Ingrid Hauder
Wenn Wissenschaft und Praxis aufeinandertreffen
 



Geld und Finanzmärkte. Eine kommentierte Zusammenschau der am Symposium vorgetragenen Thesen und geführten Diskussionen.

"Geld und Finanzmärkte - Was ist uns das Geld wert?" Unter diesem Titel wurde vom 9. bis 11. Dezember 1997 ein Symposium auf Schloss Hernstein abgehalten, das gemeinsam von Hernstein Thinksite, der "Denkwerkstatt" des Hernstein International Management Institute und dem iff, Forschungsgruppe "Alternative Ökonomie", initiiert und durchgeführt wurde.

Die Teilnahme der Projektgruppe "Alternative Ökonomie", von WissenschaftlerInnen aus dem Bereich Ökonomie, von Unternehmern aus der Praxis und von Journalistinnen sollte gewährleisten, die Thematik aus den verschiedenen gesellschaftlich relevanten Perspektiven in den Blick zu bekommen, Theorie und Praxis zu verbinden und auch die Medien als Vermittlungs- und somit Gestaltungsinstanz unserer Gesellschaft miteinzubeziehen. Nicht anwesend - obwohl eingeladen - waren übrigens Vertreterinnen aus der Politik. Unter den Unternehmern befand sich keine Frau.

Zum Ablauf des Symposiums

Eine interdisziplinäre Tagung zu veranstalten beinhaltete, sich den Herausforderungen und Schwierigkeiten interdisziplinären Arbeitens zu stellen: die komplett verschiedenen Herangehensweisen der einzelnen Tellnehmergruppen an den Gegenstand kennen und schätzen zu lernen, das "Erkunden mit unterschiedlichem Blick" und sich in den einzelnen Sprachwelten zurechtzufinden - es gibt keine gemeinsame "interdisziplinäre Sprache".
Die Tagung beanspruchte, ein Stück Modellentwicklung eines sozialen Designs zu sein; Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten im konkreten gesellschaftspolitischen Umfeld sollten sichtbar und greifbar werden; vor allem aber sollte es ein "gemeinsames Nachdenken" sein.

Der Ablauf gliederte sich in vier Schwerpunkte:
1. Einstimmung in das Thema
2. Die Philosophie des Geldes
3. Die Ökonomie des Geldes
4. Politische Gestaltung

In das jeweilige Schwerpunktgebiet führten zwei Impulsreferate ein, die in anschließenden Gruppen bearbeitet und diskutiert wurden. Die Gruppen setzten sich entweder aus den Teilnehmergruppen zusammen (Wissenschaftlerinnen, Praktiker usw.) oder waren gemischte "bunte" Gruppen. Im Plenum standen die Ergebnisse der einzelnen Gruppen zur Disposition.

Im folgenden Beitrag wird der Versuch gemacht, die verschiedenen Herangehensweisen der TagungsteilnehmerInnen an das Thema aus der Wahrnehmungsperspektive einer Außenstehenden genauer zu untersuchen. Als Grundlage diente vor allem die von den VeranstalterInnen in Auftrag gegebene, über 200 Seiten umfassende Dokumentation des Symposiums, die auf Basis der Tonbandmitschnitte sämtlicher Diskussionen erstellt wurde.
Über die Notwendigkeit interdisziplinären Forschens und Arbeitens besteht kein Zweifel. Welche spezifischen Qualitäten sind es aber, die die einzelnen Mitwirkenden (Projektgruppe, ÖkonomInnen, Praktiker, Journalistinnen) in die Diskussion und die Suche nach alternativen Gestaltungsmöglichkeiten einbringen? Wie ist ihre Sicht der Dinge, von woher argumentieren sie?
Damit die Beleuchtung des Argumentationsprozesses verständlich wird, ist es notwendig, die den jeweiligen Diskussionsgruppen vorangegangenen Impulsreferate kurz und thesenartig wiederzugeben. Freilich besteht die Gefahr, dass die zusammengefassten Beiträge sehr dicht und in der Argumentation nicht in allem nachvollziehbar erscheinen könnten. Umso mehr, als es ein Hauptkritikpunkt nicht weniger Symposiumsteilnehmerlnnen war, dass einige Referate ein sehr hohes theoretisches und abstraktes Niveau hatten und teilweise nicht verstanden wurden.
Worum es hier geht, ist zu zeigen, von welch unterschiedlichen Seiten Annäherungen an das Thema Geld und Finanzmärkte stattfanden, und einen Eindruck davon zu vermitteln, wie ungeheuer komplex sich die Thematik darstellte.

