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Wie können Forschungsergebnisse und Erkenntnisse
wirkungsvoll an andere komplexe soziale Systeme
kommuniziert werden? Die Erfahrungen aus der Beratung von
Organisationen zeigen, daß von außen kommende Expertise
wenig wirksam ist, im System Veränderungen auszulösen,
wenn dieses Wissen nicht im System selbst generiert wird.Wir leben in einer Gesellschaft
von Organisationen. Der hohe Organisationsgrad ist ein
Charakteristikum moderner Industriegesellschaften. Sie
sind in hohem Ausmaß von der Leistungsfähigkeit ihrer
Organisationen abhängig, da ein großer und wachsender
Teil gesellschaftlicher und persönlicher Problemlagen
organisationsförmig bearbeitet wird. Neue oder neu
erkannte Problemstellungen können in der Gesellschaft
nur dann in relevanter Weise bearbeitet werden, wenn
etablierte Organisationen diese Probleme aufgreifen oder
wenn es gelingt, neue Organisationen für deren
Bearbeitung zu schaffen. Die Ausdifferenzierung und
Spezialisierung von Organisationen schreitet rasch voran
und damit wächst auch ihre inhaltliche Selektivität.
Die Organisationen der kurativen medizinischen Versorgung
sind dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Die Arbeits-
und Organisationslogik des Krankenhauses ist überwiegend
auf die Heilung akuter Krankheiten ausgerichtet. Die
Erfüllung dieser Aufgaben setzt immer aufwendigere
Methoden voraus.
Gleichzeitig wächst jedoch der Versorgungsbedarf für
chronisch Kranke und pflegebedürftige alte Menschen. im
Umgang mit chronischer Krankheit steht nicht Heilung im
Vordergrund, sondern Rehabilitation, Pflege und soziale
Unterstützung. Die Dominanz der chronisch-degenerativen
Krankheiten erfordert eine neue Kombination von
technik-intensiven und interaktions-intensiven
Leistungen, die die Gesundheitspotentiale der Patienten
mobilisieren. Die vorherrschenden Strukturen des
Krankenhauses behindern diesen gesellschaftlich immer
notwendigeren Umgang mit Gesundheit und Krankheit. Neben
der fachlichen Neuorientierung in den Akutkrankenhäusern
sind vor allem organisatorisch neue Kooperationen
zwischen Akutkrankenhaus und Rehabilitationseinrichtung
notwendig, zwischen stationärer Versorgung und
alltagsnahen, ambulanten und semi-stationären Diensten.
Politisch sind die stark steigenden Kosten der
medizinischen und pflegerischen Versorgung nicht mehr so
leicht durchsetzbar und legitimierbar. Außerdem mußten
die staatlichen und privaten Krankenhausträger in den
letzten Jahren erkennen, daß die
zentralistisch-bürokratische Steuerung hochkomplexer
Organisationen weder Kosten begrenzen noch Qualität
sichern kann.
Die Krankenhäuser werden daher nach und nach aus der
unmittelbaren Verwaltung der bisherigen Träger
ausgegliedert. Die damit verbundene relative Autonomie
und ökonomische Verantwortung zwingt die Krankenhäuser
auch, sich zum ersten Mal als Gesamtorganisation zu
verhalten. Die skizzierten Veränderungen erfordern
erhebliche organisatorische Umbau- und
Entwicklungsprozesse.
Die aktuellen Entwicklungen des Gesundheitswesens
unterstreichen die Erkenntnis, daß Gesellschaftsreform
heute insbesondere als Organisationsreform zu denken und
zu realisieren ist.
Neue
Interventionsstrategien
In den Vorstellungen von
der Steuerung komplexer Sozialsysteme hat sich in den
letzten Jahren sowohl in der Gesellschafts- und
Organisationstheorie als auch in den Konzepten von
Management und Führung ein Paradigmenwechsel vollzogen.
