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Luise
Gubitzer, Peter Heintel Koppeln oder Entkoppeln: Grundsicherung versus Grundeinkommen |
Einleitung Arbeit und Einkommen
sind elementare Bestandteile des Lebens in
kapitalistischen Marktwirtschaften. Arbeit und Einkommen
sind aber auch elementare Kategorien des Theoretisierens
über Ökonomie. Dabei ist eine erste Relativierung
bezüglich der Wichtigkeit der beiden Kategorien
angebracht. Zu Arbeit, eingeschränkt auf Lohnarbeit,
gibt es verschiedenste Theorien, viele ÖkonomInnen
bezeichnen sich als ArbeitsmarktökonomInnen, und es gibt
Lehrstühle zu Arbeitsmarkttheorie und -politik. Es gibt
auch verschiedene Einkommensverteilungstheorien. Es gibt
schon viel weniger ÖkonomInnen, die sich als
VerteilungsökonomInnen bezeichnen, obwohl die
ArbeitsmarktökonomInnen sagen würden, sie behandelten
die Einkommensfrage als abgeleitete Frage mit. Und es ist
uns kein Lehrstuhl zu Einkommensverteilungstheorie und
-politik bekannt. Masseneinkommen sind
seit der Entstehung des Arbeitsmarktes im 17. Jahrhundert
an Lohnarbeit gekoppelt. Mit dieser Lohnarbeit wurde in
über 300 Jahren enormer Reichtum geschaffen. Er ist
heute in Form von vorgetaner Arbeit früherer
Generationen als Produktionsvermögen (Maschinen), von
Konsumvermögen als langlebige Konsumgüter und Geld
sowie als Finanzvermögen und Spekulationsgeld in den
Reichtumsökonomien vorhanden. Wie dieses Vermögen ist
aber auch die Arbeit sehr ungleich verteilt und sehr
unterschiedlich bis gar nicht entlohnt. Koppeln oder Entkoppeln: Grundsicherung versus Grundeinkommen Grundsicherungsmodelle bauen auf dem bestehenden Beschäftigungs- und Sozialsystem auf und beinhalten eine bessere Koppelung von sozialer Sicherung, Einkommen und Erwerbsarbeit. Im Zentrum der Überlegungen stehen Maßnahmen zur Verbesserung der Erwerbsarbeit und ihres Zugangs sowie die Beseitigung von Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen und Zugangsschwierigkeiten beim bestehenden System der sozialen Sicherung. Erwerbsarbeit hat Vorrang vor dem Bezug der Grundsicherung. Grundsicherung bleibt eng an Erwerbsarbeit gekoppelt und Arbeitsmarktpolitik ein relevantes Politikfeld, um möglichst alle erwerbsfähigen Personen in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Ein
Grundeinkommenssystem zielt langfristig auf einen
Umbau des Erwerbs-, Arbeits-, Einkommens- und sozialen
Sicherungssystems ab. Dazu gibt es unterschiedliche
Modelle. Modellannahmen und Wertungen Wie bei jedem Modell müssen Annahmen getroffen werden. In sie fließen Werthaltungen ein, die bei einem alternativökonomischen Zugang offengelegt werden. Die hier vorgenommene Wertung und Annahme ist jene, daß ein Grundeinkommen existenzsichernd sein soll und damit vom Zwang, einer Lohnarbeit nachgehen zu müssen, entkoppelt wird. Darin unterscheidet es sich vom Modell einer Grundsicherung sowie von jenen Grundeinkommensmodellen, die arbeitsmarktkonform und daher nicht existenzsichernd gestaltet werden. Ein nicht existenzsicherndes Grundeinkommen bleibt an Erwerbsarbeit gekoppelt. Eine weitere Annahme lautet, daß jede und jeder ohne Gegenleistung monatlich einen Fixbetrag ausbezahlt bekommt. In anderen Grundeinkommensmodellen wird an die Koppelung mit Arbeitspflichten, in Grundsicherungsmodellen an die Bereitschaft zur Lohnarbeit gedacht. Bei folgenden Fragen der
Finanzierungsentscheidung fließen Wertungen ein: Welche
der derzeitigen Sozialleistungen können durch ein
Grundeinkommen wegfallen, welche müssen bleiben? Wie
