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Thomas Macho Landschaften der Zukunft |
Die Idee der Landschaft ist modern: Sie gehört nicht zu den Universalien der Wahrnehmung von Natur. Am 26. April 1336 - das Datum spielt keine Rolle, es wurde mutmaßlich ebenso erfunden wie der gesamte Bericht von den Ereignissen, die sich an ihm zugetragen haben sollen - bestieg Francesco Petrarca den Mont Ventoux, um auf dem Gipfel folgende Entdeckungen zu machen: erstens die Entdeckung, daß der Rundblick weniger Details offenbart, als Erwartungen und Landkarten verheißen, sowie zweitens die Entdeckung, daß ein mitgebrachtes Taschenbuch den Genuß an der freien Aussicht allemal in den Schatten stellt. An seinen Freund, Francesco Dionigi de Robertis aus Borgo San Sepolcro in der Toskana - einen frühen Humanisten, Augustinermönch, Professor für Theologie und Philosophie an der Pariser Sorbonne -, schrieb Petrarca in "Die Besteigung des Mont Ventoux": "Der Grenzwall der gallischen Lande und Spaniens, der Kamm der Pyrenäen, ist von dort nicht zu sehen, nicht weil, soviel ich weiß, irgendein Hindernis dazwischenträte, nein, allein infolge der Schwäche der menschlichen Sehkraft. Die Berge der Provinz von Lyon hingegen zur Rechten, zur Linken sogar der Golf von Marseille und der, der an Aigues-Mortes brandet, waren ganz deutlich zu sehen, obwohl dies alles einige Tagereisen entfernt ist. Die Rhône lag geradezu unter meinen Augen." Bekanntlich genoß der Poet den Ausblick nicht lange, sondern vertiefte sich rasch in die auf den Berggipfel mitgenommenen "Confessiones" des Kirchenvaters Augustinus. "Während ich dies eins ums andre bestaunte und bald an Irdischem Geschmack fand, bald nach dem Beispiel des Körpers die Seele zu Höherem erhob, kam ich auf den Gedanken, in das Buch der Bekenntnisse des Augustinus hineinzuschauen, eine Gabe, die ich Deiner Wertschätzung verdanke. Ich bewahre es auf zur Erinnerung an den Verfasser wie an den Geber und habe es stets zur Hand: ein faustgroßes Werklein, von winzigstem Format, aber voll unendlicher Süße." Dort entdeckte er sogleich den moralischen Einspruch gegen das ästhetische Vergnügen am Blick auf die Landschaft: "Und es gehen die Menschen hin, zu bewundern die Höhen der Berge und die gewaltigen Fluten des Meeres und das Fließen der breitesten Ströme und des Ozeans Umlauf und die Kreisbahnen der Gestirne - und verlassen dabei sich selbst." Die moderne Entdeckung der Landschaft - darin sind sich die Kommentatoren dieser berühmten Stelle (spätestens seit Joachim Ritter) einig - gelingt offenbar gerade im Einklang mit ihrer Kritik: ihrer Verwerfung zugunsten der Lektüre. Seither läßt sich trefflich darüber streiten, ob die Landschaften zuerst vor den Augen - oder in den Büchern, Reisebeschreibungen und Wanderführern aufzutauchen pflegten. Landschaften rekurrieren auf Medien: auf Schrift und Aufzeichnung, Gemälde und Panorama, Foto und Film. Wer weiß, vielleicht sind die Landschaften - in ihrem Anspruch auf ästhetische Totalisierung - gar keinem Blick, sondern dem Buchdruck und der Vermessungstechnik verpflichtet, der Kartographie, die bekanntlich erst seit der Neuzeit (und insbesondere seit den napoleonischen Kriegen) ihren unaufhaltsamen Aufschwung genommen hat. Nicht umsonst hat sich auch die Landschaftsmalerei erst in der Renaissance entwickelt - durchaus zur selben Zeit, in der die ersten Globen und exakteren Kartenwerke konstruiert wurden. Der Lektüre von Texten folgte die Lektüre von Karten- oder Landschaftsbildern. Aus der Beobachtung solcher Zusammenhänge lassen sich Argumente gegen die verbreitete kulturkritische Klage über den Verlust "wirklicher" zugunsten "imaginärer" Landschaften gewinnen. Landschaften sind ebenso "real" wie ihre kulturellen Repräsentationen auf den Routen durch Internet und Cyberspace, IMAX-Kino oder Touristikkatalog. Wer kennt sie denn nicht, die Empfindung des "kitschigen" Sonnenuntergangs oder der "postkartengerechten Bergkulisse"? Wer wurde noch nie von dem Gefühl "beschlichen", das Meer vor den Augen könne gar nicht "wahr" sein, ebenso wie umgekehrt die Vulkanhügel auf der kanarischen Insel Lanzarote, die gelegentlich an schlichte Schotterhalden erinnern? Landschaften waren stets schon kulturelle Projekte. Die ersten "Skulpturengärten" wurden im Barock angelegt, etwa im berühmten Wald von Bomarzo nördlich von Rom; die ersten "Themenparks" entstanden im Umkreis der Schlösser und Kaisersitze, gleichgültig, ob sie geometrisch geformte Bäume, die klassische Mythologie (von Sphinxen bis Heroen) oder mechanische Theater und Kunstwerke (wie etwa im Wasserschloß von Hellbrunn in Salzburg) zur Darstellung brachten. Auch die ersten "Jurassic Parks" wurden bereits im 18. Jahrhundert gegründet: in Gestalt fürstlicher Menagerien und zoologischer Gärten. Landschaften waren und sind Lesestoffe, Rauminstallationen avant la lettre, Filmstreifen, die sich lediglich an der Bestuhlung - nämlich von Auto- oder Kinositzen - unterscheiden lassen. Daraus ergibt sich immerhin eine mögliche Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Landschaften: Der Gestaltwandel neuer Landschaften wird wohl mit dem medialen Wandel korrespondieren, der die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts erfassen und prägen wird. Hinter diesen "schönen Aussichten" werden sich aber vielleicht jene Wüsten ausbreiten, von denen schon Marshall McLuhan in "Die magischen Kanäle" behauptete, "das Land" würde sich, "nach seiner Ausrichtung und Gestaltung durch Flugzeug, Straße und elektrische Informationsspeicherung, wieder stärker zur unwegsamen Nomadenlandschaft" zurückentwickeln, zu einer Landschaft, "die dem Rad vorausging".
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