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Die Schullandschaft ist in Bewegung geraten und
verändert sich. Führungskräften wird dabei eine
Schlüsselposition zugeschrieben. An konkreten Strategien
zur Realisierung der neuen Aufgaben mangelt es noch.Mit der Einführung der
Schulautonomie wurde den Einzelschulen in Österreich per
Gesetz ein gewisses Maß an Selbstverantwortung in
finanziellen und pädagogischen Fragen zugestanden.
Seitdem ist "Organisationsentwicklung" auch im
Schulbereich zum Thema geworden. Direktorinnen und
Direktoren besuchen Kurse zu Fragen der
"Schulentwicklung", Lehrerinnen und Lehrer
werden zu "Autonomieberatern" ausgebildet und
in schulpolitischen Diskussionen tauchen plötzlich
Begriffe wie "Kundenorientierung",
"Leitbild", "Profilbildung",
"Qualitätszirkel",
"Personalentwicklung", usw. auf.
Die Schullandschaft ist in Bewegung geraten und
verändert sich. Führungskräften wird dabei eine
Schlüsselposition zugeschrieben. Hat es bis vor gar
nicht allzulanger Zeit für Schulleiterinnen noch
gereicht, eine Schule gut zu verwalten und nach außen zu
repräsentieren, so sind nun vor allem
Managementqualitäten gefragt. Schulleiter sollen heute
für Finanzierungen sorgen, Personalentwicklung
betreiben, Entwicklungen initiieren, Kooperationen
einleiten, Prozesse moderieren, Konflikte regeln und
anderes mehr. Diese in zahlreichen Publikationen der
letzten Jahre beschriebene Rollenauffassung von
Führungskräften an Schulen ist allerdings weniger eine
Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes, sondern eher
ein Rollenentwurf für die Zukunft. Denn wie sich
Führung in Veränderungsprozessen einer Schule
konkret-praktisch realisiert, darüber gibt es erst
spärliche Darstellungen. Wir befinden uns zur Zeit in
einer Phase des Umbruchs, in der für die gestellten
Anforderungen noch kaum Handlungsstrategien vorliegen.
Die Anforderungen sind in der Tat nicht einfach. Zwar
sollen Schulleiterinnen und Schulleiter weitreichende
Veränderungen einleiten, sie können sich dabei jedoch
kaum auf bereits vorhandene Strukturen stützen, die
interne Kornmunikationsprozesse regeln. Eine Schule zu
leiten ist auch heute noch ein "einsames"
Geschäft, die Führungsspanne ist hoch, Schulleiterinnen
und Schulleiter stehen als Einzelpersonen einem
weitgehend unstrukturierten Lehrkörper gegenüber. Es
gibt kein System der Repräsentation, in dem die
Interessen unterschiedlicher Gruppen im Lehrkörper
ausgehandelt werden könnten. Bestehende Strukturen in
der Schule sind entweder bürokratisch verfestigt
(Dienstweg) oder in der sogenannten
"Schulpartnerschaft" ritualisiert. Für eine
Steuerung von Entwicklungsvorhaben greifen diese
Koordinationsmechanismen jedoch meist zu kurz.
Darüber hinaus haben es Direktoren bei Lehrkräften mit
Personen zu tun, die in der Regel Einzelarbeiter sind und
ihre Autonomie verteidigen. "Aus verschiedensten
Gründen", meint eine Direktorin, an deren Schule
über 90 Lehrerinnen und Lehrer tätig sind, lassen sich
Lehrer nur ungern leiten. Die einen mögen es nicht, weil
es liebgewonnene Freiräume einschränkt und andere
lehnen es ab, weil sie selbstbestimmt und hierarchiefrei
arbeiten wollen." Lehrer befürchten von der
Organisation, in der sie tätig sind, vor allem
bürokratische Einschränkungen, und reagieren äußerst
sensibel auf jemanden, der leitet oder führt. Selbst die
Funktion des Leitens oder Steuerns per se scheint
mißtrauisch betrachtet zu werden. Wir beobachten in
unseren Beratungsprojekten immer wieder das Phänomen,
daß Leitungsfunktionen in Schulen nicht klar als solche
bezeichnet, sondern eher umschrieben werden. Bevorzugt
sind die Bezeichnung "Planungs- und
Koordinationsgruppe" anstelle von
"Steuergruppe", "Projektleiterinnen"
werden zu "Ansprechpartnerinnen" gemacht und
Personen, die Gruppen leiten sollen,
"Koordinatoren" genannt. Es scheint in Schulen
eine (fast reflexartige) Scheu zu herrschen,
Leitungsaufgaben als solche klar zu benennen und damit
deutlich zu machen.
