Caroline Gerschlager
Geld als aktives Prinzip
 

Von der Möglichkeit und Unmöglichkeit, die Wirtschaft zu steuern, oder Überlegungen zur Zukunftsgestaltung und was das Geld damit zu tun hat.

Manchmal steht die Geschichte auf seiten der Selbstbesinnung. Es gibt Momente, die ein Nachdenken der Gesellschaft über sich selbst begünstigen. Wenn die Identität der Gesellschaft sich verändert, so ändert sich auch die Art, wie sich eine Gesellschaft ihre Identität vorstellt. Es fällt auf, daß in der ökonomischen Wissenschaft gegenwärtig wieder über das Geld in grundsätzlicher Art und Weise nachgedacht wird. Das Geld wird dabei insbesondere in seiner gestaltenden Funktion zu denken versucht.

Wie das Geld in der Ökonomie, die sich gerne auch als Wissenschaft vom Tausch bezeichnet, wahrgenommen wird, ist zentral für das Verständnis des von ihr konzipierten Tausches selbst. Eine veränderte Wahrnehmung des Geldes – dies versuche ich im folgenden anhand von zwei Ansätzen herauszuarbeiten – hat weitgehende Konsequenzen für die Konturen eines Bereiches, der seit seinem Entstehen in der Neuzeit als autonom gedacht wurde, den Markt: nämlich den ökonomischen, den die Politische Ökonomie auf ihren "Tauschbegriff" brachte. Sie ermöglicht nicht zuletzt auch einen veränderten Blick auf die Formen des Austausches. Oder, wenn man so will, einen veränderten Blick der modernen Gesellschaft auf sich selbst.

Im Zusammenhang mit den ökonomischen Tauschgleichungen konnte das Geld wohl niemals als unproblematisch bezeichnet werden. Es ist daher interessant, daß gerade gegenwärtig ein Wandel in der Wahrnehmung des Geldes bewerkstelligt wird, der dem Geld den Charakter einer "operativen Fiktion" verleiht. Kündigt sich hier vielleicht ein Bruch mit der klassischen Vorstellung des Geldes an, die im Geld bis heute "Zerr- und Trugbild" des realökonomischen Geschehens wahrzunehmen vermag und in welchem letzterer Bereich als einziger Bereich der Wert- und Reichtumsentstehung denkbar ist?

Dies wirft auch die Frage nach dem eigentlichen Gegenstandsbereich der ökonomischen Wissenschaft auf. Ihrem Anspruch auf eine universelle Grammatik der Sozialwissenschaften ist die Anerkennung eines "jenseits" ökonomischer "Tauschbeziehungen", die sie zu modellieren beansprucht, nicht einsichtig. Nach Jack Hirshleifer geht es dem ökonomischen Ansatz darum, letztlich "alles" unter dem Blickwinkel der Tauschgrammatik zu modellieren: eine Neugestaltung aller Phänomene menschlichen Lebens auf der Grundlage analytischer Kategorien wie Kosten und Knappheit, die eine Strukturierung aller Phänomene sowohl auf individueller Ebene (in Form der Optimierung von Individualentscheidungen) als auch auf kollektiver Ebene (als allgemeines Gleichgewicht) vorzunehmen erlaubt.

Eine Schwäche dieses Ansatzes besteht in der mangelhaften Abgrenzung des ökonomischen Gegenstands und in seinem Verhältnis zu anderen sozialwissenschaftlichen Bereichen. Denn wenn es kein "jenseits" des Ökonomischen mehr gibt, sind auch keine Grenzen des Ökonomischen mehr bezeichenbar. Daher rührt auch die Schwierigkeit, die die ökonomische Theorie dabei hat, gegenüber nichtökonomischen Terrains die Distanz zu wahren.
Im Unterschied dazu hat die moderne Systemtheorie, die ebenso allgemein zu sein beansprucht und auf dieser Ebene daher – jenseits aller existierenden Differenzen – mit dem ökonomischen Ansatz vergleichbar ist, zumindest ein klares Kriterium, mit dem sie den ökonomischen Bereich eindeutig "beschränkt". Es ist nämlich nur dort legitim, vom ökonomischen System zu sprechen, wo Geld im Spiel ist. Kauf- und Verkaufsprozesse, Zahlen und Nichtzahlen sind die Codes, die rein funktional der Selbstorganisation im Bereich des Ökonomischen eine Form zu geben in der Lage sind.

