Erich Kitzmüller
Über die Arbeitsgesellschaft hinaus
 



Ein Beitrag über Reichtum, Elend und ein unbedingtes Grundeinkommen in Auseinandersetzung mit André Gorz

Im Angesicht von Krisen gibt es immer mehrere Möglichkeiten: sie zu ignorieren oder zu verharmlosen, solange es geht; in Katastrophengeschrei auszubrechen und wild herumzuschlagen oder aber zu erstarren – es gibt viele Varianten des Ausweichens. So in diesen Jahren auch gegenüber der Krise der Arbeitsgesellschaft. Die Medien, die Alltagsgespräche, auch viele Publikationen der einschlägigen Wissenschaften sind voll von derlei Ausweichmanövern; eine breite Resonanz und oft auch Prestige und Einkommen hängen ab vom gekonnten Ziehen der Register des Ausweichens. Nicht auszuweichen, das verlangt eine doppelte Kühnheit: alte Gewissheiten, und seien es die verbreitetsten, neu zu befragen; und neue (verfemte alte?) Wege zu suchen, auch solche, die von etablierten Mächten blockiert sind, gar als unsinnig und zerstörerisch hingestellt werden.

Die sozialen Krisen, die Krise der Arbeitsgesellschaft sind nicht bloß äußere Vorgänge. Sie sind unvermeidlich Krisen des Wahrnehmens, der Begriffe und Konzepte; eine Herausforderung auch an das theoretische Denken. Jede und jeder weiß, was Arbeit ist – aber was ist Arbeit? Welche Namen verbindet wer mit welchen Geschichten, Absichten, Verboten, Drohungen? Mehr Beschäftigung und mehr Arbeitslosigkeit, wie geht das zusammen? Sehen wir die sozialen Vorgänge aus der Sicht der Gewinner oder der Verlierer? Und wie sich zurechtfinden in dem Wirrwarr der Erklärungsansätze? Die Produktivitätssteigerungen als Ursache der Krise? Arbeitslosigkeit als günstiger/unvermeidlicher Ansporn zur Flexibilisierung der Arbeit und der Arbeiter? Unverdrossen den sozialen Frieden durch Vollbeschäftigung herstellen? Aber was tun, wenn massenhafte und langdauernde Arbeitslosigkeit und Verarmung zum Dauerphänomen werden? Unsichere Orientierung und Desorientierung kennzeichnen die Lage.

In solch unsicheren Lagen wird es nötig, auch das bisherige Orientierungswissen und seine emotionale Grundlage kritisch zu betrachten. Das gilt ganz besonders für die gängigen Methoden und Wissensbestände der Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften. Der iff-Arbeitskreis "Alternative Ökonomie" hat sich von Anfang an diese Überprüfung zu Eigen gemacht. So auch im Herangehen an die neue soziale Frage, das wir im Buch "Transformation der Arbeit" dokumentiert haben. Auch hier geht es darum, beides zu verknüpfen: die Sache und das immer problematische Denkzeug, mit dem die Sache ins Licht gehoben werden soll.
Sich öffnen für die Differenzen zur herrschenden Meinung in der sozialen Frage und für die Autoren und Akteure solcher Differenzen; an sie anknüpfen, sie einbeziehen – das heißt, exemplarische Akteure der sozialen Konflikte, also Manager von Unternehmen, Funktionäre von Interessenverbänden, aber auch etwa Sprecher von Arbeitsloseninitiativen einbeziehen, andererseits auch solche Wissenschaftler und Experten, deren Fachrichtungen konventionell nicht als einschlägig gelten. Die Operation "Öffnung" hat für die iff-Gruppe stets auch die dosierte Einbeziehung externer Partner beinhaltet. Auseinandersetzung und Anregung nicht nur über Landes- und Sprachgrenzen, sondern auch über die Schranken der Disziplinen und "Schulen" hinweg. Ist bedeutsame Sozialwissenschaft nicht längst schon transdisziplinär und transnational? Das allein erlaubt es, das stets drohende Abrutschen ins bloß Provinzielle zu vermeiden.

