Elke Gruber
Modernisierung durch Flexibilisierung von Weiterbildung
 



Der Modernisierungsschub der Gegenwart ist eng mit dem Begriff Flexibilisierung verknüpft. Wenn sich die Anforderungen an die ArbeitnehmerInnen rasant und radikal verändern, muß sich das zwangsläufig auch auf das Bildungssystem auswirken. Vier relevante Ebenen der Flexibilisierung auf dem Bildungssektor sollen hier beleuchtet werden: Anerkennung nichtformeller Bildung – Modularisierung – Erwerb von Schlüsselqualifikationen – selbstorganisiertes Lernen.

Aspekte der Qualifikationsentwicklung im Zeichen der Flexibilisierung

Österreich liegt mit seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung im Trend der Industrienationen: Diese erleben einen enormen Modernisierungsschub auf allen Gebieten. Der unübersehbare Umbau und Wandel ist eng mit dem Begriff der Flexibilisierung verbunden. Dieser weist auf wesentlich mehr hin als bloß auf neue Arbeitszeitformen und erweiterte Geschäftsöffnungszeiten. Angesprochen werden vielmehr tiefgreifende und grundsätzliche gesellschaftliche und sozialpsychologische Veränderungen, die sich vor allem in Entstandardisierungs-, Entstrukturierungs- und Deregulierungsprozessen niederschlagen. SoziologInnen sprechen in diesem Zusammenhang gern von einer “verschärften Modernisierung”. Flexibilisierung von Wirtschaft und Gesellschaft bedeutet vor allem auch Wandel in den Qualifikationsanforderungen. Drei Entwicklungen sind dafür prägend.

1.  Vom “beruflichen System” der Arbeit zum “technischen System” der Arbeit

Vor mehr als zwanzig Jahren hat Tourraine darauf hingewiesen, daß Qualifikationen in Zukunft nicht mehr als relativ starre “Pakete” von eng umgrenzten beruflichen, noch dazu an den Träger der Qualifikation fest gebundenen Qualifikationen angeboten werden können. Die industriell hochentwickelte Struktur von Produktion, Forschung, Entwicklung und Dienstleistungen, deren Grundmuster das Fließsystem ist, bedingt vielmehr einen raschen Wechsel der Qualifikationen. Diese werden nicht mehr vom Angebot der Fachkräfte mit deren relativ fertig portioniertem Fachwissen bestimmt, sondern gehen vom “technischen System” aus.

Durch die ständige Veränderung und Anpassung dieses “Systems” werden die ehemals klar konturierten Berufsmerkmale verwischt, und eine Zuordnung bestimmter Tätigkeiten zu einem bestimmten Beruf ist kaum mehr möglich. Dementsprechend werden Qualifikationen präferiert, die konträr zum traditionellen Berufe-Konstrukt stehen wie beispielsweise

  eine hohe Qualifikation auf relativ breiter Basis, deren Aneignung eher in Form einer schulischen oder universitären Berufsvorbildung als in einer klassischen Lehre erfolgt,
  eine breite Qualifikation – Martin Baethge spricht von “hybriden Qualifikations­bündeln”, die unterschiedliche berufliche Dimensionen miteinander verknüpfen (z.B. handwerkliche Fertigkeiten und/oder kaufmännische Kompetenzen und/oder technisches Wissen und/oder kommunikative Fähig­keiten),
  eine Eignung zur raschen Aufnahme von speziellen Qualifikationen, die bei Bedarf durch inner- und überbetriebliche Weiterbildung ständig ergänzt und weiterentwickelt werden können,
  eine Verinnerlichung moderner Arbeitstugenden wie Flexibilität, Mobilität, Kreativität etc., die über die Aneignung sogenannter Schlüsselqualifikationen erfolgt und die Grundlage für weitere flexible Anpassungsleistungen bildet.

