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Alle haben eines. Wir wollen auch ein's!
Leitbilder haben Konjunktur Sie sollen die allgemeine
Ratlosigkeit aufnehmen, bearbeiten und neue Hoffnungen
schenken. Die Gefahr, daß dabei ein Lightbild entsteht,
ist groß.Man kann die auf Hochglanz gedruckten
"instant-Verheißungen" schnell erkennen. Sie
erleiden das Schicksal vieler wirkungsloser Anordnungen
und Gesetze. Nach altösterreichischer Bürokratieordnung
werden sie "schubladisiert". Ihre Funktion
besteht in einer punktuell ausgelösten
Selbstdarstellung. Folgerichtig entstehen
"Lightbilder" zu bestimmten Zäsuren der
Organisationsgeschichte - etwa als Selbstgratulationen zu
Jubiläen, als Selbstdarstellung und Vermächtnis
scheidender Leitungskräfte. Manchmal läuft es schlicht
nach dem Motto: "Alle haben eines. Ich will auch
ein's!" Allen diesen Versionen gemeinsam ist die
Absicht, alles beim alten zu belassen. Dafür gibt es
immer mehr Gründe als für Veränderung.
Stellen Sie sich beispielsweise vor, Sie haben mit
unzufriedenen Mitarbeiterinnen zu tun, Ihnen machen
bestimmte Unruhegeister immer wieder das Leben schwer.
Was halten Sie davon, diese Energien zu bündeln? Lassen
Sie ein "Lightbild" erstellen. Setzen Sie doch
die kritischen und unzufriedenen Mitarbeiter aus
unterschiedlichen Bereichen in eine Projektgruppe. Geben
Sie ihnen einen bewußt offen gehaltenen Impuls ein
Leitbild zu erstellen (Management by Mach mal' ),
indem Sie etwa sagen: "Ein Leitbild ist ein Bild,
das unser Handeln leiten soll." Vermeiden Sie in
jedem Fall darauf zu sprechen zu kommen, was nach der
Erstellung des Leitbildes anders sein soll, weiche
Auswirkungen dieses Leitbild auf die unterschiedlichen
Bereiche des Unternehmens haben wird, weiche
Verbindlichkeit und Selbstverpflichtung daraus
resultiert. Knüpfen sie an die Zwischenergebnisse immer
noch eine kleine Bitte für die Weiterarbeit an.
Ein Lightbild gibt
es, damit sich nichts ändert
Zerdehnen Sie diesen
Prozeß der Texterstellung über einen längeren
Zeitraum, wie es überhaupt erfolgreich im Sinne Ihrer
Strategie sein wird, kein Ende dieses Vorgangs zu
definieren. Sie könnten beispielsweise argumentieren:
Als, lebendige und lernende Organisation" (dieser
Begriff ist heute sehr en vogue) verändern wir uns
ständig. Deshalb muß es möglich sein, daß Leitbild
kontinuierlich anzupassen. Eröffnen Sie einen eigenen
Briefkasten für immer neue Verbesserungsvorschläge.
Schon jetzt können Sie beobachten, daß sich die
Motivationen und Veränderungsbereitschaft der Leute
langsam aushöhlen, sie zerfallen und schlagen in eine
distanzierte Depression, eine infizierende Frustration
um. Der Ärger steigt. Nehmen Sie die Ergebnisse
wohlwollend an und dankend zur Kenntnis, ohne
Verbindlichkeit freilich. Erklären Sie, der Prozeß
müsse weitergehen. Und nun benötigen Sie lediglich eine
"Khol'sche Haltung": aussitzen (gemeint ist der
Klubchef der Österreichischen Volkspartei, Andreas Khol,
Anm.d.Red.). Oder behaupten Sie, die Beschreibung des
Status quo sei die Vision. Man brauche eigentlich kein
Lightbild.
Auch wenn Ihnen diese Kurzbeschreibung irrational
vorkommt oder gar unrealistisch, jeder einzelne Satz hat
einen empirischen Hintergrund bzw. ist ein fast
wörtliches Zitat aus gescheiterten Leitbildprozessen.
"Lightbilder" führen zum Verschleiß der
Kräfte und Motivationen der besten Mitarbeiterinnen.
