Karl Brunner
Vom Nutzen der Historie
 



Können wir aus der Geschichte lernen? Um diese Frage beantworten zu können, muß zunächst geklärt werden, was Geschichte überhaupt ist. Neben der Befragung historischer Quellen und Berichte bedarf es der Informationskritik, der Würdigung anderer Sichtweisen und Weltbilder sowie des Aufzeigens von Alternativen. Das Wissen um Phänomene der Vergangenheit hilft, die Zustände der Gegenwart zu prüfen. Es ist hingegen nicht die Aufgabe der Historiker(innen), Entscheidungen zu treffen. Diese fallen in der jeweils gegenwärtigen Gesellschaft jenseits der wissenschaftlichen Disziplinen.

Wenn gebildete Leute entdecken, daß sich Historiker(innen) unter ihnen befinden, kommt es häufig zur Diskussion, ob Menschen aus Geschichte lernten oder nicht. Meist fällt die Antwort negativ aus, und die Historiker(innen) befinden sich in Beweisnot. Der beklagenswerte Zustand der Welt scheint Kritikern recht zu geben.
Die beste Abwehrtaktik in einer solchen Situation ist traditionell eine Gegenfrage: Warum ist Geschichte dann in unserer Gesellschaft so allgegenwärtig? Politiker machen in ihren Reden Ausflüge in die Geschichte, Ausstellungen mit historischen Themen werden von hunderttausenden Menschen besucht, Bücher mit historischen Inhalten sind höchst beliebt, ein erheblicher Teil des Fremdenverkehrs verkauft Vergangenheit. Das schrecklichste Zeugnis für die Wirksamkeit von Geschichte ist, daß Menschen einander wegen geschichtlich begründeter Ansprüche töten.
Strategisch weiter führt eine andere Argumentation: Es sollte ein Einvernehmen darüber hergestellt werden, was man unter "Lernen" versteht: Es gibt nämlich kein Lernen ohne vergangene Erfahrungen, eigene oder fremde, auch solche, von denen wir nur indirekt – durch eine schriftliche Gebrauchsanweisung etwa – Kunde erlangen. Damit wären wir aber wieder bei der Geschichte. Menschen mögen wenig aus ihr lernen, aber es gibt kein Lernen ohne sie. Es geht gar nicht um die Frage, ob wir aus Geschichte lernen, sondern darum, wie Geschichte beschaffen sein muß, damit wir aus ihr lernen können.

Elemente der Geschichte

Was aber wäre dann Geschichte? Wohl nicht ganz das, was in den Schulbüchern steht und die meisten Menschen nicht besonders überzeugt. Viele Geschichtewerke enthalten nur Geschichten führender Gruppen. Vielleicht, weil sie sich immer noch an einem Leitprinzip orientieren, das es schon in der Antike gab: Geschichte bestehe aus den Taten tapferer Menschen, soweit sie der Erinnerung würdig seien. Wir kennen das Gerede vom "historischen Augenblick", der bei Feierlichkeiten gerne beschworen wird. Manche kennen auch den chinesischen Wunsch: Mögest Du keine interessanten Zeiten erleben.
Die Geschichte der Herrscher, Helden und Stars hat sicher einen gewissen Unterhaltungswert. Ihr Nutzen in gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen ist gering. Wen wundert es, daß Menschen aus dem, was Geschichtebücher anbieten, nicht "lernen" können? Die meisten werden kaum in die Lage kommen, weitreichende politische Entscheidungen treffen zu müssen. Wo bleibt "unsere" Geschichte? Ist das nur eine Geschichte von Opfern? Bestünde nicht mehr Hoffnung auf Lerneffekte, wenn man erführe, wie sich einfache Menschen in den Fährnissen der Zeiten bewährten?
So zu antworten wäre eine Art Gambit; das ist ein Schachzug, bei dem man durch ein Opfer – in diesem Fall, zuzugeben, daß oft die falsche Geschichte betrieben wird – letztlich doch gewinnt, nämlich die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen.
Dann könnte man einen Schritt weiter gehen und die Frage noch einmal stellen, diesmal ein wenig trockener: Woraus besteht überhaupt Geschichte? Im Grunde nur aus dem, was von der Geschichte erzählt werden kann; mehr wissen wir nicht. In aller Deutlichkeit: Gegenstand der Geschichte also ist nicht das Geschehen selbst – darüber nachzudenken, überlassen wir Historiker(innen) gerne Theologen oder Philosophen –, sondern das, was vom vergangenen Geschehen auf uns zukommt; in Form von Erinnerungen, Nachrichten und Überresten. Sie sind die Quellen unseres Wissens.

