![]() |
Ina Paul-Horn Wissenschaftsverständnis und Arbeitsweise der Forschungsgruppe "Alternative Ökonomie" |
Joe Berger Fröhliche Wissenschaft? Fröhlichkeit, Lachen,
Engagement für ein gemeinsames Interesse und eine starke
Gruppenbindung: das waren meine ersten Eindrücke von der
Projektgruppe "Alternative Ökonomie". Was mich
verwunderte, war der Zusammenhang mit dem Thema: wie kann
die Beschäftigung mit dem Thema Wirtschaft fröhlich
machen? Vielleicht beflügelt das Nachdenken über
Alternativen, versuchte ich mir selbst eine Erklärung zu
geben, hieß ja das Projekt zu Beginn "Alternative
Modellbildung in der Ökonomie", und doch konnte ich
mir die fröhliche Leidenschaft nicht ganz erklären. Als Motiv für seine
Überlegungen nennt Peter Heintel in diesem
Forschungsentwurf die Diskrepanz zwischen
"einfach-einsichtiger Vernunft" auf der einen
sowie Theorie- und Erklärungskomplexität auf der
anderen Seite. Irgendwie ist es schwer nachzuvollziehen,
wenn als notwendig hingestellt wird, was als
widervernünftig erkennbar ist; wenn als Sach- und
Systemzwang erklärt wird, was man so gar nicht will oder
wollen kann. Verkehren sich unsere Vernunft und unser
Wollen, in Systeme gefaßt, in ihr Gegenteil? Oder werden
sie in Interessen und Machtkonstellationen
"übersetzt", die für "Verkehrungen"
sorgen? Eine Sprache finden Fragen stellen Im Projekt
"Alternative Ökonomie" sind unterschiedliche
Disziplinen und Universitäten bzw. Abteilungen des iff
verteten. Aus der Erfahrung der Notwendigkeit, eine
gemeinsame Sprache zwischen Philosophie, Ökonomie,
Techniksoziologie, Mathematik, Kulturwissenschaft und
Betriebswirtschaft erst finden zu müssen, entwickelte
sich ein Kennzeichen der Arbeitsweise der
Forschungsgruppe: Fragenstellen ist nicht nur erlaubt,
sondern notwendig. Das ist ein Kennzeichen der
Arbeitsweise, wie sie auf den viermal jährlich
stattfindenden Arbeitskreistreffen praktiziert wird. Ein erstes Symposium sollte anfangs die befragten Wissenschaftler zu einem Diskurs einladen und vernetzen. Diese Absicht erfuhr eine entscheidende Erweiterung durch die zusätzliche Einladung von Praktikern der Wirtschaft. Konfrontieren die Symposien im Rahmen der Denkwerkstatt und Thinksite Hernstein Aus einem
interdisziplinären, aber innerwissenschaftlichen Projekt
der Auseinandersetzung wurde eine das Wissenschaftssystem
überschreitende Begegnung. Nicht allen
Arbeitskreismitgliedern war diese Entscheidung von Beginn
an gleichermaßen bedeutsam. Erforderte bereits das
Einlassen auf den diskursiven Prozeß mit den befragten
Wissenschaftlern eine Öffnung der bisherigen
Gruppengrenzen, setzte die Erweiterung auf die Praktiker
einen für alle Beteiligten neuen Akzent. Auch die
Praktiker waren von der ihnen zugedachten aktiven Rolle
überrascht. Hörten sie zu Beginn mit Interesse, daß
ihre Sichtweise einen wesentlichen Bestandteil des
Designs ausmachen sollte, neigten sie doch immer wieder
dazu, der Wissenschaft die Verantwortung für die Lösung