Impulsreferate - Kernaussagen

Den Einstieg bildete ein Referat von Luise Gubitzer, dessen provokanter Titel "Geld oder Leben" erste kontroversielle Stellungnahmen hervorrief. Gubitzer verwendet die beiden Begriffe als Metaphern für den Bereich Finanzmärkte einerseits und den Bereich Realwirtschaft andererseits. Realwirtschaft meint alles, was unmittelbar zur Lebenswelt gehört; im engeren Sinn ist dies die materielle Versorgung, im weiteren Sinn Lebensqualität, Alltag, soziale Beziehungen, Natur, Organisches - alle lebendigen Prozesse.
Im Bereich Geld ist Quantität der vorherrschende Begriff, das Bestreben, alles quantifizierbar zu machen, während im Bereich Leben Qualität gesucht wird. Die provozierende Gegenüberstellung, ausgedrückt durch das "oder", verweist darauf, dass die monetären Wirtschaftsinteressen und die materiellen Lebensinteressen zunehmend in einen Widerspruch geraten; ganz massiv sichtbar am Problemfeld der zunehmenden Arbeitslosigkeit. Anders ausgedrückt: Die Dominanz der Finanzmärkte über die reale Sphäre hat zugenommen.

Gubitzer führt zwei Ursachenerklärungen dafür an:

  1. Die Entwicklung einer Reichtums- und Vermögensökonomie in der Neuzeit. Durch die Realisierung der beiden Großprojekte Technologisierung und Ökonomisierung ist es in den Industrieländern zur Schaffung eines enormen Güterund Dienstleistungsvolumens gekommen. Riesige Vermögen wurden erarbeitet, die aber nicht entsprechend umverteilt sind.
    Ein zunehmender Wandel von Erwerbs- zu Vermögensinteressen ist feststellbar - ganz im Sinn der finanzkapitalistischen Vollendung der neuzeitlichen Transformation. Diese Interessen werden durch politische Maßnahmen abgesichert. Ein Beispiel dafür: Einkommen aus Vermögen ist gegenüber dem Einkommen aus Arbeit steuerlich begünstigt. Diese Entwicklungen werden unter dem Begriff des Neoliberalismus subsumiert.
  2. Die Hierarchie von Geld über Leben. Geld - und das heißt zugleich alles Quantifizierbare, Anorganische - wird zum vorherrschenden Wertmaßstab, was zugleich eine Abwertung dessen inkludiert, was nicht oder schwer in Geld messbar ist: die Arbeit am Lebendigen, sei es die Arbeit mit der Natur (landwirtschaftliche Arbeit) und mehr noch die Arbeit mit Menschen (z.B. Pflege), Beziehungs"arbeit" überhaupt (z.B. Kindererziehung).

Die Frage und Herausforderung, die sich als wissenschaftliche und politische Aufgabe ergibt, lautet: Wie kann die Beziehung von Geld und Leben neu definiert werden, sodass die Lebensinteressen der Menschen wieder in den Mittelpunktrücken?

Peter Heintel knüpfte im zweiten Referat an die Oberlegungen von Luise Gubitzer an.
Es ist ein Faktum, dass das ökonomische System in unserer Gesellschaft alle anderen Systeme (politische, soziale, religiöse usw.) dominiert, und innerhalb dessen nimmt wiederum das Finanzsystem die Vormachtstellung ein.
Geld ist zum zentralen Medium unserer Gesellschaft geworden. Es zeigt sich in drei Grundfunktionen: als Tauschmittel und Wertmaßstab, an dem alles gemessen wird; als Ware, Geld selbst kann gehandelt, gekauft und verkauft werden; als persönliches Eigentum, Besitz, etwas, das Intimität hat und garantiert -dies steht im Zusammenhang mit der Entwicklung des europäischen Individuums.

Diese drei Funktionen stellen eine Art Trinität dar, ein religiöser Begriff - passend, weil nach Heintel Geld in der Neuzeit Gott als zentrales Medium abgelöst hat. Göttliche Prädikate wie Allmächtigkeit, Unsichtbarkeit, Unsterblichkeit und Ewigkeit kommen dem Geld zu. Der Charakter der Abstraktheit prädestiniert es zu Internationalität und Globalisierung - zu Entgrenzung.
Auf der anderen Seite kann diese Abstraktheit nur ausgehalten werden, wenn Geld als Medium ontologisiert und emotionell besetzt wird. Genau das ist geschehen. Der neuzeitliche Mensch verwirklicht sich im Homo oeconomicus, der ein egoistisches Individuum darstellt. Geld ist der Garant für höchstmögliche Freiheit - alles kaufen zu können - und Sicherheit zugleich; wenn ich entsprechend Geld zur Verfügung habe, bin ich nicht mehr auf die Solidarleistungen des Gemeinwesens angewiesen, Geld gibt die Möglichkeit des absoluten Setzens meiner selbst (Hegel).

