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Wie es kommt, daß intelligente Personen in dummen
Organisationen operieren können, und umgekehrt.Ein Kommentar von Helmut Willke
Von einer
Wissensgesellschaft oder einer wissensbasierten
Gesellschaft läßt sich sprechen, wenn die Strukturen
und Prozesse der materiellen und symbolischen
Reproduktion einer Gesellschaft so von wissensabhängigen
Operationen durchdrungen sind, daß
Informationsverarbeitung, symbolische Analyse und
Expertensysteme gegenüber anderen Faktoren der
Reproduktion vorrangig werden. Auf der Seite der
Ökonomie setzt dies voraus, daß drei Prozesse eine
kritische Masse gewinnen und sich gegenseitig
verstärken: zum einen die Entstehung der lernenden,
intelligenten Organisation, dann ein Strukturwandel von
der tayloristisch geprägten Industriearbeit zur
Wissensarbeit und schließlich die Ubiquität
intelligenter Produkte. Sie sind dadurch gekennzeichnet,
daß ihr Wert in der eingebauten Intelligenz liegt, d.h.
in der regelgeleiteten Fähigkeit, Entscheidungsoptionen
aufgrund bestimmter Situationsbedingungen anzubieten.
Während einfache Tätigkeiten und Dienstleistungen von
Maschinen oder Robotern übernommen werden, steigt der
Bedarf an professioneller Expertise in allen Bereichen.
Auf der Seite der Politik setzt die Möglichkeit der
Wissensgesellschaft voraus, daß neben die
Infrastrukturen der ersten Ordnung (vor allem: Strassen,
Schienennetz, Energie- und Telefonnetze) Infrastrukturen
zweiter Ordnung treten. Sie sind ihrerseits
wissensbasiert und erlauben einen umfassenden, schnellen
und preiswerten globalen Austausch von Informationen und
Wissen. Dazu gehören vor allem intelligente Datennetze
("Datensuperhighways"), intelligente
Verkehrsleitsysteme (Telematik), die multi-modalen
Verkehr nicht nur ermöglichen, sondern wissensgestützt
managen, und intelligente Systeme der Gewinnung und
Verteilung von Energie. Eine ganze Reihe von Studien
belegt die wachsende Bedeutung organisationaler
Intelligenz für die Wettbewerbsfähigkeit von
Unternehmen, Vor allem die seit einigen Jahren
verhandelte Morphogenese des kapital- und
arbeitsintensiven Unternehmens zum wissensbasierten oder
"intelligenten" Unternehmen ist hier relevant.
Robert Reich spricht von der neuen Klasse der
"symbolic analysts", die als Wissensarbeiter
den eigentlichen Mehrwert von Produkten und
Dienstleistungen schaffen und so für den "Wohlstand
der Nationen" verantwortlich werden. Parallel dazu
erlaubt die Digitalisierung von Expertise den
systemspezifischen Aufbau von organisationaler
Intelligenz in Form von proprietären Datenbanken,
Expertensystemen, Unternehmensdatenmodellen,
Regelsystemen und Aufbereitungsinstrumenten für das
vorhandene Wissen. Damit kann das Wissen von
Organisationsmitgliedern - einschließlich des impliziten
und stillschweigenden Wissens - symbolisch aufbereitet,
organisiert und schrittweise in ein eigenständiges
Wissen der Organisation transformiert werden.
So kommt es, daß intelligente Personen in dummen
Organisationen operieren können, und umgekehrt. Die
europäischen Universitäten sind ein Hauptbeispiel für
dumme Organisationen, in denen - so sollte man annehmen
können - leidlich intelligente Menschen arbeiten. Dumm
sind sie, weil ihre organisationale Intelligenz
bestenfalls auf der Stufe der Humboldtschen Reformen
stehen geblieben ist. Sie schaffen es nach wie vor nicht,
institutionelle Regelsysteme, Anreizsysteme und
organisationale Karrieremuster zu etablieren, welche aus
der Summe konkurrierender Einzelkämpfer, isolierter
Individuen und "einsamer" Forscher vernetzte
Gemeinschaften kooperierender Gruppen, Teams oder
Projekte bilden würden. Das systemische
Innovationspotential der Universitäten ist miserabel,
wenn man es daran mißt, ob es ihnen gelingt, die
ihnen von ihrer Umwelt, ihren Klienten und ihren
Mitgliedern gestellten Probleme zu lösen. Faktisch sind
zum Beispiel alle Versuche der Institutionalisierung von
Interdisziplinarität gescheitert, soweit sie überhaupt
erst in Gang gekommen sind. Immer noch beharrt jede
Teildisziplin auf ihrer Exklusivität und schirmt sich
eifersüchtig gegenüber Grenzgängern ab. Nicht nur die
Verengung der Stellenbeschreibungen und
Ausschreibungstexte legt davon Zeugnis ab.
