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Eisenerz,
der Erzberg und sofort melden sich Fragen,
denn das Ende des Schürfens zeichnet sich ab: Was
dann? Welche Wege führen weiter? Willkommen in der
Bergbaufolgelandschaft? Auf einem bürgerschaftlichen
Markt der Chancen wurde nach Antworten
gesucht. Antworten freilich waren nicht zu finden,
Anfänge des Auswegs vielleicht.
"Wählet einen
goldenen Fuß, ein silbernes Herz oder einen eisernen
Hut! Das Gold währt nur kurze Zeit, das Silber nicht
lange; das Eisen jedoch soll ewig dauern. Wählet
nur!" Solches rief der Wassermann, jene seltsame
Menschengestalt mit dem schlüpfrigen Fischleib, behaust
in der Schlucht des Erzbachs, den Bergbewohnern zu, und
sie wählten: "Den eisernen Hut, ja, den wollen wir,
den zeig uns an!" Der Wassermann wies auf den
Erzberg: "Seht, dort steht er! Dort ist der Berg,
der euch Eisenmetall für eine Ewigkeit geben wird!"
So wurden die Bergbewohner zu Bergleuten.
Aus sagenhafter Vorzeit
reicht die Kunde von der Entdeckung des steirischen
Erzbergs, weltweit das größte bekannte Vorkommen von
karbonatischem Eisenerz, herein in unsere Zeit.
Vermutungen, daß bereits in der Römerzeit hier Erz
gebrochen worden sei, sind nicht sicher bestätigt. Ein
Schriftstück im Archiv der Stadt Steyr bekundet,
"das Erzbergwerk ist erfunden worden nach Christi
Geburt im 712 Jahr". Die Mühsal begann, das
Glück auf! und der Siegeszug der
Montantechnik. Und all die Jahrhunderte schlug auch die
Brandung der Geschichte an den Eisernen Berg,
denn stets war die Eisen- und Stahlindustrie ein
Seismograph wirtschaftlicher und religiöser
Entwicklungen. Erz, Macht, Religion, Kriege, sie gehören
zusammen.
Als 1945 das Land in Trümmern lag, kam Ironie der
Geschichte die österreichische Eisen- und
Stahlerzeugung ein letztes Mal in Konjunktur und die
Region Eisenerz zu wirtschaftlicher Blüte. Doch jetzt:
wirtschaftliche Blüte ist ein verlorenes
Wort. Man sagt robuster Wirtschaftspfad
(Finanzminister Edlinger im österreichischen Nationalrat
9.7.98) und Preisoffensive, großer Aufmarsch,
Hauptschlacht (Rewe-Chef Reischl im ORF 20.2.99).
Und der Bergbau in Eisenerz läuft aus, hat nicht mehr
Konjunktur. Eisenmetall für eine Ewigkeit? Jetzt, am
Ende der Ewigkeit, leuchtet das taube Gestein vom
eisernen Hut, irisierendes Rot, harte Halden.
Grenzwörter
In der österreichischen
Kulturlandschaftsforschung ist auch ein Scheinwerfer auf
Bergbaufolgelandschaften gerichtet, auf Landschaften, die
dem Bergbau folgen, dessen Folge sind. 1995 begann das
Forschungsprojekt Region Eisenerz, Perspektiven zur
Gestaltung und Nutzung von
Bergbaufolgelandschaften. Perspektiven, Gestaltung,
Nutzung dieser Titel kennzeichnet Fragen in zwei
Richtungen, die miteinander zu verflechten sind:
die erste Richtung interdisziplinäres Forschen:
Gemeinsam erforschen Wissenschafterinnen und
Wissenschafter aus unterschiedlichen Disziplinen die
Landschaft Eisenerz, ihre materiell-energetischen
Träger, ihre substantiellen und spirituellen Momente.
Die wissenschaftlichen Ergebnisse sollen die Spur
anzeigen für Gestaltungs- und Nutzungsmöglichkeiten.
die zweite Richtung Bürgerbeteiligung,
bürgerschaftlicher Dialog: Im Rahmen eines
Bürgerbeteiligungsverfahrens sollen Bürger und
Bürgerinnen der Region Gelegenheit erhalten, ihre
eigenen öffentlichen Angelegenheiten, die Gestaltung und
Nutzung ihrer Landschaft, gemeinsam zu erarbeiten, zu
beraten, zur Umsetzung zu bringen.