Die modernen Kommunikationstechnologien haben zu einer unglaublichen Beschleunigung der finanziellen Transaktionen geführt. Der Zeit-Wettbewerb wird zu einem immer drängenderen Faktor. Die in der (Geld-)Wirtschaft geforderte Beschleunigung entspricht allerdings immer weniger dem Zeitrhythmus von sozialen Prozessen. Zwischenmenschliche Kommunikation und demokratisches Aushandeln brauchen Zeit. Es ist notwendig, hier eine Entschleunigung einzuleiten.
Ein erster Schritt dazu wäre, Geld von der Verkoppelung mit Arbeit zu befreien, um Zeit und Raum zu schaffen für Reflexion, für neue Modellbildung, für Besinnung. Ein zweiter wäre die Einsicht, dass das Modell "autonomes Subjekt", das sich vorrangig ökonomisch definiert - es sieht seine primäre Selbstverwirklichungsmöglichkeit im Erwirtschaften von Geldlohn -, im Letzten eine geschichtliche Oberforderung war und ist.

Philosophie des Geldes

Der erste Referent zu diesem Thema, Gerhard Schwarz, leitete mit der Überlegung ein, dass Theorien immer nur für eine unbestimmte Zeit Gültigkeit haben, Brauchbarkeit zeigen, ab einem gewissen Zeitpunkt aber in ihr Gegenteil umschlagen.
Schwarz nimmt Bezug auf die aristotelische Philosophie. Um das Wesen, die Logik des Geldes zu verstehen, braucht es den Begriff der Aporie: zwei einander widersprechende Aussagen, von denen aber entgegen der aristotelischen Logik beide gültig sind und auch nicht im Sinn Hegels dialektisch aufgelöst werden können.

Die drei Dimensionen des Geldes sind im Sinn einer Trialektik zu verstehen: sie widersprechen und ergänzen einander zugleich. Die erste Dimension taucht bereits bei Aristoteles auf: Geld als Tauschmittel. Über den Markt wird der Tausch organisiert, der Staat sorgt dafür, dass der Markt funktionsfähig bleibt, indem er Recht spricht, Rahmenbedingungen setzt. Diese erste Dimension entspricht dem, was wir unter Realwirtschaft verstehen.
Die zweite Dimension meint Geld als Ware, die Sphäre der Finanzmärkte. Auch damit hat sich schon Aristoteles beschäftigt, allerdings ablehnend - weil die Möglichkeit aus Geld Geld zu machen keine Schranken und Grenzen hat; sie ist in sich unendlich. Jener Hebel, der Real- und Geldwirtschaft miteinander verbindet, ist der Zinsmechanismus. Zins ist der Anfang der Vermehrung des Geldes durch sich selbst. Realwaren sind endlich, Geld - ausgedrückt in Zahlen - hat wie diese selbst den Charakter der Unendlichkeit; es ist ein Abstraktes. Daher war Aristoteles gegen den Zins.
Und diese Sicht der Dinge wirkte bis in das Mittelalter hinein, als Zinsverbot. Mit der Einführung des Geldes als Ware, des Zinses, kam es zu einem ungeheuren Produktionsschub und zu einer rasanten Wohlstandsvermehrung. Wir sind heute konfrontiert mit dem prophezeiten Trieb nach grenzenloser Expansion.
Die dritte Dimension des Geldes betrifft Geld als Eigentum, als Leben. Diese Dimension geht über den rationalen Bereich des notwendigen Tausches hinaus. Der Lust am Geldhaben und Geldvermehren haftet etwas Irrationales an.

Die drei Dimensionen des Geldes müssen in Balance gehalten werden, damit unser Wirtschaftssystem funktionsfähig bleibt. Störungen treten in Form von Inflation (Geldverminderung durch Abwertung des Maßstabs), Börsencrashes oder zu hohen Staatsschulden auf. Innerhalb der Börse sind die drei Dimensionen des Geldes noch einmal zu finden - sie bildet sozusagen den Markt der Märkte. In diesem spielt der Bereich der Erwartungen eine massive Rolle - die vorweggenommene Zukunft, der Glaube an zukünftige Gewinne. Ohne diese psychologische Dynamik von Gewinnen und Verlieren, der Lust am Spielen, am Risiko ist der Prozess an den Börsen nicht verstehbar.