Motivieren statt
kontrollieren
Es ist daher nicht
verwunderlich, daß Schulleiterinnen und Schulleiter in
der Diskrepanz zwischen den Ansprüchen, die von der
Schulpolitik oder seitens der Wissenschaft an sie
gestellt werden, und den Verhältnissen, die sie an ihren
Schulen vorfinden, mit den geänderten Rollenerwartungen
eher vorsichtig umgehen. Sie wissen, daß sie von der
Bereitschaft der Lehrkräfte abhängig sind und kaum
etwas verfügen können.
In Gesprächen mit Direktorinnen und Direktoren, die an
ihren Schulen Entwicklungsvorhaben eingeleitet haben,
drückt sich diese "Vorsicht" aus. So meint ein
Direktor einer Hauptschule: "Ich sehe meine Aufgabe
darin, die Lehrerinnen und Lehrer, die die Entwicklung
tragen, zu unterstützen. Ich bin einer, mit dem man
sicherlich reden kann, zu mir kann jeder kommen - sie
sehen ja selbst die stets offene Tür zur Direktion. Ich
komme allen Lehrerinnen und Lehrern sehr entgegen."
Ein Direktor eines Gymnasiums beschreibt sein
Rollenverständnis in dem Schulentwicklungsprozeß so:
"Meine primäre Aufgabe liegt in den praktischen
Hilfen zur Ermöglichung des Tuns und des Engagements der
Kolleginnen und Kollegen, für Erziehung und Bildung im
Unterricht, im Ermöglichen also, im Initiieren,
vielleicht im Koordinieren und kaum im Regulieren, im
Verhindern, möglichst nicht aber im Kontrollieren. Wer
eine Idee hat, kann sie realisieren. Mein Wahlspruch ist:
Möglichst vielen Vieles zu ermöglichen." Und
schließlich führt ein Direktor einer berufsbildenden
Schule an: "Meine Rolle gestaltet sich vielleicht
so, daß ich die Lehrerschaft der einzelnen Abteilungen
zu motivieren versuche, daß es aus meiner Sicht eine
Überlebensfrage ist, daß Lehrer miteinander
kommunizieren. Auf verschiedenen Ebenen, nicht nur über
das Fach, sondern auch über Schüler, daß man versucht,
den Schüler ganzheitlicher zu sehen."
Türöffner für
Veränderungen
"Unterstützen",
"ermöglichen", "motivieren" -
vielleicht noch "koordinieren", kaum
"regulieren" - die Schulleiter sehr
unterschiedlicher Schultypen beschreiben ihre
wesentlichen Funktionen in Veränderungsprojekten
durchaus ähnlich. Sie fühlen sich hauptsächlich als
das, was Hans-Günther Rolff "Türöffner für
Veränderungen" nennt, und versuchen vor allem ein
"innovationsfreundliches Klima" zu erzeugen.
Sie treten selbst wenig aktiv oder gar fordernd in
Erscheinung. Gegenüber einem alten
Führungsverständnis, das sich im wesentlichen an der
Bürokratie, der Verwaltung und der Kontrolle
orientierte, ist dies sicherlich ein Fortschritt, da
vieles in Bewegung gebracht wird. Im Sinne eines
nachhaltigen Veränderungsprozesses wäre jedoch noch
etwas mehr zu tun.