Über den Raum deutscher Sprache hinaus sind von Mitarbeitern der iff-Gruppe vor allem auch zu französischen Wissenschaftlern und Intellektuellen Gesprächsbeziehungen geknüpft worden, u.a. zu Michel Aglietta, Jean-Pierre Dupuy, André Gorz, Alain Touraine. Auf diesen Seiten soll (dafür exemplarisch) zur Krise der Arbeitsgesellschaft die Auseinandersetzung mit und das Anknüpfen an André Gorz (AG) skizziert werden.

Schon zu unserer ersten Publikation "Der kalte Blick der Ökonomie" hat André Gorz in Form eines Interviews "Solidarität als Weg in die politisch-zivile Gesellschaft" beigetragen. Im Folgenden wird vor allem angeknüpft an sein Buch "Misères du présent, Richesses du possible", an jüngste Interviews in französischen und deutschsprachigen Medien und an persönliche Gespräche; Zitate in meiner (nicht autorisierten) Übertragung. Doch ist dieser Text keine Montage von Zitaten, auch keine Besprechung seines Buchs, sondern eine Skizze dessen, was in der Begegnung anverwandelt und weitergedacht wird.

"Ohne unbedingtes Einkommen geht gar nichts"

Warum ausgerechnet André Gorz, und warum ausgerechnet jetzt? Nach 15 Jahren vollzieht AG in der Frage eines Grundeinkommens eine deutliche Wendung. Hatte bisher die Skepsis überwogen, so sagt er nun deutlich und begründet die Wendung ausführlich, dass ohne die Einrichtung eines unbedingten Einkommens für jede und jeden nichts von den anderen notwendigen und möglichen sozialen Reformen gelingen kann: "Ein sicheres Einkommen ist die vorrangige Bedingung für eine Gesellschaft vielfältiger Tätigkeiten."

Das "Warum" dieser Akzentverschiebung ist ebenso bedeutsam wie die Wende selbst. Nicht wenige, die ein Grundeinkommen bisher ablehnten, glaubten sich auf die Vorbehalte berufen zu können, die AG anmeldete. Aber die neue Priorität wird nicht voluntaristisch eingeführt, sie ist keine Anpassung an jene Befürworter eines Grundeinkommens, die damit die Hoffnung auf ein Ruhigstellen von sozialen Unruheherden verbinden oder meinen, mit dem Grundeinkommen als Zaubertrick alles Elend zu beseitigen und sodann sich um die Ursachen von Verelendung nicht mehr kümmern zu müssen. Die frühere Skepsis war nicht zu verwechseln mit den oft hanebüchenen Einwänden, sei es aus der vermeintlich faulen Natur der Menschen, sei es wegen angeblicher Unfinanzierbarkeit. Die jetzt zurückgestufte Skepsis gegen das allgemeine Grundeinkommen war zu sehen vor dem Hintergrund einer Zuversicht: dass nämlich die in den letzten Jahrzehnten gesteigerten Produktivkräfte eine neue gesellschaftliche Verfügung sowohl über die Arbeit und die Arbeitszeit als auch über die Einkommen möglich machen. Arbeit ist zu umfassend wichtig, als dass sie bloß auf den Erwerb reduziert wird und Arbeitslosigkeit allein als Problem von Geldtransfers abzutun wäre.