Auf die Frage, wie die
Verflechtung dieser beiden Arbeitsrichtungen tatsächlich
erfolgt, wie man ergebnisorientiertes Forschen (etwa die
montanarchäologische Erforschung der Halden des
Erzbergs) mit prozeßhafter Arbeit (etwa einem
Bürgerbeteiligungsverfahren Perspektiven für
Eisenerz) in einem Projekt verbindet, wissen
wir keine fertige Antwort. Es gibt keinen sicheren
Durchstich durch das graue Zwischenmilieu. Ein Stichwort
allerdings befestigt zumindest den Willen, dieses
Zwischen zu überwinden. Das Wort heißt
Verflechtungsdiskurs. Und ich gebe es lieber gleich zu:
Es ist nicht ein praktikables Rezept, es ist die Magie,
die dem Wort Verflechtungsdiskurs innewohnt und es hier
zu einem Hilfswort des wissenschaftlichen Willens macht.
Wie ist dieser Wille ausgerichtet: Er stellt den Glauben
an eine naturgegebene Autorität wissenschaftlicher
Expertise infrage und versucht, Formen der Begegnung von
Wissenschaft und Öffentlichkeit zu finden.
Wissenschafter und Wissenschafterinnen dürfen nicht
bloß Wissen verteilen, sie müssen den
Formgebungsprozeß zwischen Wissenschaft und
gesellschaftlicher Praxis moderieren.
Wir sind alle nur
"Ameisen der Deutung" sagt Botho Strauß. Wir
deuten und werden gedeutet. Wir deuten die Zustände,
Vorgänge, das Leben, uns selbst. Und wenn wir Glück
haben, kommt aus dem Deuten das Erkennen.
Erkennen bedeutet zu sehen, wie ein
bestimmter Zustand entsteht, welche Richtung er hat.
Erkennen ist auch schon infragestellen, ist ein Eingriff
in die Vorbilder der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Es
kommt darauf an, heißt es in Friedrich Dürrenmatts
Portrait eines Planeten, "die Erde zu
kultivieren, denn es gibt keinen anderen Ort für die
Menschheit". Was heißt kultivieren? Und
was heißt Ort und darauf
ankommen? Das Portrait ist eine
Konfrontation: Den Göttern wird eine Collage des
Erden-Durcheinanders vorgehalten, ein Unmaß von
gewöhnlichen, außergewöhnlichen, banalen, absurden
Szenen des Glücks, der Freude, der Trauer, des
Schmerzes, der Gewalt. Doch die Götter nehmen davon
nicht Notiz. Die Erde, uns Menschen so wichtig, unser
ZeitOrt, ist für die Götter bedeutungslos. An uns liegt
die Entscheidung: Welchen Kurs wollen wir nehmen?
Und wieder: Die Antwort überzeugt eher durch die Magie
der Begriffe, als durch deren Praktikabilität:
Nachhaltigkeit, soziale Verträglichkeit,
Interdisziplinarität, Bürgerbeteiligung. Grenzwörter
allesamt, stets in der Gefahr, über die Kante zu kippen:
- Nachhaltigkeit,
sustainable development, eine Art Sammelbegriff,
in dem 1987 von der Weltkommission für Umwelt
und Entwicklung gebündelt wurde, was zuvor an
Verträglichkeitspostulaten schon formuliert war:
Umwelt- und Raumverträglichkeit, Sozial- und
Zukunftsverträglichkeit. Ein
ökonomisch-ökologischer Imperativ zur
Jahrtausendwende. Handle so, daß auch
zukünftige Generationen noch (gute)
Lebensbedingungen vorfinden: menschliche
Eingriffe in natürliche Lebensprozesse
minimieren; mit Raum, Boden, natürlichen
Vorräten sparsam sein; natürliche Klangräume
schützen; aus der Natur nicht mehr herausnehmen,
als sich nachbildet; nicht mehr Schadstoffe
emittieren, als in den Umweltmedien (Boden,
Wasser, Luft) verarbeitet werden kann. Oft wird
die normative Betonung des Begriffs
Nachhaltigkeit als aufdringlich
kritisiert, dringlich ist sie allemal.