Erich Kitzmüller präsentierte einen weiteren Ansatz. Seine Kernthese besagt, dass in den modernen Gesellschaften Geld als Gewaltregulierung fungiert. Jene Leidenschaften, die in religiösen Gesellschaften Verboten unterliegen und in archaischen Kulturen ritualisiert erscheinen, werden in der kapitalistischen Gesellschaft ganz bewußt eingesetzt, um die Produktion voranzutreiben. Es geht um Leidenschaften, Gefühle wie Gier, Neid, Rivalität, Lust an Macht und Herrschaft, die auf diese Weise integriert, gebändigt und sogar fruchtbar gemacht werden.
Das neuzeitliche Wirtschaften in seiner unbegrenzten Expansion (hervorgerufen durch den Zinsmechanismus und die Notwendigkeit der Schuldentilgung) hat ungeheuren Reichtum und Destruktion zugleich hervorgebracht, die Zerstörung sozialer Beziehungen, die Ausbeutung der Natur - Schäden, die auch den Charakter von Opferungen haben. Allerdings sind diese den einzelnen Akteuren nicht mehr zurechenbar, da alle irgendwie eingebunden sind in die Anonymität der Dynamik. Das Zerstörerische ist nicht nur ethisch bedenklich, es zeigt sich als unästhetisch.
Der neuzeitliche Umgang mit Geld läßt im Letzten nur die Wahl, entweder zu verdrängen oder verdrängt zu werden. Ein Anderes hat keinen Platz, es gibt nur siegen oder verlieren, mehr haben oder weniger haben, der letztgültige Maßstab ist Geld.
Was oder wie wir begehren, ist auch vom Begehren anderer abhängig, wir imitieren das Begehren anderer. Das wird als "Theorie der Mimesis" formuliert. Mimesis - Nachahmung - ist zentral für das Verständnis unseres Sozialverhaltens und besonders unseres Konsumverhaltens. Sie bildet wesentlich den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.

Zu fragen ist, wie mit den Leidenschaften umzugehen wäre, um ein friedliches, nicht zerstörendes Wirtschaften zu gewährleisten. Politisch gesehen gibt es eine weltweit wachsende Anerkennung und Bevorzugung des demokratischen Rechtsstaates, der Republik. Wirtschaftlich betrachtet herrscht Kriegszustand, nicht Anerkennung und Respekt der/des anderen, sondern Eroberung, Vernichtung, Verdrängung sind die Kategorien des Umgangs. Im politischen System wird die Anerkennung der Menschen- und Lebensrechte der/des anderen als Ermöglichung von Freiheit interpretiert und verstanden. Warum sollte dies nicht auch im wirtschaftlichen System möglich sein?
Heute wird unter Freiheit nicht mehr primär politische Teilhabe verstanden, sondern die Freiheit, nach Belieben konsumieren zu können. Politische Freiheit ohne ökonomische Freiheit ist nichts wert. Die Anhäufung von Geld ist eine entsinnlichte Form der Bereicherung. Geld ist abstrakt und unsinnlich.

Ökonomie des Geldes

Caroline Gerschlagers Anliegen war es, als Ökonomin über jene ökonomischen Theorien hinauszugehen, die Geld als Wert, als Mittel, also als rein ökonomischen Faktor betrachten, es aber nicht in seiner medialen Funktion, d.h. in der Art und Weise, wie es als Strukturprinzip unserer Gesellschaft fungiert, in den Blick bekommen.
In dieser Theorie ist kein Raum für die Frage nach politischer Gestaltbarkeit, weil das Funktionieren des Tausches den ökonomischen Prozessen überlassen bleibt. Neuer Handlungsspielraum ergibt sich erst, wenn Geld in seiner medialen Funktion erkannt wird - als etwas, das wertlos ist, insofern, als es die Bedingung der Möglichkeit der Wertsetzung ist.
Die Frage, die sich stellt, ist, wie Souveränität gegenüber diesem Medium erlangt werden kann. Was bedeutet es, beim Konzept "Geld" selbst anzusetzen? Das gängige Modell besteht darin, die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten als gegeben hinzunehmen und die Frage nach der Gestaltung von außen erst im Nachhinein zu stellen. Die Referentin will aufzeigen, dass Veränderungen nur möglich sind, wenn innerhalb der ökonomischen Theorie selbst und ihrer -eingeengten - Sichtweise von Geld neu angesetzt wird.

Politische Gestaltung

Wilhelm Bergers kurzer Kommentar beinhaltete folgende Statements: Die politische Gestaltung von Geld- und Finanzmärkten heißt immer, sich in Aporien, Widersprüchen vorzufinden und genau diese zu gestalten. Im Rahmen der Diskussionen wurden, so Berger, Möglichkeiten systematisch dekonstruiert: "Uns fehlt jegliche Fantasie zu einer Alternative" (ein Diskussionsteilnehmer). Was aber freigesetzt wurde und geblieben ist, das sind moralische Regulative.

