Publikationen - Museum zum Quadrat

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Lust und Last des Erbens [MQ4]


Ilsebill Barta Fliedl, Peter Parenzan (Hg.)
Lust und Last des Erbens. Die Sammlungen der Bundesmobilienverwaltung Wien.
Museum zum Quadrat 4. Wien 1994. AG theoretische & angewandte Museologie. 118 S.
EUR 13.- ISBN 3-901163-03-4



Inhalt:
Wolfgang PIRCHER, Das nationale Erbe
Gottfried FLIEDL, Erinnerungsinterieurs
Frank JÜRGENSEN, Aussetzen. Über Vorgänge zwischen Ausstellung und Depot.
Hermann LÜBBE, Die Avantgarde und das Museum.
Dieter KRAMER, Die Dialektik der Aufklärung im Museum.
Eva OTTILINGER, Das ehemalige Hofmobilien- und Materialdepot.
Ilsebill BARTA FLIEDL, Die Zukunft des Bundesmobiliendepots.
Christian WITT-DÖRRING, Die Danhauser'sche Möbelfabrik.
Eva OTTILINGER, Interieurs im Wandel


Aus dem sogenannten Mobiliendepot ist inzwischen ein in Architektur, Gestaltung und Konzept modernes Museum geworden; als Depot eines - in jeder Hinsicht -, kaum verarbeiteten 'monarchischen Erbes' war es ein faszinierender Ort gespenstischer Unordnung, Archivierung und kultureller Vorratshaltung. Als solcher zog er Museologen, Historiker und Philosophen an. Deren Auseinandersetzung mit dem Symptomatischen und schließlich Entwicklungsfähigen ist in dem Band erhalten, der zugleich einen - durch Verwandlung, Modernisierung - verschwundenen wiener Museumsort dokumentiert.

Somit nimmt die Republik also tatsächlich und körperlich den Platz des Königs ein, beginnt sich seiner Möbel zu bedienen, wenn auch mit der gewissen Scheu, daß manches nicht mehr benutzt, sondern nur ausgestellt wird. Man nimmt also nicht auf allen Plätzen Platz, nicht alle Sessel können tatsächlich besessen, in Besitz genommen werden.


Der Thron etwa, jener meist seltsam dekorierte, mit Symbolismen der Herrschaft aller Art ausgestattete Stuhl, wird nicht mehr besessen, auch nicht vom höchsten Repräsentanten der neuen politischen Ordnung. Der eigentliche Platz des Königs also bleibt leer. Aber dafür wird gerade diese Leere dem Blick der republikanischen Besucher vorgeführt, die sich davon überzeugen können, daß da niemand mehr sitzt.
Hinter den Schauräumen des Depots sammeln sich jene Sessel, die vom zahlreichen Gefolge des Königs einmal besessen worden sind. Sie sind nun in traurigen Haufen gestapelt ' Wieso traurig? Weil beim Sessel, als dem mobilsten aller Möbelstücke, welches noch dazu häufig in Gesellschaft auftritt, wir haben es also oft mit mehr oder weniger zahlreichen Sesselpopulationen zu tun, der Ausdruck der Ordnung so wichtig ist. Denn selbst der Platz, also Sessel des Königs, wird ja nur zu einem durch sein Gegenüber, wenn also die Ordnung der anderen Plätze den Platz des Königs anzeigt. Und so können wir andere Ordnungen von Sesselpopulationen angeben, die uns darin auch schon einen gewissen Ausdruck des unsichtbaren sozialen Gefüges zeigen.

Die Sessel des Theaters, Kinos und dergleichen, einer Projektionsfläche zugewandt, die Sessel des Gasthauses oder Cafés in kleinen Kommunikationsgruppenaufgeteift, dieBestuhlung der Hörsäle, etc. Und schließlich die hochmobilen Sessel der diversen Fahrzeuge. Die regellos im Depot versammelte Sesselpopulation einer untergegangenen Ordnung zeigt uns einerseits die Traurigkeit des Untergangs überhaupt, wie das Fehlen der Pietät gegenüber dem Vergangenen. Wie sie die Zerstörung der alten Ordnung anzeigt, so auch, daß keine neue gefunden werden konnte, die nicht nur die vermeintlich alte wiederherstellt. Zwischen den beiden Polen der Unordnung schlechthin und der alten Ordnung wäre eine neue zu finden, die unser Verhältnis zu eben dieser alten Ordnung anzeigt - die Distanz, die Ironie, die Kritik, kurzum die Ordnung des Erben, der Goethes Wahrspruch vom väterlichen Erbe im Kopf und anderswo hat, wonach es zu erwerben sei, um es zu besitzen.