mehr oder weniger aneinander vorbei
gingen. Insgesamt brachte die Besprechung des Konflikts eine
Erweiterung der Denk- und Handlungsweisen für die beiden
Hauptbetroffenen; aber auch die anderen Lehrpersonen gaben
verschiedenste Ebenen an, auf denen sie dazugelernt hatten. Dies
reichte von der Neueinschätzung vergangener oder laufender ähnlicher
Konfliktsituationen bis zur Feststellung, dass es für die Gruppe
wichtig war, gemeinsam eine größere Herausforderung bewältigt zu
haben. Mehrfach wurde betont, dass das gegenseitige Vertrauen nun
nochmals erhöht wurde. Nach
dieser Einheit, in der es vor allem um soziale Beziehungen und eher
weniger um inhaltliche Überlegungen ging, war das Interesse an
inhaltsbezogenen Fragen ziemlich groß. Das Thema “Alternative
Formen der Leistungsbeurteilung” passte diesbezüglich gut und hatte
auch noch den Vorteil, dass es mit der vorangehenden Einheit eine
wichtige didaktische Hintergrundfrage gemeinsam hatte, nämlich die
Frage, welche Art mathematischen Wissens zentral sei und daher bei
Leistungsbeurteilungen im Vordergrund stehen sollte. Die Art und Weise
von Leistungsbeurteilungen – man könnte fast von einem “Sage mir,
wie du prüfst, und ich sage dir, wie du unterrichtest” sprechen –
konstituiert gewissermaßen eine soziale Norm, was als “gute” bzw.
“schlechte” Leistung eines/einer Lernenden oder der ganzen Klasse
zählt. Die Prüfungskultur hat entscheidenden Einfluss auf das Denken
und Handeln der Lernenden, da zumeist vorrangig das gelernt wird, was
später geprüft wird. Die kritische Reflexion dieses Handels
“Leistung gegen Note” und die Frage, wie eigenes Interesse am
Lerngegenstand geweckt und die Freude und Fähigkeit an der
Beurteilung von eigenem Wissen gestärkt werden kann, stellen zentrale
Momente der Auseinandersetzung mit schulischem Lernen dar. Der Vollständigkeit
halber sei ergänzt, dass das Thema “Alternative Formen der
Leistungsbeurteilung” in dieser Gruppe auf Interesse stieß. Einige
Mitglieder führten Unterrichtsversuche durch; die Erfahrungen aus dem
Seminar und den eigenen Versuchen wurden im Jahresbericht der Schule
niedergeschrieben. Diese an vielen Schulen noch wenig verbreitete
Weiterbildungskultur dieser MathematiklehrerInnengruppe führte u.a.
zu neugierigen Anfragen seitens KollegInnen anderer Fächer. Schließlich
kam es zu einem “Pädagogischen Tag” für den gesamten Lehrkörper,
der obigem Thema gewidmet war. Dies ist ein Beispiel, wie die
Auseinandersetzung mit dem eigenen Unterricht Prozesse in Richtung
Schulentwicklung auslösen kann. Da
es in diesem Artikel um die Frage des Designs von Weiterbildung geht,
soll im Folgenden die Seminareinheit, in der es um die Bearbeitung des
Konflikts ging, hinsichtlich der “Seminararchitektur” etwas
genauer analysiert werden. Dabei soll ein Instrument verwendet werden,
das einer der beiden Autoren häufig zur Planung und zur Analyse von
Aus- und Weiterbildungsaktivitäten einsetzt, nämlich Aktion,
Reflexion, Autonomie und Vernetzung als vier Dimensionen von
Professionalität im Lehrberuf. Dazu
einige knappe grundsätzliche Überlegungen: Sowohl Aktion und
Reflexion als auch Autonomie und Vernetzung sind Dimensionspaare, die
einander sinnvoll ergänzen können. So kann eine qualitätsvolle
Reflexion den Spielraum für zukünftige Aktionen erhöhen, die
ihrerseits wieder ein fruchtbares Feld für Nachdenkprozesse sein können
usw. Die Vernetzung von eigenem Wissen und Handeln mit dem von anderen
kann sowohl die Leistung eines Teams, einer Organisation etc. erhöhen
als auch helfen, die eigene Arbeit weiterzuentwickeln, die
ihrerseits wieder Ausgangspunkt für qualitätsvolle Vernetzungen sein
kann usw. Erfahrungen im Schulbereich zeigen, dass sowohl in der
Weiterentwicklung von Personen, Teams und Organisationen als auch des
gesamten Bildungssystems tendenziell Aktion und (individuelle)
Autonomie viel besser ausgeprägt sind als Reflexion und Vernetzung.