Selbstbeschreibung des Unternehmens allein macht noch
kein Leitbild. Wie ein Leitbild weder ein Dogma noch eine
implizite Dienstanweisung ist. Für kosmetische
Außendarstellungen bemüht man besser eine Werbeagentur.
Das Resultat sind Hochglanzbroschüren, die in Schubladen
landen. Das Leiden an solchen Bildern setzt ein, weil sie
als organisierte" Sandkastenspiele" entlarvbar
sind. Veränderung ist nicht intendiert. In 'Lightbild'
Prozessen werden die Hoffnungen der Mitarbeiterinnen auf
Entwicklung feierlich zu Grabe getragen. Mit dem
Abschluß der Textversion läutet das Sterbeglöcklein
des Leitbildes.
Leitbilder setzen
Entwicklungen in Gang
Leitbilder haben derzeit
Konjunktur, nicht nur in Wirtschaft und Krankenhaus, in
der kommunalen Verwaltung oder auch an den
Universitäten. Leitbilder entstehen in einer Zeit
rasanter und riskanter Veränderungen. Zukunftsrelevante
Orientierung ist gefragt. Gleichzeitig verlangt der
Prozeß der Dezentralisierungen und der
situationsgerechten Flexibilität und Autonomie neue
Formen der Kohärenz. Eine Identität nach innen und nach
außen wird wichtig - Leitbilder können Identität
stiften. "Man nehme, was man will: Gott, Natur,
Wahrheit, Wissenschaft, Technologie, Moral, Liebe, Ehe -
die Moderne verwandelt alles in "riskante
Freiheiten". Alle Metaphysik, alle Transzendenz,
alle Notwendigkeit und Sicherheit wird durch Artistik
ersetzt. Wir werden - im Allgemeinen und Privatesten zu
Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos." (U. Beck, E.
Beck-Gemsheim). Die Hoffnung ist in Leitbildprozessen
evident. Leitbilder sollen diese individuelle, kollektive
und organisationale Ratlosigkeit aufnehmen und
bearbeiten.
Die Forderungen an die Funktionen von Leitbildern münden
darin, "Sinn für Organisationen" herzustellen.
Leitbilder sollen nach innen integrieren und nach außen
profilieren. Sie sollen Gefühle und Gedanken, Kräfte
und Energien, Ressourcen und Kompetenzen ausrichten auf
realistische Utopien, auf Visionen für die Zukunft.
Ziele individuellen und kollektiven Handelns gilt es zu
identifizieren. Diese sollten klar und eindeutig, vital
und konkret, gleichermaßen realitätsnah wie
zukunftsoffen sein. Ein hoher Anspruch?
John F. Kennedy formulierte 1961 eine "schlichte
Vision" für die NASA, die über mehr als ein
Jahrzehnt Stimulus für eine gigantische Konkurrenz der
Weltmächte war: "Das Ziel verwirklichen, noch vor
Ablauf dieses Jahrzehnts einen Mann zum Mond zu bringen
und sicher auf die Erde zurück." An Leitbilder wird
immer wieder die Forderung gerichtet
"elektrisierend" und erotisierend zu wirken.
Sie sollen Gefühle, Aspirationen menschlichen Lebens
nach Würde und Wert, Bedeutung und Zugehörigkeit
enthalten und ausdrücken.
Integration nach
innen, Profilierung nach außen
Leitbilder formulieren
Sinn und Zweck bzw. Ziele und Visionen der jeweiligen
Organisation. Ein Leitbild entwirft ein Bild, das nach
innen das Handeln leiten soll und nach außen dazu
verleiten kann, in Kontrakt, Kooperation und
Kommunikation mit dieser Organisation einzutreten. Ein
Leitbild verhilft zur Orientierung und Differenzierung.
Man kann Leitbilder in einem magischen Glauben an ihre
immanente Wirkmächtigkeit chronisch überschätzen.
Deshalb enthalten wirkungsvolle Leitbilder nicht nur eine
Vision, sondern vor allem auch die Wege und Strategien,
für die alltägliche praktische Arbeit, die Mühsal der
Operatonalisierung.
