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Gesten des Zeigens


Roswitha Muttenthaler, Regina Wonisch
Gesten des Zeigens. Zur Repräsentation von Gender und Race in Ausstellungen.
Bielefeld 2007. transcript. 268 S. EUR 26,80,- ISBN 3-89942-580-4


Welche Bilder und Erzählungen präsentieren Ausstellungen zu Männern und Frauen, zum Eigenen und Anderen? Mit dem Blick auf die Kategorien gender und race analysieren die Autorinnen das Museum für Völkerkunde, das Natur- und das Kunsthistorische Museum in Wien.

Bereits in den 1970er Jahren wurden museale Repräsentationen dahingehend kritisiert, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen wie Frauen, ethnische Minderheiten und marginalisierte gesellschaftliche Gruppen nicht repräsentiert sind, ohne jedoch die Ein- und Ausschlussmechanismen auf der medialen Ebene der Ausstellungsdisplays zu analysieren. Daher liegt der Fokus in dieser Publikation ebenfalls auf diesen gesellschaftlichen Differenzierungen, aber es geht vor allem darum, auf welche Weise welche Bilder und Narrationen in Bezug auf diese Kategorien transportiert werden.

Im Unterschied zu Theater und Film gibt es in der medialen Öffentlichkeit aber auch im wissenschaftlichen Diskurs kaum Ausstellungsanalysen und -kritiken, die dem Umstand gerecht werden, dass es sich beim Ausstellen um ein spezifisches Medium handelt, das durch die Verknüpfung visueller und schriftlicher Zeichensysteme in einem Raum charakterisiert ist. Anhand ausgewählter Beispiele werden nicht nur fundierte Ausstellungsanalysen vorgelegt, sondern auch die Mittel und Verfahrensweisen des Ausstellens selbst in den Blick genommen: Mit welchen Praktiken werden Exponate, Bilder, Texte und Gestaltungsmittel in einem Raum verknüpft, um Deutungsangebote zu machen?

Da das Vorhaben, Methoden der Ausstellungsanalyse zu entwickeln, nur ein interdisziplinäres sein kann, rekurrieren wir auf einen ethnografischen Ansatz, ergänzt um einen semiotischen und literarwissenschaftlichen Zugang. Ähnlich der Methode der "dichten Beschreibung" werden die Verfahrensweisen, die zur spezifischen "Grammatik" der Präsentationen führen, beschrieben und ihre Effekte analysiert. Der Fokus der Analyse liegt auf bewusst und unbewusst transportierten Aussagen, die als symptomatisch für die wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Verortung der Institution zu lesen sind.

Die analytische Befragung von Ausstellungspraktiken verstehen wir als ein Angebot für im Museums- und Ausstellungswesen Tätige aber auch für Interessierte anderer Wissenschaftsbereiche, die sich mit Ausprägungen der visuellen Kultur beschäftigen. Es geht uns nicht nur darum, den Blick für kulturelle und soziale Differenzen zu sensibilisieren, sondern generell vermeintlich fixierte Bedeutungen in Ausstellungen in Frage zu stellen, um sie für Neuverhandlungen zu öffnen.


Aus dem Inhalt

Einleitung

-- Das Museum als umkämpftes Feld des Symbolischen
-- Analyse-Kategorien Gender, Race, Class
-- Auswahl der Schausammlungen
-- Anleitende Theorien für die Ausstellungsanalyse
----- Ausstellungen als Sprechakte
----- Performative Herstellung von Bedeutung
----- Das Unbewusste - das Symptomatische

-- Methoden der Ausstellungsanalyse
----- Dichte Beschreibung
----- Semiotisches Verfahren: Denotation, Konnotation, Metakommunikation
----- Semantisches Verfahren: Syntagmatische und paradigmatische Operation
----- Methoden-Bricolage


Präsentationen zu Natur - Das Naturhistorische Museum Wien
-- Initiierende Setzungen: Eingang, Stiegenhaus und Kuppelhalle
-- Geformte, formalisierte Natur
-- Naturalisierte Geschichte
----- Serielle Aufstellung versus Gendernarrative
----- Erzählen als anleitendes Prinzip

-- Evolution der Unterschiede

Präsentationen zu Kunst - Das Kunsthistorische Museum Wien
-- Inszenierung des Imposanten
-- Das Herzstück der Sammlung - die Gemäldegalerie
----- Der Parcours
----- Das Tableau
----- Zur Narrativität der Bilder

-- Der Tizian-Saal - ein Rundgang
----- Frauenbilder - Männerbilder
----- Schwarz-Weiß-Malerei

Präsentationen zu den Anderen - Das Museum für Völkerkunde
-- Initiierende Setzungen: Eingang und zentrale Halle
-- Ausstellung "Das Altertum der Neuen Welt. Voreuropäische Kulturen Amerikas"
----- Raumatmosphäre
----- Der Parcours
----- Klassisch-europäische Rahmungen
----- Magisch-mythische Inszenierung
----- Leerstelle Kolumbus
----- Archaische Frauen - edle Männer
----- Materielle Kultur und gesellschaftliche Ausdifferenzierung

-- Ausstellung "Indianer Nordamerikas"
----- Display "Nordwestküste"
---------- Schau-Effekte
---------- "Überlebenskunst"
---------- Subjektlose Geschichtsnarration
---------- Ideologische Illustrationen
---------- Homogenität versus Diversität

----- Display "Plains"
---------- Stereotype Bildprogrammatik
---------- Typischer Indianer - Typische Indianerin
---------- Dauerhaftigkeit populärer Vorstellungen
---------- Androzentrismus

----- Display "Indianer heute"
---------- Authentische Native Americans
---------- Sprechende Anordnungen
---------- Versichernde Geschichts- und Bildnarrative
---------- Othering versus Hybridität
---------- Resümee der Präsentationsweise


Schule des Sehens
-- Methodenmix als Form der Annäherung
-- Verfahren zur Herstellung von Differenz
----- Zur Sprache bringen - Differenzen explizit gemacht
----- Differenz als implizite Botschaft der Repräsentation

-- Ausblick: Ausstellungskritik und Medienkompetenz