![]() |
Gerhard
Strohmeier Schneelandschaften. Alltag, romantische Bilder und politische Ladungen |
![]() Zurück zur iff-oe-homepage |
Am 24. Februar 1999 verschüttete eine Lawine Teile von Galtür im Paznauntal. Wochenlang war die Katastrophe Mittelpunkt weltweiten Medieninteresses. Die "Schneehölle" von Paznaun, so hieß es, bereite dem "Schneeparadies Tirol" ein plötzliches Ende. In die "Après-Ski"-Parties, in das Gelächter bei Glühwein, "Jagatee", in ein "Jux-Rennen" donnerte die Lawine, eine Schneemenge, die tausende Güterwaggons füllen würde. In der seit Jahren anhaltenden Diskussion, daß Österreichs Winter in Zukunft der Schnee ausgehen werde, trat eine momentane Wendung ein: Nicht Schneemangel, sondern zuviel Schnee war plötzlich das Problem. Was sich hier ankündigte, waren extreme klimatische Bedingungen, die uns wissenschaftliche Studien über Klimaveränderungen voraussagen. Der Schnee, eine zentrale Ressource des österreichischen Wintertourismus, wurde plötzlich wieder zur Naturgewalt. Die ökonomische Nutzung
des Schnees im Wintertourismus ist durch ästhetische
Bild- und Vorstellungswelten vermittelt, die Schnee ganz
anders konzipieren, eben nicht als Naturgewalt, sondern
als Element sportlichen und ästhetischen Vergnügens.
Ich will versuchen, einige Aspekte dieser Vorstellungen
vom Schnee, einige der mit der Faszination Schisport
verbundenen Ästhetisierungen und Ideologisierungen
darzustellen und damit beispielhaft eine kulturelle
Konstruktion von Landschaften, hier der
"tiefverschneiten Gebirgslandschaft",
nachzuzeichnen. Ich folge damit den theoretischen
Grundlagen der "Raumbilder", die im Projekt
"Kulturlandschaft im Kopf"* die
gesellschaftliche Konstruktion der Wahrnehmung von
Landschaft aufzeigen, in der Landschaften mit kulturellen
und politischen Werthaltungen aufgeladen werden. Schnee: Gefahr und Alltag Bis ins 19. Jahrhundert
war die Vorstellung von Schnee keine sehr angenehme.
Texte, Bilder und überlieferte Mythen der Kulturen West-
und Nordeuropas weisen darauf hin, daß Schnee eine grobe
Erschwernis im Leben der Menschen bedeutete. Als Element
des Winters gehörte Schnee zum Leben in der
Jahreszeitenordnung. Schnee und Kälte wurden mit dem Tod
assoziiert, mit Absterben und Erstarren. Redewendungen
weisen uns darauf ebenso hin wie Märchen und Mythen vom
Schnee. Wir haben für die
Rekonstruktion historischer Wahrnehmung von Schnee in
Europa nicht viele Hinweise. Wo wir sie finden, haben sie
zumeist mit der Erwähnung von Bergen zu tun, von
Paßübergängen, bei denen der Schnee eine große Rolle
spielte. Hier haben sie von den antiken Berichten
der Überschreitung der Alpen durch Hannibal über
Berichte von Pilgerreisen, die über Gebirge führten,
bis zu den ersten Bergberichten der Neuzeit in
erster Linie die Gefährlichkeit und allgemeine
Scheußlichkeit der Berge zum Gegenstand. Sie zeichnen
ein Bild des Schnees als gefährliches, zuweilen
lebensbedrohendes Hindernis. Beispielhaft dafür die
Beschreibung einer Pilgerfahrt über die Alpen aus dem
Jahr 1484 und ein Bericht Joseph Kyselaks von seiner
Wanderung durch Österreich 1825: Wir finden in diesen
Beschreibungen einander ähnliche Wahrnehmungsweisen des
Schnees. Die Reisen, Pilgerreise und Wanderfahrt, waren
Ausnahmen in einem für die Menschen der frühen Neuzeit
räumlich sehr engen Leben. Nur ein kleiner Teil der
Bevölkerung war unterwegs und von diesem wiederum nur
ein kleiner Teil über große Strecken und im Winter.
