Publikationen - Museum zum Quadrat

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Carmen Moersch: Dürfen die Das?


Dürfen die Das? prangt in Lachsroten Lettern auf dem schwarzen Buch, daß die letzten vier Wochen als Rezensionsexemplar in meinem Zimmer lag. Fast alle, die zu Besuch kamen, Kolleginnen oder nicht, sahen es sich neugierig an.


Carmen Moersch, Rede zur Buchpräsentation am 20. März 2002 im depot in Wien "
Dürfen die das" (Veranstaltung)


Die Frage nach der Legitimität allen Tuns scheint nicht nur im Kunstfeld eine Aufregende zu sein. Doch gerade im künstlerischen Arbeitsfeld, wo der symbolische Mehrwert meiner Handlungen oft nurmehr die einzige Handelsware bleibt, ist diese Frage ein wichtiges Instrument zur Abgrenzung und Eroberung von umkämpften Territorien.

Ohne manifeste und wiederholte Selbstlegitimierung, vor allem aber ohne die Legitimierung durch andere, die sich ihren Standort bereits zu erkämpfen und zu sichern wußten, ist Unsichtbarkeit angesagt.

Die von außen gestellte Frage "Dürfen die das?" kommt demnach erst ins Spiel, wenn eine Aktion bereits sichtbar ist und die Rechtfertigungsprozesse im vollen Gange sind, - sie ist diesen merkwürdigerweise nicht vorgängig.

Ich bin eine Künstlerin, die seit sieben Jahren in der Kunstvermittlung und in künstlerischen Partizipationsprojekten in Kooperation mit unterschiedlichsten Gruppen und mit unterschiedlicher Sichtbarkeit im Kunstfeld arbeitet. Ich bin also in dem Bereich tätig, der von den Herausgeberinnen mit "Kunst als sozialer Raum" umschrieben wird. Gegenwärtig bin ich daneben dabei, darüber eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben, also ausgehend von meiner Tätigkeit als Künstlerin Theoriebildung zu betreiben. Das ist in meinem Land und Kontext so unüblich, dass mir spätestens nachdem ich damit begonnen habe, die Frage "Darf ich das?" beständig auf den unterschiedlichsten Ebenen begegnet.

Es ist eine Gefahr, unter dem Druck, den diese Frage erzeugt, die spezifischeren, vielleicht interessanteren Fragen bei der Arbeit mitunter aus den Augen zu verlieren. Ein Mittel gegen diese Auflösung in der Selbstlegitimierung sind ein paar Gegenfragen: Wer will das jeweils wissen? Von welchem Standort aus wird gefragt und mit welcher Absicht?

Ich bedanke mich herzlich für die Einladung von Stella Rollig und Eva Sturm, das vorliegende Buch mit ihnen gemeinsam im Depot vorzustellen. Ich habe mich sehr darauf gefreut. Zum einen, weil ich das Depot aufgrund seines Programms schätze und mir einen ähnlichen Ort der Debatte in Berlin wünschen würde. Zum anderen, weil eine solche Einladung die Frage nach dem Dürfen für Momente in den Hintergrund treten läßt: nicht nur, ob ich im Depot sprechen darf, sondern auch warum ich was und wie im Depot spreche, ist möglicherweise für eine kurze Zeit von Interesse. Und damit bin ich auf die spezifischeren, interessanteren Fragen zurückgekommen.

Es ist eine besondere Qualität des Bandes "Dürfen die das", durch ein Nebeneinander von jeweils in sich schlüssig argumentierenden, leidenschaftlich sprechenden und sich gegenseitig widersprechenden Beiträgen die Gedanken von der auf dem Buchdeckel gestellten, prinzipiellen Frage wegzulenken. Die in dem Buch vorhandene Heterogenität der Textsorten übt eine große Faszination aus. Beim Lesen ist deutlich zu spüren, das hinter den Texten Subjekte stehen, die sich die Frage, ob sie trotz aller berechtigten Kritik dürfen, was sie tun, immer wieder mit ja beantworten und sich mit diesem prinzipiellen Ja in ihr Textprodukt einschreiben. Um sich daraufhin beständig einer strengen Prüfung zu unterziehen: wissen sie, was und warum sie etwas jeweils auf welche bestimmte Weise tun?

Als Leserin beginne ich, die vielen möglichen Antworten auf diese Fragen im Zusammenhang der Texte herumtastend zusammenzusetzen. Das Buch lädt dazu ein, da die Texte im Gespräch miteinander zu stehen scheinen, in einen Disput über legitime und unmögliche Antworten verwickelt. Gleichzeitig lese ich im Nebeneinander der Beiträge die unterschiedlichen Absichten der Schreibenden, die sich meistens unausgesprochen, aber durch die jeweils verwendete Sprache und die dadurch erzeugten Ein-und Ausschlüsse umso deutlicher artikulieren. Die vorhin erwähnten, im Text nur vermittelt adressierten Fragen: Wer will das jeweils wissen? Von welchem Standort aus und mit welcher Absicht? Werden durch diese Lektüre ergänzt und bereichert durch die Fragen: Wer soll das wissen? Wem eröffnet und wem versperrt eine Sprache den Zugang zum Text, welche Allianzen kommen durch das Lesen zustande?

