Gerhard Strohmeier
Schneelandschaften.
Alltag, romantische Bilder und politische Ladungen

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Die Bedeutung des Schnees für die Menschen änderte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts radikal. War Schnee bis dahin noch durchwegs etwas Unangenehmes, Bedrohliches, wurde er durch die Darstellung in der Dichtung und in Medien sowie mit dem Aufkommen neuer technologischer Errungenschaften – vor allem im Bereich der Verkehrsmittel – zunehmend zum Faszinosum. Zusätzlich zur kulturellen Konstruktion wurde der "schöne Schnee" Element für männlichen und rassistischen Chauvinismus, später ideologisch vom Nationalsozialismus vereinnahmt. Nicht zuletzt hat er bis heute eine dominante sexistische Konnotation im modernen Schitourismus.

Am 24. Februar 1999 verschüttete eine Lawine Teile von Galtür im Paznauntal. Wochenlang war die Katastrophe Mittelpunkt weltweiten Medieninteresses. Die "Schneehölle" von Paznaun, so hieß es, bereite dem "Schneeparadies Tirol" ein plötzliches Ende. In die "Après-Ski"-Parties, in das Gelächter bei Glühwein, "Jagatee", in ein "Jux-Rennen" donnerte die Lawine, eine Schneemenge, die tausende Güterwaggons füllen würde. In der seit Jahren anhaltenden Diskussion, daß Österreichs Winter in Zukunft der Schnee ausgehen werde, trat eine momentane Wendung ein: Nicht Schneemangel, sondern zuviel Schnee war plötzlich das Problem. Was sich hier ankündigte, waren extreme klimatische Bedingungen, die uns wissenschaftliche Studien über Klimaveränderungen voraussagen. Der Schnee, eine zentrale Ressource des österreichischen Wintertourismus, wurde plötzlich wieder zur Naturgewalt.

Die ökonomische Nutzung des Schnees im Wintertourismus ist durch ästhetische Bild- und Vorstellungswelten vermittelt, die Schnee ganz anders konzipieren, eben nicht als Naturgewalt, sondern als Element sportlichen und ästhetischen Vergnügens. Ich will versuchen, einige Aspekte dieser Vorstellungen vom Schnee, einige der mit der Faszination Schisport verbundenen Ästhetisierungen und Ideologisierungen darzustellen und damit beispielhaft eine kulturelle Konstruktion von Landschaften, hier der "tiefverschneiten Gebirgslandschaft", nachzuzeichnen. Ich folge damit den theoretischen Grundlagen der "Raumbilder", die im Projekt "Kulturlandschaft im Kopf"* die gesellschaftliche Konstruktion der Wahrnehmung von Landschaft aufzeigen, in der Landschaften mit kulturellen und politischen Werthaltungen aufgeladen werden.
Im vorliegenden Beitrag sind einige Ergebnisse meiner Arbeit an diesem Thema zusammengefaßt, die in Diskussionen mit Mart Stewart, Western Washington University, viele Anregungen erhalten hat.

Schnee: Gefahr und Alltag

Bis ins 19. Jahrhundert war die Vorstellung von Schnee keine sehr angenehme. Texte, Bilder und überlieferte Mythen der Kulturen West- und Nordeuropas weisen darauf hin, daß Schnee eine grobe Erschwernis im Leben der Menschen bedeutete. Als Element des Winters gehörte Schnee zum Leben in der Jahreszeitenordnung. Schnee und Kälte wurden mit dem Tod assoziiert, mit Absterben und Erstarren. Redewendungen weisen uns darauf ebenso hin wie Märchen und Mythen vom Schnee.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, da und dort auch schon etwas früher, änderte sich dieses Verhältnis radikal. Schnee wurde in lyrischer Dichtung dargestellt, von Malern in Bildern festgehalten. Aus der Plage des Winters begann die Vorstellung der "weißen Pracht", des "herrlichen Pulverschnees" zu entstehen, die den Schnee zur Ressource machte. Was an dieser heute für die meisten Menschen unserer Kultur selbstverständlichen positiven Einstellung zum Schnee erstaunt, ist nicht nur die durchgehende Verbreitung dieses Wahrnehmungsmusters – nur wenige Menschen fügen sich nicht in dieses Muster ein –, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der sich die Veränderung der Wahrnehmung von Schnee vollzog. Sie geschah in einem Zeitraum von etwa 50 Jahren: Für die Enkel war die Begeisterung für Schnee und Eis, über die die Großväter noch den Kopf schüttelten, bereits selbstverständlich.