2. Vom “lifetime employment” zur “lifetime employability”

Das Aufweichen traditioneller Biographiemuster im Zuge der Modernisierung gehört mittlerweile zur weit verbreiteten Erfahrung. Ob “Bastelbiographie”, “Risikobiographie” oder gar “Gefahrenbiographie” – allen Arten spätmoderner Lebensführung ist gemeinsam, daß sie “Bruchbiographien” sind. Biographien, die durch Unterbrechungen und Veränderungen, durch Neuorientierungen und Umstellungen gekennzeichnet sind und denen das permanente Risiko des Abgleitens oder Abstürzens innewohnt.
Erschwerend kommt hinzu, daß sich der Staat immer mehr seiner sozialen Verantwortung entledigt und den Menschen seinen Schutz vor den Risiken entzieht. Der Staat privatisiert nicht nur seine Unternehmen, sondern auch immer mehr die Lebensrisiken seiner Bürger. Der Mensch muß viel Energie aufwenden, um die Fäden in der Hand zu behalten, um die einzelnen Teile zu einer sinnvollen Biographie – sprich: zu einem erfüllten Leben – zusammenzufügen. Jede/r einzelne muß, so Ulrich Beck, “bei Strafe seiner permanenten Benachteiligung lernen, sich selbst als Handlungszentrum, als Planungsbüro in bezug auf seinen eigenen Lebenslauf, seine Fähigkeiten, Orientierungen, Partnerschaften usw. zu begreifen”.

Für die Qualifizierung bedeutet das: Sie ist nie wirklich abgeschlossen. Im Zuge der Forderung nach lebenslangem Lernen und permanenter Anpassungsflexibilität bleibt der Mensch immer SchülerIn – sie/er lernt niemals aus; sie/er darf nicht wirklich MeisterIn werden wie in traditionellen Gesellschaften, denn das würde bedeuten, sie/er hat ihre/seine Berufsausbildung abgeschlossen, sie/er hat die Meisterschaft (etwas Höheres gibt es nicht!) erreicht. Vielmehr erwartet sie/ihn eine lebenslängliche Probezeit, die erst mit dem Austritt aus dem Arbeitsmarkt durch Pension oder dauernde Arbeitslosigkeit endet.

3.  Vom “verberuflichten Arbeitnehmer” zum “verbetrieblichten Arbeitskraft-unternehmer” (Von der “verberuflichten Arbeitnehmerin” zur “verbetrieb-lichten Arbeitskraftunternehmerin”)

Hinter dieser Terminologie verbirgt sich die These, daß der Strukturwandel der Arbeitsverhältnisse zu einer neuen Logik der Arbeitskraftnutzung führt. Diese konzentriert sich im neuen Typus des Arbeitskraftunternehmers, der sich – so die Argumentation – grundlegend vom bisherigen Typus des “verberuflichten Arbeitnehmers” unterscheidet und diesen ablöst. Wie der Name sagt, soll sich das Leitbild des Arbeitnehmers dem des Unternehmers anpassen. Dafür wird zum einen auf traditionelle Vorbilder wie Selbständige, Freiberuflerinnen und Führungskräfte zurückgegriffen, aber auch Tagelöhnerinnen müssen hier hinzugerechnet werden. Zum anderen gründet die “neue Kultur der Selbständigkeit” (Ulrich Beck) im Prekären, daß heißt, wir finden sie überall dort, wo von den Normalarbeitsverhältnissen Abschied genommen wurde.

Die spezifische Qualität dieser neuen Grundform von Arbeitskraft besteht darin, als Verkäufer der eigenen Arbeitskraft aufzutreten, und zwar nicht mehr wie bisher nur gelegentlich und eher passiv, sondern nunmehr gezielt und kontinuierlich. Dazu gehört auch, daß das Arbeitsvermögen ständig weiterentwickelt (z.B. durch Weiterbildung) und durch aufwendiges Selbstmarketing auf dem Markt “feilgeboten” wird. Im Kern geht es um aktive Selbstorganisation und ‑regulation der eigenen Arbeit, die den jeweiligen Erfordernissen der Unternehmen und dem Arbeitsmarkt angepaßt werden muß. Zusammenfassend sind folgende Aspekte der Qualifikationsentwicklung zu beobachten:

  Qualifikationen werden immer unvorhersehbarer.
  Fachliche Qualifikationen unterliegen einer raschen Entwertung.
  Es gibt keinen fixierten Wissensbestand (body of knowledge) mehr.
  Es ist eine zunehmende Entgrenzung von Qualifikationen und Qualifizierungen zu beobachten (zeitlich, inhaltlich, räumlich – deshalb Lernen life-long, live-wide, life-near).
  Lerninhalte werden globaler.
  Der “time-lag” zwischen Strukturwandel und Bildung nimmt zu.
  Das Brauchbarkeitsverständnis von Bildung verändert sich: vom vordergründig Nützlichen im Sinn einer einfachen funktionalen Anpassungsleistung hin zum Ausschöpfen des Pädagogisch-Subjektorientierten.

Diese Entwicklungen wirken sich auf das bestehende Bildungssystem aus. Dort ist folgende paradoxe Situation zu beobachten: Immer mehr junge Menschen verbringen eine immer längere Zeit im Bildungswesen. Haben sie die Schule beendet, durchlaufen sie weitere Aus‑, Fort- und Zusatzbildungen in der Hoffnung, den passenden Schlüssel für einen risikoreichen Arbeitsmarkt zu finden. Gleichzeitig fällt es den Bildungseinrichtungen immer schwerer, der ihnen zugeschriebenen Aufgabe einer beruflichen Qualifizierung nachzukommen.

In der Folge

  werden berufsorientierte Lehrpläne und Lehrinhalte zunehmend unvorhersehbar;
  werden Bildungsabschlüsse immer wichtiger und unwichtiger zugleich (zum einen findet eine Entwertung von Zertifikaten statt, gleichzeitig nimmt die Notwendigkeit des Erwerbs von Zertifikaten zu);
  wird es immer notwendiger, daß gelernt wird – und zwar schnell und effektiv.

Neben die “klassische” Funktion beruflicher Bildung, die Vermittlung bestimmter tätigkeitsspezifischer Qualifikationen, tritt mehr und mehr die Aufgabe, Kompetenzen auszubilden, die es dem/der einzelnen ermöglichen, den raschen Wandel zu bewältigen und mit unabsehbaren Konsequenzen fertig zu werden, das heißt zu lernen, unsichere Situationen zu bewältigen.

Flexibilisierung im Bildungsbereich

Flexibilisierung bedeutet Entstandardisierung, Entstrukturierung und Deregulierung. Oder, wie Richard Sennett es in seinem neuen Buch “Der flexible Mensch” ausdrückt: Gewiß bleibt nur die Ungewißheit! Wurde infolge von Modernisierung und Globalisierung bisher vor allem die Arbeitswelt von der Flexibilisierungswelle betroffen, erreicht sie nun auch das Bildungswesen in seiner inneren Struktur. Der verstärkte Entstrukturierungsdruck wirkt sich hier auf vier Ebenen aus.

