Publikationen - Museum zum Quadrat

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Kunst als Beute. [MQ8]


Gottfried Fliedl, Sigrid Schade, Martin Sturm (Hg.)
Kunst als Beute. Zur symbolischen Zirkulation von Kulturobjekten.
Museum zu Quadrat 8. Wien 2000. Turia+Kant. 253 S. € 18,- ISBN 3-85132-144-8



Inhalt:
Gottfried FLIEDL, Sigrid SCHADE: Einleitung: Zur symbolischen Zirkulation von Kunst- und Kulturobjekten
Edouard POMMIER: Museum und Bildersturrn zur Zeit der Französischen Revolution
Armin HETZER: Verlagerung von Bibliotheksbeständen als kulturhistorisches Phänomen
Martin EMELE: Rot wie der Schal von König Priamos - troianisches Gold zwischen Mythos und Politik
Bernhard PURIN: Invent-arisiert. Zur Aneignung von Judaica durch Museen im Nationalsozialismus
Ulrike HARTUNG: Der deutsche Kunst- und Kulturgutraub in der Sowjetunion
Helen REES LEAHY: Die Verteidigung der Schatzinsel: Britische Export-Kontrolle 1952 - 2000
Theresa GEORGEN: Das Phantom der Mumie. Zur Inszenierung der Angst der Kunstjäger vor der Beute im Spielfilm
Konstantin AKINSCHA, Grigorij KOSLOW: Trophäenkunst und Kulturleben in Rußland. Zwischen zwei Ausstellungen im Puschkinmuseum 1955 und 1996
Vera FRENKEL: Die Macht der Abwesenheit: Schweigen, Schatten und Erinnerung
Sigrid SCHADE:: Verlust-Anzeige. Der nationalsozialistische Kunstraub und seine künstlerische (Re-)Konstruktion in Vera Frenkels Video-Installation "Body Missing"
Volker HARMS:: Beutekunst und"Cargo-Kulte". Versuch, ethnologisch eine der Spuren zu Vera Frenkels Werk "Body Missing" zu interpretieren
Irit ROGOFF:: Body Missing -Unheimliche Geschichte/ n und Kulturelle Heimsuchungen
Peter FRIESE: Das Fremde und das Eigene. Über Austausch, Aneignung und Anverwandlung in der Gegenwartskunst.


Es ist kein Zufall, dass das Thema des nationalsozialistischen Kunstraubs in den 90er Jahren langsam wieder in Erinnerung geriet. Trotz aller "Wiedergutmachungs"-Diskussionen, die vor allem in der Bundesrepublik Deutschland (West) dominiert hatten, - war dieser Kunstraub wie das Thema der Zwangsarbeit und der Rolle der Banken und Konzerne im NS seit den 50er Jahren tabuisiert - und dies nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, Frankreich und anderen Staaten, deren staatliche Museen sich nach wie vor im Besitz von Kunstwerken ungeklärter Provenienz befinden.

Der Auflösungsprozess der ehemaligen UDSSR, der deutsche Einigungsprozess in den letzten zehn Jahren, ebenso wie das Ende der Geheimhaltungsfristen für entsprechende Akten in den USA u.a. hatten dazu geführt, dass bislang unzugängliche historische Dokumente erschlossen werden konnten, die über den Verbleib mancher der vor und im Zweiten Weltkrieg geraubten und seither verschollenen Kunst- und Kulturobjekte auf beiden Seiten des ehemaligen eisernen Vorhangs Aufschluss gaben. Politische und diplomatische Verhandlungen ermöglichten es, bislang verschwiegene Aufbewahrungsorte offen zu legen. Durch Generationswechsel vererbte, ehemals verschleppte Kunstgegenstände gelangten nun wieder in den Kunstmarkt, aus dessen Kreislauf sie von den ehemaligen Besitzern oder Museen in spektakulären juristischen Prozessen zurückgefordert wurden.

Ende 1997 wurden z.B. zwei Gemälde Egon Schieles aus einer Ausstellung des Museum of Modern Art in New York heraus von einem Richter beschlagnahmt. Anlass für die Beschlagnahme der beiden aus dem Besitz der Leopold-Museum Privatstiftung stammenden Gemälde war der Verdacht, dass es sich um arisierten Besitz handelte, ein Justizfall, der eine breite öffentliche Diskussion in Österreich auslöste.
Die Sensationsberichterstattung über die von sowjetischen Trophäenbrigaden als Kompensation für Kriegsverluste in die ehemalige UDSSR verbrachten Kunst- und Kulturgegenstände aus deutschen Sammlungen und die diplomatischen Verhandlungen mit Russland über deren Zurückführung haben in den letzten Jahren die Diskussion über "Kunstraub" in Deutschland dominiert. Es verging kaum ein Tag, ohne dass auf die völkerrechtliche Unrechtmäßigkeit der Aneignung und die Entscheidungen der Duma berichtet wurde.
Dabei spielte vor allem der sogenannte "Schatz des Priamos" eine in Deutschland überkodierte symbolische Rolle, weil die Funde aus Troja zutiefst mit dem Namen Schliemann verknüpft sind, der sie "dem deutschen Volk" vermacht und als Legende Generationen von deutschen Schulkindern zu begeisterten Archäologie-Verehrern gemacht hatte, während die historische Rolle solcher Art Archäologie als Beutejagd im Zuge nationaler Repräsentationsbedürfnisse zu kolonialistischen Zeiten nie thematisiert wurde. Entsprechend interessierte deutsche Museumskuratoren betrachten sich deshalb nach wie vor als rechtmäige Eigentümer.