Ina Paul-Horn
Wissenschaftsverständnis und Arbeitsweise
der Forschungsgruppe "Alternative Ökonomie"
 



Der Mensch steckt völlig in der Haut,

eigens steckt er drin;
wenn das ein Sinn hat, frag ich mich:
was schaut denn da heraus?

Joe Berger

Fröhliche Wissenschaft?

Fröhlichkeit, Lachen, Engagement für ein gemeinsames Interesse und eine starke Gruppenbindung: das waren meine ersten Eindrücke von der Projektgruppe "Alternative Ökonomie". Was mich verwunderte, war der Zusammenhang mit dem Thema: wie kann die Beschäftigung mit dem Thema Wirtschaft fröhlich machen? Vielleicht beflügelt das Nachdenken über Alternativen, versuchte ich mir selbst eine Erklärung zu geben, hieß ja das Projekt zu Beginn "Alternative Modellbildung in der Ökonomie", und doch konnte ich mir die fröhliche Leidenschaft nicht ganz erklären.
Wirkte die interdisziplinär zusammengesetzte Gruppe insgesamt stark konzentrisch, schien sich das Projekt doch um Peter Heintel zu zentrieren, der 1989 im Rahmen des abteilungsübergreifenden iff-Projektes "Vernetzung und Widerspruch" einen Entwurf für ein Forschungsprojekt zu Modellbildung in der Ökonomie vorgelegt hatte.

Als Motiv für seine Überlegungen nennt Peter Heintel in diesem Forschungsentwurf die Diskrepanz zwischen "einfach-einsichtiger Vernunft" auf der einen sowie Theorie- und Erklärungskomplexität auf der anderen Seite. Irgendwie ist es schwer nachzuvollziehen, wenn als notwendig hingestellt wird, was als widervernünftig erkennbar ist; wenn als Sach- und Systemzwang erklärt wird, was man so gar nicht will oder wollen kann. Verkehren sich unsere Vernunft und unser Wollen, in Systeme gefaßt, in ihr Gegenteil? Oder werden sie in Interessen und Machtkonstellationen "übersetzt", die für "Verkehrungen" sorgen?
Den Grund für diesen Widerspruch vermutete Peter Heintel in der Dominanz der ökonomischen Modellbildung und der bedeutungsmäßigen Besetzung von Grundbegriffen wie Arbeit, Wachstum u.a. Demgegenüber ginge es darum, einen Ort und eine Sprache zu finden, die es erlauben, die im alltäglichen Leben erfahrenen Widersprüche überhaupt benennen zu können. Eine vorläufige Antwort auf die Frage nach der Fröhlichkeit beim Nachdenken über Wirtschaft könnte so lauten: Durch den philosophischen Forschungsentwurf von Peter Heintel wurde eine Grundlage und ein Raum geschaffen, in dem Fragen neu gestellt werden konnten und auch die Widerstände gegen einfaches Fragen und gegen Alternativen reflektierbar wurden. Konkrete Erfahrungen wie etwa von Luise Gubitzer mit alternativökonomischen Betrieben oder von Erich Kitzmüller konnten hier gut anschließen und bekamen neue Impulse.

Eine Sprache finden – Fragen stellen

Im Projekt "Alternative Ökonomie" sind unterschiedliche Disziplinen und Universitäten bzw. Abteilungen des iff verteten. Aus der Erfahrung der Notwendigkeit, eine gemeinsame Sprache zwischen Philosophie, Ökonomie, Techniksoziologie, Mathematik, Kulturwissenschaft und Betriebswirtschaft erst finden zu müssen, entwickelte sich ein Kennzeichen der Arbeitsweise der Forschungsgruppe: Fragenstellen ist nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Das ist ein Kennzeichen der Arbeitsweise, wie sie auf den viermal jährlich stattfindenden Arbeitskreistreffen praktiziert wird.
Man trifft sich außerhalb der gewohnten Arbeitsumgebung zu einer zwei bis drei Tage dauernden Klausur. Hier werden Texte diskutiert, Problemstellungen erarbeitet und gemeinsame Entscheidungen getroffen. Fragenstellen hatte aber über diese Arbeitskreistreffen hinweg von Beginn an Bedeutung – in der Entwicklung eines Fragenkatalogs zur Lage der Ökonomie mit zwanzig ExpertInnen. Die Interviews wurden bearbeitet und nach Autorisierung durch die befragten ExpertInnen publiziert. Sie stellen eine Momentaufnahme unterschiedlicher Sichtweisen auf Fragen und Probleme unserer Gesellschaft, ihrer möglichen Steuerung und der Rolle der Ökonomie dar.