Ina Paul-Horn konkretisierte weiter. Für eine politische Gestaltung ist die Neuformulierung eines Wertekanons notwendig. In der Diskussion sind solche Werte immer wieder aufgetaucht: Leben - Umverteilung - Demokratisierung - positive Mimesis - Freiheit - Höflichkeit - Kleinräumigkeit - internationale Vernetzung - an einen öffentlichen Raum denken, in dem wir uns alle gelten lassen. Aber: Wie verlässlich sind diese Werte? Wo können sie überprüft werden? Ein Raum müsste eröffnet werden, in dem Meinungsbildung und der Streit um Entscheidungen, um Qualitäten möglich sind. Es geht um die Suche nach neuen politischen Formen; die bisherigen sind überholt, weil überfordert. Politische Körper bedeuten allerdings Entschleunigung - etwas, das der Beschleunigungsdynamik der Geld- und Finanzmärkte diametral entgegenläuft.

Diskussion und Analyse - wie die einzelnen Telinehmergruppen argumentieren

Projektgruppe

In dieser Gruppe werden die Impulsreferate am intensivsten diskutiert. Das ergibt sich daraus, dass die ReferentInnen zugleich Mitglieder der Projektgruppe sind. Sie sind mit den vorgetragenen Thesen vertraut und können unmittelbar daran anknüpfen.
Geld kommt als etwas in den Blick, das sich nicht rein ökonomisch definieren lässt, sondern eine Fülle anderer Bedeutsamkeiten mitträgt - kulturbestimmende als (ersatz)religiöse, soziologische, psychologische, politische u.a. Einiges Gewicht wird" auf die philosophisch-religiöse Bedeutung von Geld gelegt. Geld als Gott der Wirtschaft, das, was die Welt von heute im Innersten zusammenhält - ohne dass dies den meisten bewusst wäre. Ehemals theologische Konzepte finden sich in transformierter Form wieder. Zentral ist das Konzept der Schuld. Das wirtschaftliche System wird über den Verschuldungs- und Zinsmechanismus in Gang gehalten.
Es fällt auf, dass in der Diskussion nicht so sehr im Mittelpunkt steht, wie der Umgang mit Geld organisiert ist, sondern "was Geld überhaupt ist"; die klassische Wesensfrage, die noch nicht ganz obsolet zu sein scheint und hier unerwarteterweise eine Renaissance erfährt.
In der Projektgruppe befinden sich auch die Anwältinnen eines "guten Lebens". Die Frage, was es heißt, gut zu leben, wird als zentral erachtet gegenüber reinen Effizienzkriterien.
Es wird thematisiert, wieviel die Geldgeschichte mit Psychologie zu tun hat. Das kapitalistische Wirtschaftssystem besitzt eine ungeheure Motivationskraft. "Geld-haben-wollen ist ja ein Motiv, weil das System so organisiert ist, dass ich Geld haben muss. Die Frage ist: Wenn ich weiß, welches andere System ich will, werde ich auch das Motiv finden, mit dem ich dieses System ankurbeln kann?" Diskutiert wird auch die Verflechtung von Finanzkapital und Staatsverschuldung: "Es existiert ein fataler Zusammenhang. Die Staatsverschuldung hat das Finanzkapital gefördert. Der Staat hatte aber in Folge keinen Spielraum mehr, um politisch aktiv zu werden."
Die Frage nach dem "Ort von Neugestaltung" wird umkreist: "Eine ganz reale Geschichte ist die Weltwährung. Für mich ist das eine klare Konsequenz, wenn man die Privatkapitalisierung wieder aufheben will." - "Da bräuchte es dann einen Weltstaat."
Viele Fragen werden aufgeworfen, in den Raum gestellt, allerdings oft nur kurz berührt, um sich sofort wieder etwas Neuem zuzuwenden.

Zur Analyse: Der Facettenreichtum, der in der Diskussion dieser Gruppe sichtbar wird, ist beeindruckend; das Sprechen ist wie ein kreisendes Sich-Annähern von allen Seiten mit sich ständig verändernder Perspektive.
Allerdings wird auch die Kritik der Praktiker (siehe unten) nachvollziehbar. Im umsichtigen, fragenden Erwägen von Szenarien scheint jede konkrete Handlungsmöglichkeit zu entgleiten, sich sofort wieder in Luft aufzulösen. - Wann ist es für Theoretiker Zeit zu handeln? An den Börsen wird inzwischen weiter gehandelt - und über die mitverhandelt, die sich dort nicht beteiligen.
Der Status quo ist - und das wurde auch von Teilnehmerinnen selbstreflexiv formuliert -, "dass wissenschaftliches Arbeiten bislang ein Analysieren war, Wissenschaftlerinnen aber in keinster Weise darauf vorbereitet sind, handelnd zu gestalten". Künftig sind Wissenschaftlerinnen gefragt, die analysieren und handelnd tätig werden, und PraktikerInnen, die unternehmerisch und reflexiv zugleich sind. Eine Neubestimmung der klassischen Berufstypen steht an, um die anstehenden Gestaltungsaufgaben wahrnehmen zu können.