Ebenso wichtig wie der Text eines Leitbildes oder sogar
bedeutsamer als er sind die Prozesse der Entwicklung von
Leitbildern. In Theorie und Praxis werden
unterschiedliche Wege für Leitbildentwicklungen
vorgeschlagen. Das "top-down-Prinzip" steht dem
"bottom-up-Prinzip" gegenüber. Bewährt hat
sich ein synthetisierendes "Gegenstromprinzip":
Die Leitung erteilt einen klaren Auftrag. Die Bearbeitung
erfolgt durch Beteiligung der wichtigsten
Interessensgruppen im Unternehmen. Wer ausgeschlossen
wird, leistet in der Regel Widerstand. In verschiedenen
Schleifen wird der Stand der Entwicklung öffentlich
gemacht bzw. am Ende das Leitbild präsentiert.
Das Schlüsselproblem jeder Leitbildarbeit ist die
Umsetzung, die Implementierung. Denn Leitbilder sind
Instrumente der Selbstentwicklung. Ihre Relevanz kann
nicht verordnet werden. Vielmehr eröffnen sie den Rahmen
und den Motivationshorizont, der durch eine
prozeßorientierte, modell- und projektförmige
Konkretisierung in den unterschiedlichen
Organisationseinheiten realisiert wird. Ob und inwieweit
ein Leitbild für die Qualitätsentwicklung der Arbeit
tatsächlich relevant ist, stellt ein Erfolgskriterium
dar.
Leitbildprozesse sind
Veränderungsprojekte
Woran läßt sich
erkennen, daß das Leitbild einen Unterschied setzt? Es
hat sich bewährt, Prozesse von Leitbildentwicklungen mit
einer effizienten Evaluation zu verbinden. Für den
Leitbildprozeß eines Krankenhausträgers könnte es zum
Beispiel heißen: Projekt gelaufen - Leitbild erstellt -
Hochglanzbroschüre gedruckt - Text verteilt. Aber: Wer
in unserem Haus kennt eigentlich den Leitbildtext? Nur
die Mitarbeiterinnen der Projektgruppe, also jene
Personen, die an dem Text mitgeschrieben haben? Die
Führungskräfte, die Mitarbeiterinnen an der Basis?
Haben die Patienten den Leitbildtext wahrgenommen? Ein
Leitbild kann auch als Botschaft an die relevanten
Umwelten der Organisation dienen - aber ist das Leitbild
dort auch wirklich angekommen? Haben die zuweisenden
Ärzte es wahrgenommen? Haben es andere vergleichbare
(konkurrierende) Häuser erhalten?
Leitbilder sind Instrumente der Selbstentwicklung. Aber:
Wer von den über zwanzig Häusern, die zu unserem
Träger zählen, führt nun tatsächlich
Umsetzungsprojekte durch? Welche Grundsätze des
Leitbilds werden umgesetzt und welche bleiben unberührt?
Sollte man daraus nicht Konsequenzen ziehen?
Einzelne Projekte führen erst dann zu nachhaltigen
Veränderungen, wenn sie in die Routine übernommen und
in die Gesamtorganisation transferiert werden. Welche
Projekte sind als erfolgreich zu betrachten? Welche
sollte man als 'models of good practice' in anderen
Bereichen und Häusern zum Transfer empfehlen? In welche
Maßnahmen sollen weiterhin Ressourcen investiert werden?
Die Entscheidung zum Transfer von Projekten sollte immer
auf den Ergebnissen einer Evaluation beruhen, die dazu
beiträgt, die oben gestellten Fragen zu beantworten.
Stellen Sie sich nochmals vor: Ihr Krankenhausträger hat
seit fünf Jahren ein Leitbild. Eines der zwanzig Häuser
entschließt sich nun, darauf aufbauend einen hauseigenen
Leitbildtext zu verfassen. Dazu wäre das Wissen aus dem
Prozeß vor fünf Jahren nützlich. Wie ist das denn
damals gelaufen bei der Erstellung des Rahmenleitbildes
des Trägers? Wer war damals am Prozeß beteiligt? Wie
lange hat es gedauert, bis der Text verfaßt war? Wieviel
Zeit und andere Ressourcen wurden investiert? Welche
Fehler, die damals gemacht wurden, sollten wir vermeiden?
Hat die Erstellung des Leitbildtextes in den Augen der
Betroffenen überhaupt einen Sinn gehabt? Durch
Dokumentation und Evaluation gelingt es, dieses Wissen zu
sichern und auch noch nach Jahren wichtige Fragen über
das Projekt zu beantworten.
Leitbildprojekte sind Veränderungsprojekte - wenn sie
umgesetzt, dokumentiert und evaluiert werden.
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