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Christof Amann Landschaft - ein Widerspruch? |
Landschaft ist aktuell Wenn der Verlust von
Dingen in bedrohliche Nähe rückt oder schon
unvermeidbar ist, steigt ihre Bedeutung. Wenn dem so ist,
dann ist es höchste Zeit, sich mit der Landschaft und
deren Verlust auseinander zu setzen. Auf jeden Fall
lässt sich seit einiger Zeit in vielen Zusammenhängen
eine steigende Bedeutung der Landschaft beobachten. Landschaft hat Geschichte Wenn zwei das Gleiche sagen, dann meinen sie noch lange nicht dasselbe. Wenn über Landschaft gesprochen wird, liegen die Dinge nicht anders. Das Wort Landschaft hat in seiner Geschichte, die sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt, verschiedene Bedeutungen besessen, wobei sich grob vier Gruppen unterscheiden lassen:
Schon dieser kurze Überblick der auf zahlreiche Facetten und weitere Bedeutungen verzichtet zeigt, dass nicht von "der" Landschaft gesprochen werden kann, sondern dass in verschiedenen Zusammenhängen verschiedene Bedeutungen gemeint sein können. Werden diese Unterschiede nicht klar benannt, sind Missverständnisse und Widersprüche unvermeidbar. Landschaft ist alltäglich: Landschaft als ästhetisches Phänomen Von besonderer Bedeutung ist die alltagssprachliche Landschaft. Da unsere Wahrnehmung und unser Handeln maßgeblich durch sprachliche Muster bestimmt werden, soll dieser Landschaftsbegriff hier etwas ausführlicher dargestellt werden. Unsere Landschaft der Alltagssprache stammt aus der Kunst, sie ist primär ein ästhetisches Phänomen. In diesem Zusammenhang ist sie auch im Alltag zu finden: in der Werbung und in Tourismusprospekten, auf Urlaubsfotos und Ansichtskarten, beim Wandern, bei der Naturbetrachtung und natürlich auf zahlreichen Bildern. Durch die Analyse dieser Bilder und des Redens über Landschaft lässt sich zeigen, wie eine "ideale" Landschaft auszusehen hat. Der Geograf Gerhard Hard hat das getan und kommt so zu ziemlich eindeutigen, wenn auch wenig überraschenden Ergebnissen: Eine (richtige) Landschaft muss in ihrer alltagssprachlichen Bedeutung schön sein, harmonisch, weit und ländlich; zerstört wird sie durch Großstädte, Industrie und Technik, durch Dinge, die das moderne Leben kennzeichnen. Vorhanden sein müssen insbesondere Wälder, Wiesen, Berge, Flüsse, Bäume, also "Natur"; Menschengemachtes Dörfer, Bauernhöfe gehört nur dann zur Landschaft, wenn es dörflich-idyllisch-bäuerlichen Charakter aufweist. Unsere Wahrnehmung von Landschaft ist durch solche Attribute bzw. Elemente geprägt: Erst wenn eine Gegend eine gewisse Mindestausstattung aufweist und unserer inneren Vorstellung entspricht, reden wir von Landschaft; sie entsteht quasi im Kopf durch unsere Wahrnehmungsweise. Es zeigt sich weiters
als politisches Moment, dass die "ideale"
Landschaft Elemente einer konservativen Utopie enthält:
den Wunsch nach vorindustriellen Umwelten, nach
vorindustriellen Lebensformen, nach vorindustriellen
Mensch-Natur-Verhältnissen, wobei diese
Wunsch-Landschaft nicht das Abbild einer vormodernen und
vorindustriellen Wirklichkeit darstellt, sondern eine
moderne Konstruktion ist, der Traum einer Gegenwelt, die
es so nie gegeben hat. Landschaft ist wissenschaftlich: Landschaft als Objekt der Geografie Eine der Wissenschaften, die sich der Erforschung der Landschaft widmen, ist die Geografie. Auch wenn keine allgemein anerkannte Landschaftsdefinition existiert, handelt es sich doch aus Sicht der Geografie um einen wissenschaftlichen Grundbegriff, dem, im Unterschied zur alltagssprachlichen Landschaft, objektiver Charakter zugeschrieben wird. Wie schon gesagt,
handelt es sich beim Landschaftsbegriff der Geografie um
die Ergänzung der alltagssprachlichen Landschaft um eine
räumliche und materielle Komponente. Ein aktuelles
Beispiel dafür ist die Definition von Kulturlandschaft,
die im Rahmen des Forschungsschwerpunktes des
Wissenschaftsministeriums erarbeitet wurde:
"Kulturlandschaft ist ein vom Menschen als Einheit
wahrgenommenes räumliches Wirkungsgefüge von
natürlichen Gegebenheiten und menschlichen Einwirkungen.