Politische und betriebsbezogene Ordnungsvorstellungen,
die Veränderung durch Anordnung von der Spitze aus zu
realisieren versuchen, als kontinuierlichen
Weisungszusammenhang wie in der Verwaltung oder als
Durchgriffsrecht des Top-Managements, sind an deutliche
Grenzen gestoßen. Die Schwierigkeiten der Politik,
inhaltlich strukturierend auf die Entwicklung der
verschiedenen gesellschaftlichen Subsysteme einzuwirken,
sind unübersehbar. Die Vorstellung vom Primat der
Politik gegenüber anderen Subsystemen ist obsolet
geworden. In funktional differenzierten Gesellschaften
ist die Politik ein System neben anderen, die einzelnen
Subsysteme und ihre Organisationen zeichnen sich durch
hohe Autonomie und Eigendynamik aus. Das bedeutet zwar
keineswegs auf Einflußnahme verzichten zu müssen, aber
die Steuerungsleistung ist auf die Eigenentwicklung des
Systems zu richten. Mit den Mitteln der Gesetzgebung oder
der Ressourcensteuerung kann etwa die Politik die
Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Subsysteme
durchaus wirkungsvoll beeinflussen. Aber die
tatsächliche Entwicklung der Subsysteme und ihrer
Organisationen ist als eine interne zu verstehen,
abhängig von deren jeweiliger Struktur, Arbeitslogik und
Arbeitstradition. Das führt zu neuen
Interventionsstrategien. Die Selbstorganisation des
Systems tritt in den Vordergrund, und dementsprechend
sind Konzepte der Organisationsentwicklung gefragt, die
einen Beitrag zum Management und zur Begleitung von
Veränderungsprozessen in komplexen Organisationen
leisten können.
Die Universität gibt
es noch nicht
Die Universitäten sind
als Organisationen der Wissensproduktion durch diesen
Paradigmenwechsel in mehrfacher Hinsicht radikal
gefordert. Ebenso wie das Gesundheitswesen durchlaufen
die Universitäten einen Prozeß der Dezentralisierung
und Autonomisierung, der sie zwingt, sich immer
stärker als Gesamtorganisation zu verhalten. Neben den
wissenschaftsimmanenten Erfolgskriterien müssen sie die
Selbststeuerung nun auch an Kriterien wie
Wirtschaftlichkeit, Effizienz und Bedarfsgerechtigkeit
ausrichten. Die Universität verliert zusehends das
Monopol über Wissensproduktion. Viele andere Systeme
generieren und verarbeiten heute Wissen:
Industrieunternehmen, außeruniversitäre
Forschungseinrichtungen oder Beratungsunternehmen. Diese
neue Konkurrenz führt zu anspruchsvollen Kooperationen
zwischen Organisationen. Um ihre Arbeitsweise neuen
gesellschaftlichen Problemlagen und veränderten
Bedingungen der Wissensproduktion anzupassen, benötigen
die Universitäten neue organisatorische Strukturen. Sie
müssen sich darauf einstellen, daß sie es in der
heutigen Gesellschaft mit anderen Klienten zu tun haben,
daß vor allem auch andere Organisationen Adressaten und
Anwender von Wissenschaft sind.
Wenn die These von der primär organisationsförmigen
Bearbeitung gesellschaftlicher Probleme stimmt, dann
bedeutet Wissen vermitteln, Interventionen in soziale
Systeme zu setzen. Diese Systeme verändern sich jedoch
nach ihrer eigenen Logik, die sich von der Logik der
Wissenschaft unterscheidet.
Wie können Forschungsergebnisse und Erkenntnisse
wirkungsvoll an andere komplexe soziale Systeme
kommuniziert werden? Das ist eine Schlüsselfrage, die
sich die universitär organisierte Wissenschaft stellen
muß. Wie können zum Beispiel
gesundheitswissenschaftliche Erkenntnisse über die
Gestaltung von Arbeitsplätzen in Unternehmen wirksam
werden? Wie kann Wissen über Qualität medizinischer
Versorgung als Grundlage für eine Reform der
Krankenversorgung genutzt werden? Wie können
Erkenntnisse der Gesundheitssystemforschung für die
Gestaltung von nationaler oder regionaler
Gesundheitspolitik nutzbar gemacht werden?