US-amerikanische Universitäten haben teilweise eine
erhebliche organisationale Intelligenz entwickelt, um im
Oberlebenskampf auf dem Ausbildungsmarkt zu bestehen.
Aber auch dort sind selbst die besten Universitäten vor
Kritik nicht gefeit: "I think, about 70 % of the
courses at Harvard are useless. You know less when you
finish than when you started" (Gilder 1994).
Zwar gibt es inzwischen eine Diskussion über die
Veränderung der Inhalte der Berufsausbildung und ihre
Anpassung an kontinuierlich neu entstehende Berufsbilder;
es gibt eine Diskussion über die Rolle der
Fachhochschulen gegenüber den klassischen Universitäten
und die Verteilung von Theorie und Praxis,
Forschungswissen und Erfahrungswissen in beiden
Bereichen; es gibt Oberlegungen zur Verkürzung,
Entschlackung etc. von Studiengängen, zur
Neuorientierung der Prüfungsanforderungen, zum Einsatz
neuer Medien in der Ausbildung und Erziehung; und es gibt
viele weitere Aspekte einer schwelenden Unzufriedenheit
mit der Ausrichtung und den Ergebnissen des
Erziehungssystems moderner Gesellschaften. All dies sind
erfreuliche und notwendige erste Schritte. Aber man
sollte sich keine Illusionen über Geschwindigkeit und
Reichweite kommender Reformen machen. Immer noch setzen
sie hauptsächlich auf der Ebene von Personen an und
versuchen über die Veränderung von Personen die
Operationsweise und die Logik komplexer Sozialsysteme zu
verändern - ein hoffnungsloses Unterfangen.
Dagegen sind etwa die Parlamente alter, entwickelter
Demokratien herausragende Beispiele für intelligente
Organisationen, die sehr gut mit durchschnittlichen
Mitgliedern auskommen. Über Jahrhunderte haben sie eine
spezifische institutionelle oder organisationale
"systemische" Intelligenz akkumuliert, die
insbesondere in die Regelsysteme für Verfahren,
Kontrollprozesse, Balancierungsmechanismen etc. und in
die Grundregeln ihrer "Verfaßtheit"
eingelassen ist. In die großen Verfassungen der
westlichen Demokratien sind die destillierten Einsichten
politischer Philosophie, der Demokratietheorie und einer
reflektierten Praxis eingebaut. Insgesamt führt dies bei
allen verbleibenden Schwächen zu einer institutionellen
Weisheit, welche die für den demokratischen Prozeß
kennzeichnende Mittelmäßigkeit der Mitglieder der
Parlamente zu kompensieren in der Lage ist.
Es ist nicht ohne Ironie, daß nun, nachdem die
systemtheoretischen Grundideen -der operativen Autonomie
der Funktionssysteme, der differenzierten Rationalitäten
und der Vertreibung der Politik aus dem Zentrum von
Gesellschaft - für alle relevanten Ansätze der
Gesellschafts- , Politik- und Systemsteuerung fast
Allgemeingut geworden sind, mit der Wissensgesellschaft
die Notwendigkeit der Revision dieser Grundannahmen
heraufdämmert. Wichtig ist, daß es nicht um die
Wissenschaftsgesellschaft als eine vom Funktionssystem
Wissenschaft dominierte Gesellschaft geht. Diese Idee ist
ebenso unbrauchbar wie der bunte Strauß all jener
Vorstellungen, die irgend ein anderes Teilsystem zum
Repräsentanten des Ganzen machen, seien es nun die
altehrwürdigen Vorstellungen einer von der Ökonomie
dominierten Gesellschaft (Marx) oder neuere Versionen
einer von der Schule, dem Gesundheitssystem (Ivan
Illich), der Technologie (Jacques Ellul) oder den
Massenmedien (Marshal MacLuhan) dominierten Gesellschaft.