Soziale
Verträglichkeit, eine Chiffre für
langfristig gerechte Verteilung von Lasten und
Nutzen. Gesellschaftliches Leben ist
gekennzeichnet und immer auch bedrängt von
Verteilungskonflikten: wer hat den Nutzen, wer
trägt die Last, wie wird verteilt? Es gibt drei
Möglichkeiten: Erstens die Verteilung durch
Macht; meistens schweigend, einfach so, als
handle es sich um einen Naturvorgang. Plötzlich
ist hier die Last, dort der Nutzen. Zweitens die
Verteilung durch Lavieren; Last und Lust mit List
verteilen. Drittens die Verteilung durch
Aushandeln, durch bürgerschaftlichen Dialog.
Nicht vordergründige Akzeptanz soll erreicht
werden, sondern langfristiges Einverständnis.
Sozialverträglichkeit verlangt einen
kontinuierlichen aktiven Prozeß, in dem die
Widersprüche der Mitglieder einer Gesellschaft
so verhandelt werden, daß die Ergebnisse
langfristig als vernünftig und gerecht erfahren
werden. Nicht nur auf Gegenwärtiges ist
Sozialverträglichkeit gerichtet.
Zukunftsverträglichkeit ist ihr Wasserzeichen.
Das
Geheimnis der Begriffe Nachhaltigkeit und soziale
Verträglichkeit liegt in ihrer
Geräumigkeit. Wer wollte nicht nachhaltig
wirtschaften, nicht für verträglich gehalten
werden? Rettungsbegriffe mit Vieldeutigkeitssinn;
unschuldig, fast ein Mythos. In ihrer Sphäre hat
vieles Platz. Alles wird versöhnt, in Zukunft
sogar, wenn sich Gegensätze vertragen.
Wonnebegriff Verträglichkeit, Überlebensbegriff
Nachhaltigkeit. Anderseits inflationäre
Wortgebilde, mißbrauchsfähig zur Durchsetzung
von Sonderinteressen. Wörter im Dienst der
friedlichen Oberfläche?
- Interdisziplinarität
bedeutet Erkundung mit unterschiedlichem Blick.
Je komplexer ein Forschungsgegenstand, umso
notwendiger interdisziplinäres Forschen.
"In der Interdisziplinarität hört der
Gegenstand auf, etwas in Facetten Zerlegtes zu
sein; er gewinnt seine Identität, seine
Lebenswirklichkeit" (Benjamin Davy).
Anderseits
die Gefahr des Abrutschens: "Die moderne
Grenzenlosigkeit der Interdisziplinarität kann
in die Unverbindlichkeit führen ...
Wissenschaftliche Ganzheitlichkeit mir
graust vor ihr ... Es ist schon viel geholfen,
wenn wenigstens die Kooperation von zwei bis drei
Fachrichtungen gelingt mehr ist
Dilettantismus oder Gigantomanie" (Ulrich
von Alemann in DIE ZEIT 4.2.99).
Ganzheit, das Wort beschwört eine
Sehnsucht, von der wir wissen, daß sie sich
nicht erfüllt. Und es zitiert die Trauer unserer
Existenz, dieser vergeblichen Suche nach dem
besseren Zustand.
- Bürgerbeteiligung
bezeichnet die bürgerschaftliche Teilnahme an
Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen in
konflikthaltigen öffentlichen Angelegenheiten.
Für bestimmte Fälle ist eine solche Teilnahme formal,
durch Rechtsnormen, geregelt. Plebiszite gehören
hierher, aber auch verwaltungsrechtlich geregelte
Rechte, etwa zur Beteiligung als Partei in
Anlagenverfahren. Meistens wird jedoch mit
Bürgerbeteiligung eine informale
Mitwirkung an öffentlichen Angelegenheiten
bezeichnet. Einzweckbewegungen zum Beispiel
reagieren spontan auf Problemlagen, verschwinden
wieder, wenn das Problem gelöst ist, oder
formalisieren sich zu Vereinen, runden Tischen,
Verlagen undsoweiter. In der Regel ist es
angebracht, Bürgerbeteiligung professionell zu
stützen und, den Erfordernissen der
gegenständlichen Angelegenheit gemäß, eine
bewährte Beteiligungsform (Arbeitskreis,
Workshop, Netzwerk, Beirat ...) oder ein
erprobtes Beteiligungsmodell (Planungszelle,
Consensuskonferenz, Zukunftswerkstatt ...) zu
wählen.