Diese Fragen stellen sich auch in bezug auf andere
gesellschaftliche Subsysteme, wie Politik, Verwaltung,
Erziehung oder Technologieentwicklung in der Wirtschaft.
Unterläßt es die Wissenschaft, ihr Verhältnis zu
anderen relevanten Systemen zu reflektieren, verzichtet
sie auf ihre Wirkung.
Unser Verständnis von 'Gesellschaftlichem Lernen'
beinhaltet die Auseinandersetzung mit Veränderungen in
gesellschaftlichen Problemfeldern und damit der
wissenschaftlichen Intervention in relevante
Gesellschaftsbereiche. Damit ist nicht jenes verkürzte
Verständnis von 'praxisrelevantem' Wissen gemeint, das
nur jene Forschung akzeptiert, die unmittelbar in
Handlungen umsetzbar ist. Hier geht es vielmehr um die
Entscheidung, die Wirkung mitzudenken, die das generierte
Wissen in den betroffenen Systemen auslöst.
Gesellschaftliches Lernen setzt einen Wandel der
universitären Arbeitsweise und der Selbstorganisation
der Universitätseinrichtungen voraus.
Organisationsberatung in unserem Sinne fördert das
Klientensystem in der Entwicklung seiner
Problemlösungskapazität. Die Beratung unterstützt bei
der Erarbeitung einer angemessenen Problemsicht, bei der
Entscheidung über Lösungswege sowie bei deren
Umsetzung.
Das System beobachtet
sich selbst
Eine wichtige
Voraussetzung der Entwicklungsfähigkeit von
Organisationen ist ihre Fähigkeit zur Selbstbeobachtung
und deren Auswertung. Nur wenn sie als Organisation über
angemessene Strukturen und Verfahren der
Selbstbeobachtung verfügt, kann sie ihre Entscheidungen
und Arbeitsprogramme zu veränderten Umweitbedingungen in
Beziehung setzen und sich auf neue Anforderungen
einstellen. So hängt die noch relativ schwach
ausgebildete Entwicklungsfähigkeit der Krankenhäuser
als Organisationen auch damit zusammen, daß sie in der
Medizin und der Pflege zwar gut entwickelte Verfahren der
fachlichen Selbstevaluation kennen, auf der Systemebene
jedoch kaum über etablierte Verfahren der
Selbstbeobachtung verfügen. Es ist daher ein wichtiges
Instrument der Organisationsberatung, den Prozeß der
Informationsgewinnung im Klientensystem anzuregen, die
Organisation bei der Produktion von problemadäquatem
Wissen über sich selbst zu unterstützen. "Ein
System sieht, was es sieht und es sieht in der Regel
nicht, daß es nicht sieht, was es nicht sieht. Dieser
Grundzusammenhang ist dafür ausschlaggebend, daß
bestimmte Ereignisse in Organisationen zu handlungs- und
entscheidungsrelevanten Informationen verarbeitet werden
und daß sich Systeme im übrigen gegenüber dem Rest der
Welt indifferent verhalten" (Wimmer 1992).
Hier fühlt sich Wissenschaft traditionellerweise
aufgerufen, den Akteuren ihre externe Problemsicht zu
vermitteln. Diese Versuchung ist natürlich besonders
groß, wenn zu einer bestimmten Problemlage ausgezeichnet
abgesicherte Forschungsergebnisse vorliegen, deren
praktische Anwendung sich an anderem Ort auch schon
bestens bewährt hat. Gerade Wissenschaftler, die sich
für die Anwendung ihrer Erkenntnisse engagieren, aber
auch viele Fachberater handeln sich dabei Enttäuschungen
ein. Die bildungs-, personen- und expertenorientierte
Wissenschaft sieht in der Begrenztheit des Wissens auf
Seiten des Klientensystems in erster Linie ein
Kompetenzproblem, das durch das Einbringen von Expertise
kompensiert werden muß.
