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Victor
Gotwald, Katharina Heimerl, Georg Zepke Mars oder Demeter - wem huldigt die Forschung? |
Organisationsentwicklungsforschung untersucht Veränderungsprozesse in Organisationen. Am Veränderungsprozeß sind vor allem drei Systeme unmittelbar beteiligt: Organisation, Beratung und Forschung. Wir gehen davon aus, daß eine an Management, Mitarbeitern und Beraterinnen orientierte Forschung nahe an den aktuellen Problemen heutiger Organisationen ansetzt und Ergebnisse erzielt, die sich zur Umsetzung eignen. Forschung, die nicht im Elfenbeinturm bleiben und dort - zwar in ehrenvoller Gesellschaft aber bar jeder Wirkungsmöglichkeiten - verkümmern will, muß naturgemäß ins Feld. Man spricht von Feldforschung. Begibt sich die Forschung damit lediglich in das Spannungsfeld unterschiedlicher professioneller Interessen oder muß sie auf einem Schlachtfeld bestehen? Wie gelingt es der Forschung, ins Feld zu gehen, ohne dort so viel Widerstand hervorzurufen, daß nur ein Trümmerfeld zurückbleibt? Bearbeitet sie also ein Getreide- oder Minenfeld? Wir ziehen den Schlachtfeldern die Getreidefelder vor. Der Acker fordert eine Gegenleistung, um Frucht zu tragen. Kurzfristiger Raubbau führt zu langfristiger Verödung. Der biologische Landbau versucht im Einklang mit den Anforderungen des Bodens und des Saatguts sowie mit technischen Hilfsmitteln den Feldertrag zu erhöhen oder das biologische Gleichgewicht im Feld wiederherzustellen. Pächter müssen zudem die Bedingungen der Grundbesitzer berücksichtigen. Immer mehr Aufmerksamkeit verlangen schließlich die Umweltbedingungen. Das Mißtrauen des 'beforschten' Sozialsystems gegenüber der Forschung ist nicht unberechtigt. Kein Akteur im Feld läßt sich gerne in die Karten schauen und Begleitforschung oder Evaluation von Projekten durch externe Forscher hat oft den unangenehmen Beigeschmack von "Kontrolle von oben". Forschung, die beobachtet, beurteilt und normative Berichte erstellt, ist nicht immer an das Klientensystem anschlußfähig und kann ihre Schlußfolgerungen in der beforschten Organisation daher nicht als relevant darstellen. Der Umgang mit Boden, Wetter und deren Gesetzmäßigkeiten erfordert Wissen und Erfahrung. Bodenbeschaffenheit, Hanglage und Niederschlagsmenge sind es dann auch, die das richtige Zeitmaß zur Bewirtschaftung vorgeben. Getreidefelder sind lebende Systeme. Welche Schwierigkeiten es im Feld geben wird und wie der Ertrag letztlich ausfällt, ist trotz sorgfältiger Planung nicht bis ins Letzte kontrollierbar. Organisationsentwicklungsforschung sieht die Beforschten als autonome Beteiligte mit spezifischen Interessenslagen und ist bemüht, sich auf deren jeweilige Logik einzustellen. Dazu ist ein grundlegendes Verständnis für die verschiedenen Logiken der drei an der Organisationsentwicklungsforschung' beteiligten Systeme - Organisation, Beratung und Forschung - und deren Eigendynamik notwendig. Schon in der Vier-Felder-Wirtschaft wußte man, daß der Ackerboden nicht endlos Ertrag abwirft. Der Wechsel zwischen verschiedenen Getreidesorten und unbearbeitetem Brachliegen hat sich gut bewährt. Neben dem Fruchtwechsel sorgt auch die Auswahl geeigneter landwirtschaftlicher Werkzeuge dafür, daß das Feld nicht überfordert wird und durch die einseitige Bearbeitung nicht ermüdet. Am Beginn des Forschungsvorhabens sollten die Erwartungen der drei beteiligten Systeme - Organisation, Beratung, Forschung - erhoben werden. So können diese Erwartungen bei der Forschungsplanung, Methodenauswahl, Datenerhebung und -bearbeitung und in den Forschungsberichten berücksichtigt werden. Mit Widersprüchen zwischen den Erwartungen ist zu rechnen. Beispielsweise können innerhalb einer Organisation Mitarbeiter und Management unterschiedliche Erwartungen und Befürchtungen gegenüber der Forschung hegen. Die Herausforderung besteht darin, angemessene Umgangsweisen mit diesen Widersprüchen zu finden. Das Beackern des Feldes stellt immer einen Einschnitt in das Gefüge der Landschaft dar und sollte mit viel Bedacht durchgeführt werden. Gräbt man zu tief, so kann man die Humusschicht zerstören. Ein günstiger Zeitpunkt für Aussaat und Ernte ist die Zeit kurz vor oder nach einem Regen, der den Boden regeneriert. Regnet es jedoch zu viel, werden wichtige Bodenstoffe ausgeschwemmt. Fällt zu wenig Regen, durchdringt: die Pflanze die harte Erdkruste nicht. Der Boden braucht Bewässerung. Welcher Methodik sich die Organisationsentwicklungsforschung bedient, hängt von den Zielsetzungen des Forschungsprojektes ab. In vielen Fällen liefert die gezielte Mischung von qualitativer und quantitativer Methodik die aussagekräftigsten Ergebnisse. Bauer, Bäuerin, Traktor, Würmer, Wühlmäuse und Vogelscheuchen, alle bearbeiten das Feld, jedoch in unterschiedlichen Rollen und mit unterschiedlichen Aufgaben: ziehen und schleppen, säen und bündeln, umgraben und Schädlinge verjagen. In der Reihenfolge der Arbeiten müssen sie sich aufeinander abstimmen. Alle sind wichtig, damit es am Ende etwas zu ernten gibt. Datenerhebung im Zuge der Forschung und Rückmeldung der Ergebnisse stellen immer eine Intervention in das beforschte System dar und müssen mit der Beratung abgesprochen werden. Organisationsentwicklungsforschung findet daher in enger Kooperation mit der Organisationsberatung statt. Das Verhältnis zwischen Beratung und Forschung muß aber reflektiert werden, da die Gefahr besteht, daß die Forschung gegenüber der von permanentem Problemlösungsdruck und von Pragmatismus getriebenen Beratung eine untergeordnete Stellung erhält. Vor allem in Zeiten der Dürre fällt es schwer, einen Teil der Ernte als Saatgut aufzubewahren. Doch nur so läßt sich ein langfristiger Mehrertrag der Landwirtschaft sicherstellen. Beratung versucht, die Organisation zu einer positiven Eigenentwicklung anzuregen und zu unterstützen. Forschung versucht, unabhängig von Erfolg oder Mißerfolg der Beratung, allgemeine Erkenntnisse über die Organisation, Beratung und die Interaktion zwischen beiden zu gewinnen. Der Unterschied zwischen Beratung und Forschung muß erhalten bleiben. Trotz des Naheverhältnisses zur Beratung gilt es, zwischen Forschungsperspektive und Beratungsperspektive zu unterscheiden. Rohes Getreide ist zum Verzehr nicht geeignet. Man muß es einweichen oder mahlen und backen, damit es bekommt. Abgesehen vom Nachweis von Forschungsleistungen gegenüber der scientific community zählt auch oder vor allem die Frage, ob die Ergebnisse der Forschung in der auftraggebenden Organisation anschlußfähig sind. Dazu müssen die Resultate an die Organisation zurückgespielt und' Gelegenheiten zur Reflexion der Umsetzung geboten werden. Rohe Forschungsdaten oder Zahlen allein eignen sich noch nicht zur Umsetzung. Erst durch die Interpretation - in Zusammenarbeit zwischen Organisation, Beratung und Forschung - werden sie zu relevanten Ergebnissen.
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