Läßt sich die Ökonomie steuern?

Diese Frage, die sich die Politische Ökonomie zeit ihres Bestehens stellt, setzt zumindest einen klar abgrenzbaren Bereich des Ökonomischen voraus. Es ist dies eine Frage, die mindestens so alt ist wie die Herausbildung der Ökonomie als autonomer Bereich der modernen Gesellschaft selbst. Der klassischen Theorie ist die Frage nach der Steuerung ihres Objekts seit jeher verdächtig; im wesentlichen sind es die Bedenken gegen eine Wirtschaft, die ineffizient zu werden droht, wenn sie sich nicht allein nach den Gesetzmäßigkeiten der "Natur" entwickelt. So war beispielsweise Adam Smiths Argument für den Entwurf eines allgemeinen Marktsystems, der "Kommerzgesellschaft", gegen den Einfluß des Handelsmonopols des merkantilistischen Staates gerichtet, weil dieser sich auf Kosten der Allgemeinheit bereicherte.

Jüngst erfaßt die Frage nach den Steuerungsmöglichkeiten einen hochentwickelten Bereich der "Kommerzgesellschaft": die Finanzmärkte. Wenn in einem Artikel im "Economist" im Oktober 1995 die Frage gestellt wurde: "Who’s in the driving seat?", so geht es im Grunde um dieselbe Problematik. Der abstrakte Finanzmarkt erhält eine zusätzliche Funktion in einer komplexen Wirtschaft zugeschrieben. Er wird zu einer Instanz, von der aus der realwirtschaftliche Bereich gesteuert werden kann, ohne daß dabei ein intentionaler Akteur unterstellt werden muß. Der Finanzmarkt hat, da er in der Hierarchie der Märkte an erster Stelle steht, mehr als nur Orientierungsfunktion für die Gesellschaft. Er ist "judge and jury" – eine richtende Instanz. Laut "Economist" scheint er die einzige weltweit wirksame Autorität zu sein, die in der Lage ist, das Verhalten von Staaten und deren Regierungen zu sanktionieren bzw. zu korrigieren.

Die historische Erfahrung seit Smith zeigt uns, daß einerseits die Steuerbarkeit von Ökonomie weitgehend unterschätzt, gleichzeitig aber auch überschätzt wurde. Die Vertreter beider Lager – "staats- und marktzentriert" – gehen davon aus, daß die Ökonomie tatsächlich als eigenständiges Objekt adäquat analysierbar ist. Man tut dabei so, als ob die Ökonomie tatsächlich immer auch strikt von allen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens isolier- und abgrenzbar wäre. Dabei wird aber übersehen, daß "in Wirklichkeit" das Funktionieren eines Systems niemals nur entlang eines Codes zu erklären ist. Es gibt in der Realität keinen ausschließlich ökonomischen Bereich. Dies ist auch der Grund, warum Ökonomen die ersten sind, die auf den reinen Modellcharakter der "freien Konkurrenz" verweisen. Die gesellschaftliche Realität, so weiß man, ist davon weit entfernt. Paradoxerweise ist daran nicht zuletzt das Geld schuld.