Ich gehe im folgenden exemplarisch auf einige Texte des Bandes ein und hebe dessen alphabetische Ordnung zugunsten der für mich erkennbaren "Verwandschaften" auf. Barbara Putz-Plecko und Jeanne van Heeswijk kommt es auf eine möglichst genaue Schilderung von Prozessen innerhalb der von ihnen durchgeführten Projekte an. Die fesselnden Beschreibungen liefern die Antwort auf die Frage "dürfen die das?" zwischen den Zeilen mit. Sie zeigen, dass man gute Gründe für die Durchführung von Kunsprojekten mit BewohnerInnen der Londoner Suburbs, mit Psychartrieinsassen oder mit sogenannten "Verhaltensauffälligen" haben kann. Auch und gerade wenn man die in Gerald Raunigs Beitrag formulierte Kritik in Bezug auf die "Harmoniebestrebungen" der Communitiy Arts und alle andere an solchen Projekten formulierte Kritik wie und ich zitiere ein Zitat aus dem Vorwort des Buches- "Ausbeuterei, Subunternehmertum und Abschöpfung von sozialem Profit" ernst nimmt.

Mit der Frage nach dem "Kunsthaften" der Projekte gehen die beiden Beiträge unterschiedlich um. Barbara Putz-Blecko verwendet in ihrem Text "Cooperation Kunst als potentieller Raum" den Begriff "Künstlerisches Forschen" und spricht von "Künstlerischen Strategien" und "Künstlerischen Prozessen als Modellen der Intervention", ohne genau darzulegen, was daran jeweils das spezifisch "Künstlerische" sei.

Doch anstellte solcher Definitionen liefert die Beschreibung der Projekte implizite Hinweise als Leserin kann ich entscheiden, ob mir die Frage nach dem Kunstbegriff beim Nachvollzug der Prozesse wichtig ist oder nicht. Jeanne van Heeswijk bietet mit "How they are going to pursue this?" dagegen eine Projektionsfläche, auf der sich die in Linz aufgeworfenen Fragen nach Kunstbegriffen und Legitimierungen im Negativ abbilden: "The Vibe Detector is NOT an Art Object, but is designed as a tool facilitating both mediation and research", schreibt sie, und an anderer Stelle: The question raised at the congress in Linz "Are they allowed to do that?" never ocurred to Amy Pant, Chora and me as a problem while working on Valley Vibes".

Ihr Text ist in seiner Art des Beschreibens von allen der ethnografischste. Mit diesem Mittel scheint sie klarzustellen, das die sich aus der Interaktion mit ihren Kooperationspartnerinnen ergebenden Fragen für sie wichtiger sind als die Fragen des Kunstbetriebs. Sie zieht eine sprachliche Grenze zwischen dem Geschehen im Feld und dem diskursiven Geschehen, das sich um die Kunstprojekte im sozialen Raum ereignet.

Gabriele Stöger liefert in "Wer schon Platz genommen hat, muss nicht zum Hinsetzen aufgefordert werden" vor der Folie von kulturvermittelnden Projekten mit Lehrlingen einen programmatischen Text, der offensiv für eine Kunstvermittlung eintritt, die denen, die normalerweise draußen bleiben, Zugänge und Nutzungsmöglichkeiten der Kunst anbietet.

Sie setzt diesen Anspruch im Text selber um, in dem sie eine Sprache verwendet, die von sich aus die Grenzen zwischen denen, die inner- und außerhalb des Diskurses stehen, überbrücken kann. Sie schreibt für alle unmißverständlich: "Würden Kunstinstitutionen nicht erwarten, dass ihr Publikum sich ihrem Angebot anpasst, müssten sie sich die Frage stellen, aus welchen Gründen ihnen der Zugang zu bestimmten Bevölkerungsschichten verschlossen ist. Sie könnten erkennen, dass sie es selbst sind, die einen Rückstand aufzuholen haben und sich weiterentwicklen müssen."

Dem gegenüber stehen Texte wie die von Mauricio Dias und Walter Riedweg oder Rubia Salgado, welche die rein beschreibende und sachlich argumentierenden Sprechweisen mit poetischen und leidenschaftlich formulierten Brechungen durchsetzen. Sie verweisen mich als Leserin durch ihre Sprache auf ihren jeweiligen künstlerischen, aktivistischen und/oder kulturellen Kontext, den ich niemals werde teilen können. Ihr Bestehen auf einem offensiven und erhaltenden Umgang mit kultureller Differenz soll nicht zur Teilhabe und zum Verständnis einladen, weil dies immer auch Entschärfung von Konflikten und Vereinnahmung bedeutet.