Wir haben für die Rekonstruktion historischer Wahrnehmung von Schnee in Europa nicht viele Hinweise. Wo wir sie finden, haben sie zumeist mit der Erwähnung von Bergen zu tun, von Paßübergängen, bei denen der Schnee eine große Rolle spielte. Hier haben sie – von den antiken Berichten der Überschreitung der Alpen durch Hannibal über Berichte von Pilgerreisen, die über Gebirge führten, bis zu den ersten Bergberichten der Neuzeit – in erster Linie die Gefährlichkeit und allgemeine Scheußlichkeit der Berge zum Gegenstand. Sie zeichnen ein Bild des Schnees als gefährliches, zuweilen lebensbedrohendes Hindernis. Beispielhaft dafür die Beschreibung einer Pilgerfahrt über die Alpen aus dem Jahr 1484 und ein Bericht Joseph Kyselaks von seiner Wanderung durch Österreich 1825:
"[Wir kamen] in ein sehr arges Gebiet, wo wir auf den Pferden bis zum Leibe in den Schnee einsanken, und wer abstieg, wurde bis zum Rücken voll Schnee. Denn der Schnee war nur auf der Oberfläche ein bißchen durch die Kälte erhärtet, so daß die Pferde bald mit dem einen, bald mit dem anderen, bald mit den vorderen, bald mit den hinteren Füßen einbrachen, daher kam es mit den Pferden zu einer solchen Schinderei, daß wir nicht mehr hofften, sie anders als krumm oder sonst unbrauchbar zu erhalten. Wir waren sicher in größter Gefahr und alles, was ich bis zu dieser Bedrängnis durchgemacht hatte, schien mir eine Kleinigkeit zu sein" (Felix Faber, 1484).
"Das beständige Durcharbeiten im Schnee, die ängstliche Sorge, in demselben abglitschend zu erfallen, oder auf immer begraben zu werden, brachte mich dermassen in Schweiß, daß ich bei geringstem Stillstande todt umzusinken fürchtete" (Joseph Kyselak, 1825).

Wir finden in diesen Beschreibungen einander ähnliche Wahrnehmungsweisen des Schnees. Die Reisen, Pilgerreise und Wanderfahrt, waren Ausnahmen in einem für die Menschen der frühen Neuzeit räumlich sehr engen Leben. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung war unterwegs und von diesem wiederum nur ein kleiner Teil über große Strecken und im Winter. Schnee zwang die Menschen, in ihren Behausungen zu bleiben, blockierte Kommunikation und Verkehr, erforderte Vorratshaltung, Achtsamkeit im Wärmehaushalt und beschränkte Arbeit und Tätigkeit auf die im Haus zu verrichtenden Angelegenheiten. Zuviel Schnee, der lange Zeit liegenblieb, bedrohte das Leben von Menschen und Pflanzen; Lawinen gefährdeten Wege und Siedlungen.
Die kulturellen Formbildungen bestanden nicht nur in der Verarbeitung der Bedrohung durch Schnee, sondern auch in der Integration in die kollektiven Handlungsformen: Das Leben wurde nach innen hin ausgerichtet, die Hausarbeit wurde intensiviert und die Bewegung auf ein geringeres Maß reduziert. Schnee wurde da und dort auch genutzt: für die Jagd, um die Fährten des Wildes leichter aufspüren zu können, zu vereinfachtem Lastentransport mittels Schlitten oder durch das Ausnützen des Gleiteffekts, der dem Schnee eigen ist, etwa beim Transport von Baumstämmen. Er war Wasserspeicher und Pflanzenschutz in langen Frostperioden, sodaß, wenn Schnee ausblieb, auch dies eine Bedrohung darstellen konnte. Als Wasserspeicher ermöglichte Schnee neben der guten Durchfeuchtung des Bodens auch die "Schwemme", den Abtransport von Holz aus höhergelegenen Gebieten zu den großen Flüssen, die zur Zeit der Schneeschmelze, der höchsten Wasserführung, vorgenommen wurde. In der bäuerlichen Alltagskultur alpiner Regionen wurde die Jahreszeitenordnung bis in das 20. Jahrhundert hinein aufrechterhalten und mit ihr auch die Wahrnehmung des Schnees als Element des Jahreszeitenzyklus, dem Menschen naturhaft als Teil seines Schicksals auferlegt.