der Probleme zuzuschreiben. Systemtranszendenz und Interventionscharakter von Wissenschaft Was ist Systemtranszendenz? Damit wird eine Leerstelle bezeichnet, nämlich die Möglichkeit kollektiver Selbstreflexion. Ein Grundanliegen des Projektes läßt sich in der Frage zusammenfassen: Wie bekommt man in ein System, das sich ökonomisch einseitig, dominant und weltweit universalisiert hat, Systemtranszendenz als Reflexion der Systemwidersprüche hinein? Nach unserer Aufassung wäre Arbeitslosigkeit beispielsweise die Systemtranszendenz des Systems Arbeit. Arbeitslosigkeit wird aber nicht als Widerspruch unseres auf Arbeit basierenden Gesellschaftssystems gesehen. Was heißt Interventionscharakter von Wissenschaft bezogen auf das Forschungsprojekt "Alternative Ökonomie"? Der Interventionscharakter von Wissenschaft läßt sich in drei Punkten zusammenfassen:
Warum ist das notwendig? Wir gehen davon aus, daß sich Einseitigkeiten, zu Systemen verdichtet, selbst zugrunderichten. Nachdem wir Systeminsassen sind, betrifft uns das alle. Ansatzpunkte gibt es aber in den Systemwidersprüchen, die wahrgenommen werden und für die sich Akteure finden. Ausblick und Perspektiven Eine Konkretisierung unseres Anliegens und unseres Wissenschaftsverständnisses stellt das Projekt Grundeinkommen dar. Besieht man sich die Anfangstexte der Forschungsgruppe, war die Perspektive der Handlungsmöglichkeiten bereits in den Entwürfen präsent. So gesehen war das Projekt von Anfang an ein politisches Projekt. Einiges hat sich jedoch deutlicher konturiert die Festlegung auf bestimmte als zentral erachtete Themen wie die Auseinandersetzung mit dem Thema "Arbeit Arbeitslosigkeit Utopien" und in der Folge "Geld und Finanzmärkte". Hier ist eine Fokussierung in der interdisziplinären Zusammenarbeit innerhalb des Projektes erfolgt und in der Kooperation mit dem Hernstein Management Institute eine spezifische Arbeitsweise auch nach außen entwickelt worden. Sie besteht
nochmals kurz zusammengefaßt im Stellen von
Fragen, im Entwickeln von Modellen und im Organisieren
eines Prozesses, der die wichtigen Akteure miteinbezieht.
Auf der Ebene der Symposien wurde das in Hernstein
gemeinsam mit Wissenschaftlern unterschiedlicher
Disziplinen, Experten, Praktikern, später auch mit
Vertretern der Medien erprobt. Ziel war, die
unterschiedlichen Sichtweisen im Sinn der Erarbeitung
einer Gesamtwirklichkeit eines Problems aufeinander zu
beziehen. Das setzt nicht nur die Bereitschaft zum Dialog
voraus, sondern auch die Bereitschaft, sich und seine
Ansichten in Frage zu stellen bzw. stellen zu lassen,
Aufmerksamkeit für die Eigenlogik des eigenen Systems zu
entwickeln, für seinen Erfolg, aber auch für die damit
verbundenen blinden Flecken. Das bedeutet: Widersprüche
müssen zugelassen werden und dürfen nicht, wie es dem
Wissenschaftsverständnis von Einzeldisziplinen
entspricht, ausgeschlossen werden. Für die Projektgruppe
bedeutete es auch eine mehr als einjährige
Vorbereitungsphase, in die andere Wissenschaftler
eingebunden wurden.
Projekt "Alternative Ökonomie" wie lange noch? Das Projekt wurde aus
eigener Entscheidung bis Ende 1999 terminisiert. Unser
Arbeitsprogramm bis dorthin umfaßt die Erstellung eines
Tagungsbandes zum letzten Symposium "Geld und
Finanzmärkte. Was ist uns das Geld wert?", eine
gemeinsame Publikation mit dem Arbeitstitel "Zukunft
der Gesellschaft/Gesellschaft der Zukunft", die eine
Zusammenfassung der bisherigen Arbeit darstellen soll und
darüber hinaus Szenarien einer sich konturierenden
Weltgesellschaft beschreibt, sowie ein weiteres Symposium
mit dem Hernstein Institute zum Thema der politischen
Gestaltung (geplant für das Jahr 2000).
|
|