WissenschaftlerInnen

Unter ihnen befinden sich systemkritische ÖkonomInnen und neoklassisch ausgerichtete, die das freie Spiel der Marktkräfte als vorrangig betrachten. Kritische ÖkonomInnen werfen ein, dass die "ganze Erkenntnistheorie der ökonomischen Theorie weitgehend mechanistisch ist, nicht auf Lebensprozessen basiert, und dass die Selbstorganisation der Märkte sehr projektiv abgehandelt wird und nicht auf der realen Basis des ökosozialen Kontextes". Oder: "Die Ökonomen analysieren, was in der Wirtschaft geschieht, aber hinterfragen nicht die Folgen."
Dem Kapitalismus sei es gelungen, "einen neuen Menschen zu erschaffen, den Menschen mit kapitalistischer Logik". "Wenn sie einen Pornofilm produzieren und eine Million Schilling verdienen, stehen sie heute gesellschaftlich besser da, als wenn sie ihre Mutter pflegen und ihr Leben um zwei Jahre verlängern." Die pragmatische Antwort eines Praktikers im anschließenden Plenum: "Es könnte immerhin sein, dass ein Pornofilmer, der soviel Geld verdient hat, besser für seine alte Mutter sorgen kann. Geld haben oder nicht ist eine sehr wichtige Frage."
Andere bestehen darauf, dass die positive Funktion der Finanzmärkte gesehen und verstanden wird. "Wenn die Nachfrage zurückbleibt, bietet der Finanzsektor eine Ausweichmöglichkeit, indem man statt in den Realsektor in den Finanzsektor investiert", und "wenn zuviel im realen Sektor investiert wird, werden unrentable Projekte finanziert. Das wird vermieden, indem man in die Finanzmärkte investiert." Darüber hinaus bliebe zu bedenken: "Warum ist das freie Kapital dem Staat überlegen, wenn es um die Realisierung großer Projekte geht?" Breiten Raum nimmt in der Diskussion die Eigentumsdebatte ein. Verschulden könne sich nur, wer Eigentümer ist. Die einschneidende Veränderung, die sich vom Mittelalter in die Neuzeit ergeben habe, ist "die Abschaffung der Sklaverei, der Leibeigenschaft per politischer Entscheidung". Die Konsequenz davon ist, dass "mit jedem neugeborenen Kind ein neuer Eigentümer in die Welt gesetzt wird, mit dem Minimum des Eigentums an sich selbst". Das bedeutet eine entscheidende Veränderung. Mit dem Eigentum an sich selbst ist die Arbeitsfähigkeit gemeint. Sie ist unverpfändbar. Für soziale Gerechtigkeit scheint gerechte Eigentumsverteilung unverzichtbar zu sein.
Allgemeine Zustimmung findet das Argument, daß "durch die verstärkte Dominanz der Finanzmärkte die Politik in eine untergeordnete Rolle gerät". Die Auswirkungen dessen könnten "einerseits negativ bewertet werden, da dies einen Demokratieabbau bedeutet; andererseits positiv, da dort, wo die Politik versagt hat, über die Finanzmärkte die notwendige Effizienz wieder eingeführt wird".

Zur Analyse: Die meisten Wissenschaftlerinnen zeigen sich bemüht, die Enge ihres eigenen Fachgebietes zu überschreiten, sich für gesamtgesellschaftliche Perspektiven zu öffnen. Von neoliberaler Warte aus ist dieses Bemühen nicht sichtbar, von hier wird sogar der Vorwurf - in nicht sehr feiner Wortwahl - formuliert, dass die Vortragenden aus der Projektgruppe von ökonomischen Theorien überhaupt nichts verstehen würden.
Letztlich kann jede Wissenschaft, und so auch die Ökonomie, nur redlich und relevant bleiben, wenn sie nie außer Acht lässt, dass jede wissenschaftliche Perspektive und Gegenstandsbildung die Wirklichkeit nur unter einem bestimmten Aspekt erfasst und dass aus dieser partikulären Perspektive nicht über das Ganze des menschlichen Zusammenlebens entschieden werden kann. Die Subsumierung allen Lebens unter rein ökonomische Gesichtspunkte ist eine Form der Gewalt.
Die herrschende Ökonomie erfährt eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz, vielleicht deshalb, weil sie allein die Aufrechterhaltung eines hohen materiellen Lebensstandards zu gewährleisten scheint - etwas, das in einer säkularisierten Gesellschaft unverzichtbar ist als Garant für Glück und Wohlbefinden.