Es ist aber eine regelmäßige Erfahrung in der Beratung
von Organisationen, daß die von außen zur Verfügung
gestellte Expertise wenig wirksam ist, im System
entscheidungsrelevante Prozesse auszulösen, wenn dieses
Wissen nicht im System selbst generiert wird. Vor diesem
Problem stehen Berater häufig schon dann, wenn sie den
Beratungsprozeß mit aufwendigen Organisationsdiagnosen
beginnen, also Wissen aus dem System sammeln, und dann
versuchen das gesammelte Wissen an die Organisation
rückzumeiden.
Das von den Beratern zur Verfügung gestellte Wissen ist
wenig anschlußfähig, stößt auf Unverständnis und
Ablehnung, obwohl es von verschiedenen Mitgliedern der
Organisation, zum Beispiel in vorangegangenen
Einzelinterviews, ganz ähnlich formuliert wurde. Das
bedeutet für Organisationsdiagnosen, sie methodisch
möglichst so anzulegen, daß die Einschätzungen im
Klientensystem selbst entstehen. Jede Information stellt
eine systemeigene Leistung dar. Das System muß sie mit
seinen eigenen Mitteln und in den für das System
relevanten Kommunikationen produzieren.
Keine Missionare
Der personen- und
expertenorientierte Zugang übersieht auch, daß die
"lntelligenz von Organisationen" (vgl. Willke
in diesem Band) vor allem in ihren internen
Kommunikations- und Handlungsstrukturen verankert ist, in
ihrer Art und Weise Entscheidungen zu treffen, in der
Kooperation unterschiedlicher Funktionsgruppen und
Organisationseinheiten, in den schon angesprochenen
Formen interner Informationsgewinnung sowie den kulturell
verfestigten Deutungsmustern und Normen. Das Lernen von
Personen, auch wenn es sich um viele oder einflußreiche
Mitglieder von Organisationen handelt, bewirkt noch nicht
automatisch eine Entwicklung des sozialen Systems. Die
Qualifizierung von Personen ist zwar eine notwendige und
wichtige Bedingung von Organisationsentwicklung, aber
keine hinreichende. Organisationsentwicklung muß
gleichermaßen die Entwicklung von Personen und
Strukturen berücksichtigen. Es entspricht auch unserer
Erfahrung als Beraterinnen und Supervisoren, daß
Lernprozesse von Personen durch Veränderungen in den
Arbeitsstrukturen und Kommunikationsbedingungen stärker
gefördert werden als durch intentionale Lernprozesse und
bewußtseinsbildende Arbeit. Fördernd wirken
beispielsweise die Entwicklung von Teamarbeit,
Möglichkeiten auf die Bedingungen der Arbeit Einfluß zu
nehmen oder Prozesse organisationaler Selbstreflexion.
In bezug auf die Wirksamkeit von Wissen sind also die
wichtigsten Operationen von Beratung darin zu sehen, daß
eine Organisation zu einer erweiterten Selbstbeobachtung
und Selbstbeschreibung stimuliert wird, daß sie mit
Hilfe der Berater die dazu geeigneten
Kommunikationsarrangements einrichtet und daß die
Berater neue Beobachtungskriterien und Fragestellungen in
diesen Prozeß einführen.
Wissenschaftlich organisiertes Wissen kann in mehrfacher
Hinsicht einen wirkungsvollen Beitrag zur Entwicklung von
komplexen sozialen Systemen leisten. Es unterstützt die
Berater dabei, Strukturen und Probleme des beratenen
Systems zu verstehen. Organisationstheoretischem Wissen
und empirischem Material über Organisationsentwicklung
kommt hier ein besonderer Stellenwert zu. Der Rückgriff
auf wissenschaftliche Beschreibungen erleichtert aber
auch das notwendige Verständnis für die fachliche Seite
der Leistungsprozesse in der jeweiligen Organisation.
Forschungsergebnisse, die geeignet erscheinen, eine
Reorientierung der Entscheidungsprozesse und
Arbeitsprogramme des Klientensystems anzuregen, können
der Organisation durch eine adäquate Verknüpfung von
Prozeß- und Fachberatung zugänglich gemacht werden.