Ein erstes Symposium sollte anfangs die befragten Wissenschaftler zu einem Diskurs einladen und vernetzen. Diese Absicht erfuhr eine entscheidende Erweiterung durch die zusätzliche Einladung von Praktikern der Wirtschaft.

Konfrontieren – die Symposien im Rahmen der Denkwerkstatt und Thinksite Hernstein

Aus einem interdisziplinären, aber innerwissenschaftlichen Projekt der Auseinandersetzung wurde eine das Wissenschaftssystem überschreitende Begegnung. Nicht allen Arbeitskreismitgliedern war diese Entscheidung von Beginn an gleichermaßen bedeutsam. Erforderte bereits das Einlassen auf den diskursiven Prozeß mit den befragten Wissenschaftlern eine Öffnung der bisherigen Gruppengrenzen, setzte die Erweiterung auf die Praktiker einen für alle Beteiligten neuen Akzent. Auch die Praktiker waren von der ihnen zugedachten aktiven Rolle überrascht. Hörten sie zu Beginn mit Interesse, daß ihre Sichtweise einen wesentlichen Bestandteil des Designs ausmachen sollte, neigten sie doch immer wieder dazu, der Wissenschaft die Verantwortung für die Lösung der Probleme zuzuschreiben.
Das erste Symposium stand unter dem Titel "Krise und Chance" und präsentierte die Grundüberlegungen des Forschungsprojektes sowie die entwickelten Kategorien: Bedürfnis, Redimensionierung, Technologie, Gewaltkanalisierung und Systemtranszendenz. Im Anschluß an das Symposium diskutierten jene, die sich für die Idee einer Netzwerkbildung interessierten. In diesem Forum wurde das nächste Thema für ein weiteres Symposium kreiert: "Arbeit – Arbeitslosigkeit – Utopien". Anhand dieses – uns vermutlich noch jahrzehntelang begleitenden – Themas sollte der Arbeitskreis zeigen, was er konkret anhand eines zentralen, gesellschaftlich drängenden Problems anzubieten habe.

Systemtranszendenz und Interventionscharakter von Wissenschaft

Was ist Systemtranszendenz? Damit wird eine Leerstelle bezeichnet, nämlich die Möglichkeit kollektiver Selbstreflexion. Ein Grundanliegen des Projektes läßt sich in der Frage zusammenfassen: Wie bekommt man in ein System, das sich ökonomisch einseitig, dominant und weltweit universalisiert hat, Systemtranszendenz als Reflexion der Systemwidersprüche hinein? Nach unserer Aufassung wäre Arbeitslosigkeit beispielsweise die Systemtranszendenz des Systems Arbeit. Arbeitslosigkeit wird aber nicht als Widerspruch unseres auf Arbeit basierenden Gesellschaftssystems gesehen.

Was heißt Interventionscharakter von Wissenschaft bezogen auf das Forschungsprojekt "Alternative Ökonomie"? Der Interventionscharakter von Wissenschaft läßt sich in drei Punkten zusammenfassen:

  1. Begriffe zum Tanzen bringen; Auflösen von Selbstverständlichkeiten, die nicht hinterfragt werden, und von Bedeutungsverengungen.
  2. Anbieten von Modellvorschlägen; das Auflösen von überholten Bedeutungen und Selbstverständlichkeiten wird ergänzt durch neue Sichtweisen, Visionen und Modelle im Sinn einer Möglichkeitssimulation.
  3. Organisation eines Prozesses, in dem anhand dieser Modelle Öffentlichkeit entwickelt und hergestellt wird. Übersetzung in neue Formen von Politik.

Warum ist das notwendig? Wir gehen davon aus, daß sich Einseitigkeiten, zu Systemen verdichtet, selbst zugrunderichten. Nachdem wir Systeminsassen sind, betrifft uns das alle. Ansatzpunkte gibt es aber in den Systemwidersprüchen, die wahrgenommen werden und für die sich Akteure finden.

Ausblick und Perspektiven

Eine Konkretisierung unseres Anliegens und unseres Wissenschaftsverständnisses stellt das Projekt Grundeinkommen dar. Besieht man sich die Anfangstexte der Forschungsgruppe, war die Perspektive der Handlungsmöglichkeiten bereits in den Entwürfen präsent. So gesehen war das Projekt von Anfang an ein politisches Projekt. Einiges hat sich jedoch deutlicher konturiert – die Festlegung auf bestimmte als zentral erachtete Themen wie die Auseinandersetzung mit dem Thema "Arbeit – Arbeitslosigkeit – Utopien" und in der Folge "Geld und Finanzmärkte". Hier ist eine Fokussierung in der interdisziplinären Zusammenarbeit innerhalb des Projektes erfolgt und in der Kooperation mit dem Hernstein Management Institute eine spezifische Arbeitsweise auch nach außen entwickelt worden.

