Publikationen - Museum zum Quadrat

MQ1 | MQ2 | MQ3 | MQ4 | MQ5 | MQ6 | MQ7 | MQ8 | MQ9 | MQ10 | MQ11 | MQ12 | MQ13 | MQ14 | MQ15 | MQ16


Unschuldskomödien. [MQ10]


Pazzini Karl-Josef (Hg.)
Unschuldskomödien. Museum und Psychoanalyse.
Museum zum Quadrat 10. Wien 1999. Turia+Kant. 175 S. € 18,- ISBN 3-85132-202-9



Museum und Psychoanalyse. Worin besteht die Beziehung, die Konjunktion? Nicht nur, daß sowohl Museum als auch Psychoanalyse immer wieder Anlaß zum Lachen, sogar zur Lächerlichkeit, geben, könnten zwei konträre Bewegungen gegenseitig erhellend wirken: Die Psychoanalyse hat es zu tun mit den Einschreibungen der (größeren) Geschichten in die kleine. Geschichten.

Das Museum, hingegen versucht eine Einschreibung von kleinen Geschichten in eine große Erzählung.Wie steht es damit aber gegenwärtig, wenn die großen Erzählungen sich als nicht mehr haltbar erwiesen haben? Wenn es keine Personifizierung eines Dritten mehr gibt, keine imaginäre Füllung des leeren Ortes? Das Museum ist um diese Leere herum gebaut, steht in der Gefahr, sie zu verbauen, mit Objekten und mit Sinn zuzustellen. Psychoanalyse thematisiert gerade dieses Fehlen, setzt sich auseinander mit der unmöglichen Verhaftung des Dritten, seiner Nichtfeststellbarkeit, und setzt deswegen auf Hören und Sprechen.

Die Spannungslinien zwischen musealem Gedenken und psychoanalytischer Arbeit am Gedächtnis verfolgen die AutorInnen dieses Bandes: Karl-Josef Pazzini, André Michels, August Ruhs, Liselotte Hermes da Fonseca, Susanne Lummerding, Eva S.-Sturm.

Nicht nur, daß Museum und Psychoanalyse immer wieder Anlaß fürs Lachen bis zur Lächerlichkeit geben, ihre Prozeduren entbehren, wenn man einen kleinen Schritt zurücktritt, nicht einer gewissen Komik. Das resultiert aus deren beider Ernsthaftigkeit. Sie haben mit der Frage zu tun: Wohin mit der Schuld? Wohin mit dem Verfehlen? Wie kann man dem Fehl eine Form geben? Wohin mit dem, was offen geblieben ist? Beide haben es mit der Erstarrung der Antworten auf diese Fragen zu tun. Das Museum steht eher in der Gefahr, solche Antworten, feststehenden Sinn zu produzieren. Daher kommt der pejorative Gebrauch des Adjektivs "museal".


Die Psychoanalyse versucht sich an der Auflösung solcher geronnenen Bilder, Symptome. Sie destruiert deren signifikanten Teil, um andere Konstruktionen zu ermöglichen. Gerade dies läßt sich aber auch immer wieder in Museen beobachten. Noch zwei weitere Bewegungen könnten gegenseitig erhellend wirken: Die Psychoanalyse hat es zu tun mit den Einschreibungen der (größeren) Geschichten in die kleinen Geschichten. Das Museum versucht die Einschreibung von kleinen Geschichten in eine große Geschichte, eine große Erzählung. Wie steht es damit aber gegenwärtig, wenn die großen Erzählungen sich als nicht mehr haltbar, als bezweifelbar erwiesen haben? Es keine Personifizierung eines Dritten mehr gibt, keine imaginäre Füllung des leeren Ortes?


Das Museum ist um diese Leere herum gebaut, steht in der Gefahr, sie zu verbauen, mit Objekten und mit Sinn zuzustellen. Psychoanalyse thematisiert gerade dieses Fehlen, setzt sich auseinander mit der unmöglichen Verhaftung des Dritten, seiner Nichtfeststellbarkeit, setzt deswegen auf Hören und Sprechen. Das Museum plagt sich ab mit den manchmal nur noch ahnungsweise ins Symbolische und Imaginäre hineinragenden Stückchen des Realen. Beide operieren an den flüssig gewordenen Grenzen zwischen öffentlich und privat.

Karl-Josef Pazzini, geb. 1950, ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg und in psychoanalytischer Praxis tätig.

>> Siehe auch: Karl-Josef Pazzini: Die Toten bilden. Museum und Psychoanalyse II