Jede dieser Vorstellungen nimmt einen Teil für das Ganze
und verkennt die fundamentale Interdependenz, der alle
Funktionssysteme unterliegen, sobald sich das Prinzip der
funktionalen Differenzierung flächendeckend durchgesetzt
hat.
Demgegenüber ist die Wissensgesellschaft dadurch
gekennzeichnet, daß nicht ein Teilsystem dominant wird,
sondern daß alle Funktionssysteme in ihrer elementaren
Operationsweise an eine Wissensbasierung gebunden sind,
die sich in die Konstitution der jeweiligen Elemente
einnistet und darin die Qualität der Elemente von
Systemoperationen verändert. Eine Wissensgesellschaft
zeichnet sich nicht nur dadurch aus, daß ihre Mitglieder
im Durchschnitt längere und professionellere
Ausbildungen genießen, daß mehr Produkte mit
eingebauter Intelligenz versehen sind, und daß ihre
Organisationen sich zu wissensbasierten Organisationen
transformieren. Auch auf der Ebene ihrer Funktionssysteme
ändert die Bedeutung von Wissen, Intelligenz und
Expertise die eingeschliffenen Formen arbeitsteiliger
Operationen. Bislang war es geradezu ein Merkmal der
Moderne, daß ausschließlich das Wissenschaftssystem
für die Erzeugung, Beurteilung, Kanonisierung und
Revision des erzeugten Wissens zuständig war. Andere
Funktionssysteme wie Politik, Recht, Erziehung,
Gesundheit etc. inkorporierten in intermediatisierenden
Prozessen der Politikberatung, der Expertenanhörung, der
Pädagogisierung, der Verknüpfung von medizinischer
Forschung und Praxis in Universitätskliniken etc. das
neue Wissen und formulierten Anforderungen an die
Wissenschaft.
Heute dagegen läßt sich eine Aufweichung dieser klaren
Arbeitsteilung infolge einer Proliferation multipler
"centers of expertise" (Sheila Jasanoff)
beobachten. Wissen ist nur eine Form organisierter
Information unter anderen. Daneben stehen funktionierende
Technologien, Expertise, Intelligenz, implizites Wissen,
organisierte Symbolsysteme, organisationales Wissen,
wissensbasierte Operationsformen, professionelles
Steuerungswissen und vieles andere. Das
Wissenschaftssystem ist gar nicht mehr in der Lage,
Produktion und Verwendung spezialisierter Expertise zu
kontrollieren, die in "fremden" Kontexten
anfallen. Vor allem aber ist aufgrund dieser
polyzentrischen Produktion von Wissen das Tempo der
Wissensrevision so gesteigert, daß der langwierige Umweg
über das Wissenschaftssystem kontraproduktiv wäre.
So ist zum Beispiel auffällig, daß Management-Expertise
und neue Konzeptionen der korporativen Steuerung sich
nicht mehr in Ökonomik, Organisations- oder
Managementtheorie herausbilden, sondern entweder in einer
reflektierten Praxis oder in Hybridsystemen der
theoretisch interessierten Organisations- und
Managementberatung. Ebenso entstehen neue derivate
Finanzierungsinstrumente nicht in der Finanzwissenschaft,
sondern in der Praxis kombinierter Expertenteams, die
sich den trägen Betrieb wissenschaftlicher Validitierung
nicht mehr leisten wollen - und die entsprechende Risiken
eingehen. So geraten gegenwärtig die Universitäten in
die Defensive. Ihr Beitrag zum Wohlergehen ihrer
Gesellschaften wird fraglicher. Aber solange sie nicht
die Kraft aufbringen - und den externen Druck dafür
wahrnehmen - sich selbst zu transformieren, werden sie
nicht mit einer überzeugenden Antwort auf die Frage
hervortreten, welche Leistung es ist, die nur sie und
kein anderes Teilsystem der Gesellschaft erbringen kann.
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Helmut Willke seit
1983 Professor für Planungs- und Entscheidungstheorie an
der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld.
1994 Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
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