Das
Instrument wird leicht zum Alibi. Mit
Bürgerbeteiligung ist nämlich nicht
gesagt, daß die Beteiligten tatsächlich etwas
bewirken. Beteiligung kann ja in
unterschiedlichen Graden erfolgen. Die Wirkung
läßt sich dosieren, niedrighalten: Information
(etwa in einer Bürgerversammlung) und
Bürgerbefragung sind Beteiligungen niedrigsten
Grades. Stellungnehmen-können wäre eine
höhergradige Beteiligung. Noch mehr wäre ein
moderierter bürgerschaftlicher Dialog, in den
etwa Entscheidungsträger eingebunden sind und
das Maß der Verbindlichkeit von
Diskussionsergebnissen vorweg vereinbart wird.
Schließlich die verbindliche bürgerschaftliche
Mitwirkung an der Entscheidung die
kernigste, aber seltenste Beteiligungsform, der
bürgerschaftliche Ernstfall. Und, o Sorge, im
Unterstrom der Vorgänge das alte und stets neue
Dilemma: Nur ein ohnmächtiger Bürger ist ein
geliebter Bürger. Ist es wahr, und ist es
wirklich so?
Gretchenfrage
"Zwischen dem Reden
und dem Handeln liegt das Meer" sagt ein Sprichwort.
In den Projektsitzungen Sitzen, Festsitzen
sind wir so klug, wissen genau, wie Bürgerbeteiligung
vorsichgeht geht, wie ein bürgerschaftlicher
Dialog verläuft läuft. Doch im Handeln, am Ort,
bei den Menschen, da ist alles anders. Zwischen Sitzen
und Laufen wird der Weg immer länger. Deshalb hier die
Gretchenfrage: konnten wir (wir, das ist hier das
Projektteam Soziale Ökologie/Bürgerbeteiligung: Gerhard
Kollmann, Maria Nicolini, Christian Ocenasek) im Projekt
Eisenerz, Bergbaufolgelandschaften einen
bürgerschaftlichen Dialog einrichten? was haben wir
gemacht? auf welche Weise? wo stehen wir jetzt?
Umfeldanalyse
"Bürgerbeteiligung
ist ein zartes Pflänzchen. Tritt man drauf, ist es
tot" (Erich Raith, TU Wien). In einem
interdisziplinären Forschungsvorhaben ist nicht nur die
erwähnte Verflechtung von (ergebnisorientierter)
Forschung und (prozeßhafter) bürgerschaftlicher Arbeit
schwierig. Der rauhe Wind weht draußen. Wer will uns?
Keiner hat uns gerufen. Da kommt jemand daher, den
niemand kennt, und möchte, daß sich Bürger und
Bürgerinnen an etwas beteiligen. Bauchladensyndrom
heißt das. Es hat in Eisenerz Geschichte. Eine Unmenge
von Vorschlägen, Projekten, Konzepten sind hier bereits
im Raum gestanden und liegen jetzt in Schubladen.
Verschollene Hoffnungen. Konzept ist hier ein
verbrauchtes Wort. Verbraucht ist der gesamte Vorgang:
jemand kommt daher, will irgendetwas machen,
macht ein Konzept, und nachher ist alles wie vorher.
In unserem
Forschungsvorhaben sollte das anders sein: Bürger und
Bürgerinnen der Region sollten an der Suche nach
Möglichkeiten der Gestaltung und Nutzung ihres
Lebensraumes mitwirken. Die Lage ist herausfordernd, denn
die Region ist im existentiellen Umbruch. Der Erzberg,
monopolisierter Leistungsträger, fällt sukzessive aus,
damit verliert das Territorium Tragfähigkeit. Einbuße
von Lebensqualität und Abwanderung sind die Folge. Wie
läßt sich der Zustand sanieren? Wie kann es
weitergehen? Fragen, die man ohne die betroffene
Bevölkerung nicht beantworten kann.
Wir überlegten, in welchem Rahmen und nach welchem
Modell die Beteiligung der Bürgerschaft erfolgen
könnte: Zukunftswerkstätten, Arbeitskreise, Eisenerzer
Seminare? Die Überlegungen brachten vorerst keine
Entscheidung für ein bestimmtes Modell, wohl aber
öffneten sie uns den Anfang, er heißt Umfeldanalyse.
