Arno Bammé
Technologische Zivilisation
 

Technologie ist dabei, eine Weltgesellschaft zu konstituieren. Philosophie, Religion und spekulative Gesellschaftsentwürfe verlieren ihre Funktion, wenn es darum geht, eine sinnstiftende Einheit und eine verbindliche Ordnung für das gesellschaftliche Ganze zu begründen. Nur eine durch Technologie zusammengehaltene Gesellschaft hat die Kapazität, in ihrem geistigen Überbau eine verwirrende Vielfalt auszuhalten und nicht im Chaos zu enden.

Der Begriff "Technologische Zivilisation" zielt auf eine qualitativ neue Stufe dessen, was mit Norbert Elias als historischer "Prozeß der Zivilisation" bezeichnet werden kann. Aufgrund der Technologie hat sich nicht nur das Ausmaß der menschlichen Macht gegenüber der Natur gesteigert. Sie hat sich auch in ihren Inhalten qualitativ verändert. Dinge lassen sich nicht nur besser und schneller machen oder mit weniger Arbeitsaufwand, sondern es lassen sich Dinge machen, von denen früher niemand zu träumen wagte. Technologie ist Ausübung menschlicher Macht. Die Technologie als versteinerte, gesteigerte menschliche Macht, ist zugleich Resultat, Voraussetzung und Vehikel menschlichen Handelns. Und nicht nur das. Der Mensch selber ist zum Objekt der Technologie geworden. Der homo faber wendet seine Fähigkeiten vermehrt auf sich selbst an. Informations- und Kommunikationstechnologien einerseits, gen- und humanmedizinische Reproduktionstechnologien andererseits greifen in die geistige und körperliche Identität des Menschen ein. Sie domestizieren und sozialisieren ihn nicht nur, so wie es die Ökonomie in der bürgerlichen Gesellschaft durch den stummen Zwang der Verhältnisse getan hat, sondern sie stellen ihn viel grundlegender zur Disposition. Das erhebt die Möglichkeiten der Technologie zur Gattungsfrage. Mit der Überlegenheit des Denkens und mit der Macht der hierdurch geschaffenen Zivilisation ist der Mensch, als eine Existenzform des Lebens, in die Lage versetzt worden, alle anderen, und schließlich sich selbst, zu gefährden. Nicht nur von Schwertern, auch von überdimensionierten Pflugscharen gehen Gefahren aus.
Technologie ist die Projektion des Menschen in die Natur. In ihr sind seine tiefsten Wünsche nach Sicherheit, Macht und Kontrolle über die Natur aufgehoben. Sie ermöglicht es ihm, zunächst ansatzweise, dann immer stärker, aus der Natur ein soziales Konstrukt zu machen. In der modernen Technologie ist Denken und Handeln, Theorie und Praxis, Wissenschaft und Technik weitgehend zur Deckung gekommen. Die aristokratische Selbstgenügsamkeit der Wahrheitssuche um ihrer selbst willen ist dahin. Adel ist für Nutzen eingetauscht worden. Die traditionelle Unterscheidung zwischen "reiner" und "angewandter" Wissenschaft wird zunehmend hinfällig. In der Technologie als gesellschaftlicher Formation findet das Beziehungsganze von Mensch und Natur ihren spezifisch geschichtlichen Ausdruck: Technologie ist soziale Realität und verwirklicht reale Sozialität, um ein Wortspiel Heinz Hülsmanns zu gebrauchen. Sie macht die Weit eindeutig.

Technologie - urbi et orbi

Doch die Situation ist widersprüchlich. Auf der einen Seite läßt sich eine zunehmende Vielfalt an subjektiven Werten, Deutungen und Zielvorstellungen registrieren. Gesellschaftliche Verbindlichkeiten, so scheint es, verlieren an Gewicht. Persönliche Lebensstile, politische Überzeugungen, religiöse Fundamentalismen stehen in einem stetigen Prozeß der gegenseitigen Entwertung und Verstärkung. Auf der anderen Seite stehen wir vor dem Phänomen, daß Technologie eine Weltgesellschaft konstituiert. Sinnstiftende Einheit, eine verbindliche Ordnung, eine Struktur, die das Ganze zusammenhält, all das findet sich nicht mehr in der Philosophie, nicht mehr in der Religion und nicht mehr in spekulativen Gesellschaftsentwürfen vom besseren Leben. Die Einheit der Weit, die sie durchdringende und beherrschende Kraft findet sich in der Technologie. Sie "formiert" Weltgesellschaft (Hülsmann). Nun müssen beide Phänomene, "postmoderne Unübersichtlichkeit' und "technologische Formierung" der Gesellschaft, einander gar nicht ausschließen. Beides läßt sich als zwei Seiten ein- und derselben Medaille interpretieren: Die Postmoderne, ihre verwirrende Vielgestaltigkeit, hat zur Basis eine einheitsstiftende Technologie. Sie erst ermöglicht postmoderne Vielfalt. Mit anderen Worten: Das technologische Zeitalter ist die Postmoderne (Zimmerli).
Nur eine durch Technologie geeinte und zusammengehaltene Gesellschaft kann, so ließe sich resümieren, in ihrem geistigen Überbau jene verwirrende Vielfalt aufweisen, ohne im Chaos zu enden. Diese einheitsstiftende und zivilisatorische Funktion hatte in der bürgerlichen Gesellschaft bislang zweifellos die Ökonomie inne. In der nachbürgerlichen Gesellschaft aber verkommt die Ökonomie zur bloßen Simulation. Sie setzt Entscheidungen um, die nicht der Markt getroffen hat, sondern die in einem trüben Gemisch unterschiedlicher Interessen zustande gekommen sind. Diese Interessen werden verschleiert und dadurch legitimiert, daß die Ökonomie scheinbar nach eigenen logischen Regeln, hinter dem Rücken sowohl der Beteiligten als auch der Betroffenen, funktioniert. Tatsächlich aber hat die Marktwirtschaft weder die Atomindustrie noch die Autobahnen, weder die Raumfahrt- noch die Rüstungsindustrie hervorgebracht. Bei all dem handelt es sich um politische Entscheidungen, abgewickelt zwar nach den Regeln der Marktökonomie, auf den Weg gebracht aber durch politische Vorgaben.
Die Naturseite der gesellschaftlichen (Re-)Produktion gewinnt an Bedeutung gegenüber ihrer überkommenen gesellschaftlichen Formbestimmung. Technologische Großsysteme, die anderen Gesetzen als denen des Marktes folgen, erhalten zunehmend Gewicht und beeinflussen Investitionsentscheidungen immer stärker. Eingriffstiefe und Ausmaß der Technologisierung menschlicher Lebenswelten nehmen zu. Die Technologie verdrängt den Menschen aus dem Arbeitsprozeß. In Zukunftsszenarien ist davon die Rede, daß im kommenden Jahrhundert 20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung ausreichen, um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. Mehr Arbeitskraft wird nicht gebraucht. Das bedeutet, der gesellschaftlich erwirtschaftete Reichtum wird anders verteilt werden müssen als bisher, nicht primär Ober Löhne und Gehälter. Entscheidend ist nun, inwieweit es mit Hilfe der Technologie gelingt, ein Warenwirtschaftssystem zu etablieren, das nicht den Verwertungszwängen des Kapitals unterliegt. Ein System, dessen Vernetzungszusammenhang auf der Identität der Gebrauchswerte beruht. Technisch wäre eine solche Vernetzungsleistung durch die elektronische Vernetzung von Produktion, Handel, Lagerhaltung, Verteilung und Konsumtion möglich. Gesellschaft würde gleichsam als riesige Produktionsmaschine entstehen, ohne das Außen des Marktes. Der Markt wäre, so könnte man sagen, in die Technologie, in die Produktionsmaschine implementiert. Bargeld wäre nicht mehr nötig, um seine Funktion zu erfüllen. Es genügten imaginierte Verrechnungseinheiten, abgespeichert im Computer.

Der Ingenieur des Entweder-Oder

Zwar hat in der Hochphase des Kapitalismus die Ökonomie in sehr eindeutiger Weise die Entwicklung der Technologie geformt. Doch läßt sich die in der Technologie enthaltene Logik nicht auf die vordergründige Rationalität der Ökonomie des Bürgertums reduzieren. Die Entwicklungslinie technischer Vernunft zeigt einen früheren Beginn. Für Max Weber hat sie ihren Ursprung im abendländischen "Rationalismus der Weltbeherrschung", in der von den alten Griechen entwickelten zweiwertigen Logik, die zugleich die Basis der weltweit sich durchsetzenden Technologie bildet.
Wenn das Ende der bürgerlichen Gesellschaft nicht, wie Fukuyama nahelegt, "den Endpunkt der ideologischen Evolution der Menschheit", ' "das Ende der Geschichte" schlechthin bedeutet, dann stellte sich die Frage: "Was kommt danach?" In Auseinandersetzung mit und im Gegensatz zu Spenglers "Morphologie der Weltgeschichte" entwickelt Gotthard Günther eine Geschichtsphilosophie, die drei für die Entwicklung einer Weltgesellschaft zentrale Eckdaten in Rechnung stellt: die Kommunikationsfähigkeit des Menschen, die Überwindung der Grenzen der zweiwertigen abendländischen Logik, der Übergang von klassisch-mechanischen zu transklassischen Maschinensystemen auf Basis einer mehrwertigen Logik. In diesem Zusammenhang unterscheidet er drei welthistorische Entwicklungsstufen menschlichen (Bewußt-) Seins.
Das primitive oder archaische (Bewußt-) Sein der ersten Stufe geht vollständig in seiner Außenwelt auf. Aufgehoben in einer mystischen Einheit von Selbst und Umwelt, kann es seine eigenen Wesensbestimmungen nur insoweit verstehen, als sie sich ihm direkt aus der objektiven Gegenstandswelt ins Bewußtsein zurückspiegeln. Seine eigenen seelischen Bestimmungen erscheinen ihm deshalb als Götter, Geister und Gespenster. Magie und Animismus, Totem und Tabu sind die entsprechenden sozialpsychologischen Korrelate. Günther bezeichnet diese Existenzform menschlichen (Bewußt-) Seins als Geschichte erster Ordnung bzw. als einwertige (Bewußt-) Seinsform.
Der Übergang zur Geschichte zweiter Ordnung bzw. zweiwertiger (Bewußt-) Seinsform vollzieht sich in den regionalen Hochkulturen durch Ablösung des Menschen von seiner Umwelt, durch die Trennung von Subjekt und Objekt. Diese Form der Beziehung durchzieht, so Günther, alle regionalen Hochkulturen. In dieser gemeinsamen Abgrenzung von der Stufe des archaischen (Bewußt-) Seins stimmen sie strukturell überein. Worin sie sich aber unterscheiden, ist die inhaltliche Ausgestaltung und Begründung dieser Ablösung. Hier geht die abendländische Kultur einen Sonderweg. Sie konzipiert die von allen Inhalten losgelöste aristotelisch-zweiwertige Logik des Entweder-Oder. Mit ihrer Hilfe gelingt es dem Ingenieur, die physische Umwelt des Menschen zur Maschine umzukonstruieren. Weil die Maschine seelenlos und indifferent gegenüber dem historischen Apriori einer jeden Hochkultur ist, kann sie sich auf allen Kontinenten durchsetzen.

Entscheidung zur Wahrheit

Wenn bislang von der Maschine die Rede war, so war die klassisch-mechanische Maschine gemeint. Die Trennung von Subjekt und Objekt war zugleich eine Trennung von Seele und Ding, eine Absonderung des Toten und Seelenlosen von Geist und Bewußtsein. Die Natur, von der sich der Mensch ablöste, war Dingwelt, umfaßte lediglich deren geist- und seelenlose Objektdimension. Neben die Geschichte des reflexionslosen Weitverständnisses der zweiwertigen (Bewußt-) Seinsform, so Gotthard Günther, muß heute eine komplementäre Geschichte des Verständnisses selbstreflexiver Prozesse der mehrwertigen (Bewußt-) Seinsform treten. Inhaltlich geht es um die Fähigkeit des Menschen zum Perspektivenwechsel, zur Kommunikation. Die traditionelle Denkfigur des absoluten Subjekts löst sich auf und damit auch die einfache Subjekt-Objekt-Relation. Statt dessen tritt ins Bewußtsein, daß es mehrere mögliche Beziehungen zwischen verschiedenen Arten von Subjekten und dem Objekt gibt. Der Sachverhalt hat zwei zentrale Implikationen:

  1. Es gibt keinen logischen Ort mehr, von dem aus entscheidbar wäre, ob eine subjektive Sichtweise wahrer ist als eine andere. Das Denken und Verhalten der subjektiven Subjekte zerfällt in postmoderne Unübersichtlichkeit.
  2. Das absolute Subjekt löst sich nicht gänzlich in subjektive Subjektivität auf. Es verbleiben Anteile, die auf Maschinen implementierbar sind.

Die formale Abbildung dieser dritten Beziehungsstruktur erfordert allerdings eine Logik höherer Ordnung als jene der zweiwertigen, die formal nur den Unterschied zwischen (absolutem) Subjekt und Objekt Rechnung trägt. Die Behandlung dieser Frage als technologisches und nicht als philosophisches Problem leitet nach Gotthard Günther über zur Geschichte dritter Ordnung bzw. zu mehrwertigen (Bewußt-) Seinsformen.
Was uns die Postmoderne lehrt, ist, daß es die Wahrheit, die es bloß zu entdecken gilt, nicht (mehr) gibt, sondern daß Wahrheiten Resultat eines Entscheidungsprozesses sind. Subjektivität in der technologischen Zivilisation ist auf viele soziale Orte verteilt. Entsprechend zahlreich werden auch die Institutionen und Verfahren politischer Willensbildung sein müssen. Die technologische Entwicklung vermehrt, individuell und gesellschaftlich, nicht nur die frei verfügbare Zeit und ermöglicht dadurch, daß gesellschaftlich notwendige Arbeit zunehmend außerhalb des traditionellen erwerbswirtschaftlichen Sektors erbracht werden kann, sondern sie stellt auch die Voraussetzungen für neue Formen zwischenmenschlicher Vernetzungen zur Verfügung. Sie erzeugt zugleich aber auch die Notwendigkeit neuer gesellschaftlicher Regulationsmechanismen und Politikpraktiken.


   

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