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Technologie ist dabei, eine Weltgesellschaft zu
konstituieren. Philosophie, Religion und spekulative
Gesellschaftsentwürfe verlieren ihre Funktion, wenn es
darum geht, eine sinnstiftende Einheit und eine
verbindliche Ordnung für das gesellschaftliche Ganze zu
begründen. Nur eine durch Technologie zusammengehaltene
Gesellschaft hat die Kapazität, in ihrem geistigen
Überbau eine verwirrende Vielfalt auszuhalten und nicht
im Chaos zu enden.Der Begriff "Technologische
Zivilisation" zielt auf eine qualitativ neue Stufe
dessen, was mit Norbert Elias als historischer
"Prozeß der Zivilisation" bezeichnet werden
kann. Aufgrund der Technologie hat sich nicht nur das
Ausmaß der menschlichen Macht gegenüber der Natur
gesteigert. Sie hat sich auch in ihren Inhalten
qualitativ verändert. Dinge lassen sich nicht nur besser
und schneller machen oder mit weniger Arbeitsaufwand,
sondern es lassen sich Dinge machen, von denen früher
niemand zu träumen wagte. Technologie ist Ausübung
menschlicher Macht. Die Technologie als versteinerte,
gesteigerte menschliche Macht, ist zugleich Resultat,
Voraussetzung und Vehikel menschlichen Handelns. Und
nicht nur das. Der Mensch selber ist zum Objekt der
Technologie geworden. Der homo faber wendet seine
Fähigkeiten vermehrt auf sich selbst an. Informations-
und Kommunikationstechnologien einerseits, gen- und
humanmedizinische Reproduktionstechnologien andererseits
greifen in die geistige und körperliche Identität des
Menschen ein. Sie domestizieren und sozialisieren ihn
nicht nur, so wie es die Ökonomie in der bürgerlichen
Gesellschaft durch den stummen Zwang der Verhältnisse
getan hat, sondern sie stellen ihn viel grundlegender zur
Disposition. Das erhebt die Möglichkeiten der
Technologie zur Gattungsfrage. Mit der Überlegenheit des
Denkens und mit der Macht der hierdurch geschaffenen
Zivilisation ist der Mensch, als eine Existenzform des
Lebens, in die Lage versetzt worden, alle anderen, und
schließlich sich selbst, zu gefährden. Nicht nur von
Schwertern, auch von überdimensionierten Pflugscharen
gehen Gefahren aus.
Technologie ist die Projektion des Menschen in die Natur.
In ihr sind seine tiefsten Wünsche nach Sicherheit,
Macht und Kontrolle über die Natur aufgehoben. Sie
ermöglicht es ihm, zunächst ansatzweise, dann immer
stärker, aus der Natur ein soziales Konstrukt zu machen.
In der modernen Technologie ist Denken und Handeln,
Theorie und Praxis, Wissenschaft und Technik weitgehend
zur Deckung gekommen. Die aristokratische
Selbstgenügsamkeit der Wahrheitssuche um ihrer selbst
willen ist dahin. Adel ist für Nutzen eingetauscht
worden. Die traditionelle Unterscheidung zwischen
"reiner" und "angewandter"
Wissenschaft wird zunehmend hinfällig. In der
Technologie als gesellschaftlicher Formation findet das
Beziehungsganze von Mensch und Natur ihren spezifisch
geschichtlichen Ausdruck: Technologie ist soziale
Realität und verwirklicht reale Sozialität, um ein
Wortspiel Heinz Hülsmanns zu gebrauchen. Sie macht die
Weit eindeutig.
Technologie - urbi et
orbi
Doch die Situation ist
widersprüchlich. Auf der einen Seite läßt sich eine
zunehmende Vielfalt an subjektiven Werten, Deutungen und
Zielvorstellungen registrieren. Gesellschaftliche
Verbindlichkeiten, so scheint es, verlieren an Gewicht.
Persönliche Lebensstile, politische Überzeugungen,
religiöse Fundamentalismen stehen in einem stetigen
Prozeß der gegenseitigen Entwertung und Verstärkung.
Auf der anderen Seite stehen wir vor dem Phänomen, daß
Technologie eine Weltgesellschaft konstituiert.
Sinnstiftende Einheit, eine verbindliche Ordnung, eine
Struktur, die das Ganze zusammenhält, all das findet
sich nicht mehr in der Philosophie, nicht mehr in der
Religion und nicht mehr in spekulativen
Gesellschaftsentwürfen vom besseren Leben. Die Einheit
der Weit, die sie durchdringende und beherrschende Kraft
findet sich in der Technologie. Sie "formiert"
Weltgesellschaft (Hülsmann). Nun müssen beide
Phänomene, "postmoderne Unübersichtlichkeit' und
"technologische Formierung" der Gesellschaft,
einander gar nicht ausschließen. Beides läßt sich als
zwei Seiten ein- und derselben Medaille interpretieren:
Die Postmoderne, ihre verwirrende Vielgestaltigkeit, hat
zur Basis eine einheitsstiftende Technologie. Sie erst
ermöglicht postmoderne Vielfalt. Mit anderen Worten: Das
technologische Zeitalter ist die Postmoderne (Zimmerli).
Nur eine durch Technologie geeinte und zusammengehaltene
Gesellschaft kann, so ließe sich resümieren, in ihrem
geistigen Überbau jene verwirrende Vielfalt aufweisen,
ohne im Chaos zu enden. Diese einheitsstiftende und
zivilisatorische Funktion hatte in der bürgerlichen
Gesellschaft bislang zweifellos die Ökonomie inne. In
der nachbürgerlichen Gesellschaft aber verkommt die
Ökonomie zur bloßen Simulation. Sie setzt
Entscheidungen um, die nicht der Markt getroffen hat,
sondern die in einem trüben Gemisch unterschiedlicher
Interessen zustande gekommen sind. Diese Interessen
werden verschleiert und dadurch legitimiert, daß die
Ökonomie scheinbar nach eigenen logischen Regeln, hinter
dem Rücken sowohl der Beteiligten als auch der
Betroffenen, funktioniert. Tatsächlich aber hat die
Marktwirtschaft weder die Atomindustrie noch die
Autobahnen, weder die Raumfahrt- noch die
Rüstungsindustrie hervorgebracht. Bei all dem handelt es
sich um politische Entscheidungen, abgewickelt zwar nach
den Regeln der Marktökonomie, auf den Weg gebracht aber
durch politische Vorgaben.
Die Naturseite der gesellschaftlichen (Re-)Produktion
gewinnt an Bedeutung gegenüber ihrer überkommenen
gesellschaftlichen Formbestimmung. Technologische
Großsysteme, die anderen Gesetzen als denen des Marktes
folgen, erhalten zunehmend Gewicht und beeinflussen
Investitionsentscheidungen immer stärker. Eingriffstiefe
und Ausmaß der Technologisierung menschlicher
Lebenswelten nehmen zu. Die Technologie verdrängt den
Menschen aus dem Arbeitsprozeß. In Zukunftsszenarien ist
davon die Rede, daß im kommenden Jahrhundert 20
Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung ausreichen, um
die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. Mehr
Arbeitskraft wird nicht gebraucht. Das bedeutet, der
gesellschaftlich erwirtschaftete Reichtum wird anders
verteilt werden müssen als bisher, nicht primär Ober
Löhne und Gehälter. Entscheidend ist nun, inwieweit es
mit Hilfe der Technologie gelingt, ein
Warenwirtschaftssystem zu etablieren, das nicht den
Verwertungszwängen des Kapitals unterliegt. Ein System,
dessen Vernetzungszusammenhang auf der Identität der
Gebrauchswerte beruht. Technisch wäre eine solche
Vernetzungsleistung durch die elektronische Vernetzung
von Produktion, Handel, Lagerhaltung, Verteilung und
Konsumtion möglich. Gesellschaft würde gleichsam als
riesige Produktionsmaschine entstehen, ohne das Außen
des Marktes. Der Markt wäre, so könnte man sagen, in
die Technologie, in die Produktionsmaschine
implementiert. Bargeld wäre nicht mehr nötig, um seine
Funktion zu erfüllen. Es genügten imaginierte
Verrechnungseinheiten, abgespeichert im Computer.
Der Ingenieur des
Entweder-Oder
Zwar hat in der
Hochphase des Kapitalismus die Ökonomie in sehr
eindeutiger Weise die Entwicklung der Technologie
geformt. Doch läßt sich die in der Technologie
enthaltene Logik nicht auf die vordergründige
Rationalität der Ökonomie des Bürgertums reduzieren.
Die Entwicklungslinie technischer Vernunft zeigt einen
früheren Beginn. Für Max Weber hat sie ihren Ursprung
im abendländischen "Rationalismus der
Weltbeherrschung", in der von den alten Griechen
entwickelten zweiwertigen Logik, die zugleich die Basis
der weltweit sich durchsetzenden Technologie bildet.
Wenn das Ende der bürgerlichen Gesellschaft nicht, wie
Fukuyama nahelegt, "den Endpunkt der ideologischen
Evolution der Menschheit", ' "das Ende der
Geschichte" schlechthin bedeutet, dann stellte sich
die Frage: "Was kommt danach?" In
Auseinandersetzung mit und im Gegensatz zu Spenglers
"Morphologie der Weltgeschichte" entwickelt
Gotthard Günther eine Geschichtsphilosophie, die drei
für die Entwicklung einer Weltgesellschaft zentrale
Eckdaten in Rechnung stellt: die Kommunikationsfähigkeit
des Menschen, die Überwindung der Grenzen der
zweiwertigen abendländischen Logik, der Übergang von
klassisch-mechanischen zu transklassischen
Maschinensystemen auf Basis einer mehrwertigen Logik. In
diesem Zusammenhang unterscheidet er drei welthistorische
Entwicklungsstufen menschlichen (Bewußt-) Seins.
Das primitive oder archaische (Bewußt-) Sein der ersten
Stufe geht vollständig in seiner Außenwelt auf.
Aufgehoben in einer mystischen Einheit von Selbst und
Umwelt, kann es seine eigenen Wesensbestimmungen nur
insoweit verstehen, als sie sich ihm direkt aus der
objektiven Gegenstandswelt ins Bewußtsein
zurückspiegeln. Seine eigenen seelischen Bestimmungen
erscheinen ihm deshalb als Götter, Geister und
Gespenster. Magie und Animismus, Totem und Tabu sind die
entsprechenden sozialpsychologischen Korrelate. Günther
bezeichnet diese Existenzform menschlichen (Bewußt-)
Seins als Geschichte erster Ordnung bzw. als einwertige
(Bewußt-) Seinsform.
Der Übergang zur Geschichte zweiter Ordnung bzw.
zweiwertiger (Bewußt-) Seinsform vollzieht sich in den
regionalen Hochkulturen durch Ablösung des Menschen von
seiner Umwelt, durch die Trennung von Subjekt und Objekt.
Diese Form der Beziehung durchzieht, so Günther, alle
regionalen Hochkulturen. In dieser gemeinsamen Abgrenzung
von der Stufe des archaischen (Bewußt-) Seins stimmen
sie strukturell überein. Worin sie sich aber
unterscheiden, ist die inhaltliche Ausgestaltung und
Begründung dieser Ablösung. Hier geht die
abendländische Kultur einen Sonderweg. Sie konzipiert
die von allen Inhalten losgelöste
aristotelisch-zweiwertige Logik des Entweder-Oder. Mit
ihrer Hilfe gelingt es dem Ingenieur, die physische
Umwelt des Menschen zur Maschine umzukonstruieren. Weil
die Maschine seelenlos und indifferent gegenüber dem
historischen Apriori einer jeden Hochkultur ist, kann sie
sich auf allen Kontinenten durchsetzen.
Entscheidung zur
Wahrheit
Wenn bislang von der
Maschine die Rede war, so war die klassisch-mechanische
Maschine gemeint. Die Trennung von Subjekt und Objekt war
zugleich eine Trennung von Seele und Ding, eine
Absonderung des Toten und Seelenlosen von Geist und
Bewußtsein. Die Natur, von der sich der Mensch ablöste,
war Dingwelt, umfaßte lediglich deren geist- und
seelenlose Objektdimension. Neben die Geschichte des
reflexionslosen Weitverständnisses der zweiwertigen
(Bewußt-) Seinsform, so Gotthard Günther, muß heute
eine komplementäre Geschichte des Verständnisses
selbstreflexiver Prozesse der mehrwertigen (Bewußt-)
Seinsform treten. Inhaltlich geht es um die Fähigkeit
des Menschen zum Perspektivenwechsel, zur Kommunikation.
Die traditionelle Denkfigur des absoluten Subjekts löst
sich auf und damit auch die einfache
Subjekt-Objekt-Relation. Statt dessen tritt ins
Bewußtsein, daß es mehrere mögliche Beziehungen
zwischen verschiedenen Arten von Subjekten und dem Objekt
gibt. Der Sachverhalt hat zwei zentrale Implikationen:
- Es gibt keinen
logischen Ort mehr, von dem aus entscheidbar
wäre, ob eine subjektive Sichtweise wahrer ist
als eine andere. Das Denken und Verhalten der
subjektiven Subjekte zerfällt in postmoderne
Unübersichtlichkeit.
- Das absolute
Subjekt löst sich nicht gänzlich in subjektive
Subjektivität auf. Es verbleiben Anteile, die
auf Maschinen implementierbar sind.
Die formale Abbildung
dieser dritten Beziehungsstruktur erfordert allerdings
eine Logik höherer Ordnung als jene der zweiwertigen,
die formal nur den Unterschied zwischen (absolutem)
Subjekt und Objekt Rechnung trägt. Die Behandlung dieser
Frage als technologisches und nicht als philosophisches
Problem leitet nach Gotthard Günther über zur
Geschichte dritter Ordnung bzw. zu mehrwertigen
(Bewußt-) Seinsformen.
Was uns die Postmoderne lehrt, ist, daß es die Wahrheit,
die es bloß zu entdecken gilt, nicht (mehr) gibt,
sondern daß Wahrheiten Resultat eines
Entscheidungsprozesses sind. Subjektivität in der
technologischen Zivilisation ist auf viele soziale Orte
verteilt. Entsprechend zahlreich werden auch die
Institutionen und Verfahren politischer Willensbildung
sein müssen. Die technologische Entwicklung vermehrt,
individuell und gesellschaftlich, nicht nur die frei
verfügbare Zeit und ermöglicht dadurch, daß
gesellschaftlich notwendige Arbeit zunehmend außerhalb
des traditionellen erwerbswirtschaftlichen Sektors
erbracht werden kann, sondern sie stellt auch die
Voraussetzungen für neue Formen zwischenmenschlicher
Vernetzungen zur Verfügung. Sie erzeugt zugleich aber
auch die Notwendigkeit neuer gesellschaftlicher
Regulationsmechanismen und Politikpraktiken.
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