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Können wir aus der Geschichte lernen? Um diese
Frage beantworten zu können, muß zunächst geklärt
werden, was Geschichte überhaupt ist. Neben der
Befragung historischer Quellen und Berichte bedarf es
der Informationskritik, der Würdigung anderer
Sichtweisen und Weltbilder sowie des Aufzeigens von
Alternativen. Das Wissen um Phänomene der
Vergangenheit hilft, die Zustände der Gegenwart zu
prüfen. Es ist hingegen nicht die Aufgabe der
Historiker(innen), Entscheidungen zu treffen. Diese
fallen in der jeweils gegenwärtigen Gesellschaft
jenseits der wissenschaftlichen Disziplinen.
Wenn gebildete Leute
entdecken, daß sich Historiker(innen) unter ihnen
befinden, kommt es häufig zur Diskussion, ob Menschen
aus Geschichte lernten oder nicht. Meist fällt die
Antwort negativ aus, und die Historiker(innen) befinden
sich in Beweisnot. Der beklagenswerte Zustand der Welt
scheint Kritikern recht zu geben.
Die beste Abwehrtaktik in einer solchen Situation ist
traditionell eine Gegenfrage: Warum ist Geschichte dann
in unserer Gesellschaft so allgegenwärtig? Politiker
machen in ihren Reden Ausflüge in die Geschichte,
Ausstellungen mit historischen Themen werden von
hunderttausenden Menschen besucht, Bücher mit
historischen Inhalten sind höchst beliebt, ein
erheblicher Teil des Fremdenverkehrs verkauft
Vergangenheit. Das schrecklichste Zeugnis für die
Wirksamkeit von Geschichte ist, daß Menschen einander
wegen geschichtlich begründeter Ansprüche töten.
Strategisch weiter führt eine andere Argumentation: Es
sollte ein Einvernehmen darüber hergestellt werden, was
man unter "Lernen" versteht: Es gibt nämlich
kein Lernen ohne vergangene Erfahrungen, eigene oder
fremde, auch solche, von denen wir nur indirekt
durch eine schriftliche Gebrauchsanweisung etwa
Kunde erlangen. Damit wären wir aber wieder bei der
Geschichte. Menschen mögen wenig aus ihr lernen, aber es
gibt kein Lernen ohne sie. Es geht gar nicht um die Frage,
ob wir aus Geschichte lernen, sondern darum, wie
Geschichte beschaffen sein muß, damit wir aus ihr lernen
können.
Elemente der
Geschichte
Was aber wäre dann
Geschichte? Wohl nicht ganz das, was in den Schulbüchern
steht und die meisten Menschen nicht besonders überzeugt.
Viele Geschichtewerke enthalten nur Geschichten führender
Gruppen. Vielleicht, weil sie sich immer noch an einem
Leitprinzip orientieren, das es schon in der Antike gab:
Geschichte bestehe aus den Taten tapferer Menschen,
soweit sie der Erinnerung würdig seien. Wir kennen das
Gerede vom "historischen Augenblick", der bei
Feierlichkeiten gerne beschworen wird. Manche kennen auch
den chinesischen Wunsch: Mögest Du keine interessanten
Zeiten erleben.
Die Geschichte der Herrscher, Helden und Stars hat sicher
einen gewissen Unterhaltungswert. Ihr Nutzen in
gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen ist gering. Wen
wundert es, daß Menschen aus dem, was Geschichtebücher
anbieten, nicht "lernen" können? Die meisten
werden kaum in die Lage kommen, weitreichende politische
Entscheidungen treffen zu müssen. Wo bleibt "unsere"
Geschichte? Ist das nur eine Geschichte von Opfern? Bestünde
nicht mehr Hoffnung auf Lerneffekte, wenn man erführe,
wie sich einfache Menschen in den Fährnissen der Zeiten
bewährten?
So zu antworten wäre eine Art Gambit; das ist ein
Schachzug, bei dem man durch ein Opfer in diesem
Fall, zuzugeben, daß oft die falsche Geschichte
betrieben wird letztlich doch gewinnt, nämlich
die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen.