1. Ebene:
Flexibilisierung der Abschlüsse – Anerkennung nichtformeller Bildung

Die Anerkennung von Bildungsabschlüssen war in Österreich bisher relativ klar geregelt. Dies hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil besteht darin, daß es einen zumeist definierten Berufszugang mit großteils standardisierten Qualifikationsan­forderungen gibt. Nachteil dabei ist, daß alle Qualifikationen, die sich Menschen im Rahmen informellen Lernens im Prozeß der Arbeit, aber auch in der Freizeit selbstorganisiert angeeignet haben, letztendlich keine Anerkennung finden.
Von der Europäischen Union geht nun, gestützt auf die Artikel 126 und 127 des Maastrichter Vertrages, aber auch auf Grundlage des EU-Weißbuches, ein verstärkter Druck aus, die bisher stark regulierten Abschlußsysteme – vor allem Deutschlands und Österreichs – zu flexibilisieren. Dahinter steht nicht zuletzt eine Angleichung an das angloamerikanische System, das – wie noch aufzuzeigen sein wird – mit der Modularisierung seiner Bildungsabschlüsse einen strikten Weg der Flexibilisierung und Deregulierung geht. Im Klartext heißt das: Es soll ein System eingeführt werden, das informell erworbene Qualifikationen anerkennt. Diese Qualifikationen können durch individualisiertes und differenziertes Lernen in Bildungseinrichtungen wie durch selbstorganisiertes Lernen in Gruppen oder allein zu Hause und durch Erfahrungslernen im Betrieb erworben werden.
Im EU-Weißbuch heißt es dazu: “Mobilität, lebenslanges Lernen, Nutzung neuer technologischer Instrumente ... Diese größere Flexibilität beim Wissenserwerb macht es schließlich notwendig, über neue Arten der Anerkennung – ob mit oder ohne Abschlußdiplom – erworbener Erkenntnisse nachzudenken. ... Warum sollte man nicht ‘persönliche Kompetenzausweise’ einführen, auf denen die Kenntnisse und Fertigkeiten des Inhabers aufgeführt werden, ob es sich dabei nun um grundlegendes Wissen (Sprachen, Mathematik, Recht, Informatik, Wirtschaft usw.) handelt oder um Fachkenntnisse oder berufliche Fertigkeiten (Buchführung, Finanztechnik usw.)? So könnte sich ein Jugendlicher ohne Abschlußdiplom um einen Arbeitsplatz bewerben und seinen Ausweis vorlegen, der ihm seine Kompetenzen in schriftlichem Ausdruck, in Sprachen, in Textverarbeitung attestiert.”

Die Vor- und Nachteile eines solchen Kompetenznachweises können leider an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Ich möchte nur einige Fragen aufwerfen, die aus meiner Sicht problematisch sind und die vor der Einführung eines entsprechenden Dokumentes in Österreich geklärt werden sollten:

  Wird mit der Einführung eines Systems der Anerkennung von informell erworbenen Qualifikationen nicht unser gesamtes Berechtigungs- und Berufssystem in Frage gestellt?
  Auf der anderen Seite: Kann es sich eine Gesellschaft leisten, dieses enorme Potential an Qualifikationen weiter zu vernachlässigen?
  Wie sieht es mit dem Datenschutz bei der Einführung eines individuellen Kompetenznachweises aus? (Gab es doch einen nicht unbedenklichen Vorläufer dieses Dokumentes im Nationalsozialismus: das Arbeitsbuch!)
  Wer gibt den Paß aus? Was wird eingetragen?
  Wer darf die Eintragungen vornehmen?

2. Ebene:
Flexibilisierung der Curricula und der Lernorganisation – Modularisierung

In einem kürzlich veröffentlichten Artikel in der österreichischen Zeitung “Der Standard” mit dem bezeichnenden Titel “Ein Gespenst geht um in Europa” kritisiert der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessman ein Phänomen, mit dem derzeit alle Veränderungen in Wirtschaft und Kultur, Gesellschaft und Bildung legitimiert werden: der “Druck von außen”.

“Was immer getan oder unterlassen werden muß, braucht keine guten Gründe mehr, muß nicht einmal mehr Sachzwang sein, es genügt: der Druck von außen. Einmal macht ihn die EU, dann wieder Amerika, einmal die Wirtschaft, dann gleich die ganze Welt. Bequemer war es nie, etwas durchzusetzen. Man braucht keine Argumente, muß keinen Gedanken verschwenden, muß niemanden mühsam überzeugen, erspart sich jede Auseinandersetzung, denn es gibt ja: den Druck von außen.”

Im Bildungssystem wird dem Modernisierungsdruck über eine Modularisierung – das heißt: eine Zergliederung von Bildungsgängen in abschlußorientierte Lerneinheiten – nachgegeben. Auch hier sind es wieder die angloamerikanischen Länder, die als Vorbild dienen. In Großbritannien wurde auf Initiative von Margret Thatcher in den letzten zehn Jahren das sogenannte NVQ-Modell (National Vocational Qualifications) eingeführt, das eine totale Modularisierung nicht nur der beruflichen Aus- und Weiterbildung, sondern weiter Teile des britischen Bildungssystems vorsieht.