André Gorz in "Misères, Richesses": "Lange habe ich die Idee eines Sozialeinkommens, das es ermöglichen würde ‘zu leben ohne zu arbeiten’, zurückgewiesen. Und dies aus Gründen, die jenen der Schüler von Rawls entgegengesetzt sind, für die die ‘Arbeit’ ein ‘Gut’ ist, das im Namen der Gerechtigkeit angemessen zu verteilen ist. Nein, die ‘Arbeit’ ist kein ‘Gut’: Sie ist eine notwendige Tätigkeit, die in der Epoche der Moderne nach den von der Gesellschaft definierten Normen und nach ihrer Nachfrage vollzogen wird und die Ihnen das Gefühl gibt, Sie sind das zu tun fähig, was die Gesellschaft benötigt. Die Gesellschaft ihrerseits anerkennt und sozialisiert Sie und überträgt durch ihre Nachfrage an Sie Rechte. Auf diese Weise zieht die ‘Arbeit’ Sie aus der Einsamkeit des Privaten heraus; das ist eine Dimension der Staatsbürgerschaft. Und in noch grundlegenderer Weise ist sie (als die Arbeit, die man tut) über ihre jeweilige gesellschaftliche Bestimmung hinaus eine Bestimmung über sich selbst und über die Welt ringsum – notwendig zur Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten.
In dem Maß, wie das Gewicht der Notwendigkeit der Arbeit abnimmt, erfordert die Gerechtigkeit, dass sie sowohl im Leben von jeder und jedem abnimmt als auch angemessen auf alle aufgeteilt wird. Deswegen habe ich in früheren Veröffentlichungen die Garantie eines vollen Einkommens für jeden verbinden wollen mit der Verpflichtung für jeden, jene Menge an Arbeit zu verrichten, die zur Erzeugung der Güter nötig ist, auf die das Einkommen Anspruch gibt: beispielsweise 20.000 Stunden Lebensarbeitszeit ... Dieses Konzept habe ich seit 1983 vertreten, und es stimmte überein mit der Perspektive des Verschwindens der Lohnarbeit und des ‘Wertgesetzes’: das garantierte Sozialeinkommen war eben nicht mehr ein Lohn. Dieses Konzept stimmt überein mit der Aneignung der und Verfügung über Zeit. Aber es stimmte nicht überein mit den Perspektiven und Möglichkeiten, die durch den Postfordismus eingeführt wurden."

Im neuen Regime von Wirtschaft und Wirtschaftspolitik ist es einerseits schwieriger geworden, das mögliche Teilen der Arbeit und das Abkoppeln des tätigen Lebens von der Lohnarbeit voranzutreiben – oder, genauer gesagt: Es finden sich keine politischen Kräfte, die das Mögliche zum politischen Programm zu machen verstünden. Andererseits kann jetzt, so AG, ein neues strategisches Element ins Spiel gebracht werden. Als strategisches Element ist es freilich nur dann geeignet, wenn zweierlei sichergestellt ist: Es muß ein unbedingtes Grundeinkommen sein, weder gebunden an geleistete oder zugesagte Arbeit noch an irgendwelche Symptome besonderer Bedürftigkeit; und es muß ausreichend sein, um sich gegen Elend schützen zu können. "Die Einführung eines allgemeinen und unbedingten Basiseinkommens, das mit einem Arbeitseinkommen verbunden werden kann, ist ... der beste Hebel, um so breit wie möglich sowohl die entlohnte Arbeit als auch die nicht entlohnten Tätigkeiten aufzuteilen."

Ein solches Grundeinkommen "erlaubt die Entwicklung und Zugänglichkeit der Mittel, die die Selbsttätigkeit ermöglichen und zu ihr anreizen, die Mittel also, mit denen die Individuen und Gruppen durch frei gewählte Tätigkeit einen Teil ihrer Bedürfnisse und Wünsche, die sie selbst definieren, befriedigen können. Diese Mittel sind Einrichtungen, die allen und jedem Hightech-Selbstversorgung ermöglichen".

Reichtum oder Armut? Reichtum und Armut!

Welche Möglichkeiten birgt die gesellschaftliche Dynamik heute, im Zeichen von Globalisierung, Deregulierung, Informatisierung, vielfältigeren Lebensstilen? Daran scheiden sich die Geister.

Die einen – sie geben in der Öffentlichkeit den Ton an – wollen nur die rasanten Zuwächse der Vermögen gelten lassen, die steilen Kurven von Produktion und Produktivität, die technologischen Großtaten und expandierende Finanzmärkte als Unterpfand ständig steigenden Reichtums. In ihrer Sicht ist die Reichtumsmehrung das einzig Wichtige, und Armut oder Elend (und ökologische Zerstörungen) müssten als bedauerliche Nebenfolgen hingenommen werden, die entweder durch mehr Reichtum schon noch behoben würden – oder sogar, besonders die Arbeitslosigkeit, ausdrücklich als nötige Peitsche für den Fortschritt der Reichtumsproduktion eingesetzt werden sollen.

Auf der Gegenseite wird allein die Zunahme an Armut und Elend – bei steigendem Reichtum einer Minderheit – wahrgenommen. Alle Energie wird für die Defensive oder zur Linderung dieses oder jenes Elends eingesetzt. Die trotz aller Verödungen und Verelendungen auch gewachsenen Möglichkeiten zur Gestaltung des Lebens und zur Erneuerung von Solidarität werden von der Wucht der Verelendungen aus dem Blick gedrängt.