Journalistlnnen

Die wenigen anwesenden Medienleute entscheiden sich dafür, nicht als einheitliche Gruppe zu diskutieren, sondern sich aufzuteilen und den Diskussionsprozess in den Akteursgruppen zu verfolgen.
Diejenigen unter ihnen, die über kein ökonomisches Fachwissen verfügen, beklagen die Unverständlichkeit der Referate. Sie pochen vehement auf Verständlichkeit und Transportierbarkeit des Gesagten. Zudem kommt der Vorwurf der "Weitfremdheit" mancher ökonomischen Definitionen, beispielsweise jener der Armut: "Arm ist, wer sich nicht verschulden kann." -"Einem armen Menschen am Wiener Gürtel kann ich das erzählen, und er wird mich auslachen. Armut hat wesentlich mehr Dimensionen."
Andererseits gibt es auch selbstkritische Reflexion -"Es ist auch Aufgabe der Journalisten, nicht nur mit Vorgekautem gefüttert zu werden" - und die Einsicht, ein anderes Selbstverständnis wahrzunehmen: "Die Aufgabe der Medien ist auch, neue Bilder an die Öffentlichkeit zu bringen."
Von der Seite der WissenschaftlerInnen wird den Medienleuten Ungeduld und die mangelnde Bereitschaft, sich in Neues einzuhören, attestiert. Die Forschung der Alternativökonomie zum Thema Geld und Finanzmärkte befindet sich inmitten eines Prozesses, der noch keine fertigen Lösungen anbieten kann. Die gängige Erwartung an die Medienberichterstattung ist allerdings die, klar und lösungsorientiert zu sein: "Keine Fragezeichen im Text."

Zur Analyse: Die Medienleute beharrten zu Recht auf einer möglichst klaren und verständlichen Sprache, zumal es sich bei diesem Thema um eines handelt, das alle Bevölkerungsschichten involviert.
Das Unverständlichkeitsdilemma der Wissenschaften ist sattsam bekannt. Vielleicht bietet einen Ausweg, was der Philosoph Günter Pöltner in seinem Aufsatz "Ober die Möglichkeit und Notwendigkeit eines interdisziplinären Gesprächs" mit Rekurs auf die "lebensweltliche Erfahrung" meint, die der gemeinsame Ausgangsort allen Forschens und zugleich bleibender Horizont ist. "Die Wissenschaft muß ihre Ergebnisse, auf welch komplizierten und verschlungenen Wegen auch immer, letztlich auf ein lebensweltlich zugängliches Datum zurückbeziehen. ... Und schließlich begründet dieser Rückbezug die (positive oder negative) Relevanz wissenschaftlicher Ergebnisse für die Lebensgestaltung des Menschen."
Andererseits muss sich auch die Medienwelt der Tatsache stellen, dass wir in einer Weit leben, in der die alten Fundamente brüchig geworden sind und es auf die neuen Fragen noch keine fertigen Antworten gibt. Warum sollte den KonsumentInnen der Medien die Prozesshaftigkeit und die Umbruchssituation, in der wir uns befinden, nicht zugemutet werden können? Warum sollte nicht genau sie formuliert werden, was bedeuten würde, alle auf eine demokratische Weise in einen Neuorientierungsprozess einzubinden und teilhaben zu lassen.

