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Ernst Kotzmann Die Maschinisierung |
Mensch und Maschine sind so gegensätzlich nicht zu denken. Neben biologisch bedingten Reflexen verfügt der Mensch über ein große Menge an Routinen und reagiert in bestimmten Situationen berechenbar. Empirische Untersuchungen zeigen in unserem individuellen Verhalten erstaunlich viele maschinelle Züge auf, die gegen die These sprechen, Technik weise eine vom Menschen grundlegend verschiedene Struktur und Dynamik auf. Ohne Maschinen ist das Leben in modernen menschlichen Zivilisationen nicht mehr vorstellbar. Aber selbst alte Zivilisationen auf technisch relativ niedrigem Niveau bedienten sich gewisser "unsichtbarer" Maschinen. Es waren Arbeitsmaschinen in Form hochorganisierter Sklavenheere, ohne die der Bau von Pyramiden, Palästen oder Stadtmauern nicht möglich gewesen wäre. Oder es war die Militärmaschine, die für zerstörerische Zwecke eingesetzt wurde Totalitäre Staatsgebilde, in denen Arbeits-, Militär- und Verwaltungsmaschine verschmelzen, nennt Lewis Mumford Megamaschinen. All diese Maschinentypen haben eines gemeinsam: Ihre Bestandteile sind Menschen, und diese unterliegen in ihrer Funktion als Teil der Maschine einer hierarchischen Ordnung. Jeder dieser menschlichen Maschinenteile verfügt über eine klare Funktionsidentität innerhalb dieser Organisation - heute würde man von Arbeitsplatzbeschreibung sprechen. Bis auf den Herrscher, Feldherrn oder Architekten hat jeder genau einen Vorgesetzten, Befehlskollisionen sind damit ausgeschaltet. Die Befehle sind eindeutig, d. h. sie geben genau an, ob jetzt etwas zu tun ist oder nicht. Man steht ständig unter Befehl. Bis heute haben sich diese Regeln der Hierarchie erhalten, wobei allerdings die Auslegung und Einhaltung dieser Regeln mehr oder minder streng gehandhabt wird. Die Idealform einer hierarchischen Organisation läßt sich nicht verwirklichen. Zum einen ist der Mensch als Maschinenteil zu unverläßlich, zu widersprüchig, zu emotional, kurz zu menschlich, zum anderen bewährt sich diese Organisationsform nicht in neuen, unerwarteten oder komplexen Situationen - der Dienst nach Vorschrift gilt als effiziente Streikmethode und führt jede Hierarchie ins Chaos. Der berechenbare Mensch Maschinenhaftes
Verhalten ist nicht nur anonymen Hierarchien eigen,
sondern es ist auch typisch für das Individuum. Neben
biologisch bedingten Reflexen verfügt der Mensch über
gewisse Routinen, er reagiert in bestimmten Situationen
"berechenbar". Auch dort, wo er in seinen
Entscheidungen eigentlich frei sein könnte. Und wir
erwarten von unseren Mitmenschen ein ähnliches
Verhalten. Der Informatiker Joseph Weizenbaum hat diese
"Versteinerung" unserer Kommunikationsformen
sehr deutlich anhand des Computerprogramms
"Eliza" demonstriert.. Der Computer simuliert
einen Psychotherapeuten. Eröffnet wird der Dialog mit
der Frage: "Was ist Ihr Problem?" Die Antwort
darauf wird zurückgespiegelt. Auf "Heute hatte ich
wieder Ärger mit meiner Tochter" folgt: "Haben
sie öfter Ärger mit ihr?" Auf Fragen antwortetet
"Eliza" mit Gegenfragen oder mit einer
Aufforderung nach einer detaillierteren Darstellung.
Gewisse Schlüsselbegriffe werden zu Phrasen verarbeitet,
zum Beispiel "Es tut mir leid, daß sie Ärger
hatten." Trotz dieser simplen Regeln erweckt dieses
Programm bei seinen AnwenderInnen Vorstellungen, einem
einfühlsamen, verständnisvollen Gesprächspartner
gegenüber zu sitzen. Das "Verhalten" der Maschine Nicht die Materialität
bestimmt eine Maschine sondern ihr "Verhalten".
"Eine Maschine ist ein dynamisches System",
sagt der Kybernetiker Ross Ashby. Damit wird die Maschine
zum Gegenstand mathematisch-logischer Forschung,
unabhängig von ihrer materieller Ausprägung. Ein
dynamisches System ist definiert durch gewisse
Meßgrößen, die quantitativer oder qualitativer Natur
sein können, zusammen mit einer Transformation, die die
zeitliche Veränderung dieser Größen regelt. In dieser
Allgemeinheit ist eine Maschine nichts anderes als ein in
der Sprache der Mathematik formuliertes Gesetz. Diese
Einfachheit täuscht insoweit, als ein mathematisches
Gesetz aus vielen miteinander in komplizierten Relationen
stehenden Teilgesetzen zusammengesetzt sein kann. Was der
Vorstellung entspricht, daß ein System eine Einheit aus
miteinander in Beziehung stehenden Teilen ist. Logik im Wandel Diese Abstraktion von
der stofflichen Struktur der Maschine reduziert sie auf
den zeitlichen Ablauf ihrer Zustände, auf ihr
"Verhalten". Insbesondere im expandierenden
Bereich der Informationstechnologien wurde diese
"immaterielle" Maschine von grundlegender
Bedeutung. Informationsflüsse in Form von Daten,
Befehlen und Programmen werden durch
mathematisch-logische Algorithmen repräsentiert und
gesteuert. Der Computer stellt die bisher flexibelste
Maschinenkonstruktion dar, die der Mensch erzeugte. Die
theoretische Grundlage des Computers ist die klassische
zweiwertige Logik. Sie ist die Essenz einer bestimmten
philosophischen Weltsicht, die seit der griechischen
Antike unser westliches Denken bestimmte: Die Weit denken
wir uns aus mit sich identischen Dingen zusammengesetzt
(Gesetz der Identität); keine Aussage über diese Welt
kann gleichzeitig wahr und falsch sein (Gesetz vom
verbotenen Widerspruch); jede Aussage über diese Welt
muß wahr oder falsch sein (Gesetz vom ausgeschlossenen
Dritten), Aussagen bedürfen einer logischen Begründung
(Satz vom hinreichenden Grund). Und diese Gesetze finden
sich in modifizierter Form bereits in den alten
hierarchischen Gesellschaftsstrukturen wieder, aus denen
die griechischen Stadtstaaten entstanden. Gottes Wille ist in Gefahr Menschliche oder
tierische Wahrnehmung algorithmisch mittels Computer zu
simulieren, stößt auf ungeahnte Schwierigkeiten. Ebenso
die Simulation ökologischer Systeme, lernender
Organismen oder des menschlichen Verstehens sowie seines
Bewußtseins, Zu einem zeigt sich, daß die Erforschung
solcher Systeme eine derart große Anzahl von
Systemkomponenten, Zustandskomponenten und Parameter
berücksichtigen muß, daß die Speicherkapazitäten
moderner Großrechner überfordert sind. Zum zweiten
ergeben sich Probleme prinzipiell-logischer Natur.
Lebende Systeme zeichnen sich durch
Selbstbezüglichkeiten aus. Sie sind imstande, sich
selbst zu reparieren, sich selbst zu reproduzieren, sich
selbst auf verschiedenste Arten zu repräsentieren, sich
selbst zu organisieren. Selbstbezüge aber können in der
klassischen Logik leicht zu Widersprüchen führen, daher
werden sie für gewöhnlich durch geschickte Wahl der
logischen Grundvoraussetzungen aus der Logik gebannt.
Daneben treten Fragen der prinzipiellen Berechenbarkeit
der Transformationsgesetze dynamischer Systeme und
Probleme der Rechenzeit auf. (Was hat man von einer
genauen Wettervorhersage für den nächsten Tag, wenn
ihre Berechnung zwei Tage dauert?)
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