Die Umfeldanalyse ist ein Erkundungsinstrument, das dazu
dient, Wissen über die Region zu erwerben, Eindrücke.
Erkunden ist vorallem gehen, hören, sehen, begegnen.
Unbekanntes beschreiten, das bedeutet, in eine Ordnung
eintreten, die man nicht kennt. Die fremde Ordnung mag
ganz alltäglich erscheinen, dennoch hat sie ihr
Geheimnis, das Verborgene, das es nur hier gibt.
Vorsichtiges Erkunden ist deshalb das
Leitwort, das auch schon den Unterschied gegenüber der
modischen Outing-Neugier, dem Voyeurismus, markiert.
Voyeurismus ist der Feind der Umfeldanalyse.
Neben dem Erkunden, das eher ein Habitus ist als eine
Aktivität, wurden (1996/97) Tiefeninterviews
durchgeführt. In einer ersten Serie waren fünfzehn
Bürgermeister, Repräsentanten kommunaler Verwaltung aus
der Großregion Eisenerzer Alpen, die Partner in
Einzelgesprächen. Für eine zweite Serie stellten sich
sieben weitere Persönlichkeiten aus der Gegend zur
Verfügung. Ein umfangreicher Leitfaden lag den
Gesprächen zugrunde, der auf folgende Fragen zielte:
- Abgrenzung: Was
kann als Projektregion gelten?
- Interessenslagen
und -gruppen: Wer hat was zu sagen, mit welchem
Gewicht?
- Handlungsbedarf: In
welchen kommunalen Angelegenheiten muß dringend
etwas geschehen?
- Kommunikation: Wie
werden Entscheidungen über öffentliche
Angelegenheiten getroffen?
- Bürgerbeteiligung:
Welche Formen der Beteiligung erscheinen in der
Region durchführbar? In welchen Angelegenheiten
scheint eine Motivation zur Beteiligung gegeben?
- Chancen für das
Projektteam: Finden wir als Außenstehende
Akzeptanz, wenn wir zu einem bürgerschaftlichen
Dialog einladen?
In einer Eisenerz-Klausur
(Juni 97) hielten wir Rückschau auf die
Umfeldanalyse und stellten die Ergebnisse
Gesprächspartnern und interessierten Persönlichkeiten
vor:
Als Projektgebiet kann die Kleinregion
Eisenerz gelten. Auf sie wird sich unsere weitere
Arbeit konzentrieren. Die Kleinregion umfaßt jene
Gemeinden, für die der Erzberg und seine Geschichte noch
eine identitätsstiftende Rolle spielen: Eisenerz,
Radmer, Hieflau und Vordernberg, Gemeinden, die auch in
der Regionalentwicklung kooperieren. Für diese bleibt
der Erzberg noch eine zeitlang bedeutsam. An die
zweitausend Hektar gehören zum Betriebseigentum, etwa
zweihundertsiebzig Arbeitsplätze erscheinen gesichert.
Das Schaubergwerk ist mit jährlich über sechzigtausend
Gästen die touristische Attraktion. Auch für die
Zukunft setzt man auf den Tourismus. Insgesamt zeigt die
Umfeldanalyse ein gebrochenes, hartes Bild der Region,
der Menschen und ihrer Hoffnungen. Hier einige verkürzte
Notate aus den Interviews:
Ohne Tourismus
wirds nicht gehen. Doch Tourismus allein läßt
sich nicht machen; das wäre wie bei einem Pferd mit
Scheuklappen: man übersieht wesentliche Faktoren, die
verhindern, daß man wieder in eine Monostruktur
schlittert.
Wir sind jetzt in Eisenerz siebentausend Einwohner, in
fünf, acht Jahren sind wir fünftausend. Ich brauche
dann keine Hauptschule mehr, brauche nicht überlegen,
wie ich sie renoviere, sondern, wie ich sie abreiße. Die
Infrastruktur läßt sich nicht mehr finanzieren;
Kindergärten, Schulen, Wohnungen, Straßen, der Kanal,
das Licht. Als Wohnsitzgemeinde wird Eisenerz zu teuer.