Anders kann die Wirklichkeit wahrgenommen und das Feld der Möglichkeiten erforscht werden, wenn beide Tendenzen gleich ernst genommen werden: mehr Reichtum und mehr Elend zugleich. Diesen Weg geht AG in exemplarischer Weise im Aufspüren der neuen Regimes in der Unternehmens- und Wirtschaftspolitik, für die sich der Name "postfordistisch" eingebürgert hat.

"Das Unternehmen unterdrückt in hohem Maß den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit zugunsten eines stabilen Kerns seiner Arbeiterelite und verlagert den Gegensatz hinaus zu den Arbeitern am Rand, den Ungesicherten oder Arbeitslosen. Der Postfordismus erzeugt seine Elite, indem er Arbeitslosigkeit erzeugt; das eine ist die Bedingung für das andere. Der ‘soziale Nutzen’ dieser Elite kann daher nicht unter dem Gesichtspunkt des Gebrauchswertes der Produktion oder des ‘Nutzens für die Verbraucher’ eingeschätzt werden. Die Mitglieder dieser Elite können sich selbst nicht mehr als allgemein sozial nützlich verstehen. Denn sie erzeugen den Reichtum und die Arbeitslosigkeit in ein und demselben Akt. Je mehr ihre Produktivität und ihr Arbeitseifer zunehmen, desto mehr wachsen auch die Arbeitslosigkeit, die Armut, die Ungleichheit, die sozialen Ausstoßungen – und die Profitraten."

Noch einmal: Was ist Arbeit?

Eine Flut von Kongressen, Veröffentlichungen und Resolutionen zum Thema Arbeit ist als Antwort auf die paradoxe Zunahme von Arbeitslosigkeit inmitten wachsender Vermögen losgetreten worden. Zumeist sind aber die Begriffe eher verwischt als geklärt worden: die grundlegende Unterscheidung zwischen Arbeit in einem menschlichen Sinn und dem jetzt erreichten Stadium der Erwerbsarbeit in der profitgesteuerten Expansion.

"Arbeit im anthropologischen Sinn kann nie verschwinden, solange die Menschheit existiert. Arbeit als Gestaltung und Pflege der Natur. Diese Definition sagt jedoch nichts aus über die gesellschaftlichen Beziehungen und Produktionsverhältnisse, über die Arbeit, die wir tun, und die Arbeit, die wir haben. Arbeit, die man tut, hat man nicht; aber Arbeit, die man hat, tut man immer nur für andere, die sie entlohnen und fremdbestimmen. ... Die gesellschaftlich geregelte und sozial eingebettete Arbeit wird systematisch abgebaut, ohne dass sich die Menschen die zeitlichen Räume aneignen können, die durch den Abbau dieser Arbeit freigesetzt werden. Diese Wiederaneignung der Zeit und Aufhebung der fremdbestimmten Arbeit ist aber gemäß der Auffassung, die Marx von Hegel übernommen hat, der eigentliche Sinn der menschlichen Geschichte: es soll die Arbeit überwunden werden zur freien Selbsttätigkeit. Die Möglichkeiten dafür zeichnen sich ab. Wir müssen lernen, sie wahrzunehmen.
Wir müssen zuerst einmal anerkennen, dass die Zukunft nicht im gesicherten, dauerhaften, vollzeitigen Lohnarbeitsplatz liegt, sondern im Wechsel zwischen immer kürzeren Perioden bezahlter Arbeit und immer längeren Perioden freier Selbsttätigkeit. Die gesellschaftliche Geltung und Anerkennung muss von der Lohnarbeit auf die Selbsttätigkeit verlagert werden. Das ist möglich, weil das sogenannte ‚Humankapital", also Ideenreichtum, Kreativität, Lernfähigkeit, heute im Verwertungsprozess wichtiger ist als Sachkapital. ... Selbst einfache Erwerbsarbeit verlangt ein Bildungsniveau, das die Ausbildungszeit bei weitem übersteigt und sich hauptsächlich durch freie Selbsttätigkeit und in zwischenmenschlichen Beziehungen entwickelt. ... Nirgendwo steht geschrieben, dass Arbeit nur dazu dienen soll, an einen Arbeitgeber verkauft zu werden, der sie sich aneignet."

