Harald Rohracher, Günter Getzinger
Technikgestaltung durch Intervention in Akteursnetzwerke
 

Für viele Anwendungsbereiche existieren sozial- und umweltverträgliche Technologien. Dennoch nutzen Hersteller und Konsumenten diese Angebote kaum. Eine Reflexion über die Ursachen dieses Phänomens und über mögliche Auswege.

Nicht nur unter Technikern und Technikerinnen stößt man häufig auf Erstaunen darüber, daß sich technische Innovationen selbst dann nicht durchsetzen, wenn ihre ökonomischen oder ökologischen Vorteile auf der Hand liegen. Offensichtlich sind es nicht unbedingt ingenieurwissenschaftliche Beiträge, die das Defizit sozial- und umweltverträglicher Technikgestaltung beheben können. Vielmehr geht es um die Gestaltung von Rahmenbedingungen und die Anregung institutioneller Lernprozesse, die die Nutzung und Weiterentwicklung entsprechender Technologien fördern. Was bedeutet "instiutionelle Lernprozesse anregen"? Es verweist auf die notwendige und konkrete Auseinandersetzung mit jenen Akteuren, die die entsprechenden Technologien anwenden.
Hinter diesem Zugang steht das Bemühen, ein möglichst differenziertes Verständnis über die Bedingungen technischen Wandels für unsere eigenen Tätigkeiten nutzbar zu machen. Eine Reihe von sozialwissenschaftlichen und technikhistorischen Theorieansätzen betont die Bedeutung individueller und institutioneller Akteure in der Organisation und Gestaltung technischer Innovationen. Weder die Eigengesetzlichkeit der Technik ("technology push") noch der Nachfragesog des Marktes ("demand pull") bestimmen allein die Dynamik technischer Entwicklungen. Vielmehr werden die Integrations- und Kommunikationsleistungen heterogener Akteure (Hersteller, Anwender, Promotoren etc.) ins Zentrum gerückt. Im Gegensatz zu klassischen Technologieförderungsprogrammen gewinnen in dieser Sicht interaktive Interventionsformen zur Förderung, Stabilisierung und Erhöhung der Interaktion solcher Netzwerke an Bedeutung.
Diese Perspektiven treffen sich mit der gestiegenen Bedeutung des Einsatzes und der Verbreitung von Technologien auf regionaler Ebene. Hier ist vor allem die Bedeutung der Diffusion von Technologien herauszustreichen: Möglichkeiten zur Förderung der Umwelt- und Sozialverträglichkeit liegen weniger in der Entwicklung neuer, sondern mehr in der Nutzung und Adoption vorhandener Techniken. Technikdiffusion, die in erster Linie als Kommunikationsprozeß aufgefaßt werden kann, ist ebenfalls stark auf die Verbreitung über soziale Netze angewiesen. Besonders der regionalen und kommunalen Politik, mit ihrer Nähe zu den lokalen Akteurinnen, bieten sich vielfältige Möglichkeiten, in diese Prozesse einzugreifen und sie zu unterstützen. Vor allem wenn sich Technikgestaltung an den Bedürfnissen der Nutzer und Nutzerinnen orientieren soll, bedarf es einer regionalen, verbraucherseitigen Ergänzung herkömmlicher technologiebezogener Steuerungsformen. Kooperationen mit regionalen Akteuren und Akteurinnen können die Nachfrage nach entsprechenden Technologien schaffen und deren Diffusion unterstützen.
Wie läßt sich jedoch das Wissen um sozial- und umweitverträgliche Technologien so vermitteln, daß es von den relevanten Akteuren auch genutzt wird? Dazu bedarf es organisatorischer Entwicklungen in Verwaltungen oder Kommunen, dazu muß Wissen so aufbereitet werden, daß es praktisch nutzbar gemacht werden kann, dazu bedarf es der Einbeziehung der späteren Anwenderinnen der betreffenden Innovationen. Dies ist nur möglich durch die enge Kopplung des technisch-naturwissenschaftlichen Teils unserer Projekte mit implementationsorientierten Elementen. Damit lassen sich die bestehenden organisatorischen Voraussetzungen, lokale Rahmenbedingungen und Interessen der Nutzer und Nutzerinnen mit wissenschaftlicher Expertise verbinden. So erweist es sich in der Zusammenarbeit mit Kommunen als vorteilhaft, gemeinsam mit den Akteuren und Akteurinnen Pilotprojekte umzusetzen. Solche Modellprojekte zeigen den Wissenschaftlerinnen die begrenzten Handlungsspielräume und Barrieren der Praxis. Nutzern und Nutzerinnen eröffnen diese Projekte ganz andere Lern- und Gestaltungsmöglichkeiten, als würden sie lediglich mit theoretischen Vorschlägen wissenschaftlicher Einrichtungen konfrontiert. Um diese Verflechtung zwischen wissenschaftlicher Arbeit und praktischer Nutzung herzustellen, bedarf es der Einrichtung von Foren zur Verständigung über die zu implementierenden Innovationen und die Art ihrer organisatorischen Einbettung. Diese Foren können auf der Ebene kommunaler Verwaltungen angesiedelt sein, wie dies in Projekten zur ökologischen Produktgestaltung oder zur Erstellung von Energiekonzepten versucht wurde. Diese Foren können sich auf Herstellerbranchen beziehen, wie etwa in Projekten zur ökologischen Bewertung von Waschmitteln. Diese Foren können auch bundesländerspezifische Akteursnetzwerke umfassen, wie in Projekten zur Verbreitung von Biomasse-Kleinanlagen.
Das Gestaltungspotential von Technik zu nutzen bedeutet daher auch, in Akteursnetzwerke einzugreifen, organisatorische Bedingungen für die Aufnahme von Neuerungen zu schaffen, Verbindungen zwischen verschiedenen Organisationen herzustellen und gemeinsame Lernprozesse zu organisieren (z.B. Beschaffungsstellen mit Reinigungspersonal, Bauamt mit Energieberatern und Heizern). Intervention hat nach diesem Verständnis eine stark partizipative Komponente. Ziel ist die Stabilisierung der initiierten Innovation und das heißt, die Unterstützung zu weiterer Selbstorganisation und Nutzung relevanter Wissensquellen.
Die zwei folgenden Projektbeispiele demonstrieren unseren Zugang zu Intervention und zur Vermittlung von Wissen. In beiden Fällen stellte sich die Frage, wie sich ökologische Produktinnovationen bzw. Möglichkeiten der effizienten Energienutzung auf kommunaler Ebene vermitteln lassen.