Ästhetik des Schnees und Faszination der Katastrophe

Im 19. Jahrhundert faßte eine andere Wahrnehmung der Natur, der Berge und des Schnees in der Gesellschaft der alpinen Regionen Fuß, und zwar zuerst in der Stadt, im städtischen Bürgertum. Das romantische Gefühl, einer großartigen, erhabenen Natur gegenüberzustehen, wurde in der Kunst, vor allem in der Literatur und der Malerei, verbreitet. Durch die neu entstandenen medialen Möglichkeiten, durch verbesserte Drucktechniken sowie weitverbreitete Zeitungen und Zeitschriften konnte das romantische Naturgefühl zu einem dominanten gesellschaftlichen Motiv werden.

Ein Beispiel für die Annäherung an die romantische Erfahrung des Schnees ist die Novelle "Bergkristall" von Adalbert Stifter aus dem Jahr 1853. In ihr ist die Widersprüchlichkeit deutlich, die in der romantischen Konstruktion des Schnees zu beobachten ist: die Gleichzeitigkeit der Gefährlichkeit und der Schönheit des Schnees. Die Erzählung breitet vor uns das Abenteuer zweier Kinder in alpiner Bergwelt aus. Am Weihnachtsabend wandern zwei Geschwister, ein Knabe und seine jüngere Schwester, über einen Paß in ein Dorf und besuchen ihre Großmutter. Auf dem Heimweg kommen sie vom Pfad ab: "Die hinter ihnen liegenden Fußstapfen waren jetzt nicht mehr zu sehen; denn die ungemeine Fülle des herabfallenden Schnees deckte sie bald zu, daß sie verschwanden." Sie geraten in ein Gebirge und verlieren die Orientierung: "Aber es war rings um sie nichts als das blendende Weiß, das aber selber nur einen immer kleineren Kreis um sie zog und dann in einen lichten, streifenweise niederfallenden Nebel überging, der jedes Weitere verzehrte und verhüllte und zuletzt nichts anderes war als der unersättlich niederfallende Schnee." Bis in die Gletscherregion dringen die Kinder vor: "Es war Eis – lauter Eis. Es lagen Platten da, die mit Schnee bedeckt waren, an deren beiden Seitenwänden aber das glatte grünliche Eis sichtbar war, es lagen Hügel da, die wie zusammengeschobener Schaum aussahen, an deren Seiten es aber matt nach einwärts flimmerte und glänzte, als wären Balken und Stangen von Edelsteinen durcheinandergeworfen worden ..." Die Kinder "waren winzigkleine Punkte in diesen ungeheuern Stücken". Sie überleben das unfreiwillige weihnachtliche Abenteuer im Eis, indem sie die Nacht in einer Höhle verbringen und am nächsten Tag in der Morgensonne absteigen: "Eine riesige blutrote Scheibe erhob sich an dem Schneesaume in den Himmel, und in dem Augenblicke errötete der Schnee um die Kinder, als wäre er mit Millionen Rosen überstreut worden." Ein Suchtrupp entdeckt die Kinder und bringt sie über die steilen Schneefelder, auf denen sie herumgeirrt waren, ins Tal.