Die Infrastruktur, die für zwölftausend Leute ausgelegt
ist, muß von fünftausend Leuten erhalten werden.
Man kann aus einem
jahrhundertelang gewachsenen Industriegebiet nicht von
heut auf morgen eine Fremdenverkehrsregion machen. Die
Initiative beginnt im Kopf. Die Eisenerzer Bevölkerung
ist stolz und störrisch, der Horizont ist eigenartig auf
Fichten und Steine beschränkt. Der Erzberg ist nicht nur
das dominierende Landschaftselement, er ist der soziale
Dominanzfaktor. Ich vergleiche Eisenerz mit einem
Karnickel, das starr ist vor der Schlange, dem Erzberg.
Die Herren, das waren immer die Bergleute. So ist es
heute noch. Dazu das Betriebsrätedenken. Ganz Eisenerz
ist ein einziger Betriebsrat und ein seit fünfzig Jahren
subventionierter Betriebsrat. Das klingt lächerlich, ist
aber Realität. Der Bürgermeister ist ja auch ein
Betriebsrat ... der hat keine andere Denkmatrix ... Der
Betriebsrat der Voest-Alpine Erzberg GmbH hat zum
Beispiel das Recht, Wohnungen zu vergeben.
Wir rennen planlos in
den Keller und landen immer auf demselben Punkt: Ein
Generationswechsel muß stattfinden. Der Gemeinderat
orientiert sich an den Überfünfzigjährigen. Diese sind
ausschlaggebend für den Wahlausgang, und sie haben Geld.
Der Reichtum kommt aus der
Bergbaupensionierungsausschüttungshysterie. Die vielen
Frühpensionisten sind gesellschaftlich inaktiv. Diese
Generation muß gestorben sein, erst dann entsteht
Begeisterung für etwas Neues.
Ich bin sicher, daß
aus der Vielfalt kleiner Projekte ein flächendeckender
Teppich werden kann, aber man muß der jüngeren
Generation Mut machen. Anderseits haben viele Jugendliche
keinerlei Motivation, weg von Eisenerz ist
ihre Devise. Vielleicht geht es uns noch zu gut. Die
Region ist arm, aber die Leute, viele, sind reich. Ideen
wurden in der Geschichte immer erst geboren, wenn die Not
groß genug war. Die Not ist noch nicht groß genug.
Das Forschungsprojekt
stößt auf Wohlwollen. Es müßte sich hier in Eisenerz
länger mit Grundlagenforschung, mit psychologischen
Fragen befassen. Ein Ideenpartner sollte die Jugend sein.
Man könnte sie zu einer Art Ideenbörse einladen, aus
der sich eine Dynamik entwickelt. Gegenüber
Veränderungen bestehen Mißtrauen und Vorbehalte.
Waldbesitzer und Jägerschaft sträuben sich gegen
touristische Nutzungen, die Gastronomie hat
Qualitätsmängel. Wir müssen aus dem Dilettantismus
heraus. Professionelles Umsetzen der Ideen und
managementhaftes Vermarkten unserer Gegend sind
notwendig.
Markt der Chancen
Die Eisenerz-Klausur
galt auch der Vorschau: Was soll der Umfeldanalyse
folgen? Was könnte herausführen aus der
Verlustgeschichte der Region und ihrer Menschen? Manche,
jene, die von früher her noch Halt haben, wollen
verweilen, bleiben, wo sie sind. Die andern, die
Jüngeren, wollen weiter, die nachschleifenden Flügel
erheben, eine Spur finden und eine Sprache. "Ohne
Sprache irrt der Blick nur umher" (Peter Handke).
Schließlich, am Ende der Klausur, war ein Vorschlag für
die Weiterarbeit gefunden. Ein bürgerschaftlicher
Ideen-Markt soll abgehalten werden: anbieten und
nachfragen, herzeigen, betrachten, verhandeln. Regionale
Initiativen, Projekte, Aktivitäten sollten sich zusammen
mit unserem wissenschaftlichen Vorhaben öffentlich
präsentieren: gemeinsame Suche nach Möglichkeiten,
Perspektiven, Kooperationen auf einem Markt der
Chancen. Und sowieso: in einem festlich-vergnügten
großzügigen Rahmen und integriert in die Feiern zum
Fünfzigjahrjubiläum der Stadterhebung Eisenerz.