Kommunales Beschaffungswesen

Was hat das Beschaffungswesen einer Gemeinde mit Technikgestaltung zu tun? Der Einkauf von Kommunen ist dadurch gekennzeichnet, daß er nach definierten Ausschreibungsverfahren erfolgen muß, wenn der Preis der einzukaufenden Waren oder Dienstleistungen bestimmte Schwellenwerte übersteigt. In den Ausschreibungstexten wird meist das Einhalten bestimmter technischer und ökologischer Kriterien gefordert. Produkte, die diese Kriterien nicht erfüllen, können aus dem weiteren Verfahren ausgeschieden werden. Darüberhinaus gilt im allgemeinen das "Bestbieterprinzip". Das bedeutet, daß keineswegs immer der Anbieter mit dem billigsten Angebot zum Zug kommen muß, sondern daß der Einkäufer dem besten Angebot den Zuschlag erteilen muß. Und weiches Angebot das beste ist, ergibt sich nicht zuletzt aus dem Grad der Erfüllung ökologischer Anforderungen an ein Produkt.
Daß die Kaufkraft eines Magistrats erheblichen Einfluß auf die Produktpalette des regionalen Handels hat, konnten wir am Beispiel der Stadt Graz nachweisen. Manche Produkte werden nahezu ausschließlich von der öffentlichen Verwaltung nachgefragt - man kann von einem Nachfragemonopol sprechen. Die Marktmacht des kommunalen Beschaffungswesens vergrößert sich durch seine Vorbildwirkung für andere öffentliche Einrichtungen und private Unternehmen und hat aufgrund der exklusiven Möglichkeit der Definition und Vorgabe von Anforderungen Auswirkungen auf die Gestaltung von Technologien und Produkten. Das umweitfreundliche Beschaffungswesen öffentlicher Einrichtungen ist mittlerweile ein anerkanntes Instrument der produktbezogenen Umweltpolitik in Österreich.
in den Projekten, die wir im Auftrag der Landeshauptstädte Graz, Klagenfurt und Linz durchgeführt haben, wurde deutlich, daß bereits ein hohes Maß an wissenschaftlichem Wissen über die ökologische Bewertung von Produkten vorhanden ist, daß dieses Wissen bisher aber im Beschaffungswesen kaum handlungswirksam geworden ist. Das hat mehrere Gründe:

  • Stabile, vertrauensvolle Beziehungen zwischen Einkäufern und bestimmten Anbietern
  • Negative Rückmeidungen von Nutzern und Nutzerinnen an die Beschaffer nach der Verwendung neuer Produkte
  • Desinteresse und Initiativelosigkeit der verantwortlichen Politiker und Politikerinnen oder der vorgesetzten Beamten
  • Restriktive rechtliche Rahmenbedingungen.

