Publikationen - Museum zum Quadrat

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Die Toten bilden. [MQ15]


Karl-Josef Pazzini
Die Toten bilden. Museum und Psychoanalyse II.
Museum zum Quadrat Band 15. Wien 2003. Turia & Kant. 227 S. , EUR 18,-, ISBN 3-85132-229-0



Formt das Material aus der Vergangenheit den Besucher oder, umgekehrt, formt nicht auch der Besucher den Toten / das Tote hinter dem Ausstellungsobjekt?

Aus dem Inhalt: Die Toten bilden. Über eine Aufgabe des Museums. Reanimation: Die Furcht vor Rache und Wiederkehr Über Reste. Speicher - Kloake und Müll - und Mist Aggressivität: Eine Gemeinsamkeit von Kindern, Jugendlichen und Museum Das Museum als Reality Show Das Museum als Medium

Das Museum gerät immer mehr unter Druck: Erlebnisse sollen in ihm ausgelöst werden, sollen dort stattfinden. Die Anforderung trifft viele. Immer wieder auch die Museumspädagogen. Erst Erlebnisse sind echt.
Nicht die Exponate für sich. Exponate müssen ihre Echtheit dadurch beweisen, dass sie ein Erlebnis auslösen. Das ist dann "echt gut". Was die Erlebnissucht angeht muß das Museum mit der Reality show konkurrieren. Reality shows suggerieren ein Miterleben. Sie funktionieren aber nur aus der Distanz des Dabeiseins.

Vor allem ohne Geruch, ohne Gestank, ohne zu heftiges lang anhaltendes Schreien und Wimmern. In der Reality show regiert das Sehen, der voyeuristische Blick, der sich in der Perspektive der Rettung oder der Polizei versteckt. Und damit dieser Blick ungestört ist, so daß der Zuschauer glauben kann, dass er selber ohne Schaden davonkommt, dass er sich nicht in Not wähnen muss, braucht es eine Regelungstechnik, die den Ton etwas mildert, die z. B. den Geruch erst gar nicht aufnehmen kann. Eine Wirkung wird es dennoch geben Auch die Perspektive des Museums ist die einer Rettung.

Rettung des Kulturerbes, Sicherstellung der Reste. In diesem Sinn hat das Museum Merkmale einer Reality show. Die Reste, die im Museum aufbewahrt werden, rätselhafte Anzeichen einer Vergangenheit, werden zu Bildern, präziser vielleicht zu Abbildern, die für etwas stehen, etwas repräsentieren. Zu diesem Zweck werden sie aufpoliert, beleuchtet und parfümiert für die ungestörte Betrachtung. Sie werden in Ordnung gebracht. Wenn etwas in Ordnung gebracht wird entsteht wiederum ein Rest. Denn nicht alles kann zur Ordnung dazugehören. Ordnung schafft auch immer Ausschluss. Der Ausschluss definiert die Ordnung - mindestens genauso wie das, was dazugehört.

Das Ordnungssystem ist immer nur für Kenner benutzbar, für nur wenige aus dem allgemeinen Publikum. Der laienhafte Museumsbesucher kann nur unterstellen, dass es da einen Sinn gibt. Wie in der Alltagsrealität auch. Und er unterstellt, dass es da schon irgend jemanden gibt, der weiß. Wie auch oft im Alltag, in seiner Realität, in der er sich auskennt. Hier ist eine Differenz zur Reality show, Jeder, der laienhaft ein Museum betritt, bemerkt, dass etwas fehlt. Zumindest fehlt der unmittelbare Anschluss an den sonstigen Alltag. Aus einer Fürsorge für den Besucher tauchen dann mehrere mögliche Fragerichtungen auf: Wie kann diese Kluft, die sich da auftut, umgegangen werden? Soll sie beseitigt, überbrückt oder deutlich gemacht werden?

Karl-Josef Pazzini, geb. 1950, ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg und in psychoanalytischer Praxis tätig.

>> Siehe auch: Karl-Josef Pazzini: Unschuldskomödien. Museum und Psychoanalyse.