Beschäftigung oder das soziale Nichts?

Warum werden die offenkundig gewachsenen Möglichkeiten einer zugleich selbstbestimmten und solidarischeren Lebensgestaltung so wenig wahrgenommen? Woher die lähmende Verzweiflung bei vielen angesichts von Arbeitslosigkeit? Es wird darin zugleich ein massenhaftes individuelles und ein kollektives Dilemma schlagend.

Das Risiko der Existenz, des Ansehens und des Selbstgefühls ist unter dem Bann der Marktgesellschaft radikal individualisiert; "wer die Beschäftigung verliert, verliert alles". Und parallel dazu ist die Überzeugung durchgesetzt worden, allein über Beschäftigung (samt den aus Lohnanteilen abgeschöpften sozialen Transfers) könne der Zusammenhalt der Gesellschaft, der ‘soziale Friede’ gesichert werden. Von beiden Seiten packt nun die Zange schärfer zu. Zu viele "verlieren alles" oder müssen das doch befürchten; und eine Gesellschaft, die ihren Zusammenhalt nur der Beschäftigung zu verdanken glaubte, sie aber nicht mehr für alle zustande bringt, steht am Rand gewalttätiger Zersetzung. Die viel beredete Krise der Arbeit ist die Krise der "Arbeitsgesellschaft" (Hannah Arendt) oder "Lohnarbeitsgesellschaft" (Michel Aglietta). AG enthüllt den "Mythos des sozialen Bandes" der Arbeitsgesellschaft:

"Sogar am Höhepunkt der Lohnarbeitsgesellschaft war die Arbeit – entgegen einer rückwärtsgewandten Idealisierung – niemals eine Quelle des ‘sozialen Zusammenhalts’ oder der Integration. Das ‘soziale Band’, das sie zwischen den Individuen knüpfte, war abstrakt und schwach. Sie waren eingefügt, das wohl, in den gesamtgesellschaftlichen Arbeitsprozeß, in die Produktionsbeziehungen – aber als eng verzahnte und funktionell spezialisierte Teilchen einer ungeheuren Maschinerie. ... ‘Die Arbeit ist egal, Hauptsache ist der Arbeitsplatz. Der Arbeitsplatz ist egal, Hauptsache man hat einen’."

"Niemals ist die Ideologie vom Wert der Arbeit so frech plakatiert, ausgeschrien und wiedergekäut worden, niemals war die Herrschaft des Kapitals, des Unternehmens über die Bedingungen und den Preis der Arbeit so sehr unangefochten. Niemals ist die ‘unersetzliche’ Funktion der Arbeit als Quelle des ‘sozialen Zusammenhalts’, der ‘Integration’, der ‘Sozialisation’, der ‘persönlichen Identität’ und des Sinns mit so viel Besessenheit angerufen worden als eben jetzt, da sie keine dieser Funktionen erfüllen kann. ... Die Gesellschaft, in der jeder hoffen konnte, einen Platz zu finden, abgegrenzte Zukunft, Sicherheit, Nützlichkeit, diese Gesellschaft – die ‘Arbeitsgesellschaft’ – ist tot."

"Zurück zur Politik"

Die Arbeitsgesellschaft hat keine Zukunft, und das heißt auch, sie ist nicht reformierbar – so viel auch an Reparaturen im Detail möglich und unaufschiebbar ist. Sobald die mentalen Kräfte, Fantasie und Konfliktenergien sich nicht länger in der Angstabwehr erschöpfen, in vergeblichen Defensiven und Reparaturschüben, kann die Chance begriffen und organisiert werden – eine Verwandlung der Arbeit, der Lohnverhältnisse, des tätigen Lebens. Wir können aufhören, die alten Geschichten (profitgesteuerte Arbeit als Zentrum des Lebens und Quelle des sozialen Friedens) nachzubeten, können uns eine neue Geschichte vorsagen und sie zur Leitlinie der gesellschaftlichen Wirklichkeit machen. Das ist ein "Zurück zur Politik".