Das oft zitierte “Einzelkämpfertum” von Lehrpersonen – und,
davon in gewissem Maß mit geprägt, jenes von SchülerInnen – ist
eines der damit zusammenhängenden Phänomene. Zurück
zur Seminareinheit mit der MathematiklehrerInnengruppe. Der Konflikt
zwischen den beiden Lehrpersonen war zu einem guten Teil darauf zurückzuführen,
dass jede für sich autonom eine Unterrichtswelt konstruiert hatte,
die jeweils für das eigene Aktionsgefüge stimmig, aber eben nicht
mit anderen Unterrichtswelten kompatibel war und natürlich auch nie völlig
sein kann und muss. Es fehlten Verständigungsformen über
unterschiedliche Zugangsweisen zur Frage, was (mathematische) Leistung
bedeutet, wie man diese beurteilt und vor allem, wie man damit umgeht,
wenn unterschiedliche Unterrichtswelten aufeinander treffen. Wenn
vernetzende Reflexion fehlt, dann können solche
Auffassungsunterschiede zu verhärteten Positionen gefrieren, die
immer stärker in den Kategorien “falsch” und “richtig”
gesehen und erlebt werden. Da wird der andere “Einzelkämpfer”,
dessen Ideen und Vorstellungen – solange sie auf dessen
Klassenzimmer beschränkt bleiben – im Allgemeinen häufig unwichtig
erscheinen, plötzlich zum Konkurrenten. Wenn dann Konflikte nicht
direkt ausgetragen werden (also Reflexion und Vernetzung geschieht),
sondern über informelle Kanäle laufen, sich also informelle und
autonome Pro- und Kontra-Gruppierungen bilden, wenn sich Scheinbestätigungen
und Scheinwidersprüche ohne Argumentationsrahmen auftun, dann können
in Lehrkörpern soziale Narben entstehen, die manchmal schwer oder gar
nicht heilen. Auch
der weitere Verlauf der Weiterentwicklung der Gruppe lässt sich mit
Hilfe der vier Dimensionen beschreiben. Der Erfolg der
Auseinandersetzung mit dem Thema “Alternative Formen der
Leistungsbeurteilung” hängt zum einen mit der Tatsache zusammen,
dass dieses Thema eng mit einem Teil des Konflikts vernetzt war, zum
anderen wohl auch damit, dass nach der ausgiebigen Phase gemeinsamer
Reflexion nun auch wieder etwas für die autonome Aktion im
Klassenzimmer, nämlich eine konkrete Anregung für den eigenen
Unterricht, im Vordergrund stand. Es ist genau diese Balance zwischen
diesen vier Dimensionen, die man als PlanerIn von Weiterbildung im
Auge behalten sollte. Ein
weiterer Meilenstein war das Niederschreiben der Erfahrungen im
Jahresbericht der Schule. Im Prinzip ist dies als eine Verdichtung von
Reflexion dieser Gruppe als Beitrag zur Vernetzung von Innovationen zu
sehen, also zum professionellen Erfahrungsaustausch an der Schule. An
dieser Stelle wird auch der Bezug zwischen der Weiterbildung von
Individuen und der Weiterentwicklung der gesamten Organisation
deutlich. Die Nahtstelle bilden organisierte Kommunikationsforen, in
denen insbesondere Vernetzung und Reflexion gefördert werden –
gewissermaßen als natürliches Pendant zu und als fruchtbare Ergänzung
von Aktion und Autonomie. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass
obige Schule eine gut ausgeprägte Kultur der Verschriftlichung von
Erfahrungen hat und dass dieser organisatorische Hintergrund die
Entscheidung für das Verfassen eines Berichts wesentlich
beeinflusste. Beispiel
2: Seit
Mitte der 80er-Jahre gibt es den Lehrgang für Politische Bildung des
iff, ein unübersehbarer, in Konzeption und Breitenwirkung wohl
einmaliger Baustein der LehrerInnenfortbildung in Österreich.
Sicherlich hat er in den langen Jahren so manche Veränderung
durchgemacht, denn die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen
und gesellschaftlichen Entwicklungen war immer ein leitendes Prinzip.