Die historischen Quellen

Die Quellen machen viel Arbeit, und das ist die wichtigste Arbeit der Historiker(innen). Alles, was Menschen produzieren, kann Aufschluß geben über ihr Tun, sofern etwas davon übrig bleibt: dingliche Überreste, ob Kunst oder Alltagsgerät, oder sprachliche, ob Rechenzettel oder Chronik. Es liegt auch an uns, welche Geschichte unsere Nachwelt haben wird: Welche Quellen hinterlassen wir ihr? Werden Historiker(innen) der Zukunft eine Chance haben, unsere Gegenwart in ihrer Vielfalt zu begreifen, oder werden sie wieder nur die Hinterlassenschaften der Herrschenden vorfinden?
Dingliche Quellen gelten zu Recht als besonders objektiv, aber sie reden nicht und sind daher manchmal schwieriger zu interpretieren. Ein Teil der Dinge muß erst unter großem Aufwand von Archäologen geborgen werden. Alle Dinge werden in zwei Richtungen befragt: nach Funktion und Repräsentation. Kein Haus ist nur eine Maschine zum Wohnen, es drückt auch den Formwillen des Bauherrn aus und die Bedingungen, ihn umzusetzen. Die großen wie die kleinen Dinge sind nicht nur Quellen für Tätigkeiten, sondern auch für die Mentalität derer, die sich ihrer bedienen.
Menschen reden viel, und manchmal schreibt jemand etwas davon nieder. Es ist leicht vorstellbar, daß ein Chronist von sich selbst viel einbringt: in seiner Auswahl, in seinem Umgang mit der Sprache, aus der Absicht, die der Bericht verfolgt usw. Dasselbe gilt für jede Person, die sich mit seinem Bericht auseinandersetzt. Es beginnt damit ein unendlicher Dialog: An den Bericht werden Fragen gestellt, und er kann Antworten geben, die neue Fragen auslösen.
Das ist, neben der technischen Aufbereitung der Quellen, die zweite Ebene der Arbeit von Historiker(innen). Die Fragen haben sehr viel mit der Lebenswelt und den Absichten des jeweiligen Fragestellers zu tun. Das beeinflußt den Charakter der Informationen, die man auf diese Weise gewinnen kann. Historiker(innen) haben ganze Fachdisziplinen – die sogenannten Hilfswissenschaften – für die methodische Bearbeitung der Quellenkritik eingerichtet. Sie gehen damit so ähnlich um wie Naturwissenschaftler, die nicht nur die Meßergebnisse kennen, sondern auch wissen müssen, wie die Geräte beschaffen sind, mit deren Hilfe sie gewonnen wurden. Das ist das wissenschaftliche Handwerk.
Geschichtswissenschaft macht nichts anderes, als was auch jeder im Alltag tut oder tun sollte. Sie macht es nur methodisch genauer und nach festgesetzten und vereinbarten Regeln. Zweck eines methodischen Vorgehens ist, daß jede Person mit Hilfe des vorliegenden Materials die Schlüsse der Kollegen kritisch beurteilen kann, ja imstande ist, neue Zusammenhänge herzustellen. Erst Kritik setzt Freiheit.