Sie besteht – nochmals kurz zusammengefaßt – im Stellen von Fragen, im Entwickeln von Modellen und im Organisieren eines Prozesses, der die wichtigen Akteure miteinbezieht. Auf der Ebene der Symposien wurde das in Hernstein gemeinsam mit Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen, Experten, Praktikern, später auch mit Vertretern der Medien erprobt. Ziel war, die unterschiedlichen Sichtweisen im Sinn der Erarbeitung einer Gesamtwirklichkeit eines Problems aufeinander zu beziehen. Das setzt nicht nur die Bereitschaft zum Dialog voraus, sondern auch die Bereitschaft, sich und seine Ansichten in Frage zu stellen bzw. stellen zu lassen, Aufmerksamkeit für die Eigenlogik des eigenen Systems zu entwickeln, für seinen Erfolg, aber auch für die damit verbundenen blinden Flecken. Das bedeutet: Widersprüche müssen zugelassen werden und dürfen nicht, wie es dem Wissenschaftsverständnis von Einzeldisziplinen entspricht, ausgeschlossen werden. Für die Projektgruppe bedeutete es auch eine mehr als einjährige Vorbereitungsphase, in die andere Wissenschaftler eingebunden wurden.
Zu dieser Fokussierung auf einzelne inhaltliche Themen und der sich gleichzeitig stellenden Aufgabe, einen Prozeß zu gestalten, gibt es nun aber im Hinblick auf unser Projekt der Einführung eines Grundeinkommens eine weitere Konturierung. Am Beispiel des Grundeinkommens, also der möglichen und realisierbaren politischen Entscheidung zur Entkoppelung von Arbeit und Einkommen, wird der Ansatz einer interventionsorientierten Wissenschaft am besten deutlich. Die Frage des Grundeinkommens wurde im Rahmen des Projektes "Alternative Ökonomie" unter drei Leitgedanken konzipiert:

  1. Arbeit am gegenwärtig dominanten Arbeitsbegriff und der sozialen und politischen Wirklichkeit, die er schafft bzw. ausschließt. Daraus folgt für uns die Notwendigkeit einer Erhebung der Tiefenstruktur unseres gegenwärtigen Arbeitsverständnisses. Was sind unsere Hoffnungen, Ängste, Wünsche für die Zukunft, was sind positive Ansatzpunkte, wo liegen die Widerstände für eine Veränderung? Die geeignetste Methode, dies zu erforschen, wäre die qualitative Sozialforschung mit dem Instrument des qualitativen Interviews.
  2. Die Einsicht in die Notwendigkeit einer ökonometrischen Modellierung eines Grundeinkommens im Sinn einer weiteren Konkretisierung.
  3. Die Umsetzung eines solchen Vorhabens als politischer Prozeß. Darunter verstehen wir nicht, daß per Dekret ein solches eingeführt wird, nachdem Wissenschaftler ihre Meinung kundgetan haben, daß dies eine Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit darstellen würde. Wir verstehen darunter ein Projekt gesellschaftlichen Lernens. Die Einführung und Umsetzung selbst muß von einem Prozeß der demokratischen Meinungsbildung und Öffentlichkeit begleitet und erarbeitet werden. Die Erforschung der Motivlage, was unterschiedliche Mitglieder einer Gesellschaft mit Arbeit verbinden, ist dafür ein unabdingbarer Rohstoff.

Projekt "Alternative Ökonomie" – wie lange noch?

Das Projekt wurde aus eigener Entscheidung bis Ende 1999 terminisiert. Unser Arbeitsprogramm bis dorthin umfaßt die Erstellung eines Tagungsbandes zum letzten Symposium "Geld und Finanzmärkte. Was ist uns das Geld wert?", eine gemeinsame Publikation mit dem Arbeitstitel "Zukunft der Gesellschaft/Gesellschaft der Zukunft", die eine Zusammenfassung der bisherigen Arbeit darstellen soll und darüber hinaus Szenarien einer sich konturierenden Weltgesellschaft beschreibt, sowie ein weiteres Symposium mit dem Hernstein Institute zum Thema der politischen Gestaltung (geplant für das Jahr 2000).
Das Projekt befindet sich an einem Scheideweg. Gelingt die Finanzierung der Vorhaben, insbesondere des Projektes Grundeinkommen, gehen wir in die nächste Phase einer weiteren Konturierung; gelingt sie nicht, werden wir sehen.


   

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