Ein zweites Prinzip des Lehrgangs beruht auf dem Grundverständnis,
dass politische Bildung in der Schule und anderen
Bildungseinrichtungen ganz wesentlich in der Ausgestaltung des
Zusammenlebens in der Organisation Schule stattfindet. Der Schulalltag
innerhalb und außerhalb von Unterricht läuft nach ganz bestimmten
Spielregeln ab, die implizit eine politische Dimension haben und die
ferner darüber bestimmen, welche Lernchancen für politische Bildung
bestehen. In der Schule wird nicht nur explizit politische Bildung
betrieben, sondern Schule ist implizit ein Ort politischer Bildung. Im
Lehrgang hat man für diese Dimension neben den Bereichen
“Gesellschaft” und “Politik” einen eigenen Bereich “Soziale
Kompetenz und Organisation” geschaffen, in dessen Rahmen auch eine
Reihe von Seminaren angeboten wird. Hier finden LehrerInnen
Lernchancen zur Weiterentwicklung ihrer sozialen Fähigkeiten, um die
politisch bildende Dimension ihrer Rolle bewusster und besser
wahrnehmen zu können. Soziale Prozesse im Unterricht differenziert
beobachten und gestalten zu können, auf Organisationsprozesse
Einfluss nehmen zu können – all dies sind wichtige Lernziele bei
diesen Seminaren. Für
Konzept und Design gelten daher zwei Prinzipien: Es müssen erstens Möglichkeiten
geschaffen werden, die Alltagsrealität ein Stück weit
hereinzubringen und exemplarisch konkrete Erfahrungen der
TeilnehmerInnen zu thematisieren. Dem wird dadurch Rechnung getragen,
dass konkrete Problemstellungen einzelner TeilnehmerInnen bearbeitet
und Lösungen dafür gesucht werden. Zweitens gilt es, die
Seminarrealität selbst als Lernfeld zu nutzen. Seminare zur
Vermittlung von sozialer Kompetenz sind besonders lernförderlich,
wenn das Lernsetting selbst Experimentierfeld und Gegenstand der
Reflexion wird. Im Lehrgang werden daher die sozialen Prozesse und
Strukturen auf dem Seminar untersucht, wodurch ein für die politische
Bildung höchst relevanter Lernprozess stimuliert wird: In der
Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen und Bewertungen
des gemeinsam erlebten Geschehens wird sowohl die Fähigkeit gefördert,
soziale Prozesse differenziert zu beobachten, als auch Gelegenheit
geboten, sich darüber mit anderen zu verständigen, die oft auch
anders wahrnehmen und denken. Die Tatsache, dass jeder und jede nicht
nur BeobachterIn, sondern auch Beteiligte/r und Betroffene/r ist,
verstärkt den Lerneffekt. Eine
andere Variante dieses erfahrungsorientierten Lernprinzips besteht
darin, dass Gelegenheiten zur Spiegelung der beruflichen Realität
geschaffen werden. So machen z.B. im Rahmen der Vermittlung von
Projektunterricht die TeilnehmerInnen selbst über mehrere Tage ein
Projekt, um anhand einer gründlichen Auswertung an der gemeinsamen
Erfahrung zu lernen. Besonders lehrreich sind Momente, in denen sich
die Schulrealität in unbeabsichtigter Weise spiegelt. Dazu abschließend
ein konkretes Beispiel. Auf
dem Seminar “Organisationsentwicklung Schule” im Rahmen des
Universitätslehrgangs “Politische Bildung” arbeitete die
TeilnehmerInnengruppe intensiv an den Voraussetzungen für aktuelle
Schulentwicklungsprojekte. Im gegenwärtigen Boom in Sachen
Schulentwicklung brachten die TeilnehmerInnen einerseits viel
Interesse und Engagement, andererseits auch leidgeprüfte Skepsis mit.