In Österreich und Deutschland findet nun folgende paradoxe Entwicklung statt: Wir verfügen zwar über ein gut ausgebautes System der beruflichen Aus- und Weiterbildung, aber wir beginnen, unter dem Druck der Angleichung der europäischen Ausbildungsgänge, dieses sukzessive zu entstrukturieren. Und zwar unter Berufung auf die Auswirkungen der Modernisierung, nach der gering normierte Lebensläufe und Berufskarrieren auch ein weniger normiertes Bildungssystem benötigen. Das heißt: Eine persönliche Biographie, die selbst nach dem Baukasten-Prinzip erfolgt, bedingt geradezu eine Ausbildung im Baukastensystem. In diesem Sinn wird die Modularisierung als eine Art universelles Strukturkonzept gesehen, das den Zugang der Individuen bei heterogenen biographischen Lebenslagen und beruflicher Mobilität zum Bildungswesen verspricht.

Eine Klarstellung: Es gibt bestimmte Bereiche des Bildungssystems, wo eine Modularisierung durchaus sinnvoll erscheint, beispielsweise in der Weiterbildung, in der Umschulung, im Zweiten Bildungsweg sowie in der Nachqualifizierung von Un- und Angelernten. Durch Modularisierung könnten hier die Berufserfahrungen angemessener als bisher für die Weiterbildungsabschlüsse berücksichtigt werden. Die große Gefahr der Modularisierung besteht jedoch darin, daß sie allein aus Gründen der Zeit- und Kostenersparnis eingeführt wird.

3. Ebene:
Flexibilisierung der Inhalte – Schlüsselqualifikationen als “Konzept der neuen qualifikatorischen Unsicherheit”

Während man früher neuen Anforderungen in der Berufswelt mit der Vermittlung von mehr und speziellerem Fachwissen zu begegnen suchte, ist diese Antwort heute fraglich geworden: Wer getraut sich schon vorherzusagen, welche Qualifikationen und Berufe in Zukunft “up to date” sein werden? Es gilt das Prinzip: Man weiß zwar nicht, was sich ändern wird, aber, daß es sich ändern wird. In dieser Situation helfen fachliche Kenntnisse nur bedingt.

Als Konsequenz auf die weitgehende Unbestimmbarkeit künftiger Berufsanforderungen werden nun Qualifikationen angestrebt, die weniger eine spezielle Fachkompetenz als vielmehr eine allgemeine berufliche Handlungsfähigkeit ermöglichen. Landläufig werden diese als Schlüsselqualifikationen oder extrafunktionale Qualifikationen bezeichnet. Gemeint sind damit allgemeine Fähigkeiten, die über die “bloße” Facharbeit hinausgehen und soziale, personale und methodische Kompetenzen einschließen.

Der Höhenflug des Konzeptes der Schlüsselqualifikationen ist demnach nicht im Sinn des Durchsetzens einer emanzipatorischen Bildungsidee zu sehen, sondern vielmehr als Reaktion auf die qualifikatorische Unsicherheit: Wenn ich nicht mehr weiß, wie es fachlich weitergehen soll, proklamiere ich allgemeinere Inhalte und vor allem skills wie Lernen lernen, Kreativität, Problemlösungskompetenz und ähnliches. Sie ermöglichen es dem/der einzelnen, sich flexibel den jeweiligen neuen Bedingungen in Arbeitswelt und Gesellschaft anzupassen. Eine (negative) Folge dieser Entwicklung ist, daß Bildungsinhalte immer unwichtiger und austauschbarer werden. Es geht weniger darum, was, sondern vielmehr darum, daß gelernt wird!

4. Ebene:
Flexibilisierung auf der Ebene der Methodik/Didaktik – selbstorganisiertes Lernen

Das Konzept, Lernen selbständig und selbstorganisiert zu betreiben, ist alt: Es hat seine Wurzeln in der Pädagogik der Jahrhundertwende, vor allem in der Re­formpädagogik, und war immer Anspruch progressiver PädagogInnen. Daß dieses Konzept derzeit wieder eine solche Karriere macht, hängt eng mit unserem Thema, der Flexibilisierung, zusammen. Es leuchtet ein, daß flexiblere und mobi­lere Menschen nicht durch Frontalunterricht und in herkömmlichen Bildungsarrangements zu erziehen sind, sondern nur über Lernen durch Selbstorganisation und Selbsttun. Dreierlei gebe ich in diesem Zusammenhang zu bedenken:

1. In letzter Zeit mache ich bei den ERASMUS-StudentInnen, die an unserem Institut studieren, folgende Beobachtung: Sie müssen keine Prüfungen absolvieren oder Seminararbeiten schreiben; für die Anrechenbarkeit auf das Studium in ihrem Heimatland reicht eine Bestätigung über den Besuch der österreichischen Lehrveranstaltung. Offenbar sind – wie schon oben angesprochen – immer weniger die Inhalte als vielmehr die Mobilität und Flexibilität um ihrer selbst willen gefragt.

2. Die derzeitige Karriere des Konzepts des selbstorganisierten Lernens kommt nicht von ungefähr. Ähnlich wie beim Allgemeinbildungskonzept (im Gewand der Schlüsselqualifikationen), das unter den veränderten ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen nun wieder brauchbar geworden ist, stehen hinter den selbstorganisierten Lernformen nicht primär pädagogische, sondern vor allem ökonomische Überlegungen. Das heißt: Das Konzept des selbstorganisierten Lernens betritt über die ökonomische Hintertür den Schauplatz des Geschehens. Es findet sich auf einer Bühne wieder, auf der die Ökonomie in einer Hauptrolle und die Pädagogik als Statistin zu sehen sind.

3. Man sollte immer dann hellhörig werden, wenn ein Begriff oder ein Konzept in Diskussionen den Charakter eines bekennenden Glaubenssatzes annimmt (ähnliches ist bei den Schlüsselqualifikationen der Fall). Nun passiert dies mit dem selbstorganisierten und selbstgesteuerten Lernen. Der deutsche Erziehungswissenschaftler Karlheinz A. Geißler hat dazu einmal treffend bemerkt: Diese Zauberwörter sind wie eine semantische Mastgans – es kann alles in sie “hineingestopft” werden, ohne genau zu wissen, was es mit dem jeweiligen Begriff/dem jeweiligen Konzept wirklich auf sich hat.

“Wird’s besser oder wird’s schlechter?”

Dem eben erwähnten Karlheinz A. Geißler möchte ich auch mein Schlußwort überlassen. In seinem kürzlich erschienenen Buch “Der große Zwang zur kleinen Freiheit” sinniert er über die Frage, die so oft am Ende von Ausführungen steht: “Was nun? Auch bei diesem Thema stehen wir ebenso, wie bei so vielen anderen in dieser Zeit, mit beiden Beinen fest in der Luft. Mit gewonnener Übersicht nimmt die Einsicht nicht unbedingt zu, öfters hingegen ab. ... Bei all den vielen Veränderungen in der Bildungslandschaft ist doch auch so manches gleich geblieben. Immer war und immer noch ist Bildung mit der Hoffnung eng verknüpft, ‘daß es einem dereinst besser gehen würde’. Die Hoffnungen existieren weiter, obgleich sie sich bisher in der Geschichte, wenn überhaupt, nur in sehr geringem Maße erfüllt haben. ...

Wirkliche Bildung ist nicht beliebig flexibilisierbar, rationalisierbar, berechenbar und auch nicht auf das kundenorientierte Verwertungsinteresse hin, sei dies individuell, betrieblich oder staatlich, einzuschränken. Bildung sieht nicht modular aus. ... Wo ein Wille ist, da ist auch ein Umweg – und dieser, nicht die leblose Schnellstraße, ist der Königsweg der Bildung. Versöhnlich jedenfalls stimmt, daß es fast in jedem Bretterzaun, auch in dem, der das modulare Bildungskonzept umgibt, genügend Astlöcher gibt, die den Blick auf eine andere Wirklichkeit freimachen, und – wie man nicht nur aus Kindertagen weiß – Astlöcher sind ja das Attraktivste und das Interessanteste an Begrenzungen.
Die Zukunft sieht also nicht so düster aus, daß wir sie vermeiden müßten.”


   

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