In den meisten Fällen waren es organisatorische bzw. soziale Barrieren (z.B. Imageprobleme im Zusammenhang mit "grauem" Recyclingpapier), die einer Ökologisierung des Beschaffungswesens entgegenstanden, und nicht, wie man vermuten könnte, technische oder finanzielle Probleme. Auch der Wille der Beschaffer und Beschafferinnen, Schritte in diese Richtung zu gehen, war in hohem Maße vorhanden. Unsere Interventionen in die Magistrate zielte daher gerade auf die Schaffung organisatorischer und sozialer Voraussetzungen für die kontinuierliche Ökologisierung des Beschaffungswesens der Kommunen ab. Es wurden folgende Schritte gesetzt:
Wir haben Interviews mit den relevanten Akteuren und Akteurinnen geführt, um die wesentlichen Barrieren zu identifizieren und erste Lösungsvorschläge zu sammeln. Durch Seminare und Workshops wurde einerseits Basiswissen über die ökologische Bewertung von Produkten vermittelt. Andererseits wurde durch die Entwicklung konkreter Projektideen und die Konstituierung von Projektgruppen ("Arbeitsgruppe Öko-Magistrat") eine zumindest mittelfristig wirksame soziale Dynamik zugunsten eines umweltfreundlichern Beschaffungswesens ausgelöst. Durch die Nominierung von Verantwortlichen für Fragen des umweltfreundlichen Beschaffungswesens durch fast jede Magistratsabteilung konnte ein relativ stabiles Netzwerk von Promotoren und Promotorinnen geschaffen werden. Sie können unmittelbar auf Kritik reagieren und sind daher Garant für ein hohes Maß an Akzeptanz bei Produktumstellungen.
Mit der Forcierung des umweltfreundlichen Beschaffungswesens ging regelmäßig eine deutliche magistratsinterne Aufwertung der zuständigen Abteilung (mit unterschiedlichen Bezeichnungen wie "Beschaffungsamt", "Ökonomat", "Zentraler Einkauf") einher. Manchmal wurden diese Abteilungen sogar mit neuen Aufgaben, etwa der Umweltberatung für Firmen und Institutionen betraut. Diese Aufwertung führte wiederum zu höherer Akzeptanz bei den Nutzern und Nutzerinnen der eingekauften Produkte in den anderen Magistratsabteilungen.
Die rechtlichen Rahmenbedingungen für den umweltfreundlichen Einkauf wurden durch Novellierungen der kommunalen Vergabeordnungen und entsprechende Erlässe der Magistratsdirektionen deutlich verbessert. Diese novellierten Vergabeordnungen waren wiederum Vorbild für das kürzlich in Kraft getretene österreichische Vergabegesetz und die Vergabegesetze der meisten Bundesländer.
Die Projekte in den Magistraten von Graz, Klagenfurt und Linz erstreckten sich jeweils über zwei bis drei Jahre. Sie führten dort zu einer Einkaufspolitik, die ökologische Aspekte berücksichtigt. Diese neue Beschaffungskultur fußt auf zumindest mittelfristig stabilen sozialen Netzwerken, liegt quer zur formalen Gliederung und läßt Hierarchien immer wieder außer acht.