Wirklichkeit, Vision, Vernissage, Vergnügen,
Verköstigung die Vorgänge sollten osmotisch
sein.
Viele Vorbereitungen. Im
Mai 98 ein Markt-der-Chancen-Planungstag in Eisenerz und
die Konstituierung eines Organisationskomitees. Die
Planung erfolgt gemeinsam mit regionalen
Persönlichkeiten. Nur so kann das Vorhaben ein Ereignis
der örtlichen Bevölkerung werden. Das in Eisenerz
etablierte EU-Adapt-Projekt @mi-aftermining, das die
wirtschaftliche Umstrukturierung der Region unterstützen
soll, figuriert mit uns, dem Team
Kulturlandschaftsforschung, als Veranstalter. Die
örtlichen Vorbereitungen werden vorallem von Brigitte
Puchner, Projekt aftermining, besorgt: Postwurfsendungen
an die Haushalte, Fragebögen an Erwachsene und
Jugendliche, Einladungen und vieles mehr. Schirmgeber des
Marktes ist der Regionale Entwicklungsverband Eisenerz.
Schirm alias Geld. Ohne die Finanzierung durch den
Entwicklungsverband wäre der Markt nicht
zustandegekommen. Wir haben zu danken. Und, gewendet der
Spiegel, auch der Regionale Entwicklungsverband hat zu
danken, all denen nämlich, die den Markt zu einem Markt
der Chancen machten, ihm Kontur gaben, Inhalt und
Energie.
Am 29. Oktober 98 öffnet der Markt der Chancen seine
Pforten (Galerie Fedl, Eisenerz): Vernissage der
Projekt-Ausstellung, englischsprachige Aufführung der
Wassermannsage, Konzert und Kulinarium. Am
folgenden Tag unter dem Motto der nächste Schritt ist
immer fällig die eisenerzer Dialoge:
großer Gang durch den Markt mit
Präsentation zahlreicher Initiativen und Projekte
[Bergbaufolgelandschaften * @mi-aftermining * Forschungs-
und Innovationszentrum Eisenerz * Kupferverhüttung in
der Bronzezeit * Sommerakademie * Forschungspartner
Joanneum-Research * Nordisches Ausbildungszentrum *
Steirische Eisenstraße * Telekommunikation *
Telematikzentrum * Teleteaching * Telefonmarketing]
danach Diskussionsrunden zu den Themen: Energie aus
Biomasse, sanfter Tourismus, der Berg kommt in die Stadt,
gesundwerden in Eisenerz. Schließlich diskursive
Ausklänge und kulinarisches Verweilen.
Während sich die
Pforten des Marktes schließen, beginnt schon die
Nachlese. Entgegen pessimistischen Vorhersagen war der
Markt ein voller Erfolg. Viel Gespräch, Diskussion, gute
Stimmung, gutes Medien-Echo. Über dreihundert waren
gekommen, auch Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft,
Politik, vorallem auch Jugendliche, teils solche, die die
Ausbildung auswärts absolvieren und jetzt Neues
einbringen möchten. Die Erwartungen der Veranstalter
wurden übertroffen. Für uns als Projektteam stellen
sich natürlich Fragen:
- Konnte der Markt
der Chancen eine Wirkung entfalten bei der Suche
nach regionalen Perspektiven? Die Antwort ist ein
vorsichtiges Ja. "Ich wollte mich schon von
meiner Mitarbeit an der Entwicklung von Eisenerz
verabschieden. Der Markt der Chancen bringt diese
Absicht ins Wanken" (ein Unternehmer).
Immerhin, der Markt brachte Image und
Information, Erfahrungsaustausch und Vernetzung.
In einzelnen Vorhaben wurden Stolpersteine aus
dem Weg geräumt. Studenten und Studentinnen der
TU Graz bekundeten die Absicht, Projekte zu
verknüpfen (die Idee: neue Arbeitsplätze in
alter Bausubstanz). Und die Sommerakademie
Eisenerz wird im September 99 beginnen.
- Welche Schritte
folgen nun? In einer Umfrage bei den Mitwirkenden
soll erhoben werden, welche Impulse ihnen der
Markt gegeben hat. Jugendliche, die an der
Veranstaltung beteiligt waren, erhalten eine
Urkunde und ein Geschenk. Ein umfassender
Markt-Bericht wird erstellt und an alle
Mitwirkenden versandt. Der Öffentlichkeit werden
die Ergebnisse über die Medien mitgeteilt.