Stattdessen fordern schon die Sprachen der beiden Texte dazu auf, Grenzen und Differenzen wahrzunehmen und diese als Ausgangspunkt einer sichtbarmachenden und artikulierenden Kulturarbeit zu begreifen. Es ist eine weitere Besonderheit von "Dürfen die das?", daß neben manifestartigen, dicht beschreibenden, historisch und deswegen nicht weniger politisch rekapitulierenden und kritisch-reflexiven auch ein kryptischer Text wie Gerda Ambros "Bezugsfelder der philosophischen Reflexion zu Kunst und politischer Praxis" steht. Trotz mehrmaligen Lesen blieb mir der Text aufgrund seiner voraussetzungsvollen Inhalte und seinen komplexen, philosophischen Verknüpfungen letztendlich verschlossen.

Das Literaturverzeichnis löste ein schlechtes Gewissen aus, sind darin doch von Adorno bis Wittgenstein alle grundlegenden Werke aufgeführt, die ich schon lange und ganz gelesen haben sollte. Die Sprache des Beitrags verweist auf Bereiche, die so behaupte ich - nur wenigen AktuerInnen des kulturellen Feldes zugänglich und dennoch gleichzeitig unverzichtbar sind. Im Zusammenhang des Textkonglomerats von "Dürfen die das ?" wirft er die Frage auf, ob und bis zu welchem Grad alles vermittelbar sein muß und ob nicht auch ein Eigenwert im hermetischen Sprechen und , mittelbar- in der Hermetik bestimmter Kunstproduktion liegt.

Gäbe es den Bereich des sich Nicht-Vermittelnden in diesem Band nicht, würde der Anspruch auf Vermittelbarkeit bei "Dürfen die das?" möglicherweise zur Ideologie gerinnen. Stärker als bei anderen Tagungsreadern zum Thema wurde ich beim Lesen auf meine eigenen Wertigkeiten und meine spezifische Perspektive auf das Arbeitsfeld geworfen. Das hat etwas mit der Aktualität von "Dürfen die das?" zu tun.

Der Band zeigt das Arbeitsfeld "Kunst als sozialer Raum" in seiner großen Diversität, in der unübersichtlichen Heterogenität der Absichten seiner Akteure. Die Reibungsenergie dieser unterschiedlichen Motivationen macht mir mehr Lust, meine spezifische Zugangsweise zu artikulieren, durch meinen Beitrag am Diskursteppich mitzuweben, als es kunstfeldstrategische Überlegungen oder die wiederholte Aufforderung zur Selbstlegitimation je könnten.

Durch das gleichberechtigte Nebeneinander von Projektbeschreibungen, theoretischen Reflexionen und Mischformen von beiden weist "Dürfen die das?" sowohl die Kritik als auch die künstlerische Arbeit als Praxen der Kunst im sozialen Raum aus, die nicht auf einen Nenner zu bringen sind und sich im Widerstreit und in permanenter Verhandlung in alle Richtungen befinden. Beim Lesen des Buches wird klar: Das Verhandeln unterschiedlicher Interessen ist bei diesen Prozessen ein Gestaltungselement.



Die Phantasie, bei der Konzeption und Durchführung eines Projektes alle mögliche Kritik zu berücksichtigen und damit das unschuldige, ideale Projekt zu schaffen, eine Art Prototyp des politischen, sozialen und künstlerischen Gelungenseins, ist aufgrund der komplexen Verwicklungen und Unvorhersehbarkeiten in solchen Projekten absurd. Ein solches Projekt müßte die Teilnehmenden besonders paternalisieren und die Prozesse einer rigiden Steuerung unterwerfen, um den eigenen Maßstäben standzuhalten. Genauso absurd ist die Vorstellung, eine Kritik an "Community Art" und ihren Verwandten zu formulieren, die ein für alle mal gültige Paradigmen schafft, an denen man in Zukunft alle Projekte wird messen können.

Die Frage "Dürfen die das?" wird prinzipiell nie beantwortbar sein. Für die kritische Auseinandersetzung in dem Arbeitsfeld "Kunst als sozialer Raum" wird es in Zukunft wichtig sein, situativ die Strukturen und Politiken der jeweiligen Settings, aber vor allem auch die spannenden Mikroprozesse, die alle am Projekt Beteiligten stets in Atem halten, zu analysieren. Eine bisher fast ungelöste Aufgabe ist es, diese Prozesse in Sprachen zu vermitteln, die etwas von der Faszination übrig lassen und gleichzeitig eine dichte Beschreibung liefern, an der eine präzise Kritik ansetzen kann.

Der Reader "Dürfen die das?" hat dazu einen Anfang gemacht und gleichzeitig Maßstäbe gesetzt. Nach der Lektüre stellt sich mir die Frage, wie wir diese Art der Auseinandersetzung fortsetzen und intensivieren könnten, damit die andere Kunstgeschichte, die Stella Rollig in ihrem Beitrag einfordert, in der Gegenwart und vor allem von denen, die an ihr partizipieren, geschrieben wird.