Perspektivenwechsel durch ein Modell des erweiterten Tausches

Um die Frage nach der Steuerung von Ökonomie aus ihrer (historischen) Sackgasse herauszuführen, ist ein Perspektivenwechsel notwendig: nämlich die Wahrnehmung des Ökonomischen radikal zu ändern – selbst auf die Gefahr hin, daß ein Bereich des Ökonomischen nicht mehr so ohne weiteres als solcher identifiziert werden kann. Im Kontext dieses Wahrnehmungswechsels läßt sich die Konstruktion eines "autonomen ökonomischen Objekts" als historisches Produkt betrachten – von dem man sich in einer erweiterten Tauschtheorie verabschieden müßte. Die Existenz eines ökonomischen Systems und seiner Reduktionen ist dabei nicht mehr die Voraussetzung. Die gegenwärtige Welt ist – nicht zuletzt aufgrund der erfolgreichen Verallgemeinerung des Ökonomischen – erweitert worden. Wir sind daher gegenwärtig mit einem Paradox konfrontiert. Der realen Globalität des Tausches steht nach wie vor eine Wahrnehmung des rein ökonomischen Tausches durch die ökonomische Wissenschaft gegenüber. Vor dem Hintergrund einer allgemein gewordenen Austauschbarkeit wäre es eine Reduktion, die Frage der Steuerung weiterhin auf einen fiktiven Bereich des Ökonomischen zu beschränken. Was sich vor dem Hintergrund eines erweiterten Tausches in Frage stellen läßt, ist die klassische Dichotomie zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Denn diese Denkkrücke setzt einen autonomen Bereich des Ökonomischen voraus, dessen Existenz zu postulieren von der Frage nach den Gestaltungsmöglichkeiten der gesellschaftlichen Zukunft insgesamt ablenkt. Ist der Bereich der Wirtschaftssteuerung, wie er gemeinhin verstanden wird, eine inadäquat gewordene Reduktion?

Turingmaschine und Schuldstruktur – zwei Modelle des erweiterten Tausches

Was hat das Geld nun mit all dem zu tun? Das "Ökonomische" zu denken fängt beim Geld an. Michel Aglietta und Philip Mirowski haben Modelle entwickelt, die sich beide von einem Mainstream-Zugang unterscheiden. Der Homo oeconomicus, das Allgemeine Gleichgewicht, die Allokation von knappen Ressourcen scheinen als Gegenstand der Reflexion gar nicht mehr auf. Statt dessen wird anhand des Geldes die sozialwissenschaftliche Frage nach der "sozialen Relation" weiterentwickelt.

Diese Art und Weise, mit der sich die ökonomische Wissenschaft mit dem Geld beschäftigt, erweitert das, was bislang als genuin dem ökonomischen Bereich zugeordnet wurde. Eine Vorstellung vom Geld bzw. von seiner Rolle in der Gesellschaft zu haben, heißt zugleich auch, eine Vorstellung davon zu haben, wie diese funktioniert. Daraus wiederum ergeben sich unterschiedliche Visionen der Steuerung des Ökonomischen.

Obwohl beide Ökonomen die Bedeutung des Geldes in den Mittelpunkt ihrer Arbeit rücken, unterscheiden sich doch ihre theoretischen Begründungen. Man kann sich im übrigen des Eindrucks nicht erwehren, daß hier auch die unterschiedlichen kulturellen Wurzeln zum Ausdruck kommen – was nicht zuletzt auch den Reiz der verschiedenen Positionen ausmacht. Der Ansatz Agliettas ist eindeutig ein gesellschaftstheoretischer der europäischen Schule, der durch die französische Soziologie der Jahrhundertwende (Durkheim) beeinflußt wurde. Die zentrale Frage in seinem Modell ist jene nach der Identität der Gesellschaft. Als Ökonom beantwortet er sie mit der "Arbeit". Das Geld spielt dabei eine wesentliche Rolle.
Mirowski entwickelt hingegen seine Auseinandersetzung mit dem Thema Geld im Kontext der Modellbildung selbst. Durch die neuen Technologien – im wesentlichen durch den Einfluß des Computers und die Vernetzung der Finanzströme – findet ein Paradigmenwechsel innerhalb der ökonomischen Wissenschaft selbst statt. Der Markt – die ökonomischen Tauschgleichungen – wird von ihm im Zug dieser Transformation neu "gefaßt".

Der Tausch als Artefakt – der Markt als Modell

Mirowski bezeichnet einen innerökonomischen Paradigmenwechsel. Dieser wird, wie immer in der 250jährigen Geschichte der ökonomischen Theoriebildung, durch die Veränderungen des Weltbildes in den Naturwissenschaften ausgelöst. Laut Mirowski orientiert sich die Modellbildung dessen, was die Ökonomen ihren Gegenstand nennen, nämlich des Marktes – mit 20- bis 30jähriger Verspätung –, an den Leitparadigmen der Naturwissenschaften. Seiner Meinung nach ist genau diese Metapher nun einer Transformation ausgesetzt: "The projekt is changing."

Der Computer als Informationsverarbeiter tritt in den Mittelpunkt der Betrachtung. Die Bedeutung des Computers liegt darin, daß es sich dabei um mehr als um einen "Rechner" handelt. Er ist in der Lage, Symbole zu manipulieren und zu kommunizieren, indem er in homöostatischer Weise reagiert – "es gibt Feedback, d.h., der Computer ist in der Lage zu reagieren". Dies hat Auswirkungen darauf, wie die Tauschhandlungen modelliert werden. Der Markt wird – unter dem Einfluß des Computers – als ein informationsverarbeitendes System gedacht.
Die Vorstellung vom Markt als "System, welches knappe Ressourcen alloziert", verliert dadurch an Bedeutung, und damit auch die Definition dessen, was die ökonomische Theorie gegenwärtig bestimmt. Das Preissystem alloziert nicht, "es bezieht Wissen, verteilt es und ermöglicht den Beteiligten, darauf zu reagieren und sich anzupassen". Damit wird die "Maximierungsvorstellung" als die herrschende "Rationalitätsvorstellung" obsolet. Die Vorstellung des Marktes als Computer – Mirowski spricht vom "Markt als einer Maschine" – hat weitgehende Bedeutung für die Form und Funktion des Geldes im Austausch. Laut Mirowski sind die Finanzmärkte für diese Transformation der "Wert- und Tauschproblematik" ein Indiz.
Der Markt wäre demnach "alternativ" als Turingmaschine zu begreifen. Eine Turingmaschine ist ein "unbelebtes Objekt". Es funktioniert nach "Regeln". Den Markt kann man sich demnach als ein Arrangement von Regeln vorstellen; als Regulierungen und Eigentumsrechte, die für jeden einzelnen Markt unterschiedlich sind. Der Begriff der Maschine steht für einen "Regelkomplex" (set of rules). Das Geld spielt in dieser Vorstellung von Markt dieselbe Rolle wie der Algorithmus für die Turingmaschine. Eine Turingmaschine kann auch nicht funktionieren, ohne zuvor mit einem Programm ausgestattet zu werden. Das Geld ist für den Tausch, was der Algorithmus für die Turingmaschine ist.

Diese Vorstellung von Geld bricht mit dem Konzept des "Geldes als Schleier", der die realökonomische Entwicklung verbirgt. So wird – versteht man das Geld als Algorithmus – dem Geld in dem veränderten Modellkontext eine weit aktivere Rolle zugeordnet. Ist es gar ein "zentrales Operationsprinzip des Marktes"?
Der Markt würde also ohne Geld gar nicht funktionieren, denn ein Tauschmodell ohne Invarianzen ist nicht vorstellbar. Geld wäre eine solche Invarianz, ähnlich wie das Funktionsgleichungssystem, welches nach algorithmischen Regeln funktioniert und ohne welches eine Turingmaschine nicht funktioniert. Das Geld ist insofern ein Operationsprinzip, als es die Marktprozesse – entlang von Regeln – steuert.

Geld als Algorithmus – damit geht auch ein Demystifikationsanliegen einher. Mirowski spricht vom Markt als einem "Glücksspiel" (arena of chance). Die Wert- und Preisverluste bzw. -gewinne auf den Finanzmärkten sind nicht jenseits ihrer eigenen Funktionslogik zu fundieren. Die Vorstellung von den Finanzmärkten, die das real-ökonomische Geschehen entweder widerspiegeln oder aber sogar zu sanktionieren und zu steuern in der Lage sind, entbehrt daher der theoretischen Legitimation. Denn die Ergebnisse, die die Maschinen produzieren, beziehen sich auf nichts außer auf sich selbst. In Mirowskis Worten: "Es gibt keine notwendige Verbindung zwischen diesen Informationen und einem real existierenden Ding bzw. zu den realen Eckdaten der Wirtschaft. Und zwar deshalb nicht, weil Symbole zwar Beziehungen herstellen können, aber nicht müssen. Die Verbindung bleibt offen."

Tausch als Struktur der Schuld

Im Mittelpunkt von Agliettas Modell steht die Frage nach der gesellschaftlichen Ordnung und ihren Kohärenzprinzipien. Wie funktionieren soziale Gesellschaften? Die Antwort Agliettas lautet: Über die Struktur der Schuld. Die Identität der Gesellschaft ist durch eine qualitative Beziehung bestimmt. Nach Aglietta ist die Schuldbeziehung eine Grundstruktur des menschlichen Zusammenlebens. Durch das Geld wird nicht nur eine Verwaltung der Schuldbeziehungen ermöglicht, sondern die Institution des Geldes ermöglicht erst auch die Komplexifikation der Schuldbeziehungen in modernen Gesellschaften. Aglietta bezieht sich dabei u.a. auf die Arbeiten von Charles Malamoud, eines französischen Anthropologen, der, ausgehend von der altindischen vedischen Religion, die Frage nach der Transformation der Schuldstruktur in modernen Gesellschaften formuliert.

Aglietta geht von der gesellschaftlichen Arbeitsteilung aus. Arbeit verkörpert soziale Kohärenz. Die Individuen und die Gesellschaft stehen in gegenseitiger Schuld. Wenn Individuen ihre Absichten verwirklichen wollen, müssen sie von der Gesellschaft Ressourcen in Anspruch nehmen. Dadurch stehen sie der Gesellschaft gegenüber in Schuld. Damit ist der gesellschaftliche Akt der Geldschöpfung bezeichnet. Diese Schuld wird erst mit der Erfindung des Geldes begründet. Daher übersteigt die Existenz des Geldes die Tauschbeziehung zwischen zwei Individuen.
Daß es überhaupt Geld gibt, ist ein gesellschaftliches Phänomen. Geld ist das Prinzip sozialer Kohäsion. Daher ist das zentrale ökonomische Verhältnis nicht der Tausch von bereits gegebenen Dingen, sondern die Schuld des einzelnen gegenüber der Gesellschaft. Das Indivduum erhält "Geld" – es steht in Schuld. Von dieser Schuld kann es sich "loskaufen", wenn seine Waren in der Gesellschaft Anerkennung finden und verkauft werden können. Darin zeigt sich die Rolle des Geldes bei der Vermittlung des sozialen Zusammenhangs. Verschuldung und Zahlung der Schuld – das Funktionieren des Geldkredits – erscheint erst in ausdifferenzierten Gesellschaften, in denen Individuen primär auf die Verfolgung ihrer eigenen Zwecke hin orientiert sind, als Problem. Das Geld ist ein Prinzip der gesellschaftlichen Kohärenz und bedroht diese zugleich systematisch. Wenn jemand seine Schuld nicht tilgen kann, macht er Bankrott und wird aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

Aglietta leitete aus diesem Zugang zum Geld Fragestellungen ab, die für die Frage nach dem Zugang zum Geld von Bedeutung sind: Der Akt der Verschuldung hängt von den Bedingungen ab. Zahlungs- und Verschuldungsbedingungen. Was sind die Bedingungen der Geldentstehung durch den Kredit? Wie erfolgt die Bewirtschaftung der Schulden? Welchen Kriterien unterliegt eine Stundung der Schulden? Die Gesamtheit der Schulden, die permanent bedingt, erneuert oder umgeschuldet wird, ist durch eine Institution repräsentiert, die die Aufgabe hat, die allgemeinen Bedingungen für Geldschöpfung und Schuldenregulierung festzulegen. Damit rückt auch der Aspekt der Wirtschaftssteuerung mittels des Geld(kredit)es in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Die Geltung des Kohärenzprinzips Geld ist mit der Kategorie des Vertrauens verbunden. Damit das Geld gilt, muß Vertrauen herrschen. Mit Vertrauen meint Aglietta – wie beim Begriff der Schuld – insbesondere seinen gesellschaftlichen Charakter. In seinen Worten: Vertrauen setzt eine hierarchische gesellschaftliche Beziehung voraus. Es geht um qualitative Beziehungen. Der Markt hingegen verkörpert eine quantitative Beziehung (Ausdehnung und Wachstum).
Das Geld als "opérateur social" unterscheidet sich daher von der Auffassung einer Neutralität des Geldes (der Schleier des Geldes). Es ist ein Prinzip der "gesellschaftlichen Kohärenz".

Neue Interventionsmöglichkeiten durch ein neues Verständnis vom Geld: Geld als aktives Prinzip

Das Geld wird aktiviert. Bei allen Unterschieden, die die beiden Zugänge zu Geld trennen, ist damit wohl auch ihre Gemeinsamkeit bezeichnet. Sowohl bei Aglietta als auch bei Mirowski wird das Geld mit einer aktiven Rolle bedacht. Es steht somit im Gegensatz zur Vorstellung des Geldes als Schleier, die die Produktionsvorgänge im weitesten Sinn "verstellt". Das Geld ist tendenziell eher ein "Akteur" als ein Seismograph, womit die Finanzmärkte oft verglichen werden.

Mirowski nimmt diese Aktivierung vor, indem er die Geldfunktion im Kontext der Computerisierung der Märkte neu bestimmt. Das Geld wird in der artifiziellen Tauschwelt, die durch die Vernetzung der Computer simuliert wird, zu einem Operationsprinzip der Turingmaschine. Das Geld ist für das Funktionieren der komplexen Tauschmaschine notwendig.

Der Tausch, den die Politische Ökonomie zumindest seit David Ricardo in Form eines geschlossenen Modells zu formalisieren beansprucht, findet nun durch technologische Ermöglichung der Computersimulation erneut "Leben". Eigentlich wird durch die Vernetzung der Finanzströme ein Modell zum Leben erweckt, und damit entsteht ein neuer Raum – eine "virtuelle Realität". Mirowski schildert diese Welt der Simulation als eine "geschlossene Modellwelt".

Bei Aglietta ist das Geld ebenfalls ein "Prinzip der Bewegung". Es erfüllt aber seine Funktion nicht allein in einem geschlossenen Modell, sondern der Anspruch Agliettas ist es, das Funktionieren von moderner Gesellschaft insgesamt zu begreifen. Aglietta spricht vom Geld als Repräsentation von sozialer Kohärenz. In der Geldbeziehung kommt die Gestalt gesellschaftlicher Beziehungen insgesamt zum Ausdruck.
Die Entscheidung, im Geld einen Akteur bzw. ein aktives Prinzip wahrzunehmen, kündigt auch eine veränderte Auffassung jener Wirklichkeit an, in die (durch) das Geld interveniert (wird). Denn der Einfluß des Geldes geht über jene Bereiche hinaus, die mit dem, was gemeinhin als "ökonomisch" bezeichnet wird, zu tun haben.

Wird das Geld als aktives Prinzip identifiziert, so läßt sich die Frage der Steuerung auf eine allgemeinere Ebene transformieren. Welcher List bedarf, es, um auf ein Medium gestaltend einzuwirken? Wird das Geld aktiviert, so wäre nicht die Frage nach der Steuerung der Realwirtschaft die naheliegendste, sondern die Frage nach der wirksamsten Interventionsebene wäre auf der Ebene des Mediums "Geld" anzusiedeln.

Vor dem Hintergrund eines erweiterten Tausches wäre das Geld als Medium eines erweiterten Tausches anzuerkennen. Weit davon entfernt, nur den ökonomischen Bereich des Tausches zu vermitteln, ist in ihm ein Medium für die Gestaltung von Gesellschaft und ihrem Verhältnis zur "Natur" insgesamt wahrzunehmen. Erweiterter Tausch thematisiert daher nicht nur die relativen Preisverhältnisse zwischen den ökonomischen Objekten. In seinem Kontext macht es wenig Sinn, weiterhin von einer Dichotomie zwischen dem Ökonomischen und dem Nichtökonomischen zu sprechen.


   

Index

Inhaltsverzeichnis

 

Vorhergehender Artikel

Nächster Artikel