Die
Nachlese-Konferenz mit dem Regionalen
Entwicklungsverband (Februar 99) verläuft
kooperativ. Nächste Schritte zu vereinbaren
wäre verfrüht. Vorhaben müßten nun Kontur
gewinnen und an den Entwicklungsverband
herangetragen werden. Erst dann kann er (wieder)
unterstützend handeln. Eine weitere
Zusammenarbeit mit uns, die wir von außen
kommen, wird ausdrücklich gewünscht. Was mit
dem Markt der Chancen begonnen hat, sollte
fortgesetzt werden, denn der Markt sei "sehr
gut angekommen" und habe "auch im
Nachhinein große Wellen geschlagen".
- Ist es
gerechtfertigt, den Markt der Chancen mit dem
Begriff Bürgerbeteiligung zu etikettieren? Will
man mit Ja antworten, muß man
Bürgerbeteiligung weit fassen.
Zweifellos ist ein Markt nicht das, was wir
ursprünglich vorhatten, ein
Bürgerbeteiligungsverfahren. Ein Markt ist kein
bürgerschaftlicher Dialog mit kontinuierlicher
Schrittfolge, die professionell gestaltet und auf
die Mitwirkung in öffentlichen
Entscheidungsprozessen gerichtet ist. Die
schleppende Auftragsvergabe an unser Projektteam
und mangelnde Sicherheit der Finanzierung waren
der Grund, daß wir uns auf längerfristige
Vorhaben nicht einlassen konnten. Zu leicht
werden Erwartungen der Bürger und Bürgerinnen
enttäuscht, wenn man ein Beteiligungsverfahren
verspricht, ohne daß die Voraussetzungen dafür
gesichert sind. So sehr Events im Trend liegen,
sie sind nicht Bürgerbeteiligung. Wohl aber kann
dieser Markt der Chancen mit den Aktivitäten
drumherum als Kooperative von Bürgerschaft,
politischer Entscheidungselite und Wissenschaft
bezeichnet werden. Er ist eine Adaptierung des
Beteiligungsinstrumentariums an die gegebenen
Umstände, ein Baustein von Beteiligung. Das Feld
für gemeinsame Erfahrung, für Gespräche und
weitergehende Zusammenarbeit wurde, ein Stück
weit, aufbereitet. Andeutung bloß, oder Anfang?
Was nicht war, kann noch werden: ein
kontinuierlicher bürgerschaftlicher Dialog.
- Die Frage
zurückgewendet zu unserem Forschungsvorhaben
Bergbaufolgelandschaft Eisenerz: Das
Wort Landschaft blieb auf dem Markt eigenartig im
Hintergrund. War es bloß Folie für
Perspektiven, Platzhalter für ein Gefühl mit
dem Namen Heimat? Die regionalen Vorhaben mit
erheblicher Landschaftsberührung gemeint
sind die touristische Erschließung der
Eisenerzer Ramsau und die Errichtung eines
touristischen Leitbetriebs am Leopoldsteiner See
wollten sich nicht auf den Markt begeben.
Politische (Hinter)Gründe, unentschiedene
Kämpfe? Der Markt, so dicht er war, hatte seine
Leerstelle. Dort lag das Wissen um die
Möglichkeit des Scheiterns, und Illusionen lagen
dort und der morgige Rest. Und über allem stand
ein Wort, durchtönte den Markt wie ein Gong, zog
einen weg und weiter, hinein in Hoffnungen: Telekommunikation,
Telematikzentrum, Teleteaching, Telefonmarketing.
Tele, ein Kürzel für Ferne, in dem sich
die regionalen Umrisse verlieren. Wird es die
Region aus der Not ihrer Geschichte entlassen?
"Indem ich die Zukunft mit Erwartungen,
Anrufen, Forderungen belebe, verleihe ich der
Gegenwart eine Notwendigkeit" schrieb Simone
de Beauvoir an Sartre, und auf ein Plakat am
Ausgang des Marktes der Chancen schrieben
Jugendliche:
Eisenerz
ist schön
wer weiß das
i
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