Kommunale Energie- und Klimaschutzprogramme

Städte und Gemeinden sind zentrale Akteure für die Umsetzung von Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Senkung des Energieverbrauchs. Der überschaubare lokale Bezugsrahmen ermöglicht es der Verwaltung und der Politik, gemeinsam mit der Bevölkerung Aktivitäten zu setzen oder diese zumindest zu unterstützen, die durch ordnungs- oder fiskalpolitische Regelungen auf Bundesebene nicht induzierbar sind. So können energiebewußtes Verhalten und entsprechende Maßnahmen im eigenen Haushalt (energieeffiziente Geräte und Beleuchtung, Wärmedämmung, Solarkollektoren etc.) nur sehr bedingt über den Energiepreis beeinflußt werden. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, daß viele Maßnahmen, die bereits bei derzeitigen Preisen wirtschaftlich wären, nicht ergriffen werden.
Umso verblüffender ist die Beobachtung, daß ein großer Teil früherer kommunaler Energiekonzepte kaum handlungsrelevant wurde. Erfolg war hauptsächlich Energieträgerausbauplanungen beschieden. Dazu gehört etwa die Planung von Biomasse-Fernwärmenetzen, die ein Gemeinderat selbst beschließen und umsetzen kann. Maßnahmen, die eine aktive Beteiligung der Bevölkerung erfordert hätten, wurden im Rahmen dieser Konzepte zwar vorgeschlagen, von den Gemeinden jedoch äußerst selten aufgegriffen.
Wir versuchen im Rahmen unserer Projekte zu kommunalen Energie- und Klimaschutzkonzepten bzw. zum Energiemanagement andere Wege zu gehen. Im Zentrum stehen nicht mehr umfangreiche Bestandsaufnahmen oder Maßnahmenpläne - die zweifellos nach wie vor vonnöten sind, aber mit anderem Stellenwert -, sondern die implementationsorientierte Ausarbeitung und exemplarische Umsetzung von Programmen. Dies bedeutet zugleich eine Schwerpunktverlagerung von theoretischer Optimierung des Energieverbrauchs auf die Arbeit mit kommunalen Akteuren, die gemeinsame Planung von Aktivitäten, Gestaltung von organisatorischen Rahmenbedingungen etc. Ziel ist die Einbeziehung der Bevölkerung sowie der Aufbau von Netzwerken zwischen Gemeinden und energierelevanten Organisationen. Zwei Beispiele aus dem Energie- und Klimaschutzkonzept der 5.000-Einwohner-Gemeinde Frohnleiten in der Steiermark sollen dies demonstrieren.
Bereits in einer sehr frühen Phase des Projekts haben wir eine Zukunftswerkstatt "Energiewende Frohnleiten" veranstaltet, die es der - allerdings nur in geringer Zahl erschienenen - Bevölkerung ermöglichte, sich konstruktiv in den weiteren Energieplanungsprozeß einzubringen. Partizipationsmöglichkeiten bieten auch die von den örtlichen Schulen geplanten Projektwochen zum Thema Energie, die über die Schüler und Schülerinnen auch die Haushalte in Frohnleiten erreichen sollen. Unterstützend wurden die lokalen Medien (zweiwöchentliche Gemeindezeitschrift sowie eigenes Kabelfernsehnetz) intensiv eingebunden.
Ein Beispiel für die Stärkung von Akteursnetzwerken und die Veränderung organisatorischer Rahmenbedingungen ist die Wärmedämm-Initiative, die wir für Frohnleiten konzipiert und begleitet haben. Die energetische Sanierung des Altgebäudebestandes stellt das größte Potential für Energieeinsparungen in der Gemeinde dar, bedarf jedoch der Mitwirkung der Gebäudebesitzer.
Zur Aktivierung der Bevölkerung wurde gemeinsam mit der Gemeinde ein Servicepaket entwickelt. Es bietet Anreize und organisatorische Innovationen, um die Barrieren zu beseitigen, die Wärmedämmungen verhindern:

  1. Ein vergünstigter Energiespar-Scheck, der gegen eine periodisch in Frohnleiten stattfindende Energieberatung eingelöst werden kann und Voraussetzung für weitere Vergünstigungen ist.
  2. Die Gemeinde fördert Dämmaßnahmen, die über die vorgeschriebenen Standards hinausgehen.
  3. Energiesparkredit der örtlichen Bank, dessen Raten in der Höhe der prognostizierten Einsparungen festgelegt werden.
  4. Vergünstigter Einkauf von Dämmaterialien beim regionalen Baustoffhandel.
  5. Informationsbroschüre mit Standard-Dämmvarianten, Kosten etc.

Um die Akteurskonstellationen zu stabilisieren, haben wir die Elemente des Servicepakets gemeinsam mit Bürgermeister, Verwaltungsmitarbeiterinnen, Energieberatungsstelle Steiermark, örtlichem Gewerbe und dem Landesenergiebeauftragten entwickelt. Die Gemeinde und das Gewerbe konnten im Rahmen des Pilotprojekts stabile Arbeitsbeziehungen zu den Landesstellen aufbauen und sollen die Initiative nach Abschluß unseres Projektes weiter tragen. Hier liegt einer der Angelpunkte unserer Aktivitäten: gelingt es, hinreichend motivierte Personen in der Gemeindeverwaltung zu finden, die die aufgebauten Beziehungen weiterhin nutzen, oder fallen die Aktivitäten der Trägheit, die der Gemeindebürokratie inhärent ist, zum Opfer? Die Dämm-Initiative wurde erst vor wenigen Monaten gestartet. Die ersten Reaktionen der Bevölkerung im Rahmen einer Bürgerversammlung und das große Interesse an den Energieberatungen lassen einen positiven Effekt für die tatsächliche Umsetzung erwarten. Genauere Ergebnisse wird eine Evaluation nach dem ersten Jahr der Initiative liefern.


   

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