Kulturlandschaften entwickeln und verändern sich über
die Zeit als Ergebnis des Zusammenwirkens
sozio-ökonomischer, kultureller und naturräumlicher
Faktoren." Über den Umgang mit Landschaft Zwei Aspekte spielen
eine Rolle: Landschaft als ästhetisches Phänomen meint
vor allem ein werthaltiges Bild, dessen Bedeutung in
einer Gesellschaft, in der durch die Vielzahl an Medien
das visuelle Moment einseitig dominant geworden ist,
nicht leicht zu überschätzen ist. Landschaft füllt
dabei eine Leerstelle in der modernen Gesellschaft: die
Vermittlung von Sinn. Sie tut dies, indem sie die (ganze)
Natur ästhetisch präsent hält und so auf Harmonie,
Ganzheit und den Kosmos verweist. Ganzheitliche
Naturerfahrung ist in der modernen Welt nur noch
ästhetisch möglich. Sie nimmt so quasi die Rolle einer
Religion ein, die in der modernen Gesellschaft nicht mehr
als verbindliches und umfassendes Sinngebungssystem
fungieren kann. Werden diese beiden
Seiten nicht getrennt behandelt, sondern vermischt, so
ergeben sich verschiedene Probleme: Dem materiellen
Objekt Landschaft werden unbewusst, aber
zwangsläufig Eigenschaften zugeschrieben, die im
alltagssprachlich verwendeten Wort Landschaft enthalten
sind. Dabei wird aus der ästhetisch schönen kurzerhand
eine ökologisch wertvolle Landschaft, die gewisse
Verhaltensweisen verlangt und die uns gleichzeitig
vorschreibt, wie sie auszusehen hat und wie nicht. Dass
dabei die Landschaft und nicht die Gesellschaft den
Maßstab des Handelns darstellt, ist eine Folge der
Vermischung (oder besser: Verwechslung) der ästhetischen
mit der materiellen Dimension. Für einen angemessenen Umgang reicht es aber nicht aus, nur zu sehen bzw. sinnlich wahrzunehmen, da das zwangsläufig bedeutet, dass vieles ausgeklammert werden muss. Wir sehen nicht die Arbeit, die hinter der Fassade steckt, nicht die sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die typisch sind für eine traditionelle Kulturlandschaft. Landschaften, die wir als schön empfinden, sind häufig dort zu finden, wo es den Leuten schlecht geht. Schönheit ist dann ein Produkt der Armut, die aber unsichtbar bleibt. Es gibt auch keinen Platz für das moderne Leben; dieses bleibt ausgeklammert, da Städte, Fabriken, Straßen und moderne Häuser nicht zur Landschaft gehören (dürfen). Die Werbung macht regen Gebrauch von dieser einseitigen Ausblendung von Verhältnissen. Es kommt darauf an,
unsere Wahrnehmung und damit auch die damit
verbundene Nicht-Wahrnehmung, die sogenannte Anästhetik
kritisch zu schulen, um der zunehmenden
Ästhetisierung unserer Gesellschaft nicht hilflos
ausgeliefert zu sein. Die Kulturlandschaftsforschung
bietet dazu ein hervorragendes Feld.
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