Helga Weisz, Ernst Kotzmann
Zentrale Thesen
 



Erkenntnisinteresse

Umweltprobleme bzw. Probleme einer nachhaltigen Entwicklung entstehen durch bestimmte physische Interaktionen zwischen sozialen Systemen (oder Gesellschaften) und natürlichen Systemen (oder Natur).

Daraus ergibt sich das zentrale Erkenntnisinteresse: Wie kann man physische Interaktionen zwischen rezenten und historischen Gesellschaften und ihren materiellen Umwelten theoretisch und empirisch beschreiben, welche Probleme ergeben sich aus einem bestimmten gesellschaftlichen Umgang mit Natur und welche Lösungsansätze können im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung gefunden werden?

Verhältnis zwischen Gesellschaft und Natur

Natur ist "Nicht Gesellschaft"

Ein Kernstück der Theorieentwicklung ist es, die Leitbegriffe Gesellschaft, Natur und Interaktion zu konkretisieren. In der systemtheoretisch orientierten Sozialwissenschaft wird Gesellschaft als ein selbstreferenzielles System beschrieben, das seine eigenen Grenzen generiert. Darauf aufbauend betrachten wir Gesellschaft als ein System, das sowohl symbolische als auch materielle Kompartimente enthält, die sich beide funktionell von der Umwelt abgrenzen: Das symbolische System durch- Kommunikation (siehe Luhmann), die materiellen Teile durch das Ausmaß der gesellschaftlichen Kontrolle über materielle und energetische stocks and flows (siehe dazu Fischer-Kowalski und Sieferle in diesem Band). Erst diese Erweiterung des rein symbolischen Gesellschaftsbegriffes ermöglicht es, physische Interaktionen mit einer materiellen Umwelt zu beschreiben.
Natur ist daher die materielle Umwelt der Gesellschaft, also eine Restgröße. Natur ist einfach "Nicht Gesellschaft". Diese funktionale Definition, mit der der Begriff Natur von seinen vielfältigen, ideengeschichtlichen Wurzeln losgelöst wird, ist eine notwendige Voraussetzung für seine Theorietauglichkeit.
Alle physischen Interaktionen zwischen den zwei Systemen Gesellschaft und Natur können auf zwei Grundtypen zurückgeführt werden: Stoff- und Energieflüsse (gesellschaftlicher Metabolismus) und dauerhafte Intervention in natürliche Systeme (Kolonisierung von Natur).

Ernst Kotzmann

Zentrale Thesen der Abteilung Technik- und Wissenschaftsforschung

Erkenntnisinteresse

Es geht uns um die Erarbeitung eines sozialwissenschaftlichen Zugangs zum Bereich der Technologie, um die Thematisierung von Technologie als soziales Projekt und um die Erforschung der sozialen, psychischen, ökonomischen und politischen Voraussetzungen und Folgen von Technologien in ausgewählten Problemfeldern.

Dabei wird Technologie verstanden als die Verschmelzung von Technik und Wissenschaft, von techné und logos, Praxis und Wissen, die durch ein logischformales Gerüst zusammengehalten wird.

Verhältnis zwischen Gesellschaft und Natur

Natur ist ein anthropozentrischer, in gesellschaftlich-historischer Weise vorgeformter und vorbelasteter Begriff.

"In unserer Zeit aber leben wir in einer von Menschen so völlig verwandelten Welt, daß wir überall ( ... ) immer wieder auf die von Menschen hervorgerufenen Strukturen stoßen, daß wir gewissermaßen immer nur uns selbst begegnen." - schreibt der Physiker Werner Heisenberg in seinem Buch "Das Naturbild der heutigen Physik" im Kapitel "Der Mensch steht nur noch sich selbst gegenüber" und weiter -"Auch in der Naturwissenschaft ist also der Gegenstand der Forschung nicht mehr die Natur an sich, sondern die der menschlichen Fragestellung ausgesetzte Natur, und insofern begegnet der Mensch auch hier wieder sich selbst." Unser Bild von Natur ist durch Naturwissenschaft und Technik derart geprägt, daß Erklärungs- durch Handlungs- und Konstruktionsmodelle ersetzt werden. Indem die Gesellschaft versucht, Wissen über die Natur zu erlangen, schafft sie sich ihre Natur - Natur bestimmt durch die gesellschaftliche Praxis.

Verhältnis zwischen Gesellschaft und Technik bzw. Technologie

Technische Entwicklung beeinflußt den gesellschaftlichen Umgang mit
Natur und die Gesellschaftsentwicklung selbst, sie ist jedoch nicht die entscheidende treibende Kraft.

Der konkrete Metabolismus einer Gesellschaft und die Art und Weise, wie Gesellschaften ihre natürliche Umwelt kolonisieren, werden durch eine Reihe sozialer wie naturaler Parameter beeinflußt. Technologie ist einer dieser Parameter, weitere wären Ressourcenverfügbarkeit, Produktionsverhältnisse, Populationsgröße oder Arbeitsteilung. Wir schließen uns der klassischen, sozialwissenschaftlichen These, wonach die Ökonomie die entscheidende gesellschaftsbestimmende Kraft ist, mit Vorbehalten an. Die Problematik dieses Ansatzes sehen wir nicht so sehr darin, daß dadurch die Rolle der Technik unterschätzt wird. Aus der Sicht von Metabolismus und Kolonisierung sind es vor allem die naturalen Bedingungen von Gesellschaftsentwicklung, die in der These von der Dominanz der Ökonomie, systematisch vernachlässigt werden.

Welche gesellschaftlichen Probleme rücken im Lichte der jeweiligen Theorie in den Vordergrund

Mit Hilfe der Konzepte Metabolismus und Kolonisierung können Umweltprobleme in einer Weise analysiert werden, die Forschungsergebnisse aus den verschiedensten Disziplinen integriert und gleichzeitig neue Zusammenhänge aufzeigt.

Neben den klassischen Problembereichen wie Emissionen, Ressourcenknappheit oder Abfall, die als Folge des gesellschaftlichen Metabolismus analysiert werden können, lenkt der Kolonisierungsansatz den Schwerpunkt auf Probleme der Koevolution sozialer und natürlicher Systeme. Damit entstehen neue Fragen: Wie wirkt der gesellschaftliche Umgang mit Natur auf die Gesellschaftsentwicklung zurück? Gibt es neben den physischen Grenzen des Wachstums - zum Beispiel der Produktivität der Ökosysteme oder der Begrenztheit nicht erneuerbarer Ressourcen - auch innerhalb der Gesellschaft eine carrying capacity, die nicht überschritten werden kann - zum Beispiel die organisatorische, technische oder zeitliche Kapazität, Natursysteme zu kolonisieren? Welche neuen Abhängigkeiten entstehen, welcher Entscheidungsspielraum bleibt für alternative Formen des Naturumgangs?

Verhältnis zwischen Gesellschaft und Technik bzw. Technologie

Die Technologie ist das gesellschaftskonstituierende Element unserer Gesellschaft, der technologischen Zivilisation.

Gesellschaften sind charakterisiert durch ihre Macht- und Kommunikationsstrukturen. Beide Strukturen unterliegen derzeit einem rasanten Prozeß der Maschinisierung, d.h. menschliche Leistungen, die Gesellschaft formieren, werden auf Maschinen(systeme) ausgelagert. Der Kommunikations- und Medienbereich entwickelt sich zu einer technischen Domäne: "The media is the message!". Im Produktionsprozeß ist menschliche Arbeitskraft nicht sonderlich gefragt, seit computergesteuerte Maschinen und Industrieroboter für menschenleere Fabriken sorgen. Und auch die Ökonomie, die bislang die gesellschaftlichen Machtverhältnisse regelte, verliert ihre bestimmende Kraft. Maschinelle Warenwirtschaftssysteme, die die Produkt- und Geldströme kontrollieren, sind keine Utopien mehr. Es sind Technologien, die über das Funktionieren der Finanzmärkte entscheiden. In einer Welt unterschiedlichster Wertvorstellungen und Lebensstile bleibt die Technologie das einzige stabile Band, das die Menschen auf der Erde verbindet und gleichzeitig diese postmoderne Vielfalt zuläßt.

Welche gesellschaftlichen Probleme rücken im Lichte der jeweiligen Theorie in den Vordergrund

In der technologischen Zivilisation werden gleichzeitig Freiräume und Zwänge für gesellschaftliche Entscheidungen geschaffen. Wir stehen vor dem Problem, neue Formen von Entscheidungsfindungen zu schaffen.

Wenn das Wirtschaftssystem auf Grund der Maschinisierung zukünftig nur mit einem Bruchteil des Personals auskommen kann, wird der Wert menschlicher Arbeit neu definiert und der erwirtschaftete gesellschaftliche Reichtum anders als über Löhne verteilt werden müssen. Wenn die technologische Umgestaltung der Umwelt unsere Lebensgrundlagen gefährdet, müssen technische und soziale Innovationen eine sozial- und umweltgerechte Technikgestaltung einleiten. Die Fülle bisher angesammelten Wissens wird uns wenig nützen, wenn nicht gleichzeitig neue Formen der Wissensorganisation dafür sorgen, daß das demokratische Prinzip in Entscheidungsprozessen erhalten bleibt.

Interventionen

Intervention muß bei gesellschaftlicher Selbstbeobachtung ansetzen.

Wir betrachten Gesellschaft als selbstreferenzielles System, das heißt als ein System, das sich mit sich selbst beschäftigt, das sich auf sich selbst bezieht, das sich selbst steuert. Gesellschaftsysteme sind darüberhinaus in hohem Maße funktionell ausdifferenziert in eine Vielzahl von - wieder selbstreferenziellen - Subsystemen. Jedes dieser Subsysteme hat andere Aufgaben innerhalb der Gesellschaft zu erfüllen. Der Einfluß, den die Subsysteme aufeinander und auf die Gesellschaft insgesamt ausüben, ist nicht gleich verteilt.
Auf Grund der Selbstreferenzialität der Subsysteme ist Steuerung von außen, das heißt über Systemgrenzen hinweg (zum Beispiel von der Wissenschaft in die Ökonomie) nur beschränkt möglich. Intervention muß daher bei gesellschaftlicher Selbstbeobachtung ansetzen. Eine Möglichkeit, die gesellschaftliche Selbstbeobachtung zu beeinflussen, ist die Bereitstellung von Informationen. Die wichtigste Vorfrage dabei ist, wer diese Informationen für seine Entscheidungsprozesse benützen soll. Wir gehen davon aus, daß die Ökonomie eines der dominanten gesellschaftlichen Subsysteme ist. Daher lautet unser Interventionsansatz: Bereitstellung von Umweltinformationen, die mit ökonomischen Überlegungen verknüpfbar sind. Dazu bedarf es der Formulierung von Umweltproblemen als Problemlagen der Ökonomie. Das muß in einer für Ökonomen verständlichen Sprache geschehen, aber nicht in Geldeinheiten. Denn - und das ist eine frühe Einsicht unserer Abteilung - Geld bildet Umweltprobleme nicht angemessen ab.

Interventionen

Das Gestaltungspotential von Technologie auszuschöpfen, heißt vor allem, in Akteursnetzwerke einzugreifen, um organisatorische Bedingungen für die Nutzung bestimmter technischer Neuerungen zu schaffen, Verbindungen herzustellen zwischen den an der Technikentwicklung und -verwendung beteiligten Organisationen und Akteurinnen sowie gemeinsame Lernprozesse zu initiieren.


   

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