Allerdings ist es für die meisten Organisationen nicht
mehr sehr schwer, sich einschlägiges Fachwissen zu
beschaffen, wenn die Selbstreflexion des Systems die
Aufnahme von neuen Konzepten und Erfolgskriterien
nahelegt. Die Entscheidung dazu und eine eigenständige
Suche und Auseinandersetzung mit neuen Konzepten ist
selbst eine wichtige Motivationsgrundlage für
Veränderung. Drängt der Berater auf Veränderung und
tritt er als Missionar auf, wird er meist das Gegenteil
erreichen. Die Auseinandersetzung mit interessanten
Beispielen, wie Professionelle in anderen Organisationen
mit vergleichbaren Herausforderungen umgegangen sind, ist
zumeist stimulierender und besser akzeptiert, als der
belehrende wissenschaftliche Experte.
Können
Krankenhäuser lernen?
Ein Beispiel aus dem
Krankenhausalltag macht diese Art der Umsetzung von
Wissen deutlicher: Für die Reorganisation einer
kardiologischen Abteilung eines Krankenhauses läßt sich
epidemiologische Fachexpertise nutzen.
Sozialepidemiologische Forschung belegt ausreichend die
Tatsache, daß sich die Fähigkeit zur Selbstbestimmung
gemeinsam mit sozialer Unterstützung (Empowerment)
förderlich auf die Gesundheit der Patienten auswirkt.
Empowerment führt zu einer besseren sozialen
Eingebundenheit, und diese hat positive Auswirkungen auf
die Abwehrkräfte und damit auf den Widerstand gegen
Krankheit. Ein Weg, dieses Konzept umzusetzen, besteht
zum Beispiel darin, zur Bewältigung von chronischer
Krankheit die Eigenaktivitäten von Patienten zu
unterstützen. Praktisch relevant kann dieses
epidemiologische Fachwissen nur werden,' wenn es an einer
medizinischen Abteilung in den internen
Willensbildungsprozeß der Abteilung eingeht. Die
Abteilung muß die Entscheidung treffen, ihr
Arbeitsprogramm nach diesen Erkenntnissen auszurichten
und Projekte zur Unterstützung der Eigenaktivität
chronisch Kranker zu starten. Der entscheidende Schritt
besteht im Initiieren und Unterstützen solcher interner
Verständigungsprozesse, die zu einem bestimmten
fachlichen Entschluß führen, zum Beispiel zu der
Entscheidung, 'so wollen wir als medizinische Abteilung
mit unseren Herzinfarktpatienten umgehen'. Anschließend
gilt es, einen komplexen Leistungsprozeß mit
festgefügten Arbeitstraditionen und Routinen umzubauen
und eine neue fachliche Identität der Abteilung nach
außen zu vermitteln.
Das Wissen in den Köpfen der Beschäftigten einer
Organisation ist nicht per se relevant für die
Organisation. Die Erfahrung zeigt sehr oft einen
Diskrepanz zwischen dem Know-how der involvierten
Personen und der Arbeitsweise der Organisation. Für die
Umsetzung dieser Entwicklung ist Fachexpertise nur eines
von mehreren Elementen. Eine Abteilung braucht ebenso ein
Verfahren, das es ermöglicht, das Wissen zu
kommunizieren, die Auswirkungen der Veränderung auf
eingespielte Arbeitsprozesse zu durchdenken, eine
Strategie zur Umsetzung zu entwickeln und sich dafür zu
entscheiden.
Qualifizierung von
Personen und Organisationen
Wir haben eine lange
Tradition in der Weiterbildung und ihrer kritischen
Reflexion. Immer neu stellt sich dabei die zentrale
Frage: Welche Wirkung hat Weiterbildung für
gesellschaftliches Lernen?
In einem ersten Zugang richteten sich unsere
Weiterbildungsangebote ausschließlich an Personen. In
teilweise mehrjährigen Lehrgängen wurde den
Teilnehmenden Fachexpertise und kommunikative Kompetenz
vermittelt sowie die Fähigkeit, Fachexpertise
weiterzugeben. Diese Arbeit hat zu der Einsicht geführt,
daß die Personen individuell gut qualifiziert waren, ein
immer stärkeres Bewußtsein für die Diskrepanz zwischen
Theorie und Praxis entwickelten, ohne diese Diskrepanz
aber selbst bearbeiten zu können.