Die romantische Erzählung eines Weihnachtswunders zeigt neben und in der Gefahr, die den Menschen von Eis und Schnee droht, deren Schönheit. Das Eis wird mit Edelsteinen verglichen, der Schnee, zuvor "unersättlich fallend", errötet im Morgenlicht wie "mit Millionen Rosen überstreut".
An Stifter können wir den Übergang von traditionellen Wahrnehmungsmustern, in denen der Schnee in die Lebensvollzüge von Menschen eingeordnet wurde, neben all seinen Erschwernissen aber auch da und dort Erleichterungen gesehen wurden, zu einer romantischen Ästhetisierung des Schnees nachvollziehen. Der Mensch befindet sich in der romantischen Wahrnehmungsweise nicht mehr in der Schneelandschaft, sie ist nicht mehr sein harter Alltag des Winters, sondern er tritt aus ihr heraus, stellt sich beobachtend in Distanz zu ihr: Menschen werden als "... winzigkleine Punkte ..." in der erhabenen Landschaft wahrgenommen.
Eine mehr als zufällige Parallele finden wir – ebenfalls Mitte des 19. Jahrhunderts – in der ästhetischen Zuwendung zur Wildnis in Nordamerika. Während noch um 1800 die "Letters From an American Farmer" von Hector St. John de Crevecœur große Popularität erreichen und die erstrebenswerte Beziehung zwischen Mensch und Natur in der landwirtschaftlichen Zähmung der Wildnis darlegen, finden sich bereits um 1850 ganz andere Bewertungen der Wildnis. Sie wird vor allem von Henry David Thoreau als Natur beschrieben, die den Menschen sein "richtiges, natürliches Sein" lehrt. Auch der Schnee fällt darunter. In den Schriften der Eroberung des nordamerikanischen Kontinents im 18. Jahrhundert und auch noch in den Berichten der Lewis & Clark-Expedition 1803 bis 1809 sind Schnee und Eis unüberwindbare Hindernisse und Gefahren auf dem Weg in den Westen; der Winter wird in Winterlagern und im "Halbschlaf" des Überwinterns erduldet. Blizzards in den Ebenen und Lawinen in den Rocky Mountains werden in abschreckenden Berichten an die bereits dicht besiedelte Ostküste als Beispiele der gefährlichen Landschaft des Westens berichtet. Crevecœur meinte, daß – vor allem wegen des vielen Schnees und der langen Winter – die Great Lakes Region erst in Jahrhunderten besiedelt werden könnte. Deutlich hebt sich davon die heitere Betrachtung des Schnees bei Thoreau ab, der über den Winter schreibt: "Ich hielt einige lustige Schneestürme aus und verbrachte manch gemütlichen Winterabend bei meinem Kaminfeuer, während draußen die Schneeflocken einen wilden Tanz aufführten." Schneestürme sind dabei immer noch etwas, das er aushalten muß, gleichzeitig verdienen sie aber bereits das Attribut "lustig".

Etwas später als Thoreau, aber mit durchgehend positiver Zuwendung zum Schnee tritt John Muir, der Gründer des "Sierra Club", für die Wildnis und ihre Bewahrung und damit auch für den Schnee ein. Seine ersten Schriften wurden um 1869 veröffentlicht, zeitgleich mit der ersten transkontinentalen Schienenverbindung. Muir: "When the first heavy storms stopped work on the high mountains, I made haste down to my Yosemite den, not to ‘hole up’ and sleep the white months away; I was out every day, and often all night, sleeping but little, studying the so-called wonders and common things ever on show, wading, climbing, sauntering among the blessed storms and calms, ... rejoicing ... the glorious brightness of frosty mornings, the sunbeams pouring over the white domes, ... the good-night alpen-glow." Seine Darstellung der Lawinen steht im Kontrast zur Angst der Siedler, die auf dem Weg in den Westen die Rocky Mountains durchqueren mußten. "After snowstorms come avalanches, varying greatly in form, size, behaviour and in the songs they sing ... Most delightful it is to stand in the middle of Yosemite on still clear mornings after snowstorms and watch the throng of avalanches as they come down, rejoicing, to their places, whispering, thrilling like birds, or booming and roaring like thunder."

Mehrere Momente lösen die Begeisterung für Natur, Wildnis und auch für den Schnee – selbst in Gestalt von Lawinen – aus. Es sind gesellschaftliche Entwicklungen, die einen immer größeren Teil der Bevölkerung an den bürgerlich romantischen Naturerfahrungen teilnehmen lassen. Es sind technologische Möglichkeiten, die – einerseits durch mediale Verbreitung der Bildwelten von verschneiten Landschaften (etwa der Ansichtskarten), andererseits durch die Ausweitung des Verkehrsmittels Eisenbahn und, beginnend, durch das Automobil – die Erreichbarkeit der Berge auch im Winter sicherstellen. Die winterliche Eisenbahnreise durch die Rocky Mountains wird zum ästhetischen Vergnügen; umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen, Lawinenverbauten und Tunnels sichern die Fahrt durch den Schnee und die distanzierte Beobachtung in der Landschaft.

Die Männlichkeit und die Weißheit des Schnees

In Europa fällt die Zuwendung zum alpinen Winter ebenfalls in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Alpinvereine werden gebildet, eine "Gründerzeit" bei den Alpinhütten setzt ein. Die Mitgliederzahlen beim Alpenverein boomen: 1869 (!) wurde er mit 702 Mitgliedern gegründet, 1880 hatte er 8.753, 1890 bereits 24.068, zur Jahrhundertwende 47.401 Mitglieder. Die alpinen Vereine wurden zu wichtigen Organisationen, durch die die winterliche Landschaft für Wahrnehmung und Bild erschlossen wurde. Ihre Zeitschrift wurde zentrales Bildmedium für die romantische und sportliche Konstruktion alpiner Landschaftsvorstellungen. Bereits um die Jahrhundertwende wurden Alpinhütten oft wie große Hotels ausgebaut und da und dort (vor allem im Gebiet Semmering–Rax–Schneeberg) auch den Winter hindurch offengehalten. Der Schilauf begann von einer Pionierleistung einiger Alpinisten zu einer Modebewegung zu werden. Die kulturelle Konstruktion setzte sich durch, das Raumbild tief verschneiter (Postkarten-) Landschaften zog Millionen Menschen in seinen Bann.

Mit der kulturellen Konstruktion des schönen Schnees werden auch ideologische und politische Momente verbreitet. Die Schönheit der Natur, ihre Ursprünglichkeit, kann gerade auch anhand des Schnees die Ästhetik und Natürlichkeit gesellschaftlicher Vorstellungen vermitteln. Männliche und rassistische Chauvinismen sind wichtige Elemente der kulturellen Vorstellungswelten westlicher Gesellschaften zum Schnee. Ein Artikel im "Bergsteiger", der Alpenvereins-Zeitschrift, zu "Bergsteigen als Ausdruck des nordischen Wesens" macht auch klar, wer die urgermanische Lust auf Berge, auf Schnee und Eis hat: Es ist der Mann! "Herrgott, was sind wir doch für Kerle!" jubeln die Männerherzen im Firnglanz der Alpen (Bildunterschrift einer frühen Fotografie von Gipfelstürmern im "Bergsteiger" 1938/39).
Männliche Begeisterung für den Schnee und den Schilauf hat viel mit der Militarisierung des Alpinsports vor allem im Ersten Weltkrieg zu tun. Zuvor war die Entwicklung des Schilaufs, seine Integration in die Anfänge des Wintertourismus, nicht ausschließlich männlich. Der Semmering war eines der ersten Schizentren in den Ostalpen: Bereits um die Jahrhundertwende tummelten sich rund um den Hirschenkogel bürgerliche Sportler und Sportlerinnen auf Eisschuhen, Rodeln und auch auf den ganz modernen "Schneeschuhen". Die "Semmeringgirls" hatten ihre eigene Schi-Mode entwickelt; sich zu zeigen und gesehen zu werden begleitete die Faszination sportlicher Bewegung.

In der Literatur zur Geschichte des Schilaufs wird immer wieder auf die besondere Bedeutung der Südfronten des Ersten Weltkriegs verwiesen. Die Dolomiten- und die Isonzo-Front machten Gletscher und Firnhänge zum Kriegsschauplatz. Soldaten wurden zu Bergsteigern und Schiläufern: Die Gebirgsjäger waren jene Truppenteile, die die Erkundung und Erschließung der Gelände vornahmen. Aber nicht nur ihnen wird die Weiterentwicklung alpiner Schitechnik zugeschrieben. Die ersten großen Schischulen – allen voran die Arlberg-Schischule von Hannes Schneider – entstanden nach dem Ersten Weltkrieg, nachdem aber bereits 1901 am Arlberg der erste "Skiclub" gegründet worden war. Die ersten Schilehrerausbildungen wurden durchgeführt: Sie waren Männern vorbehalten; erst 1940 fand der erste Kurs für weibliche "Lehrwarte" statt.
Viele österreichische Schilehrer, u.a. Hannes Schneider, emigrierten in die USA, wo sie von den 30er Jahren an zu den Pionieren des Schilaufs zählten und zu Österreichs spezifischem Ruf als Land der Schilehrer beitrugen. In Deutschland und Österreich wurde im Zweiten Weltkrieg der Schilauf ideologisch durch den Nationalsozialismus vereinnahmt, was die Alpenvereins-Zeitschrift "Der Bergsteiger" preisgibt. Die Wehrmachts-Gebirgsjäger wurden zu leuchtenden Vorbildern des deutschen Volkes erklärt, das Alpenglühen und der Pulverschnee arisiert.
Der alpine Wehrmachtsoldat wurde mit Bergen und mit Schnee in Verbindung gebracht; die Schi auf seinen Schultern, (erotische) Sehnsucht weckend: "Soldaten marschierten durch die Stadt. Sie waren so braungebrannt, daß Augen und Zähne nur so blitzten, wenn sie lachten. Sie hatten die Blusen offenstehen und die Käppis schief auf dem Haar. Sie sangen irgend etwas von Mädchen und Liebe und Scheiden [wohl im Sinn von Auseinandergehen gebraucht, Anm.d.Red.]. Es klang sehr keck und ein bißchen wehmütig. Aber sie lachten dazu. Viele Menschen sahen ihnen nach – erstaunt, lächelnd, sehnsüchtig. Denn die Soldaten trugen dicke Rucksäcke und hatten Skier geschultert. Und man mußte an Berge und Schnee und Sonne denken, wie sie so dahin marschierten und sangen."

Das erotisch-sexistische Moment des Schilaufs, seine männliche Konnotation wird nicht nur in den vielen Redewendungen von Schilehrern und "Bergfexen" deutlich, wo vom "jungfräulichen Schnee" bis zum "Schnee-Entjungfern" die Rede war und ist (auch im Amerikanischen: "seaming the virgin face of a mountain"), sondern es findet sich als Sujet in den vielfältigsten Bildern von Werbung. Die nackte Männerbrust mit den an der Hose festgemachten Gletscherbrillen in der Tiroler Landeswerbung kann dafür ebenso Beispiel sein wie ein Werbebild (für Wintersportbekleidung), das zwei Schifahrer in einen "jungfräulichen" Hang, der auf das Bild einer Frau montiert ist, Spuren ziehen läßt (siehe Foto auf der nächsten Seite).

Militarismus und Männlichkeit sind historisch zwei nicht unwesentliche kulturelle Voraussetzungen, die über den Schilauf mit der kulturellen Vorstellungswelt des Schnees verbunden sind. Daß aber auch Rassismus an der kulturellen Konstruktion unseres Bildes vom Schnee beteiligt ist, ist zunächst nicht so naheliegend. Unter dem Titel "Die unerträgliche Weißheit des Schnees" entwarf Annie G. Coleman eine kulturelle Kritik des Schilaufs als Kritik rassistischer Denkstrukturen. Die US-amerikanische Bild- und Vorstellungswelt des Schilaufs ist sehr eng mit der Konstruktion einer europäischen Ethnizität verbunden. "Glitz, glamour and powder snow" sind mit der Vorstellung der Alpen und alpiner Schizentren verbunden. Vail beispielsweise, aber auch Aspen sind bis in den Baustil der Lodges europäisch und im engeren Sinn alpin geprägt. Averill Harriman, der mit Sun Valley eines der größten amerikanischen Schi-Zentren aufbaute, wird bei Coleman zitiert: "It has occured to me, that some say there will be established a ski center in the mountains here, of the same character as in the Swiss and Austrian Alps." Die Vorstellungswelt der alpinen Landschaft, ihrer Hänge, Hütten und Bergstationen wird auch sozial wirksam. Die österreichischen Schilehrer mit ihrem "charming accent" sind erste, die von ihnen ausgebildeten amerikanischen Schilehrer zweite Wahl. Aboriginal Americans (Indianer), Hispanics (Amerikaner lateinamerikanischer Abstammung) oder Afro-Amerikaner sind als Schilehrer unvorstellbar. Die amerikanische Schi-Industrie wirbt mit blonden, blauäugigen Menschen; die amerikanischen Schipisten sind noch immer Inseln einer ungebrochenen ethnischen Segregation.

Schnee war nicht immer Faszinosum und ist auch heute nicht für alle Menschen ein positiv wahrgenommenes Element von Landschaften. Die Wahrnehmung von Schnee, der über der Landschaft liegt, ist gewebt aus vielfältigen kulturellen und politischen Fäden, die gesellschaftliche Interessen gesponnen haben. Indem Menschen den so hergestellten Wahrnehmungsmustern folgen, bestätigen und stabilisieren sie sie. Sie erlangen jedoch nicht nur in den Köpfen der Menschen Bedeutung, als Vorstellungen und Bilder, sondern sie wirken auf die Motive der Menschen. Ohne sie wären die "Schi-Arenen", die "Erlebniswelten" in den Alpen, wäre die Wintersportindustrie nicht denkbar.


     

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