Rolf Peter Sieferle
Was ist Natur?
 

Der Begriff der Natur scheint unausrottbar zu sein. Offenbar werden elementare Orientierungsbedürfnisse erfüllt, wenn innerhalb der gesamten Wirklichkeit zwei fundamentale Bereiche unterschieden werden: Es gibt Natur und folglich gibt es auch Nicht-Natur. Was aber soll damit erreicht werden? Diejenigen, die von Natur sprechen, haben ja nicht alle das Gleiche im Sinn, sondern meinen dieses oder jenes, je nach dem, wer von ihr redet und was er damit bezweckt.
Robert Boyle, einer der Gründungsväter der modernen Naturwissenschaften, zählte bereits im Jahre 1682 mehr als dreißig verschiedene Bedeutungen auf, die das Wort Natur haben konnte, und diese Zahl dürfte mittlerweile nicht geringer geworden sein. 1 Boyle schlug angesichts dieser unübersichtlichen Fülle der Verwendungen des Wortes vor, doch diesen unscharfen, vieldeutigen Begriff ganz fallen zu lassen. Er hatte, wie jedermann weiß, damit keinen Erfolg.
Die anhaltende Popularität von "Natur" verweist darauf, daß es eine dem Begriff zugrunde liegende tiefere und allgemeinere Evidenz gibt, die mit der Nennung dieses Wortes heraufbeschworen wird. Um dieser Evidenz näher zu kommen, ist es sinnvoll, den Begriff der Natur von seinen Gegensätzen her zu bestimmen. Wer von Natur redet, bezieht sich dabei immer auf etwas anderes, was Nicht-Natur ist. Dieses Andere kann mit unterschiedlichen Namen belegt werden, doch hat das Begriffspaar bestimmte gemeinsame Züge, die sich auf folgende Weise charakterisieren lassen: Natur steht für das Elementare, Selbständige, Spontane, Gewachsene, Nichtverfügbare, Nichtproduzierte. Auf der Gegenseite befinden sich das Künstliche, Technische, durch Verabredungen und Vereinbarungen Geordnete, das Gemachte und Erzwungene, das Gestaltete und Kultivierte. Natur ist damit der totale Gegensatz von Kultur und der Begriff gewinnt eine konkrete Bedeutung nur dann, wenn implizit dieser Gegensatz mitgedacht wird.
Die Unterscheidung zwischen Kultur und Natur entsprang universalgeschichtlich vermutlich einer Grunderfahrung der Agrargesellschaft 2. Die bäuerliche Welt war von einem Gegensatz zwischen Innen und Außen geprägt. Sie kannte die eingehegte Zone der Kultivation auf der einen und den Busch und Wald auf der anderen Seite. Innen lagen Haus, Hof, Garten und Feld, jenseits der Grenze oder Gemarkung, draußen, foris, befanden sich der Forst, die Wüste und die Wildnis.
Aus dieser räumlichen Unterscheidung zwischen den Zonen und Gegenständen der Natur auf der einen und denen der Kultur auf der anderen Seite, konnten nun allgemeinere, kategoriale Bedeutungen hervorgehen:
  • Der Acker muß bebaut werden, doch das Holz wächst von selbst. Kultur ist also Arbeit und Zwang, Natur aber Freiheit und Spontaneität.
  • Der umgrenzte Hof schützt vor wilden Tieren, während im Wald Bestien und Dämonen hausen. Kultur bietet also Sicherheit und Stetigkeit, während die Natur gefährlich und unberechenbar ist.
  • Der Acker wird wieder zum Wald, wenn er nicht durch permanente Anstrengungen im Zustand der Kultivierung gehalten wird. Diese Erfahrung legt eine Unterscheidung von Wesentlichem und Zufälligem nahe. Das Natürliche ist der Zustand, dem die Dinge entgegentreiben, sofern sie nicht von künstlichen Kräften davon abgehalten werden.

"Natürlich" ist das der eigenen Art Gemäße, während "künstlich" sein bedeutet, ab-geartet, ent-artet oder de-generiert zu sein. Die Aufrechterhaltung des Künstlichen bedarf der permanenten Intervention, der Beherrschung, der Arbeit, während die Dinge von sich aus dahin streben, ihren natürlichen Zustand einzunehmen. Natur ist dann eben dasjenige, was von der Kultur nicht (oder noch nicht) bearbeitet, umgestaltet und verbaut worden ist. Hierin wird aber bereits eine Ambivalenz erkennbar, die den Gegensatz von Natur und Kultur, von natürlich und künstlich prägen wird: Natürlich ist, wie die Dinge sein sollten (nämlich nicht degeneriert),» natürlich ist, wie die Dinge nicht sein sollten (nämlich nicht vernünftig).
Diese elementare Spannung von Natur und Kultur läßt sich auch in eine zeitliche Ordnung bringen. Dann ergibt sich die folgende Bedeutungszuschreibung: Die Natur ist das Primäre oder Ursprüngliche, also dasjenige, dessen sich die Kultur im Zuge ihrer Gestaltungen bemächtigen kann und das sie in ihrem Sinne umformt. Die Kultur ist somit das Spätere, das sich über einen Anfang legt und die Wirklichkeit von ihrem Ursprung entfernt. Der Kulturprozeß kann daher als ein geschichtlicher Vorgang verstanden werden, in dessen Verlauf die Natur verdrängt und überformt wird. Im Extremfall könnte am Anfang eine reine und vollständige Natur gestanden haben, während am Abschluß dieses Vorgangs sämtliche Naturelemente in Kultur verwandelt worden sind.
Über die Beurteilung dieses Prozesses ist damit zunächst noch nichts gesagt, aber es liegt auf der Hand, daß er komplementär bewertet werden kann. Der Vorgang kann, mit unterschiedlichen Vorzeichen versehen, der Transformationsprozeß von Natur in Kultur also für "gut" oder "schlecht" gehalten werden. Dabei entstehen zwei historische Grundverläufe, innerhalb deren jeweils eine normative Verschiebung konstatiert werden kann: Die Weit wird im Zuge ihrer Kultivierung, also der Verwandlung von Natur in Kultur entweder besser oder schlechter.
Das erste Muster operiert nach dem Modell des Aufstiegs bzw. des Fortschritts. ihm zufolge steht am Anfang des historischen Prozesses ein Naturzustand, welcher vollständig negative Züge trägt. Dieser Ursprung ist chaotisch, grausam, entbehrungsvoll; in ihm herrschen Mangel, Hunger und Not, die Menschen sind Gefahren aller Art hilflos ausgesetzt, die von unkontrollierten Naturmächten ausgehen, von wilden Tieren etwa, von Krankheitserreger, von Unwettern, von den Ungewißheiten der Nahrungsversorgung und nicht zuletzt den Obergriffen seitens anderer Menschen, denen sie mangels einer staatlichen Rechtsordnung hilflos ausgeliefert sind. Ihr Leben ist in der klassischen Formulierung von Thomas Hobbes"solitary, poor, nasty, brutish, and short".3 Sie leben in Dumpfheit, Unwissenheit, Furcht und Aberglauben.
Auf einen solchen absolut negativen Ursprung kann nur eine Verbesserung folgen. Der Prozeß der Geschichte wird daher als eine progressive Entfernung von einem entbehrungsreichen Naturzustand entworfen. Die Kultur schafft die Eigenschaften, die das Leben in der Ursituation vermissen ließ. Ordnung und Wohlstand, Aufklärung und Humanisierung, Sittlichkeit und Sicherheit sind diesem Entwurf zufolge Ergebnisse eines Prozesses, der sich von der Natur entfernt bzw. diese überformt.
Aus der Beschreibung wird aber ein Programm: Die Natur soll von der Vernunft unterworfen und beherrscht werden, Die wilden Triebe und grausamen Neigungen sollen unterdrückt werden. Der Mensch soll durch Erziehung, durch Vorbilder und durch institutionellen Zwang zivilisiert werden. Am logischen Ende dieses Vorgangs steht dann ein Zustand höchster Kultur, in welchem die Vernunft ihre Herrschaft angetreten hat, und in dem die Kräfte der Natur entschlüsselt und zum Wohle der Menschheit gezähmt sind.
Das Gegenbild zu diesem Aufstiegsmuster geht dagegen von der Existenz einer ursprünglich harmonischen Naturordnung aus, von weicher sich der Mensch im Laufe seiner Entwicklung entfernt hat. Dieser Erzählung zufolge lebte der Mensch einst im Einklang mit den Forderungen einer natürlichen Ordnung. Seine Bedürfnisse waren einfach und bescheiden, so daß er nichts von dem vermissen konnte, was ihm im Laufe seiner späteren Entfremdungsgeschichte zugewachsen ist. Er war friedfertig, denn es fehlte ihm jeder Anreiz zu Gewalt und Krieg. Er fühlte sich in seinem schlichten Dasein wohl, denn noch gab es die Reichtümer und Machtpositionen nicht, nach denen er hätte streben können. Er benötigte keine staatliche Zwangsordnung, denn er konnte noch seinen natürlichen Instinkten folgen, welche ihm den Weg zum richtigen Leben und zum gerechten Handeln zeigten. Er lebte stabil, in emotionaler Nähe zu seinen Mitmenschen, eingebettet in kosmische Harmonien, im Einklang mit anderen Lebewesen und mit denjenigen Dingen ausreichend versorgt, die er zum guten, maßvollen Leben benötigte.
Der Geschichtsprozeß, in dessen Verlauf sich die Menschheit von diesem Naturzustand entfernte, mußte daher als ein Degenerationsvorgang verstanden werden, als die fatale Entfernung von einem "Goldenen Zeitalter", als Austreibung aus dem Paradies, als zivilisatorische Entfremdung und Verstümmelung. Die Kultur, die sich im Verlauf dieses Prozesses gebildet hat, ist ein Produkt der Zerrissenheit und Trennung, des Verlustes und der Versuche, diese Verluste wieder zu kompensieren. Der Ursprung behält damit aber einen normativen Wert, denn an seinen Eigenschaften kann abgelesen werden, wovon der Mensch sich entfernt hat und wohin er zurückkehren kann, falls es gelingt, wieder aus dem Käfig der Zivilisation auszubrechen.
Beide Geschichten vom Ursprung sind vollständig komplementär. Der Anfang der einen Entwicklung steht am Ende der anderen. Beide entwerfen das Bild eines Potentialgefälles, wobei lediglich der Weg in dem einen Fall von unten nach oben, im anderen aber von oben nach unten weist. Beide erzählen sie von einem Prozeß, dessen Inhalt darin besteht, Kultur an die Stelle von Natur zu setzen, und in beiden fungiert Natur als dasjenige, wovon sich die Menschheit (glücklicher- oder unglücklicherweise) entfernt hat. Jede dieser Erzählungen ist aber Produkt einer Gegenwart, die jeweils als spiegelbildlicher Gegensatz zu dem natürlichen Ursprung verstanden wird. Die Eigenschaften dieses Ursprungs sind nichts als die umgekehrten Eigenschaften der Gegenwart, wie sie sich dem Erzähler der jeweiligen Geschichte darstellt.
Wer also in seiner eigenen Zeit, in erster Linie die Herrschaft kultureller Zwänge, zivilisatorischer Oberformung oder lästiger, sozialer Verhaltenszumutungen erblickt, wird sehnsüchtig nach einem Ursprung suchen, weichem all diese negativen Eigenschaften abgingen, und er wird diesen Ursprung zum Naturzustand erklären. Wer dagegen in seiner Gegenwart nicht so sehr Zwang als Unordnung, nicht so sehr zivilisatorische Entfremdung als materielle Not, nicht so sehr soziale Erstarrung als Unwissenheit und fehlende Bildung erblickt, wird in diesen Mängeln die noch immer wirksamen Restbestände einer rohen, ungeschliffenen Natur sehen, die es durch forcierte Zivilisierung, durch Aufklärung, Erziehung und wachsende wissenschaftliche und technische Naturbeherrschung zu überwinden gilt.
Dieses komplementäre Grundmuster von ursprünglicher Natur und diese überformende Kultur, wird in der Figur des "Primitiven" besonders deutlich, also des "Naturmenschen", wie er in den Blick des Zivilisierten gerät. Er tritt in zwei Grundvarianten auf: als Barbar und als edler Wilder. Beide Typen waren schon in der Antike die Grundformen, in denen sich der Unterschied zwischen dem Angehörigen einer fremden, rückständigen und der eigenen, entwickelten Kultur ausdrücken ließ.4 Wer den Stand der eigenen Kultur hoch einschätzte, dem galt der unzivilisierte Fremde als ungeschliffener Rohling, als Barbar, der nicht einmal richtig sprechen kann. Umgekehrt konnte der einfache Naturmensch aber auch eine idealisierte Negativfolie bilden, die eine Kritik an den herrschenden Verhältnissen gestattete. Diesem dualen Grundmuster folgte auch das europäische Denken in der Neuzeit vorbehaltlos. Der Wilde erschien als bedürftig oder bescheiden, als vom Tode bedroht oder als tapfer, als ungehobelt oder als anmutig - je nach den Maßstäben, welche die jeweils eigene Kultur gesetzt hatte.
Die polemische Struktur der Rede von der Natur, wird in dieser Gegenüberstellung von Natur und Kultur schlagend deutlich. Der Natur werden bestimmte Eigenschaften zugerechnet, aus denen entweder durch Parallelisierung oder komplementäre Zuordnung, bestimmte Züge der Wirklichkeit abgeleitet werden, die dadurch an weitanschaulicher Legitimität gewinnen.

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1 Robert Boyle: A Free Inquiry into the Vulgarly Received Notion of Nature (1682). In: Works, Bd. 5, London 1772, S. 158-254.
2 Vgl. Ernest Gellner: Pflug, Schwert und Buch, Stuttgart 1990, S. 80-100.
3 Thomas Hobbes: Leviathan (1651),1, 13.


   

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