werden das Pensions- und Krankenversicherungssystem
umgestaltet? Werden alle Steuerabsetzbeträge gestrichen,
wird das Steuersystem transparent gestaltet? Wirkungsanalyse Ein großer
Themenbereich ist der möglicher Wirkungen eines
Grundeinkommens. Dazu ist es uns nur möglich, Fragen zu
formulieren, da eine umfassende, wissenschaftliche
Wirkungsanalyse und Folgenabschätzung noch ausstehen,
obzwar von politischen Parteien, Vereinigungen und der
Wissenschaft verschiedene Modelle in Bearbeitung und
Diskussion sind. Fragen, mit denen man sich dabei
beschäftigen müßte, sind z.B.: Was werden die Menschen
mit dem Grundeinkommen anfangen? Werden die, die in den
Niedriglohnbereichen arbeiten, kündigen? Werden in
diesen Bereichen Arbeitskräftemangel und
Arbeitsangebotsrückgang eintreten? Wird das
Grundeinkommen zu vermehrter Schwarzarbeit für
Ergänzungseinkommen führen? Wird es zu Lohndumping
kommen oder zu Lohnerhöhungen, da die Menschen ansonsten
im unteren Lohnsegment einer Lohnarbeit nicht nachgehen? Gesellschafts- und Menschenbild Viele der obigen Fragen
sind auch solche nach dem Gesellschafts- und
Menschenbild. Die Beantwortung der Fragen wird von diesen
abhängen. Zum Beispiel würden vermutlich Lebensängste
und Abhängigkeiten durch ein Grundeinkommen reduziert
werden. Will man, daß Menschen keine Existenzangst mehr
haben, Ehefrauen nicht mehr von Ehemännern, Jugendliche
nicht von ihren Eltern, Lehrlinge nicht von ihren
Lehrherren abhängen? Will man, daß Menschen diese
Freiheiten haben? VertreterInnen eines
existenzsichernden Grundeinkommens gehen von einer
Gesellschaft aus, die den Menschen eine finanzielle Basis
für verschiedenste Möglichkeiten bietet. (Diese
Gesellschaft ist schwer zu benennen.) Ob die
Möglichkeiten von den Menschen auch ergriffen werden,
ist offen; die Einschätzung hängt vom Menschenbild ab.
Das hier vertretene ist eher eines, das an den Menschen
glaubt, an seine Lust, etwas mit sich anzufangen, sich zu
betätigen, das das Wie und Wann offen läßt, das Warum
aber zu beantworten versucht. Der Mensch wird dabei auch
als Citoyen, als politische Bürgerin und politischer
Bürger gedacht, die sich beteiligen und die
mitentscheiden wollen. Das wird neben der finanziellen
Grundausstattung auch organisatorischer und
qualifikatorischer Hilfen sowie Ermutigungen bedürfen. Methoden All das führt zur Frage der Methoden, wenn es nicht um eine Anpreisung eines Modells und nur um den Glauben daran geht. Wie können die als Fragen formulierten möglichen Wirkungen konkretisiert, methodisch verfolgt werden? Wie können die Wertungen, die Ängste, die Menschen- und Gesellschaftsbilder aus ihren Tiefenschichten gehoben, bewußt und auch öffentlich gemacht werden? Wie kommt man zu umfassenden Modellen, die einer politischen Entscheidung zugeführt werden können? Da ist einmal der große
Bereich der Modellforschung und Modellrechnungen. Hier
werden Methoden der traditionellen Ökonomie angewendet,
ökonometrische Modelle müßten geschätzt werden. Dazu
gibt es bereits einen Diskurs von Rechnung und
Gegenrechnung. Koppeln oder Entkoppeln
steht auch für Expansion oder Redimensionierung der
kapitalistischen Marktökonomie. Ein existenzsicherndes,
emanzipatorisches Grundeinkommen könnte alternative
Formen des Wirtschaftens, der Produktion, der
Dienstleistungen, des Tausches und des Konsums stützen
und weitere hervorbringen. Neue Bewirtschaftungsformen
könnten entstehen. Dies wäre ein Beitrag zur
Redimensionierung der expansiven kapitalistischen
Marktökonomie.
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