Der Nutzen der Historie in der Entscheidungsgesellschaft

Mit Geschichte überlegt umzugehen heißt, etwas einzuüben, das im Alltag einer Informationsgesellschaft unverzichtbar ist: Informationskritik. Das ist ein Nutzen der Geschichte – und nicht ihr geringster. Es wird, in der Schule wie im Alltag, viel zu wenig davon Gebrauch gemacht. Niemand kann zwar in jedem einzelnen Fall die angebotenen Informationen genau überprüfen, aber man kann versuchen, Anhaltspunkte für ihre Vertrauenswürdigkeit zu finden. Sich zu vergewissern, wie die Informationsmöglichkeiten eines Berichterstatters aussehen, und zu prüfen, wie er damit umgeht, ist ein nützliches Verhalten – nicht nur für Historiker(innen).
Der weitaus größte Teil der überlieferten Texte ist nicht dazu gedacht gewesen, Geschichte zu schreiben. Die Vorstellung von einem linearen Zeitablauf ist menschheitsgeschichtlich relativ jung und hängt eng mit der jüdisch-christlichen Tradition zusammen. Die Mythen anderer Religionen haben ganz andere Weltbilder geschaffen. Wollen wir heute solche Texte interpretieren, müssen wir uns mit z.T. sehr fremden Positionen auseinandersetzen. Wir werden die Eigenart solcher Weltbilder in unserem Verständnishorizont niemals völlig ausschöpfen können. Statt, wie im Zeitalter des Kolonialismus, sie für wertlos zu erklären, werden wir ihnen mit dem gleichen Respekt begegnen, den wir von anderen für unser Weltbild verlangen. Denn daß dieses nicht die einzige Sichtweise darstellt, wäre eine zweite wichtige Lehre der Geschichte, zugegebenermaßen noch weniger wahrgenommen als die Informationskritik.
Beim Nutzen der Historie geht es selten darum, vergangene Phänomene direkt in die Gegenwart zu übertragen, sondern daß wir, durch die Geschichte aufmerksam gemacht, die Zustände der Gegenwart neu befragen. Wir sehen z.B., wie sich die programmatischen Äußerungen von Herrschenden oft von ihren wirklichen Taten unterscheiden. Wir werden daher solche programmatische Äußerungen in der Gegenwart genauer unter die Lupe nehmen. Was wir auf diese Weise aus der Geschichte lernen, ist eine spezielle Form von Anwendung: Wir gewinnen keine Rezepte, sondern Fragestellungen, mit deren Hilfe wir die uns entgegentretenden Phänomene differenzierter betrachten können. Diese dritte ist vielleicht die wichtigste Ebene, auf der der Umgang mit Geschichte wichtig sein kann.
Eine auf die Geschichte gestützte Prognose ist aufgrund der großen Zahl der möglichen Faktoren ungefähr so zuverlässig wie der Wetterbericht. Eine Aussage wie "das kann nie funktionieren, wenn man bestimmte Faktoren vernachlässigt" ist sicher leichter zu treffen als die Aussage "so wird es kommen". Grundsätzlich ist es die an der Geschichte geübte Faktorenanalyse, die von Nutzen ist. Sie behauptet nicht, daß die gleichen Faktoren auch für die Gegenwart zutreffen müßten, aber sie macht darauf aufmerksam, daß derartige Faktoren schon einmal eine Rolle gespielt haben und daß es sinnvoll ist, sich diese genauer anzusehen.
Es ist im Grund das gleiche Verfahren, wie Kinder von ihren Eltern lernen oder lernen könnten. Sie werden bei den wichtigen Entscheidungen ihres Lebens alleine sein. Sie werden nicht in den gleichen Situationen wie die Eltern stehen; sie werden sich möglicherweise ganz anders, vielleicht sogar gegenteilig verhalten. Aber ihre Situation wird vergleichbar sein, und zum Vergleich gehören Ähnlichkeit und Differenz. Was sie hoffentlich gelernt haben, ist, eine konkrete Situation nach den ihr innewohnenden Möglichkeiten zu befragen. Die Fragen kann man mitnehmen, die Antworten wird man selbst geben müssen.
Es ist häufig die Rede davon, daß man mit Hilfe der Geschichte die Gegenwart besser verstünde. Gemeint sind dabei allerdings in der Regel nicht die bisher genannten Methoden, die auf einem strukturellen Vergleich beruhen, sondern es wird eher die unmittelbare Frage nach den Wurzeln und nach der Entstehung gegenwärtiger Zustände ins Auge gefaßt. Dementsprechend wird der Erziehungswert der Zeitgeschichte besonders hoch geschätzt.
Ohne diesen zu bezweifeln, wird man dennoch vor allzu naiver Anwendung Bedenken anmelden müssen. Auch für sehr nahe beisammenliegende Entscheidungsabläufe gilt grundsätzlich das Gesetz der Unwiederholbarkeit. Auf der anderen Seite entsteht nur allzu leicht der Eindruck, "es" hätte so und nicht anders kommen müssen. Eine solche "Analyse" kann zur Rechtfertigung gegenwärtiger Zustände herangezogen werden und liegt unter Umständen nur allzusehr im Interesse der Herrschenden. Ist das vielleicht der Grund für die Beliebtheit der Zeitgeschichte bei Politikern, abgesehen davon, daß sie hoffen, darin vorzukommen?
Ein emanzipatorischer Umgang mit Geschichte hingegen lebt vom Aufzeigen von Alternativen. Das kann selbstverständlich richtig verstandene Zeitgeschichte auch leisten. Man sollte sie dabei aber nicht alleine lassen, sondern durch die Begegnung mit der Fremdheit anderer Kulturen unterstützen.