Zu oft hatten sie erlebt, wie schwungvolle Initiativen ins Stocken
geraten waren und mit Frust und Zerwürfnis geendet hatten. Sie hatten
daher eine Reihe kritischer Fragen auf ihrer Liste für dieses
Seminar. Eine entscheidende Phase bildet die Startphase von Projekten,
in der es vor allem darum geht, Motivation und Commitment für ein
gemeinsames Ziel herzustellen bzw. zu überprüfen, ob sich überhaupt
ein gemeinsames Ziel finden lässt. Auf dem Seminar wurde daher ein
Rollenspiel durchgeführt, das diese schwierige Anfangsphase zum Thema
hatte. Konkret hatte eine Schulleiterin eine Gruppe von LehrerInnen
eingeladen, um einige wichtige Anliegen für ein
Schulentwicklungsprojekt herauszufinden und dafür eine Projektgruppe
einzurichten. Für die Rolle der Direktorin meldete sich eine
Teilnehmerin, die selbst auch real Direktorin war und so für sich
etwas ausprobieren wollte. In dem Rollenspiel konnte keines der Ziele
umgesetzt werden; schon bald war unter den LehrerInnen heftiger Streit
ausgebrochen, einige konkurrierten und wollten ihre Projektidee um
jeden Preis durchsetzen, andere zeigten auf die Streitenden und
meinten klug, man sehe ja, was bei solchen Projekten herauskomme. Das
Gespräch endete in einem chaotischen Gerangel. In der Gruppe und
besonders bei der Direktorin löste das Rollenspiel große
Betroffenheit aus. Sie hatten es im Schulalltag schon oft so erlebt
und waren zugleich verzweifelt darüber, da offensichtlich kein
Heilmittel dagegen zu finden war. In der Nachbesprechung wurde
deutlich, dass auch die Direktorin diesen Konkurrenzkampf angeheizt
hatte, indem sie selbst bestimmte Ideen selektierte und andere als
unpassend beiseite schob, ohne jedoch ihre Kriterien transparent zu
machen. Die Gruppe war in ihrer selbstkritischen Reflexion bereits
recht erfahren, und so kam in der Nachbesprechung auch zu Tage, dass
im Rollenspiel die LehrerInnen der Direktorin keine Chance lassen
wollten, nur weil sie die Direktorin war. Die mitgebrachten negativen
Einstellungen und Vorurteile gegenüber Vorgesetzten hatten sich
durchgesetzt und gegen jemanden gewendet, der selbst real in einer
Leitungsrolle war. Dies steigerte die Betroffenheit, da diese
Erfahrung der Direktorin auch aus ihrem Berufsalltag vertraut war.
Hier kamen diese Mechanismen jedoch zur Sprache, und damit wurden
Voraussetzungen geschaffen, sie auch außer Kraft zu setzen. Auch
dieses Beispiel sei anhand der Dimensionen Aktion, Reflexion,
Autonomie und Vernetzung kurz beleuchtet. Das Rollenspiel
greift eine typische Situation im Rahmen von
Schulentwicklungsprozessen auf, in der sich ein Spannungsverhältnis
zwischen einzelkämpferischen Interessen von Personen und einer
gemeinsam zu treffenden Entscheidung dieser Personen ergibt. Es
treffen unterschiedliche autonome Aktionsmuster aufeinander, die einer
reflektiven Vernetzung bedürften. Auf Grund des Fehlens einer neutral
zwischen den Meinungen vermittelnden Person (die Schulleiterin
forciert eigene Interessen) geht der Prozess nicht in Richtung einer
Suche nach einer gemeinsamen Lösung, sondern in Richtung einer
Divergenz von Meinungen bis hin zum chaotischen Gerangel. Die
Besprechung des Rollenspiels bringt die nötige Metaebene ein. Die
unterschiedlichen autonomen Aktionsmuster und die dahinter liegenden
Motive werden – fern von Aktionsdruck und Parteilichkeit (die in der
Praxis im Allgemeinen gegeben sind) – gemeinsam erörtert. Eine
wichtige Funktion des Rollenspiels lag also in der Ermöglichung von
Reflexion und Vernetzung der verschiedenen Sichtweisen. Abschließende Reflexionen oder: Weiterbildung ist nicht gleich Weiterbildung Die
Reflexion dieser Weiterbildungsinitiativen zeigt, dass Spontaneität
und Kreativität stets Begleiter von Designüberlegungen sein müssen,
dass die Frage der methodischen Zugangsform zur Weiterbildung weder
rezeptmäßige Antworten zulässt noch dass man sich allein auf den
Prozess verlassen kann – ohne sorgfältige Planung. Prozess- und
erfahrungsorientiertes Vorgehen braucht nicht weniger, sondern mehr
Planung als ein inhaltlich durchstrukturiertes Seminar, jedoch immer
mit dem Begleitmotto: “Keep changing the plan!” Die Fragen Wer?
(Zielgruppe), Was? (Inhalte, Themen), Wohin? (Ziele),
Wo?/Wann?/Welcher Kontext? und Wie? (Design etc.) müssen miteinander
in Beziehung gesetzt und gemeinsam beantwortet werden. Qualität von
Weiterbildung geht stets mit einem integrativen Betrachten aller
dieser Grundfragen einher. Weiterbildung
ist komplex, da sie zumeist mit einer Vielzahl an unterschiedlichen
und individuellen Vorkenntnissen, Zielvorstellungen, methodischen
Erwartungen etc. zu tun hat. Weiterbildung bedarf vor allem auch der
Reflexion über die Methoden, und diese Reflexion kann mitunter zu
einer radikalen Änderung des Designs führen – in Absprache mit den
“KundInnen”, die im Rahmen von Weiterbildung eigentlich immer auch
die MitproduzentInnen, wenn nicht gar die “ProduzentInnen” selbst
sind. |
|