Schnee zwang die Menschen, in ihren Behausungen zu
bleiben, blockierte Kommunikation und Verkehr, erforderte
Vorratshaltung, Achtsamkeit im Wärmehaushalt und
beschränkte Arbeit und Tätigkeit auf die im Haus zu
verrichtenden Angelegenheiten. Zuviel Schnee, der lange
Zeit liegenblieb, bedrohte das Leben von Menschen und
Pflanzen; Lawinen gefährdeten Wege und Siedlungen. Ästhetik des Schnees und Faszination der Katastrophe Im 19. Jahrhundert faßte eine andere Wahrnehmung der Natur, der Berge und des Schnees in der Gesellschaft der alpinen Regionen Fuß, und zwar zuerst in der Stadt, im städtischen Bürgertum. Das romantische Gefühl, einer großartigen, erhabenen Natur gegenüberzustehen, wurde in der Kunst, vor allem in der Literatur und der Malerei, verbreitet. Durch die neu entstandenen medialen Möglichkeiten, durch verbesserte Drucktechniken sowie weitverbreitete Zeitungen und Zeitschriften konnte das romantische Naturgefühl zu einem dominanten gesellschaftlichen Motiv werden. Ein Beispiel für die Annäherung an die romantische Erfahrung des Schnees ist die Novelle "Bergkristall" von Adalbert Stifter aus dem Jahr 1853. In ihr ist die Widersprüchlichkeit deutlich, die in der romantischen Konstruktion des Schnees zu beobachten ist: die Gleichzeitigkeit der Gefährlichkeit und der Schönheit des Schnees. Die Erzählung breitet vor uns das Abenteuer zweier Kinder in alpiner Bergwelt aus. Am Weihnachtsabend wandern zwei Geschwister, ein Knabe und seine jüngere Schwester, über einen Paß in ein Dorf und besuchen ihre Großmutter. Auf dem Heimweg kommen sie vom Pfad ab: "Die hinter ihnen liegenden Fußstapfen waren jetzt nicht mehr zu sehen; denn die ungemeine Fülle des herabfallenden Schnees deckte sie bald zu, daß sie verschwanden." Sie geraten in ein Gebirge und verlieren die Orientierung: "Aber es war rings um sie nichts als das blendende Weiß, das aber selber nur einen immer kleineren Kreis um sie zog und dann in einen lichten, streifenweise niederfallenden Nebel überging, der jedes Weitere verzehrte und verhüllte und zuletzt nichts anderes war als der unersättlich niederfallende Schnee." Bis in die Gletscherregion dringen die Kinder vor: "Es war Eis lauter Eis. Es lagen Platten da, die mit Schnee bedeckt waren, an deren beiden Seitenwänden aber das glatte grünliche Eis sichtbar war, es lagen Hügel da, die wie zusammengeschobener Schaum aussahen, an deren Seiten es aber matt nach einwärts flimmerte und glänzte, als wären Balken und Stangen von Edelsteinen durcheinandergeworfen worden ..." Die Kinder "waren winzigkleine Punkte in diesen ungeheuern Stücken". Sie überleben das unfreiwillige weihnachtliche Abenteuer im Eis, indem sie die Nacht in einer Höhle verbringen und am nächsten Tag in der Morgensonne absteigen: "Eine riesige blutrote Scheibe erhob sich an dem Schneesaume in den Himmel, und in dem Augenblicke errötete der Schnee um die Kinder, als wäre er mit Millionen Rosen überstreut worden." Ein Suchtrupp entdeckt die Kinder und bringt sie über die steilen Schneefelder, auf denen sie herumgeirrt waren, ins Tal. Die romantische
Erzählung eines Weihnachtswunders zeigt neben und in der
Gefahr, die den Menschen von Eis und Schnee droht, deren
Schönheit. Das Eis wird mit Edelsteinen verglichen, der
Schnee, zuvor "unersättlich fallend", errötet
im Morgenlicht wie "mit Millionen Rosen