Dann könnte man einen Schritt weiter gehen und die Frage
noch einmal stellen, diesmal ein wenig trockener: Woraus
besteht überhaupt Geschichte? Im Grunde nur aus dem, was
von der Geschichte erzählt werden kann; mehr wissen wir
nicht. In aller Deutlichkeit: Gegenstand der Geschichte
also ist nicht das Geschehen selbst darüber
nachzudenken, überlassen wir Historiker(innen) gerne
Theologen oder Philosophen , sondern das, was vom
vergangenen Geschehen auf uns zukommt; in Form von
Erinnerungen, Nachrichten und Überresten. Sie sind die
Quellen unseres Wissens.
Die historischen
Quellen
Die Quellen machen viel
Arbeit, und das ist die wichtigste Arbeit der Historiker(innen).
Alles, was Menschen produzieren, kann Aufschluß geben über
ihr Tun, sofern etwas davon übrig bleibt: dingliche Überreste,
ob Kunst oder Alltagsgerät, oder sprachliche, ob
Rechenzettel oder Chronik. Es liegt auch an uns, welche
Geschichte unsere Nachwelt haben wird: Welche Quellen
hinterlassen wir ihr? Werden Historiker(innen) der
Zukunft eine Chance haben, unsere Gegenwart in ihrer
Vielfalt zu begreifen, oder werden sie wieder nur die
Hinterlassenschaften der Herrschenden vorfinden?
Dingliche Quellen gelten zu Recht als besonders objektiv,
aber sie reden nicht und sind daher manchmal schwieriger
zu interpretieren. Ein Teil der Dinge muß erst unter großem
Aufwand von Archäologen geborgen werden. Alle Dinge
werden in zwei Richtungen befragt: nach Funktion und Repräsentation.
Kein Haus ist nur eine Maschine zum Wohnen, es drückt
auch den Formwillen des Bauherrn aus und die Bedingungen,
ihn umzusetzen. Die großen wie die kleinen Dinge sind
nicht nur Quellen für Tätigkeiten, sondern auch für
die Mentalität derer, die sich ihrer bedienen.
Menschen reden viel, und manchmal schreibt jemand etwas
davon nieder. Es ist leicht vorstellbar, daß ein
Chronist von sich selbst viel einbringt: in seiner
Auswahl, in seinem Umgang mit der Sprache, aus der
Absicht, die der Bericht verfolgt usw. Dasselbe gilt für
jede Person, die sich mit seinem Bericht auseinandersetzt.
Es beginnt damit ein unendlicher Dialog: An den Bericht
werden Fragen gestellt, und er kann Antworten geben, die
neue Fragen auslösen.
Das ist, neben der technischen Aufbereitung der Quellen,
die zweite Ebene der Arbeit von Historiker(innen). Die
Fragen haben sehr viel mit der Lebenswelt und den
Absichten des jeweiligen Fragestellers zu tun. Das
beeinflußt den Charakter der Informationen, die man auf
diese Weise gewinnen kann. Historiker(innen) haben ganze
Fachdisziplinen die sogenannten
Hilfswissenschaften für die methodische
Bearbeitung der Quellenkritik eingerichtet. Sie gehen
damit so ähnlich um wie Naturwissenschaftler, die nicht
nur die Meßergebnisse kennen, sondern auch wissen müssen,
wie die Geräte beschaffen sind, mit deren Hilfe sie
gewonnen wurden. Das ist das wissenschaftliche Handwerk.
Geschichtswissenschaft macht nichts anderes, als was auch
jeder im Alltag tut oder tun sollte. Sie macht es nur
methodisch genauer und nach festgesetzten und
vereinbarten Regeln. Zweck eines methodischen Vorgehens
ist, daß jede Person mit Hilfe des vorliegenden
Materials die Schlüsse der Kollegen kritisch beurteilen
kann, ja imstande ist, neue Zusammenhänge herzustellen.
Erst Kritik setzt Freiheit.
Der Nutzen der
Historie in der Entscheidungsgesellschaft
Mit Geschichte überlegt
umzugehen heißt, etwas einzuüben, das im Alltag einer
Informationsgesellschaft unverzichtbar ist:
Informationskritik. Das ist ein Nutzen der Geschichte
und nicht ihr geringster. Es wird, in der Schule
wie im Alltag, viel zu wenig davon Gebrauch gemacht.