Als eine Konsequenz haben wir in den folgenden
Weiterbildungsprogrammen neben dem Fachwissen Know-how
über Intervention in Organisationen vermittelt. So
wurden zum Beispiel Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der
Sozialversicherung in der Fähigkeit zur Diagnose
sozialer Prozesse trainiert und schärften dadurch ihren
Blick für Veränderungsbedarf in ihrer Institution. Dies
reichte aber nicht aus, die notwendigen Veränderungen
herbeizuführen, weil diese Mitarbeiter nicht über die
notwendige Entscheidungskompetenz verfügten, diese
Veränderungen auch einzuleiten. Zudem bildet die formale
Positionierung als Leitungskraft noch keine hinreichende
Basis, um relevante Veränderungsprozesse in
Organisationseinheiten in Gang zu bringen. In einer
anderen Workshop-Reihe zeigte sich deutlich, daß
Leitungskräfte Entscheidungen eher auf personeller Ebene
und aufgrund von Feedbacks einzelner Kunden treffen und
nicht auf der Ebene von Strukturen, Vernetzungen und
Kooperationen.
Solche Erfahrungen haben uns dazu geführt, nicht nur die
Qualität des von uns vermittelten Wissens zu
hinterfragen, sondern vor allem die Frage zu stellen, wie
dieses Wissen wirkungsvoll in den Organisationen der
Teilnehmer oder in anderen relevanten Kontexten
eingesetzt werden kann. Wir standen vor der
Herausforderung, das Lernen von Personen mit der
Entwicklung von Organisationen zu verknüpfen.
Diese Selbstbeobachtungen unserer Arbeit, ihrer
personalen Wirkungen und organisationalen
Wirkungslosigkeiten, führte uns zu Qualitätsstandards
in der Entwicklung von Organisationskompetenz und in der
Beratung von intelligenten Organisationen. Diese
Standards berücksichtigen vor allem folgende zentrale
Aspekte:
- Qualifizierungsangebote
sollen sich nicht nur an Personen, sondern an
Organisationen richten. Teilnehmende sollten mit
einem Auftrag zur Weiterbildung von ihrer
Organisation entsandt werden.
- Es gilt,
insbesondere auch mit jenen Mitarbeitern der
Organisation beraterisch zu arbeiten, die in
entscheidenden Funktionen tätig sind. So könnte
zum Beispiel mit Entscheidungsträgern daran
gearbeitet werden, daß die entsendende
Organisation mit ihrem Mitarbeiter für die
Teilnahme am Qualifizierungsprogramm einen
Auftrag ausarbeitet.
- Nicht nur die
Fachexperten, also jene Personen, die in aller
Regel Fortbildungsangebote besuchen, sollten das
neue Know-how der Organisation bearbeiten,
sondern auch die Leitungskräfte. So ist zum
Beispiel im Rahmen eines Hochschullehrgangs
geplant, jedem Teilnehmer und jeder Teilnehmerin
eine Leitungskraft aus ihrer Organisation als
Coach zuzuordnen. Teilnehmer und Coaches treffen
sich zu regelmäßigen Besprechungen, um die
Umsetzungsmöglichkeiten neuer Inhalte des
Lehrgangs zu prüfen. Für diese Aufgabe werden
die Coaches geschult.
- Wir verbinden
Maßnahmen zur Weiterbildung unmittelbar mit
Maßnahmen der Organisationsentwicklung. Dies
geschieht unter anderem dadurch, daß die
Teilnehmer des Qualifizierungsprogrammes in
Projektarbeit Probleme ihrer Organisation
bearbeiten. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen
werden im Rahmen der Weiterbildung bei der
Durchführung der Projekte beraten und bearbeiten
damit Fragen der Organisationsentwicklung und des
Projektmanagements. Das Projekt selbst wird als
Maßnahme der Entwicklung der Organisation der
Teilnehmer wirksam.