überstreut". Etwas später als Thoreau, aber mit durchgehend positiver Zuwendung zum Schnee tritt John Muir, der Gründer des "Sierra Club", für die Wildnis und ihre Bewahrung und damit auch für den Schnee ein. Seine ersten Schriften wurden um 1869 veröffentlicht, zeitgleich mit der ersten transkontinentalen Schienenverbindung. Muir: "When the first heavy storms stopped work on the high mountains, I made haste down to my Yosemite den, not to hole up and sleep the white months away; I was out every day, and often all night, sleeping but little, studying the so-called wonders and common things ever on show, wading, climbing, sauntering among the blessed storms and calms, ... rejoicing ... the glorious brightness of frosty mornings, the sunbeams pouring over the white domes, ... the good-night alpen-glow." Seine Darstellung der Lawinen steht im Kontrast zur Angst der Siedler, die auf dem Weg in den Westen die Rocky Mountains durchqueren mußten. "After snowstorms come avalanches, varying greatly in form, size, behaviour and in the songs they sing ... Most delightful it is to stand in the middle of Yosemite on still clear mornings after snowstorms and watch the throng of avalanches as they come down, rejoicing, to their places, whispering, thrilling like birds, or booming and roaring like thunder." Mehrere Momente lösen die Begeisterung für Natur, Wildnis und auch für den Schnee selbst in Gestalt von Lawinen aus. Es sind gesellschaftliche Entwicklungen, die einen immer größeren Teil der Bevölkerung an den bürgerlich romantischen Naturerfahrungen teilnehmen lassen. Es sind technologische Möglichkeiten, die einerseits durch mediale Verbreitung der Bildwelten von verschneiten Landschaften (etwa der Ansichtskarten), andererseits durch die Ausweitung des Verkehrsmittels Eisenbahn und, beginnend, durch das Automobil die Erreichbarkeit der Berge auch im Winter sicherstellen. Die winterliche Eisenbahnreise durch die Rocky Mountains wird zum ästhetischen Vergnügen; umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen, Lawinenverbauten und Tunnels sichern die Fahrt durch den Schnee und die distanzierte Beobachtung in der Landschaft. Die Männlichkeit und die Weißheit des Schnees In Europa fällt die Zuwendung zum alpinen Winter ebenfalls in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Alpinvereine werden gebildet, eine "Gründerzeit" bei den Alpinhütten setzt ein. Die Mitgliederzahlen beim Alpenverein boomen: 1869 (!) wurde er mit 702 Mitgliedern gegründet, 1880 hatte er 8.753, 1890 bereits 24.068, zur Jahrhundertwende 47.401 Mitglieder. Die alpinen Vereine wurden zu wichtigen Organisationen, durch die die winterliche Landschaft für Wahrnehmung und Bild erschlossen wurde. Ihre Zeitschrift wurde zentrales Bildmedium für die romantische und sportliche Konstruktion alpiner Landschaftsvorstellungen. Bereits um die Jahrhundertwende wurden Alpinhütten oft wie große Hotels ausgebaut und da und dort (vor allem im Gebiet SemmeringRaxSchneeberg) auch den Winter hindurch offengehalten. Der Schilauf begann von einer Pionierleistung einiger Alpinisten zu einer Modebewegung zu werden. Die kulturelle Konstruktion setzte sich durch, das Raumbild tief verschneiter (Postkarten-) Landschaften zog Millionen Menschen in seinen Bann. Mit der kulturellen
Konstruktion des schönen Schnees werden auch
ideologische und politische Momente verbreitet. Die
Schönheit der Natur, ihre Ursprünglichkeit, kann gerade
auch anhand des Schnees die Ästhetik und Natürlichkeit
gesellschaftlicher Vorstellungen vermitteln. Männliche
und rassistische Chauvinismen sind wichtige Elemente der
kulturellen Vorstellungswelten westlicher Gesellschaften
zum Schnee. Ein Artikel im "Bergsteiger", der
Alpenvereins-Zeitschrift, zu "Bergsteigen als
Ausdruck des nordischen Wesens" macht auch klar, wer
die urgermanische Lust auf Berge, auf Schnee und Eis hat:
Es ist der Mann! "Herrgott, was sind wir doch für
Kerle!" jubeln die Männerherzen im Firnglanz der
Alpen (Bildunterschrift einer frühen Fotografie von
Gipfelstürmern im "Bergsteiger" 1938/39). In der Literatur zur
Geschichte des Schilaufs wird immer wieder auf die
besondere Bedeutung der Südfronten des Ersten Weltkriegs