Niemand kann zwar in jedem einzelnen Fall die angebotenen
Informationen genau überprüfen, aber man kann versuchen,
Anhaltspunkte für ihre Vertrauenswürdigkeit zu finden.
Sich zu vergewissern, wie die Informationsmöglichkeiten
eines Berichterstatters aussehen, und zu prüfen, wie er
damit umgeht, ist ein nützliches Verhalten nicht
nur für Historiker(innen).
Der weitaus größte Teil der überlieferten Texte ist
nicht dazu gedacht gewesen, Geschichte zu schreiben. Die
Vorstellung von einem linearen Zeitablauf ist
menschheitsgeschichtlich relativ jung und hängt eng mit
der jüdisch-christlichen Tradition zusammen. Die Mythen
anderer Religionen haben ganz andere Weltbilder
geschaffen. Wollen wir heute solche Texte interpretieren,
müssen wir uns mit z.T. sehr fremden Positionen
auseinandersetzen. Wir werden die Eigenart solcher
Weltbilder in unserem Verständnishorizont niemals völlig
ausschöpfen können. Statt, wie im Zeitalter des
Kolonialismus, sie für wertlos zu erklären, werden wir
ihnen mit dem gleichen Respekt begegnen, den wir von
anderen für unser Weltbild verlangen. Denn daß dieses
nicht die einzige Sichtweise darstellt, wäre eine zweite
wichtige Lehre der Geschichte, zugegebenermaßen noch
weniger wahrgenommen als die Informationskritik.
Beim Nutzen der Historie geht es selten darum, vergangene
Phänomene direkt in die Gegenwart zu übertragen,
sondern daß wir, durch die Geschichte aufmerksam gemacht,
die Zustände der Gegenwart neu befragen. Wir sehen z.B.,
wie sich die programmatischen Äußerungen von
Herrschenden oft von ihren wirklichen Taten unterscheiden.
Wir werden daher solche programmatische Äußerungen in
der Gegenwart genauer unter die Lupe nehmen. Was wir auf
diese Weise aus der Geschichte lernen, ist eine spezielle
Form von Anwendung: Wir gewinnen keine Rezepte, sondern
Fragestellungen, mit deren Hilfe wir die uns
entgegentretenden Phänomene differenzierter betrachten können.
Diese dritte ist vielleicht die wichtigste Ebene, auf der
der Umgang mit Geschichte wichtig sein kann.
Eine auf die Geschichte gestützte Prognose ist aufgrund
der großen Zahl der möglichen Faktoren ungefähr so
zuverlässig wie der Wetterbericht. Eine Aussage wie
"das kann nie funktionieren, wenn man bestimmte
Faktoren vernachlässigt" ist sicher leichter zu
treffen als die Aussage "so wird es kommen".
Grundsätzlich ist es die an der Geschichte geübte
Faktorenanalyse, die von Nutzen ist. Sie behauptet nicht,
daß die gleichen Faktoren auch für die Gegenwart
zutreffen müßten, aber sie macht darauf aufmerksam, daß
derartige Faktoren schon einmal eine Rolle gespielt haben
und daß es sinnvoll ist, sich diese genauer anzusehen.
Es ist im Grund das gleiche Verfahren, wie Kinder von
ihren Eltern lernen oder lernen könnten. Sie werden bei
den wichtigen Entscheidungen ihres Lebens alleine sein.
Sie werden nicht in den gleichen Situationen wie die
Eltern stehen; sie werden sich möglicherweise ganz
anders, vielleicht sogar gegenteilig verhalten. Aber ihre
Situation wird vergleichbar sein, und zum Vergleich gehören
Ähnlichkeit und Differenz. Was sie hoffentlich gelernt
haben, ist, eine konkrete Situation nach den ihr
innewohnenden Möglichkeiten zu befragen. Die Fragen kann
man mitnehmen, die Antworten wird man selbst geben müssen.
Es ist häufig die Rede davon, daß man mit Hilfe der
Geschichte die Gegenwart besser verstünde. Gemeint sind
dabei allerdings in der Regel nicht die bisher genannten
Methoden, die auf einem strukturellen Vergleich beruhen,
sondern es wird eher die unmittelbare Frage nach den
Wurzeln und nach der Entstehung gegenwärtiger Zustände
ins Auge gefaßt. Dementsprechend wird der Erziehungswert
der Zeitgeschichte besonders hoch geschätzt.