- Radikal zu Ende
gedacht bedeuten diese Qualitätsstandards
schließlich, daß das Lernen von Personen nur im
Rahmen von Organisationsentwicklungsprojekten
sinnvoll zur Veränderung von Organisationen
beiträgt. Am wirksamsten sind
Qualifizierungsmaßnahmen dann, wenn die
Organisation im Rahmen eines
Veränderungsprozesses zu der Entscheidung kommt,
daß es an einer bestimmten Expertise mangelt,
und diese in einem Lehrgang vermittelt wird.
Forschung und
Beratung: eine Symbiose
Wie wird Wissen nun für
die Veränderung von Organisationen wirksam?
Sinnvollerweise sollte Wissen im Sinne von Fachexpertise
im Rahmen eines Veränderunsgprozesses angeboten und
aufgenommen werden. Relevantes Wissen erwächst aus der
wissenschaftlichen interdisziplinären
Grundlagenforschung und aus einer weitgehend noch zu
konstituierenden Organisationsentwicklungsforschung.
Hier geht es einerseits um die Frage, ob das konkrete
Organisationsentwicklungsprojekt Veränderungen
hervorgerufen hat, also um Evaluation. Andererseits
stehen Fragestellungen im Zentrum, die die Problematik
der Veränderung von Organisationen und die dafür
notwendigen Strukturen und Prozesse darstellen.
Organisationsentwicklungsforschung entsteht aus einer
intelligenten Verknüpfung von Organisationsberatung und
evaluierender Theoriebildung solcher Beratungsprozesse.
Ein konkrete Fragestellung wäre hier zum Beispiel:
welche Entscheidungsstrukturen sollen in Krankenhäusern
aufgebaut werden, um den neuen Herausforderungen des
Gesundheitssystems Rechnung zu tragen?
Grundlagenwissen über die Entwicklung von Organisationen
entsteht im Veränderungsprozeß selbst. Es wird durch
die Dokumentation und Auswertung des realen
Veränderungsablaufs generiert. Darauf aufbauend wird
Theorie gebildet. Dieses Wissen ist nur in der Reflexion
von gescheiterten oder gelungenen Beratungsprozessen
beobachtbar und beforschbar. Dazu eignet sich
insbesondere die systematische Aufarbeitung von
Fallbeispielen (case studies) aus Projekten der
Organisationsentwicklung.
Wirksamkeit von Wissen für und über die Veränderung
von Organisationen erfordert also die Verknüpfung von
Organisationsberatung mit Organisationsforschung.
Forscherische und beraterische Intervention lassen sich
gut aufeinander beziehen, wenn sie in unterschiedlichen
Projekten organisiert und im Vorgehen koordiniert sind.
Die Forschungsaktivitäten sind in jedem Fall
Interventionen ins Klientensystem, die die Klienten auch
nicht von den Beratungsinterventionen unterscheiden.
Daher ist diese produktive Verknüpfung von der
Projektleitung zu planen. Gelingt eine solche Abstimmung,
kann das für Forscher, Berater und Auftraggeber
gewinnbringend sein.
Die Wirksamkeit von Wissen ist also nicht durch
Wissenstransfer, dessen Adressaten einzelne oder auch
viele Personen sind, zu erreichen. Es muß vielmehr
angestrebt werden, wissenschaftliche Forschung und
Fachexpertise auf der einen Seite und beraterische
Intervention und Prozeßkompetenz auf der anderen Seite
miteinander zu verknüpfen. Insbesondere gilt es, damit
einer derzeit beobachtbaren gesellschaftlichen Dynamik
entgegenzuwirken: es gilt zu verhindern, daß sich die
Kluft zwischen der Qualität und Differenziertheit
verfügbarer Fachexpertise einerseits und der Wirkung und
Nutzung dieses Wissens für Organisationsveränderung und
Systemreform andererseits weiter vergrößert. In einem
eigenen Projekt "Organisationsentwicklung in
Expertenorganisationen" bearbeiten wir derzeit diese
gesellschaftlich sehr relevante Fragestellung.
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