Das gängige Misstrauen gegen Politik, Resignation, Verachtung, Ohnmacht – all das ist hervorgerufen durch ein Versagen der großen Institutionen, der Parteien, Verbände, ja der Staaten und des Staates gegenüber den Kräften der Profitsteigerung. "Überall bedient sich das Kapital des von ihm selbst verschärften Konkurrenzkampfes der Konzerne und verlangt vom Staat, dass er seine Sozialpolitik abbaut, Märkte und Arbeitsbedingungen dereguliert, sich der Herrschaft der Marktgesetze unterwirft. Die anonymen, rein statistischen Gesetze des Marktes dienen dem Kapital dazu, sich gegen die Gesetze zu schützen, die sich eine Gesellschaft gibt."

Zurück zur Politik, das heißt vorwärts – parallel in zwei Bewegungen. Das eine ist die verwirrend vielfältige Bewegung zu neuen Formen der Kooperation, der Selbsttätigkeit und Einmischung. "Ein Exodus aus der Lohnarbeit, aus dem Kapitalismus ist im Gang. Ein bedeutender Anteil der jüngeren Menschen entzieht seine Lebensführung dem Diktat der kapitalistischen Werte – Geld, Macht, Karriere, Wettbewerb. Jetzt kommt es darauf an, jene exemplarischen Erfahrungen bis zu ihrem logischen Ziel weiter zu denken, die tatsächlich anderen Weisen der produktiven Zusammenarbeit, des Austauschs, der Solidarität, des Lebens zu erkunden. ... Ein Ensemble von Politiken lässt sich skizzieren, die darauf abzielen,

  1. allen ein ausreichendes Einkommen zu sichern;
  2. die neue Verteilung der Arbeit mit der individuellen und kollektiven Verfügung über die Zeit zu verbinden;
  3. das Aufblühen neuer Sozialformen zu begünstigen, neuer Weisen der Zusammenarbeit, in denen jenseits der Lohnarbeitsverhältnisse soziale Bindungen und ein Zusammenhalt der Gesellschaft erzeugt werden."

An Beispielen solch neuer Kooperationsformen und "local exchange and trading systems" mangelt es nicht. Es gilt nun, sie mittels einer "generative policy" (Anthony Giddens) zur Stärkung sowohl der indviduellen wie der kollektiven politischen Subjekte zu motivieren; und AG nennt als Beispiel dafür eben die Einführung des allgemeinen, unbedingten, ausreichenden Grundeinkommens.

Doch ist diese breite soziale Experimentation nur eine Teilbewegung "zurück zur Politik". Parallel dazu ist die Bewegung zu umfassenderen, vermittelnden Institutionen in Gang zu setzen; "denn man muss anerkennen, dass es die Notwendigkeit und das Problem von Vermittlungen zwischen jeder lokalen Gemeinschaft und der Gesellschaft gibt, und zwischen den Gemeinschaften selbst und den Gesellschaften selbst; und dieses Problem und diese Vermittlungen sind das Politische – Politik, die nicht sich durch Zauberei zugunsten der von Kommunikation und Übereinstimmung geprägten Beziehungen in den Gemeinschaften auflösen wird".

"Das erfordert, daß die Gesellschaft einen ‘wirtschaftlichen Überschuss’ ansammelt, dass also ein universelles Geld und anerkannte, gültige und auf alle anwendbare Regeln fortbestehen, also eine Rechtsordnung und ein Rechtssystem, ein Organ für Koordination und Ausgleich – kurz: was man Staat nennt. ... Die politische Vermittlung ist in letzter Analyse nichts anderes als das niemals vollendete Werk, das Universelle hervorzubringen und die Bedürfnisse in Rechtsbeziehungen umzuwandeln, indem die Bedürfnisse jeder einzelnen Person zusammenklingen mit denen aller, und umgekehrt."

Freilich: Wie formen sich "Bedürfnisse", wie können Unterschiede gelebt und Gewalteskalationen vermieden werden, wie kann das Politische und wie kann der Staat den zu Recht gefürchteten Zwangscharakter verlieren? Das sind Fragen, die sich in der Rückwendung zur Politik neuerlich und drängend stellen. Aber alles kann nur beginnen, wenn der Blick sich von der zukunftslosen Arbeitsgesellschaft ab zum Horizont wendet, zur Vision einer Gesellschaft, in der "die Einzelnen und die Kollektive sich die Mittel verschaffen, Verantwortung für sich zu übernehmen und eine bessere Handhabe über ihr Leben und ihre Lebensbedingungen zu gewinnen".


   

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