Praktiker

In der Gruppe der Praktiker steht die Diskussion über die Funktionalität des wirtschaftlichen Systems im Mittelpunkt. Dass genau diese Funktionsweise zunehmend Probleme aufwirft, wie sie in den Impulsreferaten zur Sprache kommen, ist nicht für alle unmittelbar evident, sondern muss deutlicher analysiert und gezeigt werden, wie z.B. das Problem der Umverteilung.
Ihrer Ansicht nach haben Geldwirtschaft und Finanzmärkte wesentlich zur "Produktion von Wohlstand" beigetragen, ohne sie "wären wir um vieles ärmer«'. Kapitalismus, Geld und Finanzmärkte sind "an sich gut", sogar "hervorragend", da "sie es schaffen, die Peitsche der Effizienz zu sein, die Wirtschaft zu Höchstleistungen anzuspornen". Dass es auch Wohlstandsverlierer und Umverteilungsprobleme gibt, wird nicht negiert, erscheint aber eher als unangenehme, nicht vermeidbare Begleiterscheinung, ähnlich wie bei der Einnahme von Medikamenten, oder: Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Damit die Geldwirtschaft und die Finanzmärkte überhaupt in Frage zu stellen, ist für die Praktiker nicht gerechtfertigt, zumal "nirgends eine bessere Alternative in Sicht ist und es historisch gesehen auch keine gegeben hat".
Es wird ein gewisses Unbehagen darüber artikuliert, dass sich die Prozesse der Finanzwirtschaft zu verselbständigen drohen: "Mir sind die Geldmärkte langsam unheimlich, wie sie sich abkoppeln von den Realmärkten und in Richtungen gehen, die ein Vielfaches von Geldumsätzen in den Realmärkten sind." Der Besen, den er rief, wird dem Zauberlehrling unheimlich.
In der Gruppe werden die systemimmanenten Probleme lebhaft diskutiert; Maßnahmen, die Verbesserungen bringen könnten, z.B. Steuerreformvorschläge, werden in ihren Konsequenzen systematisch durchgespielt. Es gibt den Anspruch, einen ergebnisorientierten Diskurs zu führen und zentrale Kernpunkte aufzulisten. Auffallend ist, dass jenes Prinzip, das den Praktikern in ihrer täglichen Berufspraxis abverlangt wird, nämlich Effizienz, auch in der Diskussion vorherrschend ist, in der Weise, wie diskutiert und gearbeitet wird.
Den Wissenschaftlerinnen wird vorgeworfen, daß sie allzu sehr in einer "theoretischen Sauce" schwimmen würden und die alltägliche Erfahrung der Praktiker, das Vertrautsein mit dem System, nicht genügend ernst nehmen würden. Es geht sogar soweit, dass sich Praktiker fragen, wozu sie überhaupt zu die sein Symposium eingeladen wurden: Ihr braucht uns ja gar nicht." Von Seiten der Wissenschaftlerinnen wird bemängelt, dass einige der Praktiker nicht einmal die zur Vorbereitung empfohlene Literatur gelesen haben.

Zur Analyse: Es wurde zuwenig anerkannt, dass genau auf Basis des von Praktikern Erwirtschafteten theoretische Reflexionen und ein Symposium dieser Art überhaupt erst möglich sind. Praktiker sind auch der Garant dafür, dass das System weiterbesteht, das Rad der Produktion weiterläuft, während Theoretiker innehalten, um sich der "Schau" (theoria), der Reflexion widmen zu können. Der alte abendländische Dualismus von Theorie und Praxis findet seinen Niederschlag. Im aristotelischen Modell kommt dem Vollzug der theoria eine höhere Bewertung zu als dem der Praxis. Fühlt sich die theoria der Praxis auch heute noch immer überlegen? Das Symposium hat gezeigt, dass dieser Dualismus noch nicht überwunden ist und der Neubestimmung bzw. Transformation harrt.
Vielen Praktikern hingegen fällt es offensichtlich schwer, aus der Funktionalität des Systems ein Stück weit auszusteigen. Es wird zu wenig reflektiert, ob das reibungslose Funktionieren des Systems wirklich ein ausreichendes Kriterium ist und dass bloßes Funktionieren kein "gut [eben" für alle gewährleistet.

Resümee

Aus der Charakteristik der Teilnehmergruppen wird ersichtlich, dass sich die Hauptkontroverse des Symposiums daraus ergibt, dass die einzelnen Teilnehmergruppen sehr verschiedene Interessen verfolgen und mit ganz unterschiedlichen Erwartungen an die Tagung herangegangen sind.
Es hat den Anschein, dass diese grundlegenden Differenzen im Vorfeld der Veranstaltung zu wenig bewusst gemacht und thematisiert worden sind. Welcher ist mein Ausgangsort, welcher ist mein Platz im System und welche Auswirkungen hat das auf die Herangehensweise an das Thema?
Wenn ein Symposium beansprucht, nicht nur der Theoriebildung und Reflexion zu dienen, sondern "Modellentwicklung eines sozialen Designs" zu sein, wird es zukünftig notwendig sein, alle Teilnehmergruppen in gleichberechtigter Weise miteinzubinden; konkret hieße das z.B., dass Impulsreferate aus allen Reihen kommen und nicht ausschließlich von der Projektgruppe, also von wissenschaftlicher Seite. Allen Teilnehmerinnen muss gleich viel Raum - und Zeit - für ihre Selbstdarstellung und die Darstellung ihrer Sicht der Dinge, ihrer Erfahrung zugestanden werden.


   

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