Das historische Argument

Kaum jemand, der andere überzeugen will, kommt ohne historische Beispiele aus. Politiker begründen Ansprüche, als ob sie aus der Vergangenheit ableitbar wären. Predigten enthalten Beispiele, wie sich Menschen in der Vergangenheit richtig oder falsch verhalten hätten. Philosophen beschreiben Systeme, indem sie sie aus dem Handeln vergangener Menschen ableiten. Die alltägliche Kommunikation ist voll von Bildern aus der Vergangenheit. Das sogenannte historische Argument ist aus der menschlichen Ausdrucksweise nicht wegzudenken. Wenn jemand ein historisches Argument benützt, so kann das für das Verständnis seiner Absichten sehr vorteilhaft sein, die Verbindlichkeit seiner Aussagen kann er daraus keinesfalls ableiten. Unzählige Gebietsansprüche sind historisch begründet worden, Leid und Krieg sind deswegen geschehen. Entscheidungen werden in der Gegenwart nicht von Historiker(innen) getroffen.

Die geschichtliche Darstellung

Was geschieht nun mit dem wissenschaftlich aufbereiteten Material aus der Geschichte? Im Grunde nichts anderes als mit jeder Information: Jemand macht eine Geschichte daraus. Doch die Sache hat einen Haken. Die Frage ist nämlich, ob das noch Wissenschaft ist und worin der Nutzen einer solchen Geschichte besteht. Die Wissenschaftlichkeit des Umgangs mit Geschichte liegt in der Angabe der Quellen und im methodischen Umgang damit. Solange es sich also darum handelt, die Quellen nach allen Regeln der Kunst aufzubereiten und vorzustellen, was vor allem in wissenschaftlichen Aufsätzen und Editionen geschieht, ist das Weltbild der strengen Wissenschaft noch in Ordnung. Dabei wird aber keine Geschichte erzählt.
Was tut man, wenn man versucht, eine Geschichte zu erzählen? Man hat ja nur, in Form der aus den Quellen gewonnenen Informationen, sozusagen Trittsteine in einem sehr trüben Wasser. Diese versucht man zu einem gangbaren Weg zu verbinden. Dabei behilft man sich mit einem Repertoire an sinnvollen Vergleichen. Ist schon auf dem Weg in die methodische Interpretation sehr viel von der Lebenswelt des Wissenschaftlers eingeflossen, so bleibt ihm jetzt nichts anderes übrig, als von seinem Motivationshorizont auszugehen. Am fairsten wäre es, wenn man nicht eine geschichtliche Begebenheit beschriebe, sondern die Begegnung eines gegenwärtigen Menschen mit dem, was von dieser historischen Begebenheit übriggeblieben ist. So machen es manche auch, aber das ist eine andere Geschichte. Der Journalist Dieter Kuhn beginnt zum Beispiel sein wohlrecherchiertes und auch recht erfolgreiches Buch über den spätmittelalterlichen Dichter Oswald von Wolkenstein mit der Schilderung seiner ersten Fahrt in dessen Heimat nach Südtirol und berichtet immer wieder von den Eindrücken, die er aus den Quellen empfängt. Er schreibt also keine Biographie im konventionellen Sinn, sondern schildert eine Annäherung. So bleiben Subjektivität des Autors und Objektivität der Informationsmittel erhalten, und die Leser(innen) sind als Dritte eingeladen, ihren Standpunkt einzunehmen. An diesem Verfahren könnten sich die Fachpersonen ein Beispiel nehmen.