verwiesen. Die Dolomiten- und die Isonzo-Front machten
Gletscher und Firnhänge zum Kriegsschauplatz. Soldaten
wurden zu Bergsteigern und Schiläufern: Die
Gebirgsjäger waren jene Truppenteile, die die Erkundung
und Erschließung der Gelände vornahmen. Aber nicht nur
ihnen wird die Weiterentwicklung alpiner Schitechnik
zugeschrieben. Die ersten großen Schischulen
allen voran die Arlberg-Schischule von Hannes Schneider
entstanden nach dem Ersten Weltkrieg, nachdem aber
bereits 1901 am Arlberg der erste "Skiclub"
gegründet worden war. Die ersten Schilehrerausbildungen
wurden durchgeführt: Sie waren Männern vorbehalten;
erst 1940 fand der erste Kurs für weibliche
"Lehrwarte" statt. Das erotisch-sexistische Moment des Schilaufs, seine männliche Konnotation wird nicht nur in den vielen Redewendungen von Schilehrern und "Bergfexen" deutlich, wo vom "jungfräulichen Schnee" bis zum "Schnee-Entjungfern" die Rede war und ist (auch im Amerikanischen: "seaming the virgin face of a mountain"), sondern es findet sich als Sujet in den vielfältigsten Bildern von Werbung. Die nackte Männerbrust mit den an der Hose festgemachten Gletscherbrillen in der Tiroler Landeswerbung kann dafür ebenso Beispiel sein wie ein Werbebild (für Wintersportbekleidung), das zwei Schifahrer in einen "jungfräulichen" Hang, der auf das Bild einer Frau montiert ist, Spuren ziehen läßt (siehe Foto auf der nächsten Seite). Militarismus und Männlichkeit sind historisch zwei nicht unwesentliche kulturelle Voraussetzungen, die über den Schilauf mit der kulturellen Vorstellungswelt des Schnees verbunden sind. Daß aber auch Rassismus an der kulturellen Konstruktion unseres Bildes vom Schnee beteiligt ist, ist zunächst nicht so naheliegend. Unter dem Titel "Die unerträgliche Weißheit des Schnees" entwarf Annie G. Coleman eine kulturelle Kritik des Schilaufs als Kritik rassistischer Denkstrukturen. Die US-amerikanische Bild- und Vorstellungswelt des Schilaufs ist sehr eng mit der Konstruktion einer europäischen Ethnizität verbunden. "Glitz, glamour and powder snow" sind mit der Vorstellung der Alpen und alpiner Schizentren verbunden. Vail beispielsweise, aber auch Aspen sind bis in den Baustil der Lodges europäisch und im engeren Sinn alpin geprägt. Averill Harriman, der mit Sun Valley eines der größten amerikanischen Schi-Zentren aufbaute, wird bei Coleman zitiert: "It has occured to me, that some say there will be established a ski center in the mountains here, of the same character as in the Swiss and Austrian Alps." Die Vorstellungswelt der alpinen Landschaft, ihrer Hänge, Hütten und Bergstationen wird auch sozial wirksam. Die österreichischen Schilehrer mit ihrem "charming accent" sind erste, die von ihnen ausgebildeten amerikanischen Schilehrer zweite Wahl. Aboriginal Americans (Indianer), Hispanics (Amerikaner lateinamerikanischer Abstammung) oder Afro-Amerikaner sind als Schilehrer unvorstellbar. Die amerikanische Schi-Industrie wirbt mit blonden, blauäugigen Menschen; die amerikanischen Schipisten sind noch immer Inseln einer ungebrochenen ethnischen Segregation. Schnee war nicht immer Faszinosum und ist auch heute nicht für alle Menschen ein positiv wahrgenommenes Element von Landschaften. Die Wahrnehmung von Schnee, der über der Landschaft liegt, ist gewebt aus vielfältigen kulturellen und politischen Fäden, die gesellschaftliche Interessen gesponnen haben. Indem Menschen den so hergestellten Wahrnehmungsmustern folgen, bestätigen und stabilisieren sie sie. Sie erlangen jedoch nicht nur in den Köpfen der Menschen Bedeutung, als Vorstellungen und Bilder, sondern sie wirken auf die Motive der Menschen. Ohne sie wären die "Schi-Arenen", die "Erlebniswelten" in den Alpen, wäre die Wintersportindustrie nicht denkbar.
|
||