Ohne diesen zu bezweifeln, wird man dennoch vor allzu
naiver Anwendung Bedenken anmelden müssen. Auch für
sehr nahe beisammenliegende Entscheidungsabläufe gilt
grundsätzlich das Gesetz der Unwiederholbarkeit. Auf der
anderen Seite entsteht nur allzu leicht der Eindruck,
"es" hätte so und nicht anders kommen müssen.
Eine solche "Analyse" kann zur Rechtfertigung
gegenwärtiger Zustände herangezogen werden und liegt
unter Umständen nur allzusehr im Interesse der
Herrschenden. Ist das vielleicht der Grund für die
Beliebtheit der Zeitgeschichte bei Politikern, abgesehen
davon, daß sie hoffen, darin vorzukommen?
Ein emanzipatorischer Umgang mit Geschichte hingegen lebt
vom Aufzeigen von Alternativen. Das kann selbstverständlich
richtig verstandene Zeitgeschichte auch leisten. Man
sollte sie dabei aber nicht alleine lassen, sondern durch
die Begegnung mit der Fremdheit anderer Kulturen unterstützen.
Das historische
Argument
Kaum jemand, der andere
überzeugen will, kommt ohne historische Beispiele aus.
Politiker begründen Ansprüche, als ob sie aus der
Vergangenheit ableitbar wären. Predigten enthalten
Beispiele, wie sich Menschen in der Vergangenheit richtig
oder falsch verhalten hätten. Philosophen beschreiben
Systeme, indem sie sie aus dem Handeln vergangener
Menschen ableiten. Die alltägliche Kommunikation ist
voll von Bildern aus der Vergangenheit. Das sogenannte
historische Argument ist aus der menschlichen
Ausdrucksweise nicht wegzudenken. Wenn jemand ein
historisches Argument benützt, so kann das für das
Verständnis seiner Absichten sehr vorteilhaft sein, die
Verbindlichkeit seiner Aussagen kann er daraus
keinesfalls ableiten. Unzählige Gebietsansprüche sind
historisch begründet worden, Leid und Krieg sind
deswegen geschehen. Entscheidungen werden in der
Gegenwart nicht von Historiker(innen) getroffen.
Die geschichtliche
Darstellung
Was geschieht nun mit
dem wissenschaftlich aufbereiteten Material aus der
Geschichte? Im Grunde nichts anderes als mit jeder
Information: Jemand macht eine Geschichte daraus. Doch
die Sache hat einen Haken. Die Frage ist nämlich, ob das
noch Wissenschaft ist und worin der Nutzen einer solchen
Geschichte besteht. Die Wissenschaftlichkeit des Umgangs
mit Geschichte liegt in der Angabe der Quellen und im
methodischen Umgang damit. Solange es sich also darum
handelt, die Quellen nach allen Regeln der Kunst
aufzubereiten und vorzustellen, was vor allem in
wissenschaftlichen Aufsätzen und Editionen geschieht,
ist das Weltbild der strengen Wissenschaft noch in
Ordnung. Dabei wird aber keine Geschichte erzählt.
Was tut man, wenn man versucht, eine Geschichte zu erzählen?
Man hat ja nur, in Form der aus den Quellen gewonnenen
Informationen, sozusagen Trittsteine in einem sehr trüben
Wasser. Diese versucht man zu einem gangbaren Weg zu
verbinden. Dabei behilft man sich mit einem Repertoire an
sinnvollen Vergleichen. Ist schon auf dem Weg in die
methodische Interpretation sehr viel von der Lebenswelt
des Wissenschaftlers eingeflossen, so bleibt ihm jetzt
nichts anderes übrig, als von seinem Motivationshorizont
auszugehen. Am fairsten wäre es, wenn man nicht eine
geschichtliche Begebenheit beschriebe, sondern die
Begegnung eines gegenwärtigen Menschen mit dem, was von
dieser historischen Begebenheit übriggeblieben ist. So
machen es manche auch, aber das ist eine andere
Geschichte. Der Journalist Dieter Kuhn beginnt zum
Beispiel sein wohlrecherchiertes und auch recht
erfolgreiches Buch über den spätmittelalterlichen
Dichter Oswald von Wolkenstein mit der Schilderung seiner
ersten Fahrt in dessen Heimat nach Südtirol und
berichtet immer wieder von den Eindrücken, die er aus
den Quellen empfängt. Er schreibt also keine Biographie
im konventionellen Sinn, sondern schildert eine Annäherung.