Geschichte(n) zu erzählen ist unverzichtbar. Erst wenn man versucht, ein Weltbild zu gestalten, bemerkt man so richtig die vielen weißen Flecken, die bleiben, weil wir keine guten Quellen dafür bei der Hand haben. Es ist wie ein noch sehr unfertiges Puzzle und fordert dazu auf, mit detektivischem Scharfsinn weitere Elemente, die passen könnten, zu suchen. Die vorliegenden Quellen werden neu befragt, neue Quellen werden gesucht. Somit kann von der historischen Darstellung eine wichtige Befruchtung der historischen Forschung ausgehen. So gesehen ist also die historische Darstellung ein Versuchsmodell, eine Art Prototyp. Es gibt auch in der Technik Versuchsmodelle, die niemals zu einer Serienreife gelangen. Dennoch erwartet die Öffentlichkeit, irgendwann einmal etwas Brauchbares zu bekommen.
Jede Art von Geschichte, die wissenschaftliche wie die alltägliche, die längst vergangene wie die fast noch gegenwärtige, mündet in Geschichten, welche die Menschen einander erzählen. Wie weit auch immer sie in die Vergangenheit zurückreichen mögen – sie sind das Ergebnis eines ständigen Dialogs zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Beide, Vergangenheit und Gegenwart, sind sozusagen ihre Eltern, und die Geschichten tragen Erbgut von beiden in sich.
Wenn sich jemand auf solche Geschichten beruft, um damit Rechte in der Gegenwart zu begründen, sollte man die Person höflich anhören, denn ganz aus der Luft gegriffen sind sie ja nicht. Aber und wie so oft ist das Naheliegendste das Entscheidende, hic Rhodos, hic salta, hier ist Rhodos und hier springe. Erzählt wird die Geschichte hier und jetzt, d.h., und das sei wiederholt, auch die Entscheidung fällt hier und jetzt, wo auch die ihr vorausgehende Argumentation stattfindet, zu der Geschichte beitragen kann.
Man kann eine Geschichte immer von mehreren Seiten her erzählen, und niemand kann objektiv entscheiden, welche die richtige ist. Ein Delegieren, ein Abschieben politischer Entscheidungen auf die Vergangenheit ist nicht möglich. Daher wird z.B. bei Nationalitätenkonflikten, in denen fast nur mit Hilfe der Vergangenheit argumentiert wird, zuletzt immer das Los der Waffen entscheiden, wenn nicht rechtzeitig Vernunft einkehrt. In Anbetracht der schrecklichen Ereignisse, zu deren Rechtfertigung die Geschichte in diesem Jahrhundert immer wieder herangezogen wurde, und zwar von seinem Anfang bis zu seinem Ende, mag der moralisierende Ton dieses Abschnittes verzeihlich sein.
Im ganzen sollte diese kleine Abhandlung aber vor allem zeigen, wie alltäglich der Umgang mit Geschichte ist. Dort, wo es um Argumente für Entscheidungen geht, ist der Umgang mit Geschichte, auch der wissenschaftliche (aber nicht nur dieser allein), von vielfältigem Nutzen. Dort, wo Geschichte benützt werden soll, Entscheidungen der Gegenwart zu verhindern, wird sie prostituiert und muß sich verweigern.


   

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