Publikationen - Museum zum Quadrat

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Wie zu sehen ist. [MQ5]


Gottfried Fliedl, Roswitha Muttenthaler, Herbert Posch (Hg.)
Wie zu sehen ist. Essays zur Theorie des Ausstellens.
Museum zum Quadrat 5. Wien 1995. Turia+Kant. 144S. EUR 14,- ISBN 3-85132-090-5



Inhalt:
August RUHS, Der andere Blick und der Blick des anderen
Siegfried MATTL, Texte sehen. Bilder lesen
Sabine OFFE, Schaustück und Gedächtnis: Jüdisches im Museum
Jürgen STEEN, Ausstellung und Text
Gottfried KORFF, Fragen an Jürgen Steen
Per-Uno ÅGREN, Dinge, die Sinn machen sollen
Helmut HARTWIG, sprache macht kunst los
Karl-Josef PAZZINI, Panamarenko
Utz JEGGLE, Heimatmuseum
Karl-Josef PAZZINI, Unberührte Natur.


Diese Aufsatzsammlung versammelt Beiträge von Psychoanalytikern, (Kunst-) Historikern, Kunsterziehern, KulturwissenschafterInnen und Museologen rund um's Zu-Sehen-Geben und Sehen als Aus-Stellung. Gemeinsam ist ihnen die Reflexion der Bedingungen des Ausstellens - des Ausstellens von Kunst, von Geschichte und von Natur.

Die Aufsätze bringen dabei avancierte Diskussionen, etwa jene der (lacanschen) Psychoanalyse oder der geschichtstheoretischen Reflexion der historischen Erzählung als Text, in die Theorie des Ausstellens ein.


Wie zu sehen ist: Essays zur Theorie des Ausstellens" thematisiert neben der spannenden Diskussion um das Verhältnis von Ausstellung und Text mit kontroversen Beiträgen von Jürgen Steen und Gottfried Korff auch provokative Thesen wie jene von Karl Josef Pazzini oder von Helmut Hartwig. Helmut Hartwig behauptet unter dem Titel 'sprache macht kunst los': Die Vermittlung von Kunst-Strukturen 'bekomme von der Sache immer zugleich den Auftrag mit, die Vermittelbarkeit zu begrenzen: das bedeutet: Mimesis. Vielfalt, Experiment im Medium der Vermittlung, für das hier SPRACHE stehe'. 'Und so wie unsere Sprache bleibe auch der Blick dem menschlichen Individuum vorgängig' betont zuvor auch August Ruhs. Siegfried Mattl markiert die Problemlage für Ausstellungsmacher: Objekte weisen immer einen 'Überschuß' an Erfahrungsmöglichkeiten aus, die sie nur selten als 'sprechende' Bilder einsetzbar mache.

Texte haben unter didaktischem Zwang die Aufgabe, die Magie des Objekts zu bekämpfen. Sie tun dies durch Simulation. Texte simulieren, daß es eine Identität von Objekt und Sprache gäbe, analysiert Siegfried Mattl. Ferner glaubt Mattl, Ausstellungen litten heute darunter, daß sie 'wissenschaftlichen Status' zugesprochen erhalten haben, d.h., sie unterliegen dem Sprachspiel von wahr/ falsch. Unter den Vorzeichen der bildungspolitischen Präsentation werden Ausstellungen auf 'Erkenntnis' orientiert, Genuß. Thrill, Lebenserfahrung werden mit trivialen Kommerzunternehmungen privater Aussteller verbunden.

Die Qualität jenes fünften Bandes (der Reihe Museum zum Quadrat) zeigt sich nicht allein in einer Folge von provozierenden Problemanalysen, sondern insbesondere darin, daß diese Diskussion um neuere Theorieansätze bewußt im Wechsel exemplarisch zugleich auf erfahrungsgesättigte Praxisreflexionen - wie bei Sabine Offe zum Thema 'Schaustück und Gedächtnis: Jüdisches im Museum' - oder von Per-Uno Ågren unter dem Anspruch: 'Dinge, die Sinn machen sollen' hier auf die Konzeption und Planung einer erfolgreichen Lehr-Ausstellung rückgebunden bleiben. Besonders die Fragestellung 'Inszenierung versus Text' wird dabei durch aktuelle Anmerkungen und Literaturhinweise zu den einzelnen Beiträgen aufbereitet, so daß hier auch der eigenen Nach- bzw. Einarbeitung - trotz der nur 140 Seiten - viele fremdsprachige, und interdisziplinäre Arbeits-Anregungen geboten werden.

Martin Lenz-Johanns in: Standbein/Spielbein, Nr.43/1995, S.34f.