So bleiben Subjektivität des Autors und Objektivität
der Informationsmittel erhalten, und die Leser(innen)
sind als Dritte eingeladen, ihren Standpunkt einzunehmen.
An diesem Verfahren könnten sich die Fachpersonen ein
Beispiel nehmen.
Geschichte(n) zu erzählen ist unverzichtbar. Erst wenn
man versucht, ein Weltbild zu gestalten, bemerkt man so
richtig die vielen weißen Flecken, die bleiben, weil wir
keine guten Quellen dafür bei der Hand haben. Es ist wie
ein noch sehr unfertiges Puzzle und fordert dazu auf, mit
detektivischem Scharfsinn weitere Elemente, die passen könnten,
zu suchen. Die vorliegenden Quellen werden neu befragt,
neue Quellen werden gesucht. Somit kann von der
historischen Darstellung eine wichtige Befruchtung der
historischen Forschung ausgehen. So gesehen ist also die
historische Darstellung ein Versuchsmodell, eine Art
Prototyp. Es gibt auch in der Technik Versuchsmodelle,
die niemals zu einer Serienreife gelangen. Dennoch
erwartet die Öffentlichkeit, irgendwann einmal etwas
Brauchbares zu bekommen.
Jede Art von Geschichte, die wissenschaftliche wie die
alltägliche, die längst vergangene wie die fast noch
gegenwärtige, mündet in Geschichten, welche die
Menschen einander erzählen. Wie weit auch immer sie in
die Vergangenheit zurückreichen mögen sie sind
das Ergebnis eines ständigen Dialogs zwischen
Vergangenheit und Gegenwart. Beide, Vergangenheit und
Gegenwart, sind sozusagen ihre Eltern, und die
Geschichten tragen Erbgut von beiden in sich.
Wenn sich jemand auf solche Geschichten beruft, um damit
Rechte in der Gegenwart zu begründen, sollte man die
Person höflich anhören, denn ganz aus der Luft
gegriffen sind sie ja nicht. Aber und wie so oft ist das
Naheliegendste das Entscheidende, hic Rhodos, hic salta,
hier ist Rhodos und hier springe. Erzählt wird die
Geschichte hier und jetzt, d.h., und das sei wiederholt,
auch die Entscheidung fällt hier und jetzt, wo auch die
ihr vorausgehende Argumentation stattfindet, zu der
Geschichte beitragen kann.
Man kann eine Geschichte immer von mehreren Seiten her
erzählen, und niemand kann objektiv entscheiden, welche
die richtige ist. Ein Delegieren, ein Abschieben
politischer Entscheidungen auf die Vergangenheit ist
nicht möglich. Daher wird z.B. bei Nationalitätenkonflikten,
in denen fast nur mit Hilfe der Vergangenheit
argumentiert wird, zuletzt immer das Los der Waffen
entscheiden, wenn nicht rechtzeitig Vernunft einkehrt. In
Anbetracht der schrecklichen Ereignisse, zu deren
Rechtfertigung die Geschichte in diesem Jahrhundert immer
wieder herangezogen wurde, und zwar von seinem Anfang bis
zu seinem Ende, mag der moralisierende Ton dieses
Abschnittes verzeihlich sein.
Im ganzen sollte diese kleine Abhandlung aber vor allem
zeigen, wie alltäglich der Umgang mit Geschichte ist.
Dort, wo es um Argumente für Entscheidungen geht, ist
der Umgang mit Geschichte, auch der wissenschaftliche (aber
nicht nur dieser allein), von vielfältigem Nutzen. Dort,
wo Geschichte benützt werden soll, Entscheidungen der
Gegenwart zu verhindern, wird sie prostituiert und muß
sich verweigern.
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