Christof Amann
Landschaft - ein Widerspruch?
 



Es lassen sich verschiedene Bedeutungen von "Landschaft" beschreiben – etwa als Bevölkerung eines Landes, als Siedlungsraum, als Region, als (Ideal-)Landschaft, "Gegend", als Gegenstand der Geografie. Keinesfalls kann von der Landschaft gesprochen werden. Werden hier nicht klare Unterscheidungen gesetzt, sind Missverständnisse unvermeidlich.

Landschaft ist aktuell

Wenn der Verlust von Dingen in bedrohliche Nähe rückt oder schon unvermeidbar ist, steigt ihre Bedeutung. Wenn dem so ist, dann ist es höchste Zeit, sich mit der Landschaft und deren Verlust auseinander zu setzen. Auf jeden Fall lässt sich seit einiger Zeit in vielen Zusammenhängen eine steigende Bedeutung der Landschaft beobachten.
Die Rede ist von der Zerstörung der traditionellen, kleinräumig strukturierten Kulturlandschaft, von neuen Aufgaben für die Bauern als Landschaftspfleger und von der Landschaft als Kapital für die Tourismuswirtschaft. Auch die Forschung nimmt sich dieses Themas an: Seit 1995 gibt es im Wissenschaftsministerium den "Forschungsschwerpunkt Kulturlandschaft", der sich zum Ziel gesetzt hat, Grundlagen für eine nachhaltige Entwicklung von Kulturlandschaften zu schaffen. Landschaft spielt also in einer Vielzahl von Zusammenhängen eine Rolle. Dass aber nicht von "der" Landschaft gesprochen werden kann, sondern dass es eine Vielzahl von Landschaftsbegriffen gibt, die zum Teil in engem Zusammenhang stehen, einander zum Teil aber auch widersprechen, und dass mit dem Reden über Landschaft verschiedene politische Motive (unbewusst) mittransportiert werden, soll im Folgenden kurz dargestellt werden.

Landschaft hat Geschichte

Wenn zwei das Gleiche sagen, dann meinen sie noch lange nicht dasselbe. Wenn über Landschaft gesprochen wird, liegen die Dinge nicht anders. Das Wort Landschaft hat in seiner Geschichte, die sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt, verschiedene Bedeutungen besessen, wobei sich grob vier Gruppen unterscheiden lassen:

  1. Landschaft als Personenkollektiv: Eine Bedeutung von Landschaft ist die Beschreibung von Personengruppen; im 12. Jahrhundert bezeichnete das Wort die Bevölkerung eines Landes, der Begriff wurde später auf die politisch handlungsfähigen Bewohnerinnen und Bewohner eingeengt. Heute würde man dafür eher das Wort Landstände verwenden.
  2. Landschaft als Region: Von größerer Bedeutung für die Gegenwart ist die althochdeutsche "lantscaf" mit der Bedeutung eines größeren Siedlungsraumes mit gewissen einheitlichen rechtlichen und sozialen Normen. Diese Bedeutung dominierte in der Hochsprache bis ins späte 18. Jahrhundert, seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts findet man diese Landschaft vor allem in einigen Fachsprachen. Als Synonym für diese Landschaft könnte das Wort Region stehen.
  3. Landschaft als Landschaft: Die heutige alltagssprachliche Bedeutung von Landschaft stammt aus dem späten Mittelalter und der Zeit der Renaissance, als unter Landschaft die gemalte Darstellung des Ausschnitts einer Gegend verstanden wurde. Dabei handelt sich aber nicht nur um die möglichst wirklichkeitsgetreue Darstellung, sondern auch um die bewusste Komposition von Ideallandschaften. Diese Bedeutung wurde im 16. und 17. Jahrhundert auf die Vorlage des gemalten Landschaftsbildes – also auf das, was wir heute alltagssprachlich unter Landschaft verstehen – ausgedehnt, aber nur von Künstlern und Kunsttheoretikern verwendet. Erst im späten 18. Jahrhundert drang der Begriff in die Allgemeinsprache ein. Eine betrachtete Gegend wird dann zur Landschaft, wenn sie so aussieht wie gemalt. Im Folgenden werde ich diese Bedeutung als "alltagssprachliche Landschaft" bzw. "Landschaft als ästhetisches Phänomen" bezeichnen.
  4. Landschaft als Gegenstand der Geografie: Eine spezielle Form der Landschaft ist die "geografische Landschaft", die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als ein Amalgam aus der alltagssprachlichen Landschaft und der Bedeutung von Landschaft als Region entstand. Die alltagssprachliche Landschaft wird also um eine räumliche, regionale und materielle Komponente ergänzt. Dieser Landschaftsbegriff liegt auch dem Forschungsschwerpunkt Kulturlandschaftsforschung zugrunde.

Schon dieser kurze Überblick – der auf zahlreiche Facetten und weitere Bedeutungen verzichtet – zeigt, dass nicht von "der" Landschaft gesprochen werden kann, sondern dass in verschiedenen Zusammenhängen verschiedene Bedeutungen gemeint sein können. Werden diese Unterschiede nicht klar benannt, sind Missverständnisse und Widersprüche unvermeidbar.

Landschaft ist alltäglich: Landschaft als ästhetisches Phänomen

Von besonderer Bedeutung ist die alltagssprachliche Landschaft. Da unsere Wahrnehmung und unser Handeln maßgeblich durch sprachliche Muster bestimmt werden, soll dieser Landschaftsbegriff hier etwas ausführlicher dargestellt werden. Unsere Landschaft der Alltagssprache stammt aus der Kunst, sie ist primär ein ästhetisches Phänomen. In diesem Zusammenhang ist sie auch im Alltag zu finden: in der Werbung und in Tourismusprospekten, auf Urlaubsfotos und Ansichtskarten, beim Wandern, bei der Naturbetrachtung und natürlich auf zahlreichen Bildern.

Durch die Analyse dieser Bilder und des Redens über Landschaft lässt sich zeigen, wie eine "ideale" Landschaft auszusehen hat. Der Geograf Gerhard Hard hat das getan und kommt so zu ziemlich eindeutigen, wenn auch wenig überraschenden Ergebnissen: Eine (richtige) Landschaft muss in ihrer alltagssprachlichen Bedeutung schön sein, harmonisch, weit und ländlich; zerstört wird sie durch Großstädte, Industrie und Technik, durch Dinge, die das moderne Leben kennzeichnen. Vorhanden sein müssen insbesondere Wälder, Wiesen, Berge, Flüsse, Bäume, also "Natur"; Menschengemachtes – Dörfer, Bauernhöfe – gehört nur dann zur Landschaft, wenn es dörflich-idyllisch-bäuerlichen Charakter aufweist. Unsere Wahrnehmung von Landschaft ist durch solche Attribute bzw. Elemente geprägt: Erst wenn eine Gegend eine gewisse Mindestausstattung aufweist und unserer inneren Vorstellung entspricht, reden wir von Landschaft; sie entsteht quasi im Kopf durch unsere Wahrnehmungsweise.

Es zeigt sich weiters als politisches Moment, dass die "ideale" Landschaft Elemente einer konservativen Utopie enthält: den Wunsch nach vorindustriellen Umwelten, nach vorindustriellen Lebensformen, nach vorindustriellen Mensch-Natur-Verhältnissen, wobei diese Wunsch-Landschaft nicht das Abbild einer vormodernen und vorindustriellen Wirklichkeit darstellt, sondern eine moderne Konstruktion ist, der Traum einer Gegenwelt, die es so nie gegeben hat.
Der problematische Kern der alltagssprachlichen Bedeutung von Landschaft ist der, dass im Begriff zugleich Verhaltensregeln über das "richtige" Aussehen der Landschaft und das "richtige" Verhalten ihr gegenüber enthalten sind; er impliziert also ethische und politische Folgerungen. Wenn davon gesprochen wird, dass etwas nicht in eine Landschaft passt (z.B. die sogenannte Stronach-Kugel), dann ist damit eigentlich gemeint, dass es unserer inneren Idealvorstellung widerspricht, auch wenn es nicht rational begründet werden kann.

Landschaft ist wissenschaftlich: Landschaft als Objekt der Geografie

Eine der Wissenschaften, die sich der Erforschung der Landschaft widmen, ist die Geografie. Auch wenn keine allgemein anerkannte Landschaftsdefinition existiert, handelt es sich doch – aus Sicht der Geografie – um einen wissenschaftlichen Grundbegriff, dem, im Unterschied zur alltagssprachlichen Landschaft, objektiver Charakter zugeschrieben wird.

Wie schon gesagt, handelt es sich beim Landschaftsbegriff der Geografie um die Ergänzung der alltagssprachlichen Landschaft um eine räumliche und materielle Komponente. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Definition von Kulturlandschaft, die im Rahmen des Forschungsschwerpunktes des Wissenschaftsministeriums erarbeitet wurde: "Kulturlandschaft ist ein vom Menschen als Einheit wahrgenommenes räumliches Wirkungsgefüge von natürlichen Gegebenheiten und menschlichen Einwirkungen. Kulturlandschaften entwickeln und verändern sich über die Zeit als Ergebnis des Zusammenwirkens sozio-ökonomischer, kultureller und naturräumlicher Faktoren."
Hier finden sich alle Elemente der objektiven geografischen Landschaftsdefinitionen, ergänzt um subjektive menschliche Wahrnehmung: Aus einer wahrgenommenen ästhetischen "Einheit" wird im selben Satz ein materielles "räumliches Wirkungsgefüge". Bei genauer Betrachtung handelt es sich – wie bei den meisten Landschaftsdefinitionen – um eine Leerformel. Jeder Stuhl, jeder Apfelbaum könnte mit der gleichen Beschreibung definiert werden. Dass uns das aber nicht auffällt, hängt damit zusammen, dass mit dem Wort Kulturlandschaft schon gesagt ist, was damit gemeint ist. Nicht nur unsere Wahrnehmung, sondern auch unser Verstehen hängt eben stark mit unseren sprachlichen Strukturen zusammen.

Über den Umgang mit Landschaft

Zwei Aspekte spielen eine Rolle: Landschaft als ästhetisches Phänomen meint vor allem ein werthaltiges Bild, dessen Bedeutung in einer Gesellschaft, in der durch die Vielzahl an Medien das visuelle Moment einseitig dominant geworden ist, nicht leicht zu überschätzen ist. Landschaft füllt dabei eine Leerstelle in der modernen Gesellschaft: die Vermittlung von Sinn. Sie tut dies, indem sie die (ganze) Natur ästhetisch präsent hält und so auf Harmonie, Ganzheit und den Kosmos verweist. Ganzheitliche Naturerfahrung ist in der modernen Welt nur noch ästhetisch möglich. Sie nimmt so quasi die Rolle einer Religion ein, die in der modernen Gesellschaft nicht mehr als verbindliches und umfassendes Sinngebungssystem fungieren kann.
Mit Landschaft als physischem Objekt ist die materielle Seite der Natur, das Ökosystem Landschaft, angesprochen. Diese Seite der Landschaft, die "objektive" Seite, ist das Substrat, aus der sie besteht, das, was unserer Wahrnehmung als Vorlage dient.

Werden diese beiden Seiten nicht getrennt behandelt, sondern vermischt, so ergeben sich verschiedene Probleme: Dem materiellen Objekt Landschaft werden – unbewusst, aber zwangsläufig – Eigenschaften zugeschrieben, die im alltagssprachlich verwendeten Wort Landschaft enthalten sind. Dabei wird aus der ästhetisch schönen kurzerhand eine ökologisch wertvolle Landschaft, die gewisse Verhaltensweisen verlangt und die uns gleichzeitig vorschreibt, wie sie auszusehen hat und wie nicht. Dass dabei die Landschaft und nicht die Gesellschaft den Maßstab des Handelns darstellt, ist eine Folge der Vermischung (oder besser: Verwechslung) der ästhetischen mit der materiellen Dimension.
In dieser Vermischung liegt auch der konservative bzw. reaktionäre Kern des Landschaftsbegriffs: Eine gelungene Mensch-Natur-Beziehung ist in diesem Sinn dann realisiert, wenn sich die Menschen der Landschaft anpassen. Da aber Landschaften materiell quasi als Organismen mit einer eigenen Individualität verstanden werden können – was heute auch sehr häufig geschieht –, dann ist natürlich jede Veränderung abzulehnen, die nicht "landschaftsgerecht" ist. Passen Moscheen in die "mitteleuropäische" Landschaft oder sind sie nicht vielmehr Fremdkörper, Parasiten, die beseitigt gehören? Zahlreiche Diskussionen über einen landschaftsgerechten Baustil, die sogar so weit gehen, eine "Ortsbildpolizei" zu verlangen, sind so zu verstehen. Die Landschaft macht keine Vorgaben, was zu ihr passt und was nicht. Das kann ausschließlich die Gesellschaft, die für sich entscheiden muss, was sie will – ohne einen immanenten Zwang zur Anpassung an vorgefundene Strukturen.

Für einen angemessenen Umgang reicht es aber nicht aus, nur zu sehen bzw. sinnlich wahrzunehmen, da das zwangsläufig bedeutet, dass vieles ausgeklammert werden muss. Wir sehen nicht die Arbeit, die hinter der Fassade steckt, nicht die sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die typisch sind für eine traditionelle Kulturlandschaft. Landschaften, die wir als schön empfinden, sind häufig dort zu finden, wo es den Leuten schlecht geht. Schönheit ist dann ein Produkt der Armut, die aber unsichtbar bleibt. Es gibt auch keinen Platz für das moderne Leben; dieses bleibt ausgeklammert, da Städte, Fabriken, Straßen und moderne Häuser nicht zur Landschaft gehören (dürfen). Die Werbung macht regen Gebrauch von dieser einseitigen Ausblendung von Verhältnissen.

Es kommt darauf an, unsere Wahrnehmung – und damit auch die damit verbundene Nicht-Wahrnehmung, die sogenannte Anästhetik – kritisch zu schulen, um der zunehmenden Ästhetisierung unserer Gesellschaft nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Die Kulturlandschaftsforschung bietet dazu ein hervorragendes Feld.
Erst die Unterscheidung und Trennung von ästhetischer und materieller Dimension sowie deren unterschiedliche Erkenntnisformen ermöglichen einen tieferen Blick in die "Landschaft", der den heutigen Problemen angemessen ist; ansonsten unterliegt man ebenso einer Täuschung wie jemand, der einen gut gemalten Apfel für einen wohlschmeckenden hält. Davon wird niemand satt.


   

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