Um Veränderungen nachhaltig werden zu lassen, reicht die
Rolle des "Türöffners" ebensowenig wie die
des einsamen "Agenten des Wandels". In diesen
Prozessen müssen Schulleiter vor allem eines:
berufsrelevante Kommunikation unter Lehrerinnen und
Lehrern fördern und Selbstreflexion der Organisation in
Auseinandersetzung mit der Umwelt ermöglichen. Dazu
bedarf es eines geeigneten Rahmens, der sich nicht
einfach von selbst herstellt. Die wesentlichste Aufgabe
von Schulleitung wäre also, aktiv diesen Rahmen zu
schaffen, in dem möglichst viele Beteiligten an der
Gestaltung von Schule mitwirken können.
Reflexionsräume
öffnen
Zur Zeit gibt es im
Schulbereich vielversprechende Signale in Richtung einer
Verstärkung der internen Kommunikation und eines
Austauschs mit der Umwelt. Obwohl es gelegentlich so
scheint, als würden ungeschickte Ankündigungen der
Schulpolitik wie - "Zeugnisse für Lehrer" oder
Jeder Schule ihren Qualitätskoffer zur Evaluation"
das zarte Pflänzchen einer beginnenden Reflexionskultur
an Schulen eher behindern als fördern, gibt es an
einigen Schulen bereits interessante Ansätze. Dazu
abschließend ein Beispiel, das zugleich die schwierige
Rolle von Führungskräften in diesen schulischen
Veränderungsprozessen beleuchtet.
Ein Abteilungsvorstand einer berufsbildenden Schule hatte
sich schon längere Zeit mit
"Qualitätsmanagement" beschäftigt und wollte
es an seiner Abteilung einführen. Er investierte viel
Arbeit in die Ausformulierung eines Qualitätskonzepts,
das er seinen Kolleginnen und Kollegen in einer Konferenz
vorstellte. Diese Konferenz geriet jedoch zum Eklat. Die
Lehrerinnen und Lehrer fühlten sich nicht genug
eingebunden und lehnten die Initiative rundweg ab. Der
Abteilungsvorstand war zunächst enttäuscht, begann aber
dann aufs Neue für seine Idee zu werben. Er nahm sich
selbst zurück und baute eine Struktur auf, in der die
Lehrerschaft aktiv werden konnte. Auf seine Anregung hin
bildete sich eine Arbeitsgemeinschaft
"Qualitätsmanagement", deren Mitglieder
regelmäßig zusammentrafen und nun langsam und Schritt
für Schritt Verbesserungsvorschläge ausarbeiteten. Von
dieser Gruppe wurde schließlich auch eine
Schülerbefragung durchgeführt. Die Gruppe diskutierte
lange über geeignete Indikatoren und entwarf mit
Unterstützung der Universität einen Fragebogen. Dieser
wurde getestet, ehe er dem Kollegium präsentiert wurde.
Die Konferenz beschloß daraufhin, den Fragebogen in der
gesamten Abteilung einzusetzen. Die Erfahrungen waren -
zur nicht geringen Überraschung mancher Lehrkräfte -
äußerst positiv. Die Schülerinnen und Schüler hatten
sich nicht nur als reif erwiesen, differenzierte
Rückmeldungen zu geben, die Ergebnisse waren auch Anlaß
für vielfältige Diskussionen und Verbesserungen, sowohl
im Lehrkörper, als auch zwischen Lehrern und Schülern.
Dieses Beispiel zeigt, daß Maßnahmen im Interesse einer
Veränderung Wirksamkeit entfalten, wenn sie möglichst
breit kommuniziert werden. Die Funktion der Schulleitung
dabei ist es, für diese Kommunikation förderliche
Strukturen aufzubauen. Wie sehr wir uns hier zur Zeit
noch in einem Experimentierstadium befinden, macht die
Äußerung eines Lehrers deutlich, der den gegenwärtigen
Gesamtzustand schulischer Veränderungsprozesse so
charakterisiert: "Wir sind unterwegs, aber noch
nicht organisiert." Es ist dabei offen, wohin dieses
"Unterwegssein" führen wird, sicher scheint
allerdings, daß das bisherige Repertoire, Schulen zu
steuern, nicht ausreicht. Schulentwicklungsprozesse
werden künftig erfordern, daß Leitende die zur
Verfügung stehenden